Live-Blog Sanremo: Teenie-Tenöre erobern Italien – und fahren nach Wien

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Das 65. Festival della Canzone Italiana in Sanremo ging am Samstagabend mit einer technischen Panne und einem absehbaren Sieger zu Ende. Die drei Jungs von Il Volo gewannen vor Nek und Malika Ayane, die beide immerhin auch noch Preise einheimsten. Und wo landete ESC-2012-Teilnehmerin Nina Zilli? Lest es nach, im Liveblog von OLiver und Matthias.

Die Songtitel haben wir bereits hier und hier in den Liveblogs der ersten beiden Abende besprochen. Das Ergebnis des Halbfinales am Freitag haben wir hier gemeldet.

Buona sera a tutti, hier ist Matthias, der euch erst mal zum Liveblog zum Schlussabend im Teatro Ariston begrüßt. Zwischendurch wird OLiver übernehmen. Es wird schließlich ein langer Abend. Neben den 16 Final-Songs werden Stars wie Will Smith, Ed Sheeran, Gianna Nannini und Enrico Ruggeri erwartet (Massimo Ranieri musste leider absagen, er liegt mit Fieber im Bett). Es wird sicher bis weit nach Mitternacht dauern, wie an den vergangenen Abenden auch. Vor allem sind wir natürlich gespannt darauf, ob der Sieger des Abends dann auch wirklich im Mai nach Wien reisen wird.

Gleich geht’s los. Noch läuft Werbung bei Rai 1.

In der Zwischenzeit kurz das Prozedere. Wie gestern besteht die Abstimmung aus einer 40/30/30-Entscheidung: 40% der Punkte kommen aus dem Televoting, 30% von der Expertenjury und die restlichen 30% basieren auf der Abstimmung von 300 zufällig ausgewählten Musikkonsumenten (demoskopische Jury).

Von Lara Fabian, Anna Tatangelo (Schock!), Biggio e Mandelli sowie Raf mussten wir uns ja gestern Abend verabschieden, die restlichen 16 kämpfen heute um den Sieg. Wir vermuten, dass Nek, Il Volo und eine der Frauen – vermutlich Annalisa, Nina Zilli oder Malika Ayane – die besten Chancen haben, in die Top3 zu kommen. Man darf aber auch die Fanbase von Lorenzo Fragola nicht unterschätzen. Denn die drei mit den besten Ergebnissen kommen in eine Top3-Schlussrunde, in der dann der endgültige Sieger bestimmt wird.

Es geht los. Andiamo!

Carlo Conti kommt auf die Bühne und wünscht erst mal allen Verliebten einen schönen Valentinstag – und begrüßt ein Liebespaar im Publikum. Dann gibt’s eine Eröffnungsnummer, die mich ein wenig an ein Melodifestivalen-Halbfinale erinnert, wo wir 2013 etwas ähnliches gesehen haben.

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Tänzer in bunten Kostümen, und eine treibende Musik mit leichtem Indien-Einschlag. Passend zum Valentinstag singt ein Paar ein Liebeslied, „Ama“. Das ganze stammt wohl aus dem Musical „Romeo und Julia“.

SanremoSanremo

Carlo begrüßt ein Jurymitglied und Kaligola – einer der acht Nuove Proposte (am Freitag siegte ja Giovanni Caccamo mit „Ritornerò da te“ in dem Nachwuchs-Segment). Kaligola bekam wohl noch einen Sonderpreis.

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Jetzt werden schon, ehe überhaupt nur ein Ton gesungen ist, die nächsten Gäste rausgehauen: Der Cast der Serie Braccialetti rossi. Am Sonntag startet die zweite Staffel bei RAI, da macht man natürlich gern Werbung für die Teenie-Serie. Aber klar, später ist die Zielgruppe womöglich schon im Bett…

Ragazzi SanremoRagazzi Sanremo

Und es geht immer noch nicht wirklich los mit dem Wettbewerb. Jetzt spielen zwei ältere Männer auf E-Gitarren, im Hintergrund spielt eine Bergmanns-Blaskapelle. Es ist ja auch bezeichnend, dass die RAI jetzt erst die Eröffnungs-Einblendungen „con Carlo Conti, Rocío Munez Morales….“ usw. bringt. Für die RAI beginnt die Show quasi jetzt erst.

