Lissabonner Leben (5) – Wie man sich einen Jahrgang schönhört

Es ist jedes Jahr dasselbe: Die Songs des aktuellen Jahrgangs erscheinen und der Hardcore-Fan ist frustriert, wie wenig davon gleich zu Anfang zündet. Das Blatt wendet sich dann im Laufe der Zeit – vorausgesetzt, man setzt sich auch den gewöhnungsbedürftigen Titeln lange genug aus. Peter, in 2018 erstmals nach knapp einem Dutzend Jahren erstmals nicht live beim Finale vor Ort, hat darüber hinaus einige weitere „Schönhören“-Rezepte (wie das oben abgebildete Minzsorbet) entwickelt.

Irgendwann in der VE-Saison wurde das Undenkbare für mich konkret: Von Woche zu Woche wurde klarer, dass ich mir in 2018 den seit vielen Jahren etablierten vierzehntägigen ESC-Stage am Finalort aus ganz verschiedenen Gründen nicht „erlauben“ werden kann.

Dabei – oder besser: gerade deshalb – gibt es kaum einen Jahrgang, der mir ganz subjektiv jemals besser gefallen hat als 2018. Wie man an meinen euphorischen Liveblog-Songbewertungen ablesen kann, die selbst meine Co-Blogger dazu provozierten, mich zur Mäßigung zu ermahnen.

The story behind the story ist simpel: Weil dieses Abstinenz-Jahr für mich ein spezielles zu werden drohte, habe ich mir die Songs viel engagierter und systematischer „erschlossen“ als jemals zuvor. Wusste ich doch, dass ich keine einzige Probe, keinen einzigen Auftritt im Euroclub, keine einzige Acappella-Performance am Bloggertisch usw. usw. vor Ort erleben würde.

Drei magische Formeln haben beim diesjährigen „Lager than Life“ Schönhören geholfen – und ich möchte diese – Nachahmung empfohlen – in unserer beschwingten Lissabonner Leben Serie mit Euch teilen. Sozusagen mein glitzerndes Schönhören-Dreieck!

1. Intensität

Als ein gutes Dutzend Beiträge vorhanden waren, habe ich begonnen, NICHTS ANDERES mehr zu hören als den ESC-Jahrgang 2018. Am Anfang habe ich mir nach dem Aufstehen noch NDR Plus (DAB) gegönnt, aber auch das nur, bis „Fuego“ endlich raus war. Unterstützt haben mich bei dieser „ESC Only“ Focussierung  Spotify, mein IPhone-Playlist und vor allem ein USB Stick, der dank der Unterstützung unserer DJs Douze Points und Ohrmeister, die ständig die neuesten Songveröffentlichungen, Revamps und Remixe am Start hatten, immer „state of the art“ war. Diesen USB-Stick habe ich immer bei mir gehabt und zum Einsatz gebracht – sogar bei Taxifahrten, die länger als zwei Songs beanspruchten (Danke an alle 211211 Fahrer in HH).

Konzentration auf das Wesentliche ist dabei ganz wichtig. NICHTS ANDERES heißt NICHTS ANDERES. Ab Februar hieß es immer und überall, wo ich Einfluss auf die Musik nehmen konnte, „ESC Only“. (Es gab im Büro (nachdem der Jahrgang dreimal in Folge durchgelaufen war) ein, zwei Rückschläge mit Underground Disco Klassikern der später 70er wie sie gerne in der Londoner Horse Meat Disco aufgelegt werden, z.B. TJMs „Put Yourself In My Place“.)

Auch mit VE-Titeln konnte ich mich nicht aufhalten. Nur drei Nicht-Lissabon-Songs haben es auf meinen „ESC 2018“ USB-Stick im Dauereinsatz geschafft. „I mag di so“ – logisch für den, der mich kennt – sowie „Jonah“ aus dem deutschen Finale sowie – ebenfalls leicht zu erraten – selbstverständlich Jessicas „Party Voice“. „Jonah“ habe ich draufgenommen, weil ein Gespräch mit Xavier nach dem deutschen Finale einer der erinnerungwürdigsten Momente dieser Saison gewesen ist. Selten jemanden getroffen, der überglücklich (über einen fantastischen zweiten Platz) so von Adrenalin geflutet war wie Xavier in diesem Moment eine Stunde nach der Show. Sympathisch und ergreifend.

Im Hinblick auf die Intensität der eigenen ESC-Beschallung ist wichtig: Ausweichen gilt nicht, die Skip-Taste ist tabu. Meistens habe ich den Jahrgang „Random“ gehört und auch schwerstens gewöhnungsbedürftige Kost (wie etwa für mich Malta, Rumänien und San Marino) vollständig ertragen, erduldet und zum Schluss (Ziel erreicht) genossen. Das nennt man in anderem Kontext wohl „Konfrontationstherapie“, manche Arachnophobiker lassen ja im geheilten Zustand sogar Vogelspinnen auf ihrer nackten Haut Krabbel-Expeditionen unternehmen.

2. Abwechselung

Ein Erfolgsgarant auf dem Weg zum konsequenten Schönhören ist es auch, die Songs in möglichst unterschiedlichen und möglichst vielen angenehmen Situationen zu hören, also nicht nur im Office oder daheim beim Staubwischen und Zähneputzen, sondern auch da, wo man runterkommt und Ablenkung sucht.

