Live-Blog: Albanien wählt aus Flottem, Folklore und Fetisch eine Klageballade: Rona Nishliu fährt nach Baku

Nach der Schweiz hat nun auch Albanien seinen Beitrag für den Eurovision Song Contest 2012 in Baku ausgewählt. Der PRINZ Blog kommentierte live das Finale des „Festivali i Këngës„, das 50-jähriges Jubiläum feierte. Hier der Live-Blog von Jan und OLiver zum Nachlesen.  
Mirese ert het! Oder auch: Herzlich Willkommen! Wir sitzen zu zweit im verregneten Hamburg und erwarten die albanische Vorentscheidung im Internet. Wir, das sind Oliver und Jan und wir sagen: Mirembrema – Guten Abend! Albanische Sonderzeichen (das e mit den zwei Pünktchen) werden übrigens heute abend ignoriert!

Der Stream läuft und wir sehen zurzeit albanische Abendnachrichten, während wir uns mit türkschen kandierten Früchten stärken, die wir kurzerhand zu albanischen erklärt haben – sie schmecken trotzdem!

Das Festival i Kenges findet in diesem Jahr zum 50. Mal statt. Es ist eigentlich ein traditionsreiches  Festival der albanischen Musik. Seit 2004 dient es auch als Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest – mit stark wechselndem Erfolg auf internationalem Parkett! Das sensationelle Debüt 2004 (7. Platz mit Anjeza Shahini) ist bis heute unerreicht. Mit Ledina Celo (2005), Olta Boka (2008) und Kejsi Tola (2009) und Juliana Pasha (2010) war Albanien noch vier weitere Male im ESC-Finale. Im letzten Jahr in Düsseldorf scheiterte Aurela Gace – eine etablierte Künstlerin – trotz etlicher Vorschusslorbeeren und energetischer Performance (leider) im Semifinale.

Die Abendnachrichten von TVSH sind zu Ende, es folgen offenbar eine Comedy-Sendung und diverse Programmhinweise (10 Jahre Folklore-Festival demnächst auf diesem Kanal)…

20 Titel – ausnahmslos in albanischer Sprache – werden wir heute abend hören. In den Semifinals am 26. und 27. Dezember wurden 28 Songs präsentiert, aus denen eine siebenköpfige Fachjury (Tirana-Hydra?) genau diese 20 ausgewählt hat. Gestern gab es dann eine Sonder-Gala mit den besten Songs aus 50 Jahre Festivalgeschichte (ähnliche Motto-Abende mit allerlei Gästen kennt man auch aus Sanremo).

Heute zum Abschluss des viertägigen Festivals wird der Siegertitel, Albaniens Lied für Baku, gekürt. Und zwar ausschließlich über einen Juryentscheid, dem Publikum scheint man in Tirana nicht zu trauen (oder sind die technischen Voraussetzungen für Televoting etwa immer noch nicht gegeben?). Jan und OLiver hören die Titel zum erstenmal, sind also völlig unvoreingenommen.

Unbegreiflich erscheint uns, warum viele andere ESC-Fans (und Blogger) schreiend reißaus nehmen, wenn man sie zum gemeinsamen Albanien-Abend einlädt. Die Kenges-Titel können doch gar nicht so schwer verdaulich sein, dass man heute abend lieber seine Steuererklärung fertigstellt oder die Küchenschränke neu auslegt.

Halb neun ist durch und immer noch Werbung – entweder die Übertragung aus Tirana beginnt verspätet oder wir haben den falschen Stream… wieder Werbung, ist ja wie in Sanremo…

Los gehts – zu seichten Schlagertönen fliegen Geigen und Mikrofone und Musikinstrumente durchs Bild. Die Moderatoren Nik, Hygerta (ein Model) und Enkeleida in den albanischen Nationalfarben schwarz und rot (warum hat keiner einen ausgestopten Adler dabei?) betreten die Bühne, die Oliver sehr an Sanremo erinnert – schießlich gibt es auch ein Live-Orchester, das bereits seit mehr als einem Monat die Festivaltitel geprobt hat.

Sanremoartig schleppt sich auch die Eröffnung hin, irgendwelche Honorationen werden begrüsst. Und nun das erste Lied (Anmerkung: Alle Videos stammen aus den Halbfinals – können also von den beschriebenen Äußerlichkeiten abweichen):

1. Bojken Lako & Breza – Te zakoushem

Untersetzte Fetisch-Anhänger intonieren etwas unmotiviert einen dunklen Gruftie-Softrocktitel, der sehr monoton daherkommt, aber immer schneller wird. Stimme erinnert entfernt an „Deine Lakaien“, das Outfit an Nu Pagadi und uns wird bewusst, was in der Schweiz zu kurz war (2 Minuten Lieder) ist hier zu lang (wohl an die 4, gefühlte 10 Minuten…). Düster und hoffentlich bald im Orkus vergessen.
Unser Voting: 5/30 (5 von 30 Punkten).


