Lissabonner Leben (2) – Nicht dabei und doch mittendrin

Elf Jahre in Folge, von 2007 bis 2017, war ich beim ESC vor Ort und zehnmal in Folge war ich live beim ESC-Finale in der Arena. Auch für dieses Jahr war das so geplant. Dann kam alles ganz anders und ich musste die zwei ESC-Wochen von Hamburg aus verfolgen – einschließlich der Shows am TV (Aufmacherbild vom 2. Semi). Dank des Prinz-Blogs war das gar nicht so schlimm.

Alles war langfristig geplant: die Flüge gebucht, die AirBnB-Unterkünfte geklärt, ein Fan-Paket ergattert und die Akkreditierung in der Tasche. Zum ersten Mal wollte ich die vollen zwei ESC-Wochen vor Ort verbringen, jetzt, wo es mit dem Austragungsort Lissabon ja quasi eine Schönwetter-Garantie gab (die sich nur bedingt bestätigen sollte und Hamburg temperaturmäßig die portugiesische Hauptstadt teilweise sogar outperformte).

Kurz nach Ostern zeichnete sich dann ab, dass ich aus persönlichen Gründen die Reise nach Lissabon nicht würde antreten können. Irgendwann machte ich dann Nägel mit Köpfen und sagte alles ab. Aufgrund der persönlichen Situation ein erleichterndes Gefühl. Aufgrund meiner Verpassungsängste in Bezug auf die ESC-Zeit in Lissabon der blanke Horror.

In der Vergangenheit hatten schon andere Blogger mal einen ESC-Aufenthalt vor Ort ausgesetzt – Abnutzungserscheinungen, unattraktive Austragungsorte, persönliche Gründe. Und obwohl sich auch bei mir zuletzt Abnutzungserscheinungen zumindest in Bezug auf die Anwesenheit in der Halle bei den drei Shows gezeigt hatten, konnte ich mir das Fernbleiben, das Nichtdabeisein nicht richtig vorstellen.

Eigentlich wollte ich am 29. April nach Lissabon fliegen. Am 28. April wollte ich noch bei der Buchpremiere von „Anders ermittelt: Mord beim ESC“ in Hamburg als ESC-DJ auflegen. Dieser Verpflichtung kam ich nach (Foto unten). Nur ging am nächsten Tag der Flug nach Portugal ohne mich. Stattdessen intensivierte sich meine Aktivität rund um den Prinz ESC Blog.

Neben dem Blog selbst haben wir Blogger eine WhatsApp-Gruppe, in der es während der beiden ESC-Wochen natürlich hoch herging. Erste Bilder der Stadt wurden umgehend geteilt, genau wie die Probleme, die sich beim Bezug der Blogger-WG ergaben. Und je mehr Blogger sich auf den Weg in die portugiesische Hauptstadt machten, desto mehr gab es mitzuteilen und zu diskutieren.

Dazu kamen unsere Probleme mit dem umgestellten Prinz-ESC-Blog. Nur wenige Tage vor dem Start der Proben hatten wir unser WordPress-System auf eine aktuelle Version upgegradet. Das bedeutete nicht nur für die Leser eine erhebliche Umstellung. Auch wir Blogger mussten uns hinter den Kulissen neu sortieren – und das im laufenden Betrieb. Nicht zuletzt Dank dieses intensiven und bisweilen nervenaufreibenden Austauschs war ich zwar physisch in Hamburg, mental aber mitunter gefühlt mehr in Lissabon.

Und dann kamen ja auch die Probenberichte, die ich natürlich so intensiv verfolgte wie unsere Leser auch. Jeden Tag stiegen die Nutzerzahlen. Jeden Tag gab es mehr Kommentare, die freigeschaltet werden mussten. Texte Korrektur lesen, selbst Beiträge verfassen. Zum Teil fragte ich mich, wie ich die Aktivitäten für den Blog hätte bewerkstelligen sollen, wenn ich nicht meine kurzen Wege in Hamburg gehabt hätte, sondern die langen Wege der Blogger vor Ort in Lissabon.

Wirklich schmerzlich bewusst wurde mir die Tatsache, dass ich doch nicht wirklich dabei bin, immer wenn Party-Fotos und Videos kamen. EuroClub, Euro Fan Café, Trumps (Foto oben von DJ Ohrmeister) –  Freunde treffen, die Blase zelebrieren, feiern. Und ich hätte als DJ ja auch aufgelegt. All das konnte in Hamburg durch nichts kompensiert werden.

Zumindest in der zweiten Woche gab es aber ein Mittel. Peter, der ebenfalls kurzfristig nicht nach Lissabon reisen konnte, und ich entschieden uns, die Live-Blogs für alle drei Shows von Hamburg aus zu machen. Wir luden uns immer zwei weitere Gäste ein, mit denen wir die Sendung gemeinsam verfolgten. Allein das aktive Arbeiten am Blog zu einem ESC-Event gab ein Gefühl der Zugehörigkeit. Und ich muss auch sagen: Am TV bekommt man von den Sendungen tatsächlich mehr mit als in der Arena selbst. Außerdem kann man essen und trinken, wann und was man mag. Selbstverständlich ist auch der Gang zur Toilette kein Problem – anders als es vor Ort für die Fans der Fall war.

Vorprogramm zum 1. Halbfinale: Best of ESC auf ARD One. Die Unser-Lied-für-Lissabon-Fahne ist original vom deutschen Vorentscheid

Ärgerlicherweise erwischte mich am Freitag zwischen dem zweiten Semi und dem Finale noch eine heftige Bronchitis. Den Live-Blog des Finales musste ich absagen. Stattdessen verfolgte ich die Show auf der Couch mit 39 Fieber. Eine Folge: den Intervall-Act mit Salvador Sobral verschlief ich, allerdings war ich zur Punktevergabe wieder voll dabei. Da ich mich für den schwedischen Live-Stream mit Kommentierung von Edward af Sillén und Sanna Nielsen entschieden hatte, kam ich auch noch in den interessanten Genuss des Benjamin-Ingrosso-Antiklimax, bei dem die Freude über die Jury-Wertungen durch das miserable Abschneiden bei den TV-Zuschauern ein abruptes Ende nahm.

Entgegen der Vorjahre war ich am Sonntagmorgen nach dem Finale einigermaßen fit und vorübergehend fieberfrei, so dass ich einen Artikel für Stern.de und einen für den Prinz Blog absetzen konnte, bevor ich mich wieder aufs Sofa zurückzog. Danach passierte auch erst einmal nicht mehr viel in der Prinz-Blog-WhatsApp-Gruppe – der Stress der Rückreise hatte alle erfasst. Und an dieser Stelle war ich dann doch froh, dass ich zumindest dabei nicht wirklich mittendrin war.

Bisher in der Serie „Lissabonner Leben“ erschienen:
(1) Es lebe die Fankultur (BennyBenny)