Lissabonner Leben (9) – Ein ESC-Jahrgang ohne persönliches Song-Highlight

Dass mir (skandinavischer) Happy-Sound besonders zusagt, ist hier auf dem Blog kein Geheimnis. Oft schaffen es aber auch schöne Balladen in meine ESC-Favoriten eines Jahres. Acht bis zehn Titel aus den verschiedenen Genres kommen so normalerweise zusammen. 2018 war es anders. Nicht einmal einen klaren Favoriten hatte ich unter den 43 offiziellen Beiträgen. Letztlich übernahm ein Vorentscheid-Cover-Song diese Rolle (Aufmacher).

Sicher geht es vielen Prinz ESC-Blog-Lesern ähnlich wie mir: Während der Vorentscheid-Saison, also zwischen Dezember und Mitte März, füllt sich peu à peu die persönliche Favoritenliste des aktuellen Jahrgangs. Manche Titel sind Grower, die sich erst im Laufe der Zeit zu persönlichen Highlights entwickeln. Andere sind spontane Hits, die aber in kürzester Zeit verpuffen. Und dann gibt’s die Lieder, die sich schnell an die Spitze der ESC-Jahrgangsplaylist setzen und dort über Wochen bleiben. 

Für mich füllte sich in den letzten Jahren spätestens mit dem Beginn des schwedischen Melodifestivalen die persönlichen Favoritenliste zügig. Dazu ein paar Titel aus den anderen skandinavischen Ländern. Außerdem einige Trash-Perlen oder bewegende Songs aus Ost- und Südeuropa (bevorzugt aus den Vorentscheidungen, die ich persönlich gebloggt habe). Mit den ersten ESC-Partys der Saison kamen weitere, bis dahin übersehene/überhörte Fan-Favoriten aus anderen Ländern hinzu. Spätestens dann stand für gewöhnlich meine ESC-Jahrgangsliste, die ich in der Zeit bis zum ESC jederzeit vom Handy oder dem Laptop anspielen konnte – und sofort gute Laune bekam. 

Gute Laune garantiert: Meine Top-Favoriten des ESC-Jahrgangs 2017 (ungewöhnlicherweise ganz ohne Balladen und ohne Vorentscheidtitel)

In diesem Jahr war das anders – wenn auch nicht von Anfang an. Mit dem traditionellen Start der ESC-Saison in Albanien verbinde ich ohnehin keine Hoffnungen. Kejsi Tola war 2009 wohl am nächsten dran, in meinen Favoritenkreis aufgenommen zu werden. Und „Suus“ habe ich verabscheut und mache es auch heute noch – außer wenn ich den Auftritt dazu sehe. In der meist auf Albanien folgenden Ukraine ist gern mal toller Trash dabei. In diesem Jahr fand ich irgendwie keinen Zugang zu den Beiträgen. 

Direktnominierungen kamen, Vorentscheide gingen. Mal waren es zu wenige Lieder, mal zu viel. Ich schaffe es nicht, alle Vorentscheide zu schauen, sondern lese oft nur den Live-Blog und schaue/höre mir dann einzelne Sachen an. Und wenn es wie in Rumänien in diesem Jahr 60 Beiträge gibt, fühle ich mich überfordert. Das ungarische A Dal ist nichts, was ich mir dauerhaft anschauen mag. Auch der Hype um den neuen französischen Vorentscheid erschloss sich mir nicht – vielleicht auch wegen der fehlenden Sprachkenntnisse. Und meine Hoffnung „Eva“ von Lisandro Cuxi wurde dann auch nur Zweiter – und alle feierten „Mercy“, über das mir Jan Feddersen, mit dem ich selten einer Meinung bin, später aus dem Herzen sprach: das sei „gehobener Sonderplunder und ein wimmerndes Machwerk auf drei Minuten“.

Lisandro Cuxi – Eva (Auftritt von Destination Eurovision ist online nicht verfügbar)

Ohnehin lag ich bei meinen Vorentscheid-Favoriten in diesem Jahr meist daneben: Naeman in der Schweiz landete ganz hinten und „Domino“ von Saara Aalto wurde auch nur Zweite (aber wenigstens wurde das Messerwerfrad mit dem Gesang über Kopf zum ESC gerettet). Einzige Ausnahmen: Tschechien und Deutschland. Mikolas Josef und Michael Schulte waren von Beginn an meine Favoriten. Beides auch bei den Songchecks hier auf dem Blog 12-Punkte-Kandidaten. Und doch fehlt bei beiden Liedern das letzte Quäntchen, dass ich sagen würde, dass das meine glasklaren Hits dieses Jahres gewesen wären. 

