Live-Blog: Sanremo 2018, Prima Serata – Festival der alten Herren

Das berühmte Festival della canzone italiana, kurz auch einfach Sanremo genannt, ist am Dienstag Abend in die 68. Saison gestartet, mit Michelle Hunziker und Pierfrancesco Favino (Foto) als Moderatoren. Am ersten Abend trugen, anders als in den Vorjahren, alle 20 Teilnehmer des Startfeldes „Campioni“ ihren brandneuen Beitrag vor. Weniger brandneu waren die Künstler. Die Haarfarbe Grau war recht dominant, die Zahl der Damen überschaubar. So richtig überzeugte noch kein Lied, vor allem nicht im Hinblick auf den ESC.

Unser Liveblog zum Nachlesen. UPDATE: Jetzt mit Videos.

Buona sera zum ersten von insgesamt fünf Sanremo-Abenden (wir begleiten nur den ersten und den letzten mit einem Liveblog)!

Wie immer kommt die Show live aus dem Teatro Ariston in Sanremo, und Michelle Hunziker, Pierfrancesco Favino und Claudio Baglioni präsentieren dieses Jahr das Festival.

Sehen und hören werden wir heute Abend alle 20 Beiträge, die im Sanremo-Bereich „Campioni“ starten (die Newcomer kommen erst am Mittwoch und Donnerstag Abend, spielen für die ESC-Auswahl aber keine Rolle). Mit dabei sind alte Hasen wie Luca Barbarossa, Riccardo Fogli, Ron, Ornella Vanoni, außerdem Nina Zilli, Giovanni CaccamoNoemiAnnalisa und Elio e le Storie Tese. Freuen dürfen wir uns sicher auch auf Ermal Meta, der voriges Jahr mit „Vietato morire“ begeisterte.

Der Livestream ist hier zu finden.

Wie in den Vorjahren wird es um 20:30 Uhr ein Vorab-Talk („PrimaFestival“) geben, und anschließend beginnt dann die Show (vermutlich so gegen 20:45 Uhr).

Huch, „PrimaFestival“ hat die gleiche Eröffnungsmusik wie die „heute-show“ im ZDF… 🙂 Und holt Sergio Assisi eigentlich auch mal Luft?

Als Stargast war Laura Pausini angekündigt. Aber sie ist offenbar erkrankt und fehlt: „Laura non c’è, Tommaso invece sì“ schreibt die italienische Huffington Post. Mit Tommaso ist Tommaso Paradiso gemeint, ein cantautore, der als Ersatz für die Pausini geladen ist.

So, es geht los. Mein erstes Sanremo seit Jahren ohne den werten Kollegen OLiver… es fehlt was. Liebe Grüße, lieber OLiver, falls du doch mitliest… 😉

Die 20 Campioni eröffnen das ganze mit einem gemeinsamen Lied. Hat was von Band Aid… Und damit ab ins Teatro. Der auf der Bühne ist aber nicht Pierfrancesco Favino, und die Hunziker natürlich auch nicht. Naja, es ist das übliche Gequatsche zum Start, ehe es überhaupt los geht. Rosario Fiorello, Komiker und Entertainer, macht quasi das Warming-Up.

Bekanntlich nimmt man sich in Sanremo seeeeeeeeeeeeeehr viel Zeit. Vermutlich gibt’s gegen 21:30 Uhr das erste Lied. 😉 Uns hier ist das ja immer etwas fremd. Das ganze heißt „Festival della canzone italiana“, aber bisweilen hat man eher den Eindruck, die „canzoni“ stehen gar nicht im Mittelpunkt des Festivals.

Nachdem Fiorello noch was gesungen hat, begrüßt er endlich den Musikalischen Leiter des diesjährigen Festivals, Claudio Baglioni – bei uns auch bekannt durch seinen Klassiker „Questo piccolo grande amore“ von 1972. Claudio begrüßt uns zum 68. Festival di Sanremo. Er lobpreist die Wirkung der Musik: „kleine Wunder“, die uns durchs Leben begleiten, die uns unterhalten, die uns bewegen, die uns anrühren.

Noch fehlen aber zwei: Pierfrancesco Favino und Michelle Hunziker. Erst gibt’s aber etwas Werbung – auch die gehört zu Sanremo wie die Rückung zum ESC-Song. Die RAI macht in dieser Woche wieder ordentlich Kohle…

So, jetzt ruft Claudio auch Pierfrancesco Favino auf die Bühne. Michelle Hunziker hebt man sich als Höhepunkt auf. Pierfrancesco ist ja eigentlich Schauspieler, für ihn ist das ein Debüt als Moderator des Festivals. Die Hunziker hat den Job ja 2007 schon mal gemacht. Und da kommt sie auch, in einem schwarzen bodenlangen Kleid. Die Herren natürlich im Smoking. Rausputzen tut man sich ja immer für Sanremo.

