Live-Blog Griechenland: Wenig Aphrodisierendes aus der Shopping Mall

Vier Interpreten traten am Montag abend im Athener Einkaufszentrum „River West Mall“ auf. ERT und Universal Music Greece hatten unter hohem Kostendruck eine simple VE zusammengebastelt, in der keine großen Namen auftraten, viel recycelt wurde und nur wenig Spannung erzeugt wurde. Letztlich gewann erwartungsgemäß die ehemalige X-Factor-Teilnehmerin Eleftheria Eleftheriou mit dem Song  „Aphrodisiac“. Das Liedchen wirkt wie eine Mixtur vergangener hellenischer Beiträge und wird (vielleicht grade deshalb) in Baku recht gut abschneiden. Hier der Live-Blog aus dem Einkaufszentrum zum Nachlesen.

Guten Abend aus Köln. Das Finale scheint sich wie üblich etwas zu verzögern, es laufen noch die Abendnachrichten.

Nun geht es los, der wohl erste Vorentscheid aus einer Einkaufspassage. Grund hierfür waren vor allem die Kosten. ERT hatte bereits im November 2011 angekündigt, dass man teilnehmen wolle. Ende Januar gab es dann konkretere Infos: Teilnahme ja, gleichwohl würde aber das Budget für eine Teilnahme am ESC 2012 erheblich niedriger sein als in vergangenen Jahren. Ende Februar wurde bekanntgegeben, man sei mit der Plattenfirma Universal Music Greece übereingekommen, die Kosten für die Produktion und Promo von vier Songs, und das Projekt Baku aufzuteilen. Und die Ausscheidung werden nicht im Studio aufgezeichnet sondern in der „River West Mall“.

Wo nun auch eine schöne Bühne aufgebaut wurde, auf der zum Start eine Menge Aerobic-Choreos zu neuer Chartmusik dargeboten werden. Moderiert wird die Sendung von Maria Kozakou and Giorgos Frantzeskakis. Wie in vielen anderen Ländern wird auch in Griechenland eine 50/50-Wertung von Jury und Televoting den Siegertitel bestimmen.

Aus technischen Gründen verfolgen wir die VE auf ERT SAT-Fernsehen, zeitversetzt um eine paar Minuten, da der Livestream auf eurovision.tv größtenteils streikt. Wir bitten um Nachsicht!

Maria Kozakou, ihres Zeichens Radiomoderatorin und Kommentatorin des ESC 2011 für das griechische Fernsehen, and Giorgos Frantzeskakis kündigen nun Loukas Yiorkas an. Der Videomitschnitt von Düsseldorf wird in voller Länge gezeigt, während gleichzeitig Bilder von jubelnden Zuschauern im Einkaufszentrum laufen, inklusive Etagenwechsel auf einer Rolltreppe. Ziemlich skurril. Loukas wird befragt nach den schönsten und weniger schönen Momenten des letzten Jahres. Er meint, der Mitschnitt habe ihn an die tolle Zeit 2011 erinnert, und Gänsehaut verpaßt. Die negativen Seiten, die alle in Griechenland betreffen, möchte er nicht kommentieren. Er plant in Kürze mit Peggy Zina ein paar Live-Auftritte, und sein neuer Song kommt bald raus.

Noch ein Novum in Griechenland wird nun angesprochen: die gesamten Kosten der Produktion rund um den Song für Baku werden von Universal Music Greece getragen, während sämtliche Einnahmen aus den Voting-Anrufen und -SMS wohltätigen Zwecken (Kinderprojekten und den SOS-Kinderdörfern) zugute kommen sollen. Und daher hat Universal auch zwei der dort unter Vertrag stehenden Künstler hier für die Sendung quasi als Appetizer außer Konkurrenz aufgeboten.

Der sehr junge Christos P. darf sein neues Lied „Kai olo mou leipeis“ (Du fehlst mir die ganze Zeit) präsentieren, und hinterher bei einem Mini-ESC-Quiz glänzen. Er weiß aus dem Stehgreif, dass Irland das siegreichste Land beim ESC ist, und auch noch, daß es sieben Siege waren. Na entweder war das vorher abgesprochen, oder der Gute ist Mitglied beim OGAE Greece (dabei kenn ich den gar nicht….)