2. Saimir Braho – Ajer

Trommelwirbel, getragener Beginn, lässt auf einen dramatischen Refrain hoffen. Der kommt auch nach einer lahmen Brücke mit lailailai. Jan fühlt sich spontan in ein Festival do Cancao der 70er versetzt (Portugals ESC-Festival). Der Refrain ist kraftvoll, passt aber nicht recht zum Rest des Liedes. Müsste man wohl öfters hören, dennoch klar besser als das Fetisch-Pärchen. Unser Voting: 16/30.


3. Marjetta Billo – Vien sa nje jete

Der erste Uptempo-Song des Abends lässt Jan an Schwedenschlager denken und uns spontan mitwippen. Trotzdem etwas altmodisch und die Sängerin scheint eine besonders bllige Haartönung verwendet zu haben. Unsere Punkte: 19/30


4. Hersi Matmujah – Aty ku me le

Dramatischer, mit mehr Folklore-Hautgout als Marjetta, Stimme nicht uninteressant, manchmal etwas quälend. Denoch: SchönerRefrain, gutes Material, daraus kann man etwas machen – Siegertitel werden ohnehin nochmal durch den Wolf gedreht und neu arrangiert. Wir geben 23/30.


5. Xhensila Myrzai – Lulet mbledh per henen

Schönes Arrangement, ein getragener Titel, von dem wir leider nicht so viel mitbekommen haben, weil wir so lange lachen mussten, als Xhensila ihr rutschendes altrosa  Kleid kraftvoll über die Brüste zog. Wir geben 17/30.

Von wegen wie Sanremo: Hier geht es Schlag auf Schlag, die Lieder werden richtig durchgepeitscht, wo sind die Intervall-Pausen, Interviews, Witzchen?

 

6. Toni Mehmetaj – Endra e pare

Eyecandyalarm. Flott, mit Saxofon, macht gute Laune, ist Jan aber zu hektisch. Leider verfügt Toni weder über Stimme noch über Bühnenpräsenz. Zu wenig, 9/30 Punkten, Applaus fällt kurz aus, Enkeleida muss rennen, um die Ansage zu schaffen.


7. Iris Hoxha – Paty…asjene sekond

Die Folkloreschubladen sind leer, jetzt werden die 80er-Jahre aufgearbeitet, und zwar gnadenlos schlecht. Iris Hoxha mit schwarzer Dauerwelle singt einen Ohrwurm, der uns allerdings schon sehr ausgelutscht (schon vielfach gehört, um nicht zu sagen, verdaut) vorkommt. Immerhin macht sie das den Umständen entsprechend ganz annehmbar. 15/30 Punkte von uns.


8. Gerta Mahmutaj – Pyete zemren

Hübsche Frau mit Haaren wie einst Helena Paparizou. Den youtube-Klicks nach eine Favoritin. Der Song ist flott und catchy, aber nicht wirklich originell. Etwas viele Synthesizer im Refrain – aber auch hier sagen wir: Material durchaus brauchbar. Unsere Punkte: 21/30.


9. Bashkim Alibali – Kengen time merr me vehte

Hier sind wir jetzt im Albanien der Siebziger – ein älterer Herr präsentiert uns etwas lokal-traditionelles, verpackt im modernen Pseudogewand. Aber Retro bleibt Retro. Es ist irgendwie schwer verdaulich. Der Daumen geht eher runter für diesen Song der alten albanischen Schule – 7/30 Punkte von uns.


10. Altin Goci – Ktehem prape

Ganz in schwarz mit Rollkragenpulli – ob sich letzterer negativ auf Altins Stimmbänder auswirken wird? Wir fragen uns, welcher Musikstil das hier nun sein soll. Oliver gefallen die Instrumentalteile deutlich besser als der gesungene Part und er vergleicht dieses Machwerk mit einer Wegwerfwindel……Der Song soll wohl Stimmung verbreiten, das halten wir aber für ein Gerücht…..ganze 11/30 Punkte von uns.


11. Elton Deda – Kristal

Untersetzter Herr mit Gesichtsbehaarung und angenehmer Stimme. Das hier ist Qualität! Angenehm für die Ohren – da sehen wir auch über den Vollbart und die zotteligen Haare hinweg. Wirklich guter Refrain, das könnte ein echter Tipp sein heute abend. Bis Baku noch ein bisschen aufpeppen – unseren Segen hat Elton. Wir geben  25/30 – unser neuer Spitzenreiter!


