Lissabonner Leben (15) – Der ESC live… aus dem Blickwinkel eines Exbloggers

Als Abschluss der jährlichen ESC-vor-Ort-hinter-den-Kulissen-Serie gibt OLiver ein (kleines) Comeback als Gastblogger. Ohne Akkreditierung und ohne die allermeisten Beiträge jemals gehört zu haben, verbrachte er die Finalwoche als gewöhnlicher Fan in Lissabon und gewann dabei ganz neue Erkenntisse.

Als ich mich eine Woche vor dem ESC-Semfinale 2018 in der unwahrscheinlich ockerfarbenen Brühe des Parque Terra Nostra in Furnas herumtreiben ließ, wusste ich bereits, dass es eine sehr merkwürdige Erfahrung werden würde. Wie üblich hatte ich um meinen ESC-Besuch herum ein persönliches Travel-Programm gestrickt. Als die Blogger-Vorhut nach Lissabon flog, verbrachte ich ein Kulturwochenende in Madrid, um anschließend für fünf Tage auf die Azoreninsel Sao Miguel zu fliegen und dann auch noch ein Wochenende südlich von Lissabon an der Costa da Caparica am mehr oder weniger sonnigen Strand zu verbringen.

Während ich die zahlreichen Schönheiten des Azoreneilandes besichtigte und jeden Spätnachmittag in einem anderen Natur-Pool herumplanschte, arbeiteten die Blogger auf Hochtouren und veröffentlichten wie üblich Probenberichte, Bilder und viele weitere Informationen zum Geschehen in Lissabon. Ich hatte den Prinz ESC Blog zu Jahresbeginn nach rund acht Jahren verlassen (Bye bye Prinz Blog) und wollte Abstand gewinnen. In der Folge hatte ich den Blog nicht mehr gelesen, aber über die Timeline in Facebook dennoch mitbekommen, welche Interpreten ausgewählt wurden. Gesehen hatte ich jedoch nur die deutsche Vorentscheidung und (natürlich) das Festival di Sanremo, das ich erstmals ohne gleichzeitigen Liveblog sehr viel mehr genießen konnte. Youtube-Clips der anderen Beiträge hatte ich nicht angeklickt. All das waren ganz bewusste Entscheidungen.

Erst in der Probenwoche trat ich der Whatsapp-Gruppe der Blogger wieder bei, um vor Ort leichter in Kontakt zu bleben und konnte so hautnah verfolgen, was hinter den Kulissen alles schieflief bzw. durch aufopferungsvollen Einsatz gerettet werden konnte. Sofort war ich wieder „drin“ in der ESC-Bubble, hatte aber gleichzeitig mächtig Distanz dazu. Würde mir etwas fehlen in Lissabon? Würde ich es überhaupt genießen können?

Am Montag der Finalwoche kam ich in Lissabon an und holte gegen Mittag meine Schwester Su vom Flughafen ab. Sie hatte auch schon in Kopenhagen und Wien als Fan den ESC besucht, war 2014 sogar Teil der Blogger-WG war und hatte danach einen Gastbericht geschrieben (Leben unter Bloggern). In Lissabon hatten wir ein Apartment gemietet, das sich als sehr zentrumsnah (um die Ecke des berühmten Aufzugs Elevador de Santa Justa) herausstellte. Die Blogger-WG war auch ganz in der Nähe.

Dort hatte ich kurz zuvor schon Blogger Jan getroffen, der mir meinen Laptop aushändigte, den ich fahrlässigerweise in einem Flugzeug der TAP von Madrid nach Lissabon beim Umsteigen nach Sao Miguel in der Tasche des Vordersitzes hatte liegenlassen (eine Geschichte, die ich hier nicht weiter vertiefen möchte). Jan konnte den Computer glücklicherweise, ausgestattet mit Vollmachten und Passwörten, nach einigen Telefonaten aus dem Fundbüro des Flughafens auslösen. Vielen Dank an dieser Stelle nochmals!