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Emma und Arisa kommen dazu. Emma sieht aus, als ob sie gleich ins Casino geht – schwarz mit viel Glitzer als Dekollete; Arisa dagegen eher blumig. Aber bei ihr hab ich schon an den letzten Abenden bisweilen den Kopf geschüttelt.

Emma Carlo Arisa

Im Einspieler werden die 16 Songs des Abends vorgestellt. Nek auf Startnummer 06, aber die große Konkurrenz von Il Volo folgt direkt auf 07 – ein bisschen schlecht für Nek, würde ich sagen. Nesli schließt auf Startnummer 16 das Feld ab.

Und schon geht’s los. Matthias und OLiver voten (je max. 10 Punkte) für jedes Lied und geben eine Einschätzung, wie gut sich das Lied als italienischer Beitrag in Wien eignen würde.

1. Marco Masini – Che giorno è

Marco mit Oberlehrer-Brille singt die leicht angerockte Midtempo-Nummer, die nett dahinplätschert, aber auf keinen Höhepunkt hinsteuert. Und mir gefällt auch Marcos Reibeisenstimme nicht besonders, vor allem dann nicht, wenn er sich zu den höheren Tönen hochquält. Das ist nicht wirklich schön. Sorry, stimmlich nicht meins. Und auch als Lied mäßig interessant. Wir geben 11/20 Punkten (OLiver 7, Matthias 4) . ESC-Tauglichkeit: 55%

Marco MasiniMarco MasiniMarco Masini

2. Nina Zilli – Sola

Nina könnte hier locker den Preis für beste Outfit absahnen. Im schicken schwarzen Glitzerkleid mit dezenter Kette um den Hals, und selbst die In-Ears sehen bei ihr noch aus wie ein bewusst gewähltes Accessoire. Und natürlich topp gesungen. Aber das erwartet man bei ihr. Tolle Bühnenpräsenz. Das Blueslied gefällt mir sowieso. Wir geben 19/20 Punkten. (OLiver 9, Matthias 10) ESC-Tauglichkeit: 85%

Nina ZilliNina ZilliNina Zilli

3. Chiara – Straordinario

Chiara hat eine tolle Stimme, und das Lied hat auch was – vor allem der Refrain ist eingängig. Und nach dem zitronengelben Fehlgriff am 1. Abend hat sie heute was Vernünftiges an. Gut gesungen, aber irgendwie sieht sie immer so aus als fühlte sie sich nicht so recht wohl da. Oder gehört das zum Lied? Wir geben 17/20 Punkten. (OLiver 10, Matthias 7) ESC-Tauglichkeit: 65%

ChiaraChiaraChiara

Carlo begrüßt das spanische Model Rocío Munoz Morales in schicker pinkfarbener Robe.

4. Dear Jack – Il mondo esplode tranne noi

Die letzte Band im Rennen, sagt Carlo – was nicht ganz stimmt. Il Volo sind ja auch ’ne Truppe. Das Lied sticht insbesondere zwischen den ähnlichen Songs heraus, die die Damen an dem Abend singen. Es ist modern, hat einen Instant Appeal, schreckt aber auch ältere Semester nicht ab. Und der Sänger der Band hat einen Schnuckelfaktor, der ja auch nicht ganz unwichtig ist (zumindest beim ESC – bei Sanremo auch verstärkt). Mir hat’s gefallen, OLiver auch? Er gibt 4 Punkte, ich 8. Macht 12/20. ESC-Tauglichkeit: 65%

Dear JackDear JackDear Jack

Bevor es im Wettbewerb weitergeht, kommen erst mal Gäste. Carlo führt ein Paar die Treppe herunter, das seit 65 Jahren verheiratet ist – die beiden haben also in dem Jahr geheiratet, in dem es das erste Sanremo Festival gab.