Der Nächste ist Giorgos Sabanis, und seine Platte „Metaxy mas“ (Unter uns). Es scheint bereits ein Hit zu sein, da die Leute das kennen. Giorgos wird gefragt, ob er beim ESC mitmachen würde, er scheint aber nicht so angetan zu sein. Das läßt die Moderatoren kurzzeitig etwas sprachlos zurück. Irgendwie ist diese Sendung etwas zäh, und von einem gaaanz leichten Fremdschämfaktor….

Werbepause! Cool dabei, wie im letzten Jahr gibt es auch wieder Grußpostkarten von anderen Teilnehmern 2012, mit teilweise GRIECHISCHEN Textzeilen! Nina Zilli macht den Anfang (nur auf englisch), dann Gaitana aus der Ukraine („Ihr seid meine Gäste, be my guest“ auf griechisch) und Zeljko aus Belgrad, der seine gesamte Postkarte auf griechisch spricht. „Serbien“, so sagt er, „ist immer an der Seite Griechenlands“.

Zurück in der Shopping Mall, nun wird die Jury vorgestellt. Es sind Marina Lahana (Radio Producer and Head of ERA), Andreas Pilarinos (Dirigent), Foteini Giannolatou (Head of Public Relations of ERT), und Mihalis Tsaousopoulos und Tasos Trifonos (Radio Producers).

Nun sollen die Kandidaten kommen (Jetzt schon? Nach 44  Minuten? Das dauert doch sonst immer doppelt so lang?). Geht los!

1. Baby I’m yours – Dora (Ilias Pantazopoulos, Franc & Nektarios Tyrakis)

Tyrakis ist auch Autor von „Shake it“ (Griechenland 2004) und „Love me tonight“ (Belarus 2005). Dora war in der Vorauswahl zum JESC 2006 Vierte geworden. Der Song klingt verdammt nach „I would die for you“. Sie zählt zarte 20 Lenze und tritt auf dem Plateau in der Shopping Mall im zartrosa Kleidchen mit vier schwarzbekleideten Tänzerinnen an. Typische Symmetrie-Choreo, teilweise mit Figuren von einer Deckenkamera eingefangen. Sie schaut etwas wie Kalomoira aus, nur mit deutlich weniger pointiertem Tanz und das Ganze wirkt weniger professionell.

 Promo-Video

2. Killer bee – Cassiopeia (Christos Dantis, Lyrics Leonidas Chantzaras)

Aus Dantis‘ Feder stammt der größte Erfolg der griechischen ESC-Geschichte, „My number one“. Die drei Mädels im schwarzen Oberteil und in blauen Hotpants singen und tanzen wieder eine typische Symmetrie-Choreo, teilweise sehr asynchron, und auch einfach nicht sehr professionell. Klingt alles was schief, obwohl ich zwischendurch den Eindruck hatte, dass sie eh nicht live singen. Trotzdem klingt es schief. Was soll ich sagen. Optisch total ähnlich wie das Erste. Der Song ist etwas pop-rockiger, keine griechischen Klänge, aber nix Dolles.

 Promo-Video

3. No parking – Velvet Fire (George Samuelson, Leonidas Chanztaras)

Velvet Fire sind erst vor wenigen Monaten gegründet worden und noch nicht in der Musikszene in Erscheinung getreten. Sicherlich der interessanteste Beitrag des Abends, denn dieses Boy/Girl-Duo in Lack-Leder in Schwarz-Rot-Weiß hat so gar nichts Griechisches. Sie optisch in Richtung „brave“ Nina Hagen mit flippiger Frisur, er in roter Hose und Gitarre, und das Ganze akustisch in Richtung Girl-Rock-Group à la Vanilla Ninja, oder wie damals Irland 2009 mit Sinéad Mulvey. Klingt toll, ist rasant und macht super Spaß!