12. Endri & Stefi – Mbi cdo iluzion

Zwei reife Herren, der eine mit mächtigem Pferdeschwanz……Sie singen ein harmonisches Duett, dessen Zauber sich sehr langsam entfaltet. Nicht der ganz große Wurf, aber auch nicht wirklich unangenehm, es bleiben in den Ohren keine unangenehmen Rückstände. Leider passiert ab Minute zwei nichts Neues mehr. Das ist uns insgesamt 18/30 Punkte wert.


13. Rona Nishliu – Suus

Rona trägt einen überdimensioneles Wollknäuel auf dem Kopf – oder sind es doch ihre Haare? Ihrem Gesichtsausdruck nach leidet sie sehr. Sie klagt sich durch diese sehr anspruchsvolle Komposition, oder plagen sie Unterleibsschmerzen? Ein schwieriges Lied, gar nichts für ein Televoting. Etwas für Hardcore-Fans, die einen werden es lieben, die anderen werden es hassen. Oliver ist natürlich hin und weg. Unsere Punkte: 23/30.


14. Kamela Islamaj – Mbi yie

Jetzt eine Veteranin des Festivals. Ihr Song ist auch nicht wirklich schlecht, reißt aber auch niemanden im Raum vom Hocker. Positiv anzumerken sind die hübschen Bilder albanischer Landschaften im Hintergrund. Allerdings sieht sie wie ein geschminktes Püppchen aus. Wir verteilen dafür zusammen 14/30 Punkte.


15. Frederik Ndoci – Oh…..jeta ime

Na, nun wollen wir doch mal sehen, was Albaniens Vertreter in Helsinki 2007 auf dem Kasten hat. Einen Klangteppich rollt er uns aus – es klingt wieder mal sehr nach Portugal – wir sehen das kleine Fischlokal an der Algarve vor uns. Die Melodie ist doch geklaut! Von „Neste barco a vela“ (Portugal 1987), hier allerdings als getragene Ballade. Ganz nett! We give 16/30 Points!!


16. Mariza Ikonomi – Me lerr te te dua

Laura Pausini im Sekretärinnenoutfit – aber gute Stimme, flottes Lied. Macht Freude, doch auch hier fehlt das gewisse Etwas. Man merkt ihr aber an, dass sie bereits das achte mal beim Festival dabei ist – sehr routiniert. Wir hatten sie verzweifelter erwartet….. 22/30 Punkte für die Ökonomische!


17. Elhaida Dani – Mijra vjet

Uns fällt langsam auf, dass heute abend wirklich viel schwarz getragen wird – wahrscheinlich, um sich von der bonbonfarbenen Bühne etwas abzuheben. Auch Elhaida hat sich dafür entschieden. Ihr Song hat einen sehr bombastischen und dramatischen Touch, dem ihre Stimme aber nicht mehr folgen kann. Dennoch ein ziemlich gutes Arrangement. Mir gefällt es sehr – Oliver dagegen so gut wie gar nicht – macht zusammen 15/30 Punkte.


18. Rudina Delia – Me kerko

Sehr getragene und dramatische Ballade mit ansprechenden Anteilen – leider etwas zusammenhanglos und blutarm. Rudina scheint auch nicht sonderlich viel Spaß auf der Bühne zu haben. Gesundes Mittelmaß mit 15/30 Punkten von Oliver und Jan.


19. Samanta Karavello – Zgjome nje tjeter enderr

Samantha trägt einen eleganten weißen Hosenanzug mit den Überresten eines weißen Flamingos auf der Schulter. Sie singt eine sehr klassische, aber authentische und stimmige Ballade. Wirklich gut gesungen, aber leider ein Song mit plötzlichem abrupten Ende. Was ist passiert – ist der Strom ausgegangen? Das Publikum applaudiert so gut wie gar nicht – uns ist das trotzdem 18/30 Punkte wert.


20. Dr. Flori – Personale

Zum Abschluss ein symphatischer Busfahrer mit einem Bombast-Rap. Sehr guter Refrain, das Orchester mildert die unangenehmen Rapteile zwischen den melodischen Refrains dankenswerterweise ab. Uns gefällt es überraschenderweise ganz gut – 20/30 Punkte.

Und schon haben wir alle 20 Titel gehört und erst 2 Stunden sind seit Beginn vergangen. Deutlich flotter als in Sanremo, da wären wir nun erst beim vierten Lied… Anruf aus der PRINZ Zentrale (hat man sich doch von der Steuererklärung losreißen können?), wir sollen die besonderen optischen Qualitäten des Moderators Nik hervorheben. Tun wir gern: Nik ist hip. Nik ist schick. Nik ist FIK (=Festval i Kenges).