Eiserne Hochzeit: 65 JahreEiserne Hochzeit Sanremo

Dann gibt’s erst mal eine Werbepause – mit meiner Lieblingswerbung der letzten Tagen, dem Chipstüte-Kumpel. Die Tüte, die mit einem ins Ristorante geht oder auf den Tennisplatz. Wer denkt sich so was aus? Und was wirft der so ein?

5. Malika Ayane – Adesso e qui (nostalgico presente)

Ein Gänsehaut-Moment. Malika singt eine großartige Ballade, die berührt, und ihre Stimme gefällt mir jedes Mal, wenn sie in Sanremo dabei ist. Toll, wie sie nach den sanften Strophen plötzlich mit voller Stimmkraft in den Refrain geht. Das wäre auch eine klassische ESC-Ballade, allerdings deutlich zu lang – da müsste man kürzen, was bei dem Lied eigentlich fast zu schade wäre. Schlichtes Outfit, aber das spielt bei diesem Song und dieser Stimme überhaupt keine Rolle. Wir geben 19/20 Punkten. (OLiver 10, Matthias 9) ESC-Tauglichkeit: 90%

Malika AyaneMalika AyaneMalika Ayane

Carlo kündigt Gianna Nannini an. Jetzt großes Kino! Das ist für mich ein Star meiner Kindheit: I maschi, Bello è impossibile. Voriges Jahr ist Gianna ja auch schon 60 geworden, und Ende 2014 erschien auch ihr jüngstes Album „Hitalia“ mit Coverversionen großer Italo-Hits, auch „Nel blu dipinto di blu“ vom ESC 1958 ist auf der CD drauf.

Gianna Nannini SanremoGianna Nannini SanremoGianna Nannini Sanremo

„Fast kein Make-up“, sagt OLiver – ja, Frau Nannini hat sich gut gehalten!

Vor allem das zweite Lied, das Gianna singt, ist großartig. „Bitte Gianna mit diesem Lied nach Wien“, sage ich zu OLiver. „Ja, das wäre ein Hammer“, antwortet OLiver. Großer Applaus, standing ovations im Ariston!

Und weiter geht’s im Wettbewerb. Mit einem meiner Favoriten.

6. Nek – Fatti avanti amore

Filippo alias Nek singt eine ganz ganz großartige Nummer: Der Refrain ist eingängig, der Sound modern mit dem Keyboard und dem Elektrosound, man geht sofort mit, darauf würde man auch im Euroclub tanzen können. Und Nek gibt auf der Bühne alles. Das ist richtig, richtig toll und kriegt im Saal zu recht ordentlich Applaus. Wir geben 20/20 Punkten. (OLiver 10, Matthias 10) ESC-Tauglichkeit: 95%

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Gäbe es analog zum Weihnachtsbaum einen Valentinsbaum, er stünde gerade singend auf der Bühne im Ariston. Rosen, Rosen, Rosen auf dem ausladenden Kleid und einen Amor mit Pfeil und Bogen auf dem Kopf.

Intermezzo Sanremo

Dahinter verbirgt sich Giorgio Panariello, ein italienischer Schauspieler und Komiker. Der fordert das Publikum gleich mal auf, für Carlo Conti zu applaudieren, der hier so toll durch das Festival führe. Die Zuschauer folgen brav.

Nun gibt’s erst mal ein bisschen Standup Comedy mit Giorgio, bei der auch Premier Matteo Renzi und Angela Merkel vorkommen.

Intermezzo SanremoIntermezzo Sanremo

So, Stabwechsel… hier meldet sich nun OLiver, der bisher die Screenshots geliefert hat, was nun Matthias für den Rest der Nacht übernehmen wird. Ob wir hier wirklich schon Halbzeit haben, darf bezweifelt werden, schließlich sind erst 6 von 16 Songs gelaufen… und ein paar weitere Ospite (super oder normale) stehen auch noch auf der Agenda.