Nach der Ankunft im Apartment gingen Su und ich zum Einstimmen zum nur wenige Minuten entfernten Eurovision Village auf der Praça do Comércio, wo an jenem Abend einige ESC-Künstler auftreten sollten. Es war jedoch (wie meistens außerhalb der Show-Übertragungen) kaum gefüllt. Als wir in der kurzen Schlange der Einlasskontrolle standen, drang Lärm zu uns herüber. „Ist das schon ein Lied?“ fragte Su und ich hatte keine Antwort. Da ich die Sprache aus dem wirren Tonhaufen mit Mühe als Ungarisch erkannte, musste es wohl der ungarische Beitrag sein. Aber konnte das wirklich sein?

Als wir drinnen waren, war die Bühne leer und wir schauten uns die stimmungsvollen Futterstände an. Zu meinem großen Schrecken musste ich feststellen, dass in der diesjährigen ESC-Welt meine Lieblingsbrausemarke nicht erhältlich war. „Super Bock“ war nämlich einer der ESC-Sponsoren und daher gab es hier und später auch in der Halle nur deren Eigenmarke, ein brackiges Gesöff namens „Snappy Cola“.

LeeresEurovisionVillage

EuroVision Village_Futterstaende_Lissabon.jpg

EurovisionVillae_wer istdas?Lustiges Länderraten – wer könnte das wohl sein?

Als es auf der Bühne wieder los ging, hatte ich keine Ahnung, wer singt und welches Land und fühlte mich für 30 Sekunden total verloren, geradezu wie in einem skurrilen Traum. Dann erfasste ich das Arrangement und Su stimmte mir zu, das muss wohl etwas vom Balkan sein. Ich sendete Jan ein Pic der Gruppe auf der Bühne und er bestätigte pronto: Ja, es handelte sich um Serbien. Wir hörten dann auch noch die Lieder aus Montenegro und der Ukraine. Alles klang unglaublich frisch und ich hatte sofort meine Reihenfolge mit Serbien an der Spitze. Su fand Montenegro am besten.

Nun kannte ich mit Italien und Deutschland also schon fünf Lieder. Direkt danach folgte dann schon das Bloggeressen, das kleiner als sonst ausfiel. Sowohl Peter, als auch Matthias als auch Douze Points hatten aus unterschiedlichen Gründen leider nicht nach Lissabon kommen können. Wir genossen die nette Atmosphäre und das leckere Essen, konnten den anderen aber – mangels Akkreditierung – nicht in den offenbar ohnehin zu kleinen Euroclub folgen. DJ Ohrmeister erzählte uns von einem Gay Club, der als Alternative diente und offenbar schon vor Öffnung des Euroclubs als Anlaufstelle für ESC-Fans diente. Dafür waren wir aber zu müde.

Bloggeressen

Bloggeressen_LissabonBlogger & Friends in Lissabon am Tag vor dem ersten Semifinale

Am kommenden Tag stand das erste Semifinale an. Tagsüber machten wir etwas Sightseeing, Su hatte sich den kleinen englischen Friedhof und die nahegelegene Basilica da Estréla im Westen der Stadt ausgesucht, wir hatten genügend Zeit auch die Details zu würdigen (Schildkröten in einem Park). Ich fügte das nahegelegene, schon etwas abgewirtschaftet wirkende Einkaufszentrum Amoreias hinzu, weil man vom Dach desselben einen schönen Rundum-Blick auf Lissabon genießen konnte.

Kathedrale Lissabon aussen.JPG

Kathedrale Lissabon Innenraum.JPG

Amoreias_Shoppingcenter

OliverundSuinAmoreiasÜber den Dächern von Lissabon

Danach fuhren wir per Uber zum Turm von Belém, wo wir nach mehr als halbstündigem Warten eine weitere halbe Stunde verbrachten. Wir sahen uns von außen das imposante Seefahrer-Denkmal Padrão dos Descobrimentos an und kapitulierten vor den riesigen Warteschlangen am nahegelegenen gotischen Kloster Mosteiro dos Jerónimos (Weltkulturerbe). Auch die heiß empfohlene Konditorei Pasteis de Belém war heftig umlagert. Nach einem Erfrischungsgetränk nebenan ging es per Zug zurück in die City.