Michelle erklärt das Verfahren. Die Zuschauer haben ja ein Mitspracherecht, heute Abend zählt ihr Voting 40%, dazu kommen 30% durch die anwesende Presse sowie 30% durch eine demoskopische Jury. Jeder Zuschauer kann maximal fünf Mal anrufen. Heute singen alle Künstler ihr Lied das erste Mal, an den beiden folgenden Abend präsentieren sie ihr Lied nochmal – die Wertungen aller Abende werden am Schluss zusammengeworfen und fließen auch die Wertung am Samstag im Finale ein. Alles irgendwie kompliziert. Jedenfalls fliegt – anders als in den letzten Jahren – vor dem Finale niemand raus. Alle 20 werden am Samstag im Finale zu hören sein.

So, es geht los – und zwar mit Annalisa.

1. Annalisa, „Il mondo prima di te“

Annalisa singt eine ruhige Nummer, die sich im Refrain etwas steigert. Die Bühne in pink, sie selbst in einem kurzen schwarzen Glitzerkleid. Annalisa singt es mit kräftiger Stimme, sicher, aber ich finde, es kommt wenig rüber. Es ist nett anzuhören (wie so vieles in Sanremo), aber irgendwie auch etwas langweilig. Und nicht wirklich zeitgemäß. 5/10

 

2. Ron, „Almeno pensami“

Ein Altstar, Lucio Dalla, hat für einen anderen Altstar ein Lied geschrieben. Ron steht mit Gitarre allein auf der Bühne. Gleich noch eine Ballade. „Almeno pensami“ ist klassisches cantautore-Liedgut. Hätte so auch schon bei Sanremo 1980 dabei sein können. Positiv gesprochen, könnte man das Liebeslied zeitlos nennen. Wäre natürlich chancenlos beim ESC. Ein Lied halt fürs italienische Publikum (vor allem das jenseits der 60). Vorsicht, nicht einschlafen… 3/10

 

Michelle quatscht ein wenig mit Claudio Baglioni. Beide kündigen den nächsten Künstler an…. Claudio beklagt sich, dass der Text auf der Moderationskarte so klein geschrieben sei. Na, auf, weitermachen! Michelle kündigt Elektrofunk an, es kommt die Band The Kolors.

3. The Kolors, „Frida (Mai Mai Mai)“

Es wird flotter. „Frida“ ist eine Midtempo-Popnummer mit klarem Beat und „Hay“-Rufen im Refrain. Die drei Jungs kommen auch nett rüber. Vor allem Frontmann Antonio „Stash“ Fiordispino mit seiner Föhnwelle im Zirkusdirektor-Jäckchen. Ein bisschen geschrien, aber ich find‘ die Nummer ganz ansprechend. Kann natürlich auch daran liegen, dass wir eben zwei Schlaftabletten hatten. Dagegen wirkten The Kolors ziemlich frisch. 8/10

 

4. Max Gazzè, „La leggenda di Cristalda e Pizzomunno“

Ich mag den Max ja ganz gern. „La leggenda…“ ist allerdings was ganz anderes als das flotte „Sotto casa“, was er vor 5 Jahren in Sanremo im Angebot hatte und das mir richtig gut gefiel. Dieses Mal präsentiert Herr Gazzè eine klassische pianolastige Sanremo-Nummer, die ohne Höhepunkte vor sich hin hinplätschert. Das haut mich leider gar nicht vom Hocker. Da steht er recht steif in seiner grauen Glitzerjacke, hinter ihm eine Frau an einer Harfe, die allerdings wenig zu tun hat. Man muss schon fast ein Gähnen unterdrücken. Nee, das war mir zu öde. 3/10

Nach etwas Werbung zurück im Teatro Ariston. Claudio Baglioni strahlt auch nix aus. Als moderiere er eine Trauerfeier. Irgendwie eine Fehlbesetzung als Showhost.