Aufgrund der besonderen Anforderungen eines Sanremoblogs haben wir diesen immer doppelt besetzt. Wie Matthias schon erklärt hat, ist es nicht mit einer Wertung getan, uns erwartet noch ein Superfinale der besten Drei, das ebenfalls nach dem 40/30/30-System (Televoting/Jury/demoskopisch zusammengesetztes Panel) vorgenommen wird.

So, Giorgio kommt nun zum Ende und bekommt zum Dank gleich noch eine Palme mit Löwen – das Symbol (und der Preis) des Festivals – überreicht von Carlo. Seine ist allerdings in Silber, der Sieger bekommt sie heute Nacht in Gold (zusammen mit einem umtauschbaren Ticket nach Wien).

Werbung (mit Oferte bestiali…) – ein kurzer Blick nach Island, dort läuft gerade das Superfinale, das manche Leser als enttäuschend sehen („öde gegen ordinär“ sagt etwa Emalaith89…), damit können wir uns aber erst gegen 1.30 Uhr (geschätzt) näher beschäftigen…

Wir sind zurück bei Carlo und Arisa trägt nun Schwarz mit transparenten Ärmeln (ihr standen die Designerstücke fast allesamt besser als Kollegin Emma, die meist sehr bauerntrampelig herüberkam… da stimme ich Matthias, der das andersherum sieht, nicht zu.)

7. Il Volo – Grande amore

Die großen Favoriten, wenn man Buchmachern und Presse glauben darf. Der Song hat Schmalz und Schmackes und Pathos bis zum Abwinken. Aber das ist womöglich genau das, was zu einem Festival der „Restaurazione“, der Besinnung auf die eigenen Qualitäten in einer schwierigen ökonomischen Situation passt, wie es die Kommentatoren im Dopofestival so schön beschrieben haben. Das ist bis ins Herz italienisch, das ist „grande amore“ und da geht (zumindest den älteren Semestern) das Herz auf… es ist indes poppig genug, dass es auch genügend junge Fans finden sollte. Die Reaktion im Ariston ist heftig – großer Jubel – die designierten Gewinner!

Sanremo Il VoloSanremo Il VoloSanremo Il Volo

Wir geben 17 (Matthias 8, OLiver 9) und 85% ESC-Eignung.

8. Annalisa Scarrone – Una finestra tra le stelle

Nun die Sängerin, die vielleicht am besten von allen Damen heute Abend abschneiden wird. Sie besitzt eine große Fanbase als Castingstar und ein zugänglicheres und eingängigeres Lied als Chiara, Nina und Malika. Ihr Song ist typisches Sanremo-Material, gut gesungen und ihr natürlich auf den hübschen Leib geschrieben (als Typ Sängerin finde ich im Vergleich aber Chiara viel interessanter, insbesondere nach ihrer atemberaubenden Vorstellung in der Cover-Runde am Donnerstag mit einem Titel aus dem Jahr 1968). Was meint wohl die Jury dazu? In den letzten Jahren haben sie weibliche Castingstars eher abgewertet…

Annalisa Sanremo 2015Annalisa Sanremo 2015Annalisa Sanremo 2015

Wir geben 14/20 P.  (Matthias 8 Oliver 6) und 65% ESC-Eignung.

Während wir in die Werbung gehen nehmen wir nicht ohne Genugtuung zur Kenntnis, dass man in Reykjavik immer noch nicht fertig ist. Überziehen kann also nicht nur die RAI.

