Lissabonner Leben (7) – Déjà vu in Sintra

Kaum sind die Proben der Big 5 am zweiten Wochenende vonstattengegangen und der rote (respektive blaue) Teppich aus- und wieder eingerollt, zieht mit der zweiten Woche unseres jährlichen Abenteuers auch etwas Ruhe in das Blogger-Leben ein. Zeit für Sightseeing – und ausgedehntes Partyleben, das wiederum zum Ausschlafen zwingt. Und so kommt man auch in Woche 2 bisweilen in Terminschwierigkeiten. Vor allem, wenn man das auch noch alles zweimal hintereinander durchlebt. Und täglich grüßt das Pastel de Nata…

Der Mittwoch zwischen den Semis ist traditionell ein guter Sightseeing-Tag. Letztes Jahr hatten wir einen spannenden Tagesausflug in die irre Sperrzone von Tschernobyl unternommen. Dieses Jahr wollte ich es mittwochs aber eher ruhig angehen lassen. Doch noch während ich da lag und müde ins halb abgedunkelte Zimmer blinzelte, überraschte mich eine Nachricht. Drei meiner Freunde aus Finnland fragten an, ob ich kurzfristig mit nach Sintra wolle. Da sie Freitag schon gen Heimat reisen würden, eine gute (letzte) Gelegenheit, sich etwas länger zu sehen. Keine halbe Stunde später schlenderte ich schon rüber zum Bahnhof Cais do Sodré, noch ohne richtiges Frühstück, aber mit einem Pastel de Nata auf die Hand.Die 50 Minuten Fahrt genoss ich, denn wir konnten uns in Ruhe wieder etwas auf den letzten Stand der Dinge bringen, hatten wir uns doch teilweise monatelang nicht gesehen. Leider meinte es das Wetter nicht so gut mit uns, der Himmel war bedeckt und so herrschte unattraktives Dünne-Windjacken-Wetter. Die Massen strömten dennoch aus dem Vorortzug und verstopften das Zentrum des beschaulichen Städtchens, doch dessen Charme kam bei dem Licht kaum zur Geltung. Da meine Mitfahrer Karten für eins der Dress Rehearsals hatten, verzichteten wir auch auf den Besuch des bunten Märchenschlosses Palácio Nacional da Pena, sondern suchten uns im Ort ein abseits gelegenes Lunchrestaurant.

Wir hatten richtig Glück, fanden ein ruhiges, durchaus gediegenes Lokal mit überaus humorvollem Personal. Der Polvo à lagareiro war ein Gedicht, auch wenn bei diesem Gericht quasi ein ganzer Tintenfisch auf einem knoblauchgeschwängerten Bett von Kartoffeln und Grünzeug thront. Nicht jedermanns Sache. Jedenfalls versprach ich Kellnerin Maria, am Freitag wiederzukommen, denn ich hatte mich schon Tage zuvor eigentlich mit Blog-Pausierer Oliver und seiner Schwester für Sintra verabredet gehabt.Auf dem Rückweg gab es wieder Pastéis de Nata zum Dessert, herrlich. Und ich war nicht gar so unglücklich über die eher frühe Rückkehr, wollte ich doch abends auf die OGAE Party – nicht zuletzt wegen eines späten DJ Slots im Eurocafé.

Zwei Tage später, am ebenfalls sightseeing-geeigneten Freitag vorm Finale, schälte ich mich (wieder vom unbarmherzigen Surren des Smartphones geweckt) tendenziell unausgeschlafen aus dem Bett und eilte zum Rendezvous mit Oliver und Susanne. Unterwegs eine Flasche Wasser und – Ihr ahnt es schon – in der Hand ein Pastel. (Übrigens gehörten die Pastéis irgendwann auch in der Blogger-WG zur gern konsumierten Zwischenmahlzeit, nicht zuletzt nachdem Volli die beste Pastel-Konditorei der Stadt bei uns in der Nähe entdeckt hatte). Auf der Fahrt nach Sintra schaute ich zum Fenster raus, sah dieselben bunten Trabantenstädte vorbeiziehen und dieselben trostlosen Bahnhöfe. Fast kam ich mir vor wie Bill Murray in Und täglich grüßt das Murmeltier…Einen deutlichen Unterschied zum vorvorherigen Tag gab es schon – es war strahlender Sonnenschein angesagt, und da wir mehr Zeit hatten, fuhren wir hinauf zum Pena-Palast mit seinen roten und ockerfarbenen Türmchen. Wie Millionen anderer Touristen auch… Dem eher streng getakteten Besuch des Palast-Innern ließen wir einen sehr entspannenden Besuch der endlosen Parkanlagen drumherum folgen, die in weiten Teilen Urwaldcharakter haben und in dem sich auch die Massen an Leuten vollkommen aus dem Weg gehen können. Zeitweise sahen wir keine Menschenseele… wunderbar. Der Hunger trieb uns später ins Städtchen zurück, und natürlich schlug ich das Lokal mit dem thronenden Oktopus vor – hatte ich es doch Maria versprochen. Wir betraten das offene Haus, kamen in den Speisesaal (wieder ein Déjà vu…), doch es regte sich niemand. Kein Personal, keine Maria. Irritiert – denn wir hatten die Öffnungszeiten im Internet recherchiert – fand ich nach einigem Suchen einen Kellner beim Schwätzchen. Leider hatte das Netz uns angeflunkert und es war noch späte Siesta. So suchten wir uns ein anderes, gut bewertetes Restaurant, und auch dort bekam ich wieder Lust auf einen ganzen Tintenfisch, der auf Kartoffeln und Spinat sitzt und eigentlich eher furchteinflößend wirkt. Gestärkt (oder soll ich sagen vollgefuttert) schlurften wir Richtung Bahnhof zurück – meine Schleichwegkenntnisse von Mittwoch entpuppten sich als sehr hilfreich. Gleicher Weg, gleiche Foto-Ops, gleiches Ziel, nur eben andere Begleiter.Wieder stieg ich pappsatt in den Zug zurück nach Lissabon ein – und zuckte noch innerlich bei dem Gedanken zusammen, dass ich mich zuhause zügig frischmachen und umziehen würde, um dann zum nächsten DJ-Gig aufzubrechen. Genau wie am Mittwoch.

Wieder ein Tag, der uns das Gastland ein wenig nähergebracht hatte. Und doch auch seltsam, wie sich die Tage für mich persönlich in so vielen Dingen geglichen hatten, gewollt oder ungewollt. Ich fragte mich, ob Maria meinen deutschen Freunden dieselben witzigen Anekdoten erzählt hätte wie den Finnen am Mittwoch, hätten wir einen Tisch bekommen. Und ob sich Oliver zufällig dasselbe Gericht bestellt hätte wie die Kollegen aus Suomi. Irgendwie spooky. Irgendwie schön.

Bisher in der Serie „Lissabonner Leben“ erschienen:
(1) Es lebe die Fankultur (BennyBenny)
(2) Nicht dabei und doch mittendrin (Douze Points)
(3) Backstage Tour in der Altice Arena (Marc)
(4) Eurovision Zumba im Euro Fan Café (Salman)
(5) Wie man sich einen Jahrgang schönhört (Peter)
(6) Die Frankfurter Grippe (BennyBenny)