TorredeBelem

Abends dann, genau wie zwei Tage später, hieß es: Willkommen zum ESC Semifinale. Wir fuhren zum ersten Semi gemeinsam mit einigen Bloggern per Metro (einmal umsteigen) und waren entsprechend früh da. Diese Zeit, unmittelbar bevor es losgeht, empfinde ich immer als etwas ganz Besonderes. Diesmal konnten wir entspannt außen auf der Treppe zum Eingang der Halle in der Abendsonne sitzen und schauen, wer noch so alles in mitunter reichlich schrillen Verkleidungen ankommt. Su war begeistert, weil anders als gewöhnlich bei Veranstaltungen die langen Schlangen vor der Herren- und nicht vor der völlig verwaisten Damentoilette standen („Ich muss gleich ein Bild davon machen“).

Su in der Metro zur Halle

VorderHalleam Finaltag

SnappyCola_sattIn der Not trinkt der Teufel auch ein doppeltes „Snappy Cola“ made by „Super Bock“

Und dann ging es los. Wir hatten tolle Karten, saßen direkt hinter der Präsidentschaft des OGAE Germany und direkt vor den Bloggern Jan und Tjabe, konnten uns also zwischendurch auch mal austauschen. Die Blogger waren natürlich sehr an unserer „frischen durch keinerlei Probeneindrücke getrübten Meinung“ interessiert. Ich hörte im ersten Semi alles zum ersten Mal live vor Ort. Im zweiten kannte ich nur die drei Lieder aus dem Eurovision Village. Lissabon war mein 13. Live-ESC-Besuch, noch nie hatte ich eine ähnliche Erfahrung. Gar keine Lieder vorab kannte ich zuletzt 1993, als ich noch vor dem TV saß.

OLiverundSubeimESC2018

Blickaufdie ESCBuehne_2018.jpgUnser Blick auf die Bühne

In beiden Semis traf es mich wie ein elektrischer Schlag. Alle Antennen aufgestellt, sog ich jeden Ton, jede Bewegung ein und spürte die Songs so viel näher, authentischer und tiefer als jemals zuvor. Zumindest kam es mir in diesen Momenten so vor. Alles war neu, ich erkannte nichts wieder und versuchte angestrengt jede Nuance zu erfassen. Ich konnte danach aber nur sagen: fand ich gut (z.B. Slowenien), wird ankommen (Israel) oder durchfallen (Polen), und das hier will ich eigentlich gleich nochmal hören (Belgien). Im zweiten Semi tippten Su und ich gemeinsam die zehn Qualifikanten während des Schnelldurchlaufs tatsächlich alle richtig (glaubte uns danach natürlich niemand). Su hatte in den Semis eine besondere Schwäche für den niederländischen Song, ich mochte Bulgarien auf Anhieb (das hat sich seitdem weiter verstärkt).

In den Tagen der ESC-Woche schauten wir uns ansonsten weitere Sehenswürdigkeiten an, setzten etwa mit der Fähre auf die andere Seite des Tejo über, um dort in einem schön gelegenen Restaurant zu essen (ein Tipp des Arbeitgebers meiner Schwester). „Man sollte nicht vorne am Kai sitzen, denn wenn ein Kreuzfahrtschiff vorbeifährt, wird man geduscht“, war ein weiterer Rat. Dort trafen wir auf Blogfotograf Frank mit Freunden.

PontoFinal

BlickaufBruecke_Lissabon

AbschiedvonLIssabon

Mit Frank verbrachte ich auch meinen einzigen Abend im Euroclub, der am Mittwoch für nicht-akkreditierte Fans mit einer OGAE-Mitgliedskarte geöffnet war. Das von Suzy moderierte Programm war am Ende reichlich enttäuschend, es waren kaum Künstler des aktuellen Jahrgangs da (die traten alle beim zeitgleich stattfindenden WiwiJam auf). Stattdessen gab es loungeartige Musik der Gewinnerin eines afrikanischen Contests aus Swaziland, die überhaupt nicht zu Stimmung und Zielgruppe passte.

OGAE Party Suzy

OGAEParty_OLiver und Frank

OGAEParty_NettaFür Huldigungen ist Zeit, für das spätere Siegerlied aber leider nicht.

Immerhin, Netta Barzilai kam kurz vorbei, um einen Preis der OGAE abzuholen, sang aber nicht, sondern tänzelte lediglich ein wenig zu ihrem eingespielten Beitrag. Ich traf keine Gefährten aus früheren Tagen, die vermutlich alle bei den Wiwis waren. Andererseits war ich ohnehin nie ein Partyguy, als dann Sanna Nielsen auftauchte, war das für mich das Signal nach Hause zugehen.

