Die Künstlerauswahl beim Melodifestivalen 2015 – eine Katastrophe?

Melodifestivalen 2015 Teilnehmer Semi 3

Kaum war das gesamte Startfeld des Melodifestivalen 2015 (auf dem Foto die Teilnehmer vom Semi 3) offiziell bekannt, da meldete sich in der schwedischen Boulevardzeitung Aftonbladet bereits der unausweichliche Musik-Klugscheißer-Griesgram Markus Larsson zu Wort: Das Niveau des Wettbewerbs 2015 ist am Boden. Die Teilnehmer waren entweder schon x Mal dabei oder sind völlig unbekannt. „Wer will sich das ansehen?“, schließt Larsson. Ist die Künstlerauswahl tatsächlich so katastrophal? Ein Kommentar aus deutscher Perspektive.

Um gleich eins vorwegzuschicken: Markus Larsson ist dafür bekannt und wird vermutlich dafür bezahlt, den Bad Guy zu geben, zu polarisieren. Insofern: Alles richtig gemacht.

Dennoch: Ein Blick auf die aktuellen Singlecharts zeigt in der Tat, dass das Mello-Startfeld zum heutigen Stichtag kaum etwas mit der Hitparade zu tun hat: Zehn von 60 Titeln in den Singlecharts sind derzeit schwedischer Provenienz. Dabei sind Weltacts wie Avicii, Tove Lo und Zara Larsson. Dass die im Frühjahr 2015 anderes vorhaben als einen mehrwöchigen ESC-Vorentscheid, ist wohl nachvollziehbar. Insofern ist es durchaus positiv, dass mit Kristin Amparo zumindest eine Künstlerin – wenn auch nur als „feat.“ – mit einem Titel in den Charts vertreten ist.

Auch in den letzten Monaten waren – einmal abgesehen von den Mello-Künstlern, die bereits 2014 beim Wettbewerb angetreten sind – nur zwei der 2015er Teilnehmer in der schwedischen Hitparade vertreten: die Party-Jungs Samir und Viktor sowie der Talang-Sverige-Gewinner Jon Henrik Fjällgren.

Dauergäste in den Charts wie Veronica Maggio, Linnea Henriksson oder der ewige Håkan Hellström sucht man im Mello-Startfeld vergebens. Ja, es stimmt, würden sie beim Melodifestivalen antreten, gäbe es ein realeres Bild der schwedischen Musikindustrie. Aber andererseits: Keiner der drei letztgenannten Künstler hätte beim Eurovision Song Contest nur den Hauch einer Chance. Denn Instant Appeal ist ganz gewiss keine Eigenschaft, die man ihren Liedern zuschreiben kann.

Und auch die unzähligen Newcomer, die der schwedische öffentlich-rechtliche Radiosender P3 regelmäßig in seinem Programm spielt, sind zwar ein tolles Zeichen der Vielfältigkeit des zeitgenössischen schwedischen Musikschaffens. Das Intellektualisierende, das Düstere, die bisweilen schwer zugänglichen Harmonien – all das ist nicht für den ESC geeignet und wenn man ehrlich ist auch nur in Maßen für eine massenattraktive TV-Show wie das Melodifestivalen. (Nein, die Common Linnets sind dagegen so mainstreamig wie die Backstreet Boys).

Natürlich stellt sich die Frage, ob wir wirklich den sechsten Mello-Versuch eines Andreas Johnson brauchen. Oder den achten einer Jessica Andersson. Andererseits: Mit ihrem letzten Mello-Beitrag „I Did It for Love“ war Andersson fast fünf Jahre lang in den schwedischen Radiocharts Svensktoppen vertreten. Offenbar ist da ein Markt für eine Künstlerin wie sie und ihre Musik jenseits der offiziellen Single Top 60.

Insofern scheinen auch die 12 Mello-Wiederholungstäter bei 28 Beiträgen nicht zu viel. Zumal es ja auch nicht so ist, dass sie sich nicht für die Show ins Zeug werfen würden. Im Gegenteil: Bereits die Komponisten, Texter und Produzenten, die zum Teil aufgefahren werden, zeigen deutlich, dass dieser Wettbewerb nicht mal eben mitgenommen wird wie ein Volksfest in Mittelschweden, bei dem man ohne Aufwand noch ein paar Tausender abstauben kann.

Und auch die Novizen machen neugierig. Zum einen sind da die unvermeidlichen Idol-Casting-Sternchen. Allerdings haben die im Vergleich zu ihren deutschen Äquivalenten durchaus richtiges Talent – und häufig ebenfalls gestandene Songschreiber. Zum anderen tauchen im Mello-Startfeld Namen auf, von denen man noch nie etwas gehört hat, wo aber die ersten Liedproben zeigen, dass da Potenzial ist. Ich bin bereits gespannt auf Isa oder Dinah Nah.

Doch auch beim schwedischen Vorentscheid zählt nicht nur die Musik. Auch dort funktioniert die größte TV-Show nur mit Emotionen, persönlichen Geschichten, Überraschungen, Siegen und Niederlagen. Die Medien brauchen Futter, um das Interesse an der Show anzuheizen. Und auch hier hat Christer Björkman klug gewählt. Derzeit hochgradig beliebte Teenidole mit überschaubaren musikalischen Fähigkeiten gehören da zur Grundausstattung. Oder die Geschichte der drei niedlichen Brüder, die halb in Schweden, halb in Australien leben und dort auch schon beim X-Factor waren. Da können Geschichten erzählt werden – ähnlich wie bei RTL, nur dass auf die menschlichen Abgründe verzichtet wird.

Und Björkman bedient sich eines Tricks, der schon im alten Rom hervorragend zur Unterhaltung der Massen funktioniert hat: Das Duell der zwei (vermeintlichen) Favoriten Eric „der Wannebe-Weltstar“ Saade vs. Måns „ganz Schweden liebt Dich“ Zelmerlöw. Der Kampf der beiden, wie intensiv er nun tatsächlich ausgetragen wird, wird den (Bouldevard-)Zeitungen noch viel Freude bereiten.

Ob Eric und Måns am Ende das Rennen unter sich ausmachen, steht dabei noch völlig in den Sternen. Denn wenn die Lieder nicht stimmen oder der Auftritt nicht passt, hilft auch alle PR im Vorfeld nichts mehr. Måns Zelmerlöw musste das schon einmal schmerzhaft erfahren. Gibt es also am Ende einen lachenden Dritten? Ganz und gar einen Neuling, den jetzt noch keiner so richtig auf der Uhr hat – wie Ace Wilder in diesem Jahr? Beim Melodifestivalen ist (fast) alles möglich.

Diese Spannung, die Lust auf die Musik, die die Schweden in den Wochen und Monaten nach der Show überall begleiten wird, das Kennenlernen von Künstler und Generieren neuer Idole – all das wird auch im Frühjahr 2015 die Schweden sechs Wochen lang immer wieder vor die Fernseher locken. So berechtigt da manche Kritik an der Künstler- und Liedauswahl auch sein mag – im Vergleich zu anderen Ländern, auch Deutschland, ist das ein Luxusproblem. Die Latte liegt nicht am Boden, sondern ziemlich hoch!

Hier geht’s zur Vorstellung der Melodifestivalen-Teilnehmer der Semis 1&2 und hier der Semis 3&4.