 Promo-Video

Trotzdem ist und bleibt der letzte Beitrag der Top-Favorit:

4. Aphrodisiac – Eleftheria Eleftheriou (Dimitri Stassos, Mikaela Stenströmand Dajana Lööf)

Stassos schrieb u.a. „La noche es para mí“ (Spanien 2009). Eleftheria kommt aus der X-Factor-Staffel Nr. 2 und wieder haben wir eine symmetrische Choreo, allerdings in allen Punkten (Tanz, Choreo-Elemente, Outfit) besser als die ersten beiden Beiträge. Sie und vier Tänzer in Schwarzweiß. Ganz viel „My number one“-Posen, sogar das Hochheben der Sängerin, dann die schräge Jungs-Linie aus den Eric-Saade-Acts, naja, viel zusammengeklaut, aber insgesamt halt das Beste der drei Choreo-Pakete heute (Songs Nr. 1, 2, und 4). Gaaanz viel Bouzouki-Geklimper wie bei Paparizou, und damit ist die Sache wohl klar.

 Promo-Video

Obwohl ich unter dem Strich mit „No parking “ besser leben könnte, das wäre doch einfach der spannendere Beitrag für Griechenland.

Mein Wunsch:

No parking, dann Aphrodisiac, dann Baby I’m yours, zuletzt Killer bee.

Meine Prognose:

Aphrodisiac, dann Baby I’m yours, dann No parking, zuletzt Killer bee.

Wobei die Griechen wie immer wohl auf eine Bekanntmachung der Einzelwertungen verzichten werden (doof!) und völlig unspannend nur den Umschlag mit dem Sieger vorlesen werden. Dann ist also eine Prognose der Plätze 2-4 eh uninteressant.

Jetzt geht es in den Green Room, ganz unspektakulär einfach eine Sitzgruppe hinter ein paar Zimmerpflanzen unterhalb von Rolltreppe Nummer 3. Maria Kozakou interviewt die Teilnehmer – Cassiopeia sind total aufgeregt und wollen nochmal auftreten, Velvet Fire haben tatsächlich einen Parkplatz gefunden (hah, witzig!), und – oha! – mindestens einer der Tänzer von Eleftheria kommt mir doch sehr bekannt vor  ;-), denn er hatte letztes Jahr für Armenien („Boom boom“) getanzt, und 2010 für Griechenland („Opa!“). Da fällt mich doch glatt ein Abend im Euroclub ein….. aber das gehört nicht hierher.

Schnelldurchlauf, und ich bleibe dabei: „No parking“ wär mir am liebsten, aber an „Aphrodisiac“ führt nichts dran vorbei. Anrufen darf man übrigens noch nicht! (warum eigentlich?) Die Nummern werden nun eingeblendet. Auffällig ist, dass die Anrufe und SMS mit 0,61 bzw. 0,65 € relativ teuer sind….

Und – hurra!!! Anggun ist wieder da. Wir haben sie soooo vermißt, die ist doch schon mindestens drei Tage auf keiner europäischen Vorentscheidung aufgetreten, oder? Anggun und Giorgos Frantzeskakis versuchen ein Interview auf griechisch und französisch (lol), switchen dann aber ganz schnell ins Englische, was sie beide perfekt beherrschen. Er macht ihr Komplimente zu ihrer tollen Karriere, und Anggun erzählt, daß ihr Lied „Echo“ davon handelt, dass es im Universum, in dem die Zeit vergeht wie im Fluge, am Ende nur um Dich und mich (You and I) geht… hach, schön… Er witzelt, dass „Echo“ ja im Grunde auch ein griechisches Wort ist, was sie bestätigt (die Szene erinnert mich an „My Big Fat Greek Wedding“….) Ich finde ja wieder, dass diese Frau eine tolle Ausstrahlung hat und ganz ohne Getanze eine ganze Bühne ausfüllt. „Bonne chance et bon courage“ ruft man ihr schließlich noch zu.

Schnelldurchlauf!