Claudio kündigt Laura Pausini an – aber es kommt dann doch Fiorello die Showtreppe runter. Wir wissen ja, warum… Laura ist krank, gibt’s nun stattdessen das Alternativprogramm? Erst macht Fiorello noch ein paar Scherze mit Baglioni. Dann telefonieren sie mit Laura Pausini – jetzt wird die Gute fürs Sanremo-Finale am Samstag erwartet. Bis dahin ist sie hoffentlich wieder auf den Beinen. Laura verfolgt die Show natürlich vom Krankenbett aus. Jetzt singen Claudio und Fiorello auch noch ein Lied… Herr Baglioni kann’s eben nicht lassen.

Für die Nummer gibt es viel Applaus und standing ovations im Teatro. Laura ist immer noch am Telefon und sagt Claudio: „Du bist der größte!“

4 von 20 Songs haben wir gehört, macht 20%. Und es ist schon nach 22 Uhr… das wird ein langer Abend. Aber Sanremo geht ja immer bis nach 1 Uhr nachts. Das wird heute auch so sein. Nicht, dass man die Show auch raffen und spätestens um Mitternacht an ein Ende führen könnte. Aber das will bei der RAI eben niemand. Aber nun erinnert Michelle Hunziker daran, dass hier noch ein Wettbewerb läuft… also weiter mit den Campioni. Michelle schickt die beiden Herren von der Bühne und kündigt Startnummer 5 an. Eine italienische Legende: Ornella Vanoni.

 

5. Ornella Vanoni con Bungaro & Pacifico, „Imparare ad amarsi“

Ornella in einem weißsilbernen, eleganten Kleid steht im Mittelpunkt, Bungaro & Pacifico begleiten sie im Hintergrund (Gitarre, Flügel). „Imparare ad amarsi“ ist eine typische Sanremo-Ballade, streicherlastig vor allem in der zweiten Hälfte. Ornella ist 83, sieht aber super aus. Und irgendwie berührt einen das Lied, auch wenn es eigentlich recht schlicht daher kommt. Ein Kleinod, irgendwie zerbrechlich – und auch so zerbrechlich vorgetragen. Nett. 6/10

 

6. Ermal Meta & Fabrizio Moro, „Non mi avete fatto niente“

Das Lied der beiden beginnt spannend, mit einer Art Glockenspiel-Sound. Dazu ein schnell gesungener Text von Ermal Meta, dann kommt Fabrizio dazu. Das ist ja fast schon gerappt, so viele Silben werden da in kurzer Zeit untergebracht. Sehr textlastig, die Nummer. Wenig Melodie, selbst im Refrain kaum. Man wippt zwar mit, aber etwas weniger monoton hätte ich mir das ganze doch gewünscht. Gegen Ende hat man sich ans Lied gewöhnt, da finde ich es dann okay. An Ermals schöne Nummer voriges Jahr kommt „Non mi avete fatto niente“ aber nicht ran. Letztes Jahr wurde er Dritter im Finale. Das könnte dieses Jahr schwer zu erreichen sein, fürchte ich. Aber mal sehen, was noch so alles kommt… Alles in allem eine solide Nummer, die für Sanremo-Verhältnisse recht modern ist. 6/10

 

7. Mario Biondi, „Rivederti“

„Riverderti“ beginnt ganz barjazzig – ein Mann in einem weißen Anzug an einem Flügel. Man kommt sich vor wie in einer schummrigen Bar…. mal am Martini nippen, vorne steht ein bärtiger Typ und singt eine softe Nummer. Mario Biondi erinnert stimmlich an Tom Waits, rauchig wie die Luft in unserer schummrigen Bar (die Bühne auch in einem dunklen Königsblau). Ein interessanter Vortrag. Alles andere als innovativ, aber mich erreicht Signor Biondi. Es hat was Elegantes. Sicher nichts für den ESC und sicher auch kein Sanremo-Sieger. Aber ich fühlte mich gut unterhalten. 5/10

Der nächste Werbeblock, und dann geht es mit Trauerredner Claudio Baglioni weiter. Da sehe ich Michelle und Pierfrancesco wirklich lieber. Die beiden ergänzen sich gut, aber Claudio wirkt für die Show nicht so ganz geeignet. Jetzt trägt Pierfrancesco auch noch was vor. Ach, soll was Lustiges sein. Er beginnt „Quando, quando, quando“ zu singen, da unterbricht ihn Claudio: Das sollte hier jetzt doch was Ernsthaftes, ein bisschen Hochkultur werden… Doch das hält er natürlich nicht durch, weil das Orchester schon den nächsten Schlager anstimmt. Als dann auch noch ein Lied von Michelles Ex-Mann Eros Ramazzotti dran ist, muss sie beherzt eingreifen…

