Lissabonner Leben (8) – Die Glücksspirale

Zum Leben in einer ESC-Stadt gehört selbstverständlich auch die sogenannten „Blase“ dazu – wenn sie für uns nicht sogar das Leben in den zwei Wochen maßgeblich bestimmt. Es ist immer ein wenig schwierig, sich ihr mal für einige Augenblicke zu entziehen und sie sorgt für Momente, die man durchaus auch mal als bizarr bezeichnen kann.

Einer dieser Momente ereilte mich im Nachgang zur ersten deutschen Probe von Michael Schulte. Die von der deutschen Delegation für die Songbridge inszenierte „Spirale“ war in aller Munde. Würde sie dem deutschen Sänger helfen, seinem Song nach zwei Minuten noch einen weiteren interessanten Spin zu verpassen oder würde die leicht psychedelisch anmutende Visualisierung dafür sorgen, dass man mit dem Hintern einreißt, was man durch die gefühlvolle Interpretation bis zu diesem Zeitpunkt aufgebaut hat?

Nun ist es alles andere als ungewöhnlich, dass nach Proben der gesamte Auftritt in seine Einzelteile zerlegt wird und anhand minimaler Details, die höchstens einem Fan ins Auge springen, der Daumen nach oben gedreht wird oder ob einem Act gleich jegliches Existenzrecht abgesprochen wird. Kinder und Fans können da manchmal grausam sein! Das allein für sich ist manchmal schon merkwürdig genug. Aber bei der Spirale war es dann doch noch etwas spezieller. Für die einen im Raum war die Spirale eine Glücksspirale, für andere eine glatte Todesspirale. Wobei wir in Deutschland ja während der olympischen Spiele in Südkorea auch mit letzterer sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Sollte auch hier die Spirale am Ende gut für Gold sein?

Die Diskussion um das Für und Wider schienen gar nicht mehr abebben zu wollen. Die deutsche Delegation war natürlich auch daran interessiert, wie Michaels Auftritt im Pressezentrum angekommen war und so erschienen sie alle, um gemeinsam mit uns zu diskutieren – Delegationsleiter Christoph Pellander und Thomas Schreiber inklusive. Letzterer saß dann irgendwann an unserem Bloggertisch, klappte sein Laptop auf und erklärte uns die genauen technischen Hintergründe sowie die Überlegungen der Choreographen (Foto unten), die hinter dieser Idee standen – und das mit einer Leidenschaft, die ich gar nicht vermutet hätte.

Somit entspann sich am Tisch eine intensive und kontroverse Diskussion über die Spirale. Anrufe von Freunden aus Deutschland kamen hinzu. Was es denn mit diesem Ding nun auf sich habe und ob wir nun doch wieder Letzter werden würden wegen dieses optischen Einfalls. Beim ESC ist es eben wie bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Dort ist jeder Bundestrainer, beim ESC ist jeder ein kompetenter TV-Choreograph.

Irgendwann machte ich gedanklich einen Schritt zur Seite und habe den Moment noch einmal für mich rekapituliert. Über was sprechen wir hier eigentlich – über fünf Sekunden in einer Performance, die über Erfolg oder Niederlage beim ESC entscheiden sollten? Nicht ernsthaft, oder? Ab diesem Augenblick war mir die Spirale egal und ich habe vertraut auf das, was Michael im Finale rüberbringen würde. Und schon war ich nicht mehr verunsichert, was die deutschen Chancen anging. Und ich habe wieder einmal festgestellt, dass man in der Blase eben manchmal nicht mehr normal denken kann. Und dass Dinge, die eigentlich überhaupt nicht wichtig sind, eine geradezu lebenswichtige Bedeutung bekommen. Aber so ist das eben – manchmal gerät die schönste Nebensache der Welt eben zur wichtigsten Hauptsache von existenzieller Bedeutung.

So, und nun streife ich mir gleich mein Deutschland-Trikot über und gehe Fußball gucken. Deutschland gegen Schweden. Und hoffe, dass Özil und Co. den Nordlichtern (wie beim ESC) ordentlich die Mittsommersonne auspusten. Und wenn das nicht klappen sollte, geht es morgen trotzdem weiter – irgendwie. Mit wichtigeren Sachen.

Und hier noch einmal – weil es wirklich so schön war – inklusive Glücksspirale:

Bisher in der Serie „Lissabonner Leben“ erschienen:
(1) Es lebe die Fankultur (BennyBenny)
(2) Nicht dabei und doch mittendrin (Douze Points)
(3) Backstage Tour in der Altice Arena (Marc)
(4) Eurovision Zumba im Euro Fan Café (Salman)
(5) Wie man sich einen Jahrgang schönhört (Peter)
(6) Die Frankfurter Grippe (BennyBenny)
(7) Déjà-vu in Sintra (DJ Ohrmeister)