Dazu zwei Beispiele:

2.1. Beim liebsten Lunchitaliener unter der Woche – dem Hamburger Gallo Nero Ableger Alimentari con cucina – habe ich sehr früh in der Saison erreichen können, dass die Spotify-Playlist von „Easy listening songs Italy“ auf „Eurovision 2018“ umgeswitch wurde. Und das passierte von Woche zu Woche häufiger, denn systematisch verlegte ich jeden Lunchtermin, bei dem es möglich war, ins „Alimentari con cucina“. GRAZIE an das Gallo Nero Team für die Restaurant-Beschallungs-Flexibität, sollten sie diesen Text lesen. Geholfen hat mir bei dem Projekt übrigens sehr die herausragend gute Qualität des italienischen Beitrags, die den Staff im Gallo Nero überzeugt hat, dass Eurovision doch an und für sich eine ganz gute Sache ist…

Im Gallo Nero Alimentari gab es allerdings eine Abweichung von der o.g. Konfrontationstherapie. Beim ungarischen Titel machte sogar meine Lieblings-Servierkraft sofort „Skip“, wenn die ersten Töne erklangen. Der Titel – das haben wir schnell begriffen – weckt Aggressionen bei unbedarften Mittagstisch-Gästen. Aber Spotify ist ja lernfähig, mit der Zeit liefen zunächst (und mit höchster Priorität und Häufigkeit) sowie nur noch die Songs, die wir zum Start besonders intensiv anklickten (Finnland, Spanien, Italien, Israel und Cesar). Wenn ich diese heute höre, schmecke ich gleich virtuell das himmliche Minzsorbet, welches im Gallo Nero Bistroableger serviert wird (Aufmacherphoto).

2.2. Ein weiterer „I like everything now“-Baustein war das mir von meinem Hausarzt dringend verordnete Fitnessprogramm, welches ich in einem entspannten Club namens „Meridian“ nahe des Hamburger Michel unternehme. Glücklicherweise sind die Trimmgeräte wie Fahrrad und Crosstrainer inzwischen so ausgestattet, dass man dort perfekt ein iPad installieren kann. Um mich von der Ödnis des Ausdauer-Kardio-Radelns abzulenken, schaue ich dort „off season“ leichte Unterhaltung wie die Graham Norton Show (mein Highlight dort ist, wie Chris Pratt den TOWIE Akzent imitiert), Clips mit Tony-Highlights („Blame Canada“ – gerade wieder sehr aktuell) oder Dokus über „Studio 54“ und „Paradise Garage“ (kinda gay, I know). Ab Februar waren diese Formate aber vollständig tabu, ich trainierte ausschließlich mit den Jahrgangs-Fanhitlisten auf youtube, von denen es etwa vierzig Trilliarden gibt und immer genausoviele neue, wenn auch nur ein neuer Titel erschienen ist. Das ist sehr unterhaltsam, weil die Aufbereitung teilweise extrem phantasievoll stattfindet und weil irgendwann jeder Song an der Spitze einer dieser Fancharts gestanden hat, man also jeden einzelnen Titel als Favorit präsentiert bekommt. Am Ende gilt „anything goes“, zwischenzeitlich konnte ich mir sogar (fast) einen Finaleinzug von J&J vorstellen.

3. Positive Grundhaltung: Superlative setzen!

Der dritte Punkt meines magischen Schönhören-Dreiecks hat viel mit Selbst-Suggestion zu tun. Jeder neue Song, der rauskommt, ist erstmals per se die Neuerschaffung der Popmusik auf (mindestens) Motown- oder Beatles-Level. Der Song muss viel tun, um diese Basisannahme zu untergraben.

Als also „Fuego“ erschienen ist und ich ihn auf dem Weg ins Kino das erste Mal hörte, whatsappte ich Berichterstatter „Tjabe“, er möge den Titel doch als die „Neuerschaffung des ESC-Spirit“ ausloben, was er dankeinswerterweise auch tat. (Danke, Tjabe.) Und ich wusste zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht, dass ich Recht behalten sollte, war vielmehr von der unverfrorenen Integration der Südfrüchte im zugehörigen Clip komplett geflasht. Ich will nicht verhehlen, dass ich für diese Fuego-Auslobung von Leser und Kommentator Jorge mit dem „Euphemismus des Jahres“ gescholten wurde.

Aber das Prinzip ist klar, oder? Das Glas ist immer mindestens halbvoll. Was könnte an „Crazy“ oder sogar „I won’t break“ gut sein? Was nur, was nur? (Bei Franka war’s dann z.B. das Kleid.)

Und als „We Got Love“ erschienen ist, haben ein Co-Blogger und ich sofort spontan gebrainstormt, was man 2019 in Berlin ESC-technisch alles anstellen könnte. Denn selbstverständlich war Jessica Mauboys 18. Platz beim ersten Hören gut genug, um den ESC zu gewinnen – und damit konsequenterweise den ESC nach Berlin zu hören, wie uns die australische Delegation mit großer Intensität phrophezeit, um uns zu motivieren, dem australischen Song auf dem Blog möglichst viele Jubelpower zu geben.

Was bei der Selbstsuggestion hin zu einer maximal positiven Grundhaltung hilft, sind selbstverständlich vor allem Emotionen, Gefühle bis zum Anschlag. Es ist in der Bubble sogar vergleichsweise einfach, jedem Song, der objektiv betrachtet maximal Hausmannskost ist, Siegerpotential zu attestieren, weil man sich eine emotionale Grundlage geschaffen hat. Dabei sind z.B. Selfies sehr hilfreich.

Ryan O´Shaughnessy macht Faxen mit PRINZ Blogger Peter

In diesem Sinne wünsche ich uns allen jetzt schon eine erfolgreiche Saison 2019.

Bisher in der Serie „Lissabonner Leben“ erschienen:
(1) Es lebe die Fankultur (BennyBenny)
(2) Nicht dabei und doch mittendrin (Douze Points)
(3) Backstage Tour in der Altice Arena (Marc)
(4) Eurovision Zumba im Euro Fan Café (Salman)