Beim „Namasté!“ reicht es Claudio Baglioni, und er und Pierfrancesco gehen von der Bühne ab. Dafür darf Michelle den nächsten Act in unserem Wettbewerb ansagen:

8. Roby Facchinetti & Riccardo Fogli, „Il segreto del tempo“

Die nächste Nummer, die ganz ruhig beginnt, mit einem Klavierspiel. Roby und Riccardo sitzen zusammen am Flügel. „Il segreto del tempo“ entpuppt sich als ganz schönes Lied, mit Melodiemotiven, die man schon mal gehört zu haben meint. In der zweiten Hälfte des Songs stehen beide auf, gehen nach vorn, stehen sich gegenüber und singen den Refrain nochmal. Da hat sich das Lied dann auch schon ein wenig gesteigert, hat an Dynamik gewonnen. Nett, aber auch nicht überragend. 4/10

 

9. Lo Stato Sociale, „Una vita in vacanza“

Das bisher modernste heute Abend. Die in Italien recht bekannte Indiepop-Band aus Bologna präsentiert einen ausgesprochen eingängigen, flotten Popsong (weniger Indie als gedacht…) Nicht perfekt gesungen, ganz im Gegenteil. Das ist teils schief, teils eher rausgerufen als gesungen. Aber es macht Spaß, den Jungs zuzuschauen. Und was bei Gabbani letztes Jahr der Gorilla war, ist hier eine Oma, die zwischen den Jungs über die Bühne herumläuft… Dann kommt noch ein Glatzkopf dazu, und Omi und Glatzkopf legen eine kesse Sohle aufs Parkett. Am Ende wird die Gute auch noch richtig rumgewirbelt. Grandios!! Großes Tennis!! Ich sitze lachend vor dem Laptop. Brillant. Man vergisst fast die Musik. Am Ende steht die Band vorn beim Publikum, die Bühne hat man dem Oldie-Tanzpaar überlassen. Spitze!! 10/10

Nach der Werbung eine Showeinlage mit der Hunziker, die auch was singen darf – mit einem Schuhproblem…

10. Noemi, „Non smettere mai di cercarmi“

Noemi mit ihrer ausdrucksstarken, auffälligen Stimme – immer wieder gern gesehener Kandidat in Sanremo. Für ganz vorn hat’s nie gereicht. Auch diesmal ist ihr Lied ganz passabel, aber es fehlt das gewisse Etwas. Sie schaut am Ende kurz etwas betreten, als ob sie von ihrer Performance überhaupt nicht überzeugt gewesen wäre. Aber dann lacht sie doch und winkt ins Publikum. Na, mir hat’s auch gefallen. Aber kein Überflieger. Sie macht das beste draus und hat es gut vorgetragen. 6/10

Michelle erwähnt den ESC in Lissabon, den die RAI natürlich übertragen wird. Nach drei Sätzen geht’s aber schon über zu Gianni Morandi, der ja auch schon mal für Italien beim ESC gesungen hat (1970, „Occhi di ragazza“). Aber Gianni kommt noch nicht, erst mal geht’s weiter im Wettbewerb.

 

11. Decibel, „Lettera dal Duca“

Huch, das erste Mal, das heute Abend zumindest ein bisschen Englisch gesungen wird, im Refrain von „Lettera dal Duca“. So rockig wie Decibel optisch daher kommen, ist das Lied bei weitem nicht. Für Sanremo brav gebürsteter Altherrenrock, bei dem nichts hängen bleibt. Und „I see the mountains“ in eher schlechtem Englisch. Das hätten Decibel besser bleiben lassen, der englische Part war auch völlig unnötig und wirkt wie ein Fremdkörper in dem Lied. Aber das ganze braucht man nicht wirklich. Rolling Stones für ganz Arme. Kann weg. 2/10

Michelle kündigt wieder Gianni Morandi an, aber erst kommt Werbung. Michelle hat sich inzwischen wieder rumgezogen, und sie und Pierfrancesco begrüßen nun Elio e le Storie Tese, die auch schon ein halbes Dutzend mal in Sanremo dabei waren…

 