Und nun zu Ivi Adamou (Großer Applaus, man kennt sie hier ja!) Und man glaubt es kaum, sie steht nicht mehr allein auf der Bühne. Vier Tänzerinnen in ganz knappen schwarzen Dita-von-Teese-Outfits umrahmen sie, sie fügt sich in eine gekonnte Gesamtchoreographie ein in ihrem champagnerfarbenen Glitzer-Kleidchen und verzichtet auf die Ruderbewegungen aus vergangenen Auftritten. Sieht gut aus, professioneller als die drei griechischen Tanz-Acts, und läßt für Baku hoffen. Das hatte schon bißchen was von „Secret combination“ (Griechenland 2008), nur mit Mädels statt mit Jungs. Die arbeiten also schon was aus für Zypern (ich hatte schon Angst, da passiert nix…)

Schnelldurchlauf!

Tapfer stehen sich die ESC-Fans vor den geschlossenen Ladenzeilen die Füße in den Bauch, während die Interpreten im Green Room immerhin sitzen dürfen. Und es werden Zettel verteilt mit einem Text drauf…. „I would die for you“…. alle müssen jetzt mitsingen, klingt schief, aber irgendwie rührend, wie ERT an allen Ecken und Enden Kosten sparen will. Man füllt die Zeit, indem Teilnehmer alte Beiträge vorsingen müssen. Und Dora (wir erinnern uns, sie war Song Nr. 1) wird auch noch gebeten, Bulgarien anzusagen. Irgendwie hat das alles bißchen ECG-Clubtreffen-Atmosphäre…. Hmmmpf.

Aber jetzt Sofi Marinova. Dieses alte Schlager-Schlachtroß aus dem Nachbarland, das auch jedes Jahr seinen Beitrag nach Griechenland zur VE schleppt (um später Punkte zu scheffeln beim ESC), bringt seinen leicht angestaubten 90er-Jahre-Klopper in einem schlichten weißen Top und schwarzer Lederjacke zum Besten. Sie wird bestimmt gefragt, warum sie „S’agapo“ im Text singt…. Übersetzen darf übrigens der Präsident des Fanclubs OGAE Bulgaria (!). Und tatsächlich, sie wird gefragt, weshalb in 12 Sprachen, darunter auch griechisch,  „Ich liebe Dich“ vorkommt. „Weil es der wichtigste Satz der Welt ist“, und „Liebe hat keine Grenzen“ ist die Antwort. Sie bedankt sich artig beim OGAE Greece für die Einladung.

Und nun der Umschlag: es ist – wie erwartet – „Aphrodisiac“ mit Eleftheria Eleftheriou…. Irgendwie sehr vorhersehbar und eine der langweiligsten Entscheidungsmomente des diesjährigen Jahrgangs. Die Interpreten dürfen im verglasten Aufzug hinunter zur Bühne fahren (wir befinden uns ja, man kann es nicht oft genug betonen, in einer Einkaufspassage), das Publikum tobt….. und unten angekommen bedankt sich Eleftheria bei Universal (die zahlen ja auch alles) und bei den Autoren (die haben ja das nette Liedchen (ab)geschrieben….)

Und wir sehen das Stück nochmal. Wie gesagt, es war von den drei choreographierten das eindeutig Beste, auch wenn es bißchen wie ein „Best of“ der letzten 10 griechischen Beiträge rüberkommt. Ein Ohrwurm ist es in jedem Fall, und gut abschneiden wird es wohl auch, wenn Universal noch was für tolle Kostüme springen läßt. Und die Bühnenkulisse und die Lightshow in Baku was hergeben. Schade um „No parking“, das ich vorher nicht so auf dem Zettel hatte, aber heute abend ins Herz (und in die DJ-Playlist) geschlossen habe.

Hier nochmal der Sieger-Auftritt aus dem Einkaufsparadies im Westen Athens:

 

Tschüß aus Athen, und aus Köln, und viel Spaß Euch allen beim Endspurt der Vorentscheidungssaison 2012. In einer Woche kennen wir alle Lieder. Und vielleicht gibt es auf den letzten Metern doch noch die ein oder andere Überraschung. Letztes Jahr wurde „Running scared“ auch erst am allerletzten Tag der Einreichungsfrist veröffentlicht. Vielleicht müssen sich die Babushki, Tooji, Joan Franka und Loreen doch noch warm anziehen. Wer weiß… Kalinichta!