Ein Superospite wird angekündigt: Ed Sheeran, britischer Singer-Songwirter und Top-Star, derzeit fast überall in den Charts auf Platz eins mit seinem Album „x“. Obwohl er erst 24 ist, hat er schon alles Mögliche hinter sich (Voice of Germany, Olympia, Taylor Swift… also jeweils dort als Gast/Partner gesungen…)

Sanremo Ed SheeranSanremo Ed SheeranSanremo Ed Sheeran

Nun gibt es wieder eines dieser kurzen gequälten Interviews mit Carlo und einem Dolmetscher-Knopf im Gast-Ohr (weil ja niemand im Cast verständliches Englisch spricht – Emma etwa ist da auf dem Niveau einer 6-Jährigen, was in Kopenhagen schmerzlich klar wurde). Es geht um Valentinstag und Amore und die Antworten fallen kurz aus… lieber noch ein Lied singen… dem Publikum im Ariston gefällt es, die RAI scheut ja selten Kosten und Mühen Weltstars, die gerade contemporary sind, nach Sanremo zu locken… sechsstellige Gagen inklusive.

Ed wirkt aber erfrischend bodenständig, nicht so wie die Il Volo Tenöre, denen man in manchen Medien schnöselhafte Überheblichkeit nachsagt…

Während nun eine Sketchnummer mit im Publikum verteilten Komikern stattfindet, geben wir bekannt, dass in Island eine gewisse Maria mit „Unbroken“ gewonnen hat – wir haben also einen weiteren ESC-Song, dem heute Abend noch ein mutmaßlicher ESC-Song folgt, denn noch ist ja nicht sicher, ob der Gewinner auch wirklich zum ESC fahren will.

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9. Alex Britti – Un attimo importante

Der Liedermacher ist der nächste, die Nummer Neun heute. Er war schon Sieger des Nachwuchswettbewerbs und Zweiter bei den Campioni vor 12 Jahren. Heute wäre eine Top10 Platzierung ein Erfolg. Der Song ist recht sperrig mit Sprechgesang und viel Gitarrengeschrammel. Hier liegen Kollege Matthias und ich weit auseinander in unserem Urteil, ich finde es recht beliebig, nicht wirklich herausragend gesungen und kann damit nichts anfangen.

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Wir geben 9/20 P (Matthias 6/OLiver 3) und ESC-Eignung 25 Prozent. Oh, da hat er bei Matthias seit Dienstag auch verloren…

10. Irene Grandi – Un vento senza nome

Der namenlose Wind ist eine intensive klavierdominierte Ballade, die von einer Frau „mit Lebenserfahrung“ gesungen wird. Recht uneitel mit klarem Make-up, die Haare streng zurückgenommen und mit einem Jäckchen überm kurzen Kleid, dass aus dünnen schwarzen Teppichfransen (Acryl? Reste von Amandines ESC-Outfit?) zu bestehen scheint, setzt Irene Grandi ganz auf eine reduzierte Performance mit ihrem melancholischen Lied. Sie ist sonst mehr für flotten Rockpop bekannt (und war Zweite im Festival 2000). Die Töne sitzen, klingt auch sehr authentisch… wäre eine gute Musik für einen tragischen Liebesfilm. Sehr schön.

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Wir geben 17/20 P. (Matthias 8/ OLiver 9) und eine ESC-Eignung von 60 Prozent.

Und wieder ab in die Werbung. Uns fehlen noch 6 Campioni und es ist halb zwölf.

11. Lorenzo Fragola – Siamo uguali

Lorenzo ist ein weiterer Favorit aufgrund seines Status als X Factor Sieger, er könnte Il Volo einen Strich durch die Rechnung machen. Sein Titel ist melodischer Pop, gut gesungen und sehr eingängig mit einem warmen Refrain, der einfach hängen bleibt. Er hat nicht das Charisma eines Marco Mengoni, aber kommt doch sehr eigenständig herüber – vielleicht kommt Sanremo noch ein paar Jährchen zu früh für ihn – auch Marco kam beim ersten Anlauf nur auf Rang 3 (und versuchte es dann nochmals). Wenn die Tenöre nicht wollen, warum nicht ihn nach Wien schicken, insbesondere wenn er ins Superfinale kommen sollte?

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Wir geben 14/20 P. (Matthias 7, OLiver 7) und ESC-Eignung 75 Prozent.