12. Elio e le Storie Tese, „Arrivedorci“

Ja, kein Schreibfehler. Das Lied heißt nicht „Arrivederci“… Elio e le Storie Tese diesmal wie aus einem Bollywood-Film. Der Sänger sieht aus wie ein Maharadscha. Das Lied rauscht an meinem Ohr vorbei. Es ist eher sperrig, ohne klare eingängige Melodie. Das ist komplex konstruiert, das erschwert meines Erachtens ein wenig den direkten Zugang zu dem Lied. Am Ende stehen die Herren in einer Reihe und singen immer wieder „Arrivedorci“ mit der Hand auf der Brust, dort wo das Herz sitzt. Ach, ich weiß nicht. Showeffekte und ein seltsames Lied. 3/10

 

13. Giovanni Caccamo, „Eterno“

Zum dritten Mal in Sanremo dabei. 2016 im Duett mit Deborah Iurato, dieses Mal solo. Inzwischen hat er sich einen Vollbart wachsen lassen. Nu gut… Giovanni singt eine Ballade, zuerst ganz zurückhaltend, fast schon kraftlos, aber irgendwie intensiv – man merkt, Giovanni ist ganz bei sich. Das ganze steigert sich im Lauf des Liedes, wird kraftvoll, ein starkes Liebeslied. Man sieht Giovanni mit Freude beim Singen zu, das ist ein wirklich überzeugender Vortrag. Hat was. 6/10

 

14. Red Canzian, „Ognuno ha il suo racconto“

Noch ein ergrauter Herr. Davon gibt’s in diesem Jahr in Sanremo ein paar zuviel, würd ich sagen. Immerhin hat sein Lied ein ganz vernünftiges Tempo. Als ich Red Canzian in den ersten Sekunden da in seinem blutroten Jäckchen hab stehen sehen, hab ich schon das Schlimmste befürchtet (Decibel Teil 2….) Aber ganz im Gegenteil. „Ognuno ha il suo racconto“ ist durchaus mitreißend. Aber irgendwie hat man den Eindruck, der Olle passt nicht ganz zum Lied. Ich habe aber gern zugehört. 6/10

 

15. Luca Barbarossa, „Passame Er sale“

Der ESC-Teilnehmer von 1988 ist wieder mal in Sanremo dabei. Luca steht vor einem Strahlenkranz, der an „Undo“ von Sanna Nielsen erinnert. „Passame Er sale“ ist ein schönes Lied, das irgendwie zum Mitschunkeln einlädt. Es hat etwas Nostalgisches, wie die Erinnerung an einen lange zurückliegenden Italien-Urlaub. Das kommt ohne Gimmicks und besondere Steigerungen aus, das strömt einfach Sanremo aus. Das möchte man einfach ein paar Minuten lang hören und dazu einen kräftigen caffè schlürfen…. Nett. (Vielleicht muss ich an Kaffee denken, weil Luca ja auch singt „Reich mir das Salz“…) 7/10

Werbung. Noch fünf Songs. Bisher gefielen mir Lo Stato Sociale, The Kolors, Luca und Ermal/Fabrizio am besten. Knapp dahinter Noemi, Ornella, Giovanni und Red Canzian.

Wir sind zurück, Frau Hunziker hat schon wieder einen neuen Fummel an, diesmal in einem Flaschengrün. Sie und Pierfrancesco begrüßen als nächsten Gast nun endlich Gianni Morandi. Doch selbst da hat sich Claudio Baglioni wieder mit ins Programm geschrieben – so wird es ein Duett der beiden alten Herren. Die beiden können es aber halt immer noch. Kräftige Stimmen.

Jetzt macht aber mal weiter, es ist schon 3 Minuten nach Mitternacht… Ach nee, erst singt Gianni Morandi nochmal was, jetzt mit dem oben erwähnte Tommaso Paradiso.

16. Diodato & Roy Paci, „Adesso“

Roy ist wohl der, der hier die Trompete auf der Bühne spielt. Dazu singt Diodato (auch schon mal bei Sanremo dabei) eine mäßig interessante Nummer. Ich ertappe mich dabei, in Gedanken abzudriften. Und das Lied endet seltsam abrupt, als ob sie plötzlich keine Lust mehr gehabt hätten. Ein paar große Trommeln auf der Bühne – spielten die irgendwie ne Rolle? Schrecklich belanglos. Da reißt auch ne Trompete nichts mehr raus. 4/10

 

17. Nina Zilli, „Senza appartenere“

Die ESC-Teilnehmerin von 2012 ist wieder da. Huch, kommt sie gerade von ihrer Hochzeit? Nina in einem cremefarbenen geraffelten ausladenden Kleid, mit dickem Geschmeide um den Hals. Sie singt eine Ballade. Was ganz anderes als „L’amore è femmina“ – und in meinen Augen auch nicht so stark wie „Per sempre“ (ihr Sanremo-Lied 2012). Aber zwischen den vielen mäßigen Songs des Abends sticht das durchaus positiv heraus. Schön gesungen, überzeugend präsentiert. Ich fand’s gut – allerdings auch für Sanremo brav-gebügelt. Für das Festival traut man sich nichts Rotziges. 7/10