Während mich der schwedische Vorentscheid in diesem Jahr zunächst hängenließ, entpuppten sich am Melodifestivalen-Wochenende in Stockholm dann noch drei Songs zumindest als Party-Hits: „Shuffla“, „Patrick Swayze“ und „Party-Voice“, was aufgrund der Eröffnungszeilen „I get up in the morning, I do my hair and I put my make-up on“ seitdem mein Weckton auf dem Handy ist.

Jessica Andersson – Party Voice

Außerdem stolperten wir an dem Wochenende Dank YouTube über einen Song aus dem spanischen Vorentscheid, der das Operación-Triunfo-Universum dauerhaft für mich geöffnet hat (auch wenn meine Spanisch-Kenntnisse den französischen ins nichts nachstehen). Das auslösende Video war der Cover-Song „Manos vacías“, dargeboten von Raoul und Agoney. Das Vorschau-Bild ließ einen mann-männlichen Kuss durchaus möglich erscheinen. Natürlich mussten wir uns das anschauen. Ein schönes Lied und am Ende küssten sich die beiden dann tatsächlich. Toll, diese Spanier! Die Begeisterung für „Manos vacias“ wuchs über die Zeit und auch andere Operacion-Triunfo-Songs setzten sich nach und nach bei mir fest. Das galt auch für einige der anderen ESC-Lieder. 

Raoul & Agoney – Manos Vacías (Operción Triunfo 2017)

Dennoch, als es um die Bewertung der ESC-Beiträge für die Songchecks hier auf dem Prinz ESC Blog ging und ein persönlicher Favorit genannt werden sollte, war ich ratlos. „You Let Me Walk Alone“ und „Lie To Me“ – gut und schön, aber … „Toy“? Nein, das nervt nach zweimaligem Hören. „Tu canción“ ist zu schmalzig, „Monsters“ nicht ausgereift, „Fuego“ zu dünn und „We Got Love“ selbst mir zu billig (der spontane Fan-Hype darum hat sich mir bis heute nicht erschlossen). Am Ende blieb das beste schwedische Lied: „X My Heart“ aus Aserbaidschan. 

Dieser Fakt wiederum besorgte mich – weniger wegen der politischen Situation im kaukasischen Land als aufgrund der Tatsache, dass ich einen durchschnittlichen Radiopopsong an die Spitze wählte. Aber – und das ist nun mal mein Kriterium – er ist der Titel, den ich in jeder Situation hören kann und der mir auch beim 100. Mal hören nicht auf die Nerven geht. Andere Favoriten wie Netta konnte ich zwar rational nachvollziehen, aber es war nicht wirklich „meins“.

Aisel – X My Heart (ESC Semi 1, 2018)

Ist es also vielleicht an der Zeit, meine Herangehensweise an die ESC-Titel über meinen persönlichen Geschmack ad acta zu legen und mich rationaler mit den Beiträgen zu beschäftigen? Mehr auf das Künstlerische achten, den Gesang, den wunderbaren Text und die wichtige Aussage? Würde ich dann „Nova Deca“, „Bones“ oder – ganz schlimm – „Outlaw In ‚Em“ eher zu schätzen wissen? Sollte ich also weggehen vom gefühlsmäßigen Dauerkonsum-Anspruch und eher einen kognitiven Zugang wählen? 

Noch bin ich mir unsicher, wie ich (langfristig) damit umgehen werde. Sicher ist, dass meine Freude und mein Interesse am Event Eurovision Song Contest als solchem stark sind wie eh und je. Das zumindest beruhigt mich. Und das lasse ich mir auch nicht von einem Jahrgang ohne persönlichen Favoriten kaputtmachen!

Bisher in der Serie „Lissabonner Leben“ erschienen:
(1) Es lebe die Fankultur (BennyBenny)
(2) Nicht dabei und doch mittendrin (Douze Points)
(3) Backstage Tour in der Altice Arena (Marc)
(4) Eurovision Zumba im Euro Fan Café (Salman)
(5) Wie man sich einen Jahrgang schönhört (Peter)
(6) Die Frankfurter Grippe (BennyBenny)
(7) Déjà-vu in Sintra (DJ Ohrmeister)
(8) Die Glücksspirale (Jan)