So traf ich die Blogger während der restlichen Tage auch nicht mehr, abgesehen von kurzen Momenten vor und während der Shows in der Halle. Mit einer Ausnahme: einem sehr schönen stimmungsvollen Ausflug nach Sintra am Freitag vor dem Finale mit Su und DJ Ohrmeister (er hat hier bereits darüber im Rahmen dieser Serie gebloggt).

DJOhrmeister_Su_Sintra

OLiverinSintra_ParkPlatt im Park – Sintra ist wunderschön und hat mehr als nur das Schloss zu bieten

Mein Fazit: Alles in allem war meine diesjährige ESC-Woche ganz anders als sonst, aber dennoch schön. Ich konnte den ESC entspannt genießen ohne den zwangsläufigen Stress und die Hetze, um die man als ernsthafter Blogger nicht herumzukommen scheint. Proben & Partys fehlten mir nicht. Allenfalls das Treffen einiger guter Bekannter habe ich vermisst, wenn man nicht akkreditiert ist, gibt es einfach viel weniger Möglichkeiten sich über den Weg zu laufen. Das endgültige Resultat am Finalabend inklusive des herausragenden vierten Platzes für Deutschland (ein wirklich sehr durchdachter und anrührender Auftritt) fand ich vollkommen gerechtfertigt.

Anders als in den letzten Jahren habe ich etliche ESC-Songs seit dem Finale auch gern immer wieder bewusst gehört, insbesondere Bulgarien, Serbien und Belgien. Der deutsche Song begegnet mir zudem zu meiner Freude im Radio immer wieder (gerade erst vergangene Woche). Su hat mittlerweile eine Vorliebe für den finnischen Song entwickelt, der sei so stimmungsaufhellend, besonders auf der täglichen Pendlerfahrt zur Arbeit.

Und nun? Was ist mit 2019?

Kommst Du zurück?, fragten mich die Blogger schon in der Woche, nachdem alle wieder zu Hause waren und ich die Whatsapp-Gruppe rasch wieder verlassen hatte. Ich habe noch keine Antwort. Meine Auszeit vom Bloggen ist mindestens ein Jahr lang und das ist erst halb vorüber. Ich mache womöglich noch einen weiteren reise-orientierten Gastblog, denn im August werde ich ein Konzert einer meiner absoluten Lieblingssängerinnen in Italien besuchen. Sie war in den 80ern beim ESC, nach einigen reichlich umnachteten Auftritten in diversen Shows der RAI ziemlich weg vom Fenster und versucht gerade ein Comeback mit einer kleinen Tournee in ligurischen Badeorten.

OLiver_SaoMiguel3

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern zum Abschluss dieser Serie ein schönes Restjahr und eine unterhaltsame Off-Season auf dem PrinzBlog. Und, das muss ich unbedingt noch erwähnen, ich bin wirklich sehr glücklich, dass das Lesergame nun doch weitergeführt wird. Danke Tjabe, für die Portuguese Open im Vorfeld des ESC, und Danke Matthias, für den laufenden Second Chance Contest. Stay tuned!

In der Serie „Lissabonner Leben“ erschienen:
(1) Es lebe die Fankultur (BennyBenny)
(2) Nicht dabei und doch mittendrin (Douze Points)
(3) Backstage Tour in der Altice Arena (Marc)
(4) Eurovision Zumba im Euro Fan Café (Salman)
(5) Wie man sich einen Jahrgang schönhört (Peter)
(6) Die Frankfurter Grippe (BennyBenny)
(7) Déjà-vu in Sintra (DJ Ohrmeister)
(8) Die Glücksspirale (Jan)
(9) Ein ESC-Jahrgang ohne persönliches Song-Highlight (Douze Points)
(10) Der Red Carpet ist der heimliche ESC Höhepunkt (Peter)
(11) Partyhopping oder „Wo sind meine Freunde?“ (BennyBenny)
(12) Public Viewing im Eurovillage (Frank)
(13) OGAE Israel Boat Cruise (Marc)
(14) Pressetour Lissabon (Salman)