So, wie jedes Jahr bei Sanremo gibt’s zwischendurch kurz die Spätnachrichten. Und dann ab in die letzte Runde des Abends. Ich frage mich ja jedes Jahr, ob zu dieser Stunde schon die ersten im Saal in ihrem Sessel eingeschlafen sind. Mal sehen, ob die letzten Songs sie wieder aufwecken… ach nee, erst muss Claudio Baglioni noch „As time goes by“ aus Casablanca anstimmen… Schlimm, wie das hier wieder in die Länge gezogen wird. Ach, jetzt wird es hier noch therapeutisches Gruppensingen.

 

18. Renzo Rubino, „Custodire“

Renzo, bei Sanremo 2013 mit dem Homo-Lied „Il postino (amami uomo)“ aufgefallen, singt eine musikalisch durchaus interessante Nummer. Er singt sich vor allem gegen Ende die Seele aus dem Leib, ausdrucksstark. Ich bin mir nicht so sicher, wie das ankommt. Ist da mancher womöglich eher etwas abgeschreckt? Ich fand es irgendwie ganz spannend. 6/10

 

19. Enzo Avitabile con Peppe Servillo, „Il coraggio di ogni giorno“

Noch zwei in die Jahre gekommene Herren… oje, liegt das an Claudio Baglioni? Hat der gesetzte künstlerische Leiter für Sanremo 2018 fast nur die Riege 50+ ins Festival gelassen? Ist ja wirklich auffällig (mal davon abgesehen, dass kaum Frauen im Rennen sind…) „Il coraggio di ogni giorno“ bekommt durch die Oboe (?) eine ungewöhnliche Klangfarbe, das Lied hat etwas leicht Düsteres. Erneut ein Lied, dem ich durchaus fasziniert lausche. Das ich aber nicht beim ESC sehe. Und auch nicht vorn am Samstagabend im Sanremo-Finale. 5/10

 

20. Le Vibrazioni, „Così sbagliato“

Zum Schluss noch eine rockige Nummer. Die Lichttechniker im Teatro geben nochmal alles. Le Vibrazioni kommen aus Mailand und machen schon seit Jahren Musik. In Sanremo waren sie aber noch nie, glaube ich. „Così sbagliato“ ist ganz ordentlich, die langgezogenen Töne im Refrain überzeugen mich nicht ganz, die hohen Töne in den Strophen sind auch nicht sauber und treffen eher meinen Schmerznerv. Aber alles in allem eine passable Performance. 6/10

 

So, das waren die 20 Songs. Es ist kurz vor eins. Jetzt hat Michelle noch eine Art Ranking angekündigt. Die Presse (sala stampa), die „giuria demoscopica“ (demoskopische Jury) und die Zuschauer haben ja heute Abend schon abgestimmt, es gibt also einen ersten Trend. Morgen und übermorgen sind die 20 ihr Lied nochmal (morgen die eine Hälfte, am Donnerstag die andere Hälfte) – dort wird dann wieder abgestimmt. Interessant ist nochmal der Freitagabend, wo alle 20 ihr Lied mit einem Star im Duett präsentieren. Und dann geht es am Samstag ins Finale.

So, das Ranking (allerdings nur das der „giuria demoscopica“) in Blau (oben), Gelb und Rot (unten). Wie gesagt, nur ein Trend.

Im Spitzenfeld landen:
– Nina Zilli
– Lo Stato Sociale
– Noemi
– Annalisa
– Max Gazzè
– Ron
– Ermal Meta & Fabrizio Moro

Im Mittelfeld landen:
– Luca Barbarossa
– Mario Biondi
– The Kolors
– Elio e le Storie Tese
– Giovanni Caccamo
– Ornella Vanoni

Hinten landen:
– Decibel
– Diodato & Roy Paci
– Renzo Rubino
– Enzo & Peppe
– Red Canzian
– Le Vibrazioni
– Roby & Riccardo

Damit endet die heutige Sendung aus dem Teatro Ariston. Wir machen zum Finale noch einen Liveblog und lassen die Italiener an den kommenden Abenden erst mal alleine voten. 😉

Eine gute Nacht und bis bald! Buona notte!