Während in den Greenroom geschaltet wird und auf der Bühne Kinder abgeküsst werden, auch noch ein paar Worte zu den anderen beiden Moderatoren: Hygerta ist eine ehemalige Miss Albanien (1995) und hat offensichtlich eine Karriere als Otto-Katalogmodell hinter sich. Enkeleida erinnert uns sehr an die junge Anita Ekberg, die durch „La dolce vita“ und das Bad im Trevi-Brunnen unsterblich wurde. Heute ist sie 80, abgebrannt (ihre Wohnung ebenso wie sie selbst) und fristet ihre Tage in einem römischen Altenheim, aber das ist wieder eine andere Geschichte…

TOLL: Ein Medley aller ESC-Beiträge Albaniens. Anjeza Shahini (sehr attraktiv), Ledina Celo, Luis Ejlli, Fredrik Ndoci, Olta Boka, Kejsi Tola (ziemlich üppig geworden, Jan spricht von einer Kejsi-Torte) , Juliana Pasha (mit der üblichen Pudelfrisur) und eine hochschwangere Aurela Gace singen ihre Songs playback an. Dabei fällt uns auf, dass viele der heute gehörten Festival-Beiträge nicht die Catchiness/Eingängigkeit der ehemaligen Siegertitel aufweisen – aber diese sind ja alle nochmal gut durchgebürstet worden, bevor sie auf der ESC-Bühne erklangen.

Unsere Top 5:

1. Elton Deda – Kristal 25/30
2. Rona Nishliu – Suus 23/30
3. Hersi Matmujah – Aty ku me le  23/30
4. Mariza Ikonomi – Me ler te te dua 22/30
5. Gerta Mahmutaj – Pyete zemren 21/30

Interval Act: Ein seltsames Ballett, offensichtlich aus Aserbaidschan. Dann ein Clip mit Vace Zela, einer legendären albanischen Sängerin und Veteranin des Kenges-Festivals (mehrfache Siegerin). Wir sehen Ausschnitte aus alten Festivals der kommunistischen Ära und eine in Tränen aufgelöste Vace Zela. Sie erhält Standing Ovations.

Nik (erwähnten wir schon, er ist schick) übergibt nun an die versammelten Albanian Allstars, die ein Medley von Vace Zelas größten Hits präsentieren.

So, jetzt wird es ernst. Rona und „Suus“ gewinnen einen Preis – für die beste Interpretation, soweit wir das verstehen können. Elton (unser Favorit) bekommt den Preis für den besten Text(?). Ein weiterer Preis geht an einen uns unbekannten Komponisten, dann wird auch noch Frederik Ndoci geehrt… wir vermuten, es ist ein Seniorenpreis (dabei ist er erst 51). Wir schwimmen gerade etwas… und Hygerta und Enkeleida werfen mit Preisen nur so um sich…

Nun werden Punkte vergeben – die siebenköpfige Jury (Tirana-Hydra) hat ihr Voting abgegeben und Hygerta liest nun alles der Reihe nach vor. Rona Nishliu erhält die erste 12 und viel Applaus. Leider ist das Scoreboard nicht zu entziffern.Nach 3 Juroren liegt Rona vor Elton – unsere Einschätzung ist offenbar gar nicht so schlecht. Die Moderatoren lesen schneller als die Punktewand hinterherkommt und müssen gebremst werden. Leider sieht man die Punkte nicht richtig…. wir stochern also im Nebel, aber es scheint gut für „Suus“ zu laufen…

RONA NISHLIU hat GEWONNEN. Albaniens Beitrag für den Eurovision Song Contest 2012 in Baku heißt „SUUS“ und ist eine dramatische Ballade, die für viele mitteleuropäische Ohren sperrig klingen dürfte, insbesondere in den schrillen, Klageschreien ähnlichen Refrain-Teilen. Wir sind von der Entscheidung der albanischen Experten-Jury nicht überrascht, das Publikum in Tirana scheint hochzufrieden. Eine charismatische Interpretin (ähnlich wie im letzten Jahr) mit einem äußerst schwer zu singenden Titel, der nicht einfach einzuschätzen sein wird. Warten wir auf die 3-Minuten-Fassung für Baku. Fazit: Eine eigenwillige, originelle, aber sperrige Wahl. Kein Lied für jedermann.

Spannend dürfte auch sein, dass die 25-jährige Rona aus dem Kosovo stammt – mal sehen, wie die Serben in Baku auf den albanischen Song reagieren….

Rona wurde in Albanien schon vor sieben Jahren bekannt, als sie beim albanischen „Idol“ (ja, auch das gibt´s!) in die TOP 5 gelangte. Sie schreibt sich ihre Songs in der Regel selbst. Auch zu „Suus“, was aus dem Lateinischen kommt und hier soviel heißen dürfte wie „Persönlich“, hat sie den Text selbst geschrieben – die Musik stammt von Florent Boshnjaku.

Rona Nishliu-Suus (Semifinale)

Und hier noch mal mit klassischer Frisur (Finalauftritt):