12. Bianca Atzei – Il solo al mondo

Geht es Euch auch so, gelegentlich trifft man auf einen Künstler, mit dessen Stimme man einfach nicht warm wird. Schon bei den ersten Tönen rollen sich die Fußnägel ein… In Italiens Popszene ist das bei mir vor allem Leda Battisti, aber auch Biancas Stimmfarbe finde ich anstrengend und eher unangenehm in ihrer Brüchigkeit. Der Titel ist ein solides Stück Slowpop mit sehr langen Tönen, die meiner Meinung nach nach einer klaren Stimme geradezu schreien (Loredana Berte sollte dieses hier also auch besser nicht singen). Bleibt für mich im Gesamtpaket deutlich hinter Annalisa/Chiara und vor allem hinter Nina/Malika zurück, weil das Paket Künstlerin-Lied nicht zusammenpasst.

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Wir geben 9/20 P. (Matthias 7 , OLiver 2) und ESC-Eignung 45 Prozent.

13. Moreno Donadoni – Oggi ti parlo così

Nun der Quotenrapper (einer ist fast immer dabei). Dass er nicht ausgeschieden ist – wie etwa Anna Tatangelo(!) und Lara Fabian – ist eine ziemliche Leistung. Hier bin ich auf die Juryeinschätzung besonders gespannt. Der Song ist für einen Rap recht melodisch, gerappt werden eigentlich nur die Strophen, der Refrain ist satter Pop und das Arrangement ist recht ausgeklügelt – er hat seine Hausaufgaben für Sanremo unzweifelhaft erledigt.

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Wir geben 8/20 P. (Matthias 3, OLiver 5) und ESC-Eignung 25 Prozent.

14. Gianluca Grignani – Sogni infranti

Gianluca ist ein Cantautore, schreibt also seine Songs selbst und ist nicht wie viele singenden Komponisten von der eher zarten, asketischen Sorte, sondern eher testosteronstrotzend. Er war schon mehrfach im Festival, kam aber noch nie ganz nach vorn. Seinem Song fehlen ein wenig die Ecken und Kanten, trotz ein paar schöner langer Töne plätschert er eher so dahin. Matthias meldet sich und meint „Wirkt unsympathisch und bekommt die Augen kaum richtig auf“. Tja, vielleicht gestern noch zu viel gefeiert nach dem nicht selbstverständlichen Finaleinzug. Das Superfinale dürfte hier in weiter Ferne sein. Ich tippe auf Rang 13 bis 16.

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Wir geben 10/20 P. (Matthias 6, OLiver 4) und ESC-Eignung 40 Prozent.

Damit gehen wir in die Werbung und Mitternacht ist nicht mehr weit. Es fehlen noch zwei Titel im Wettbewerb und bestimmt auch noch mindestens ein Gast (ich habe da gerade etwas den Durchblick verloren, perdona…)

Eigentlich müsste nun ein Nachrichtenbulletin zur Nacht kommen. Es läuft aber ein Teaser für einen TV-Film über die Karriere von Pietro Mennea, einem Leichtathletik-Olympiasieger aus Italien. Könnte interessant sein…

Wir sind wieder bei Carlo, die Nachrichten kommen also vielleicht erst vor dem Superfinale… Caterina Valente wird erwähnt (hallo?) und Rocio, die überflüssigste Assistentin seit Laetitia Casta 1999 kommt in einem ausladenden roten Traum von Kleid die Treppe herunter.

15. Grazia Di Michele e Mauro Coruzzi (Platinette) – Io sono una finestra

Hier geht es nicht um einen leichten Liebessong wie sonst bei fast allen anderen, sondern um etwas ganz anderes. Die Lebensbeichte eines Transsexuellen gegenüber einer guten Freundin. Höchst authentisch mit einem sehr berührenden Text. Mauro ist derart voluminös, dass man das Organversagen beinahe noch auf der Bühne befürchtet. Er singt fast völlig mit geschlossenen Augen und Grazia ist sehr präsent. Sicher kein Sanremosieger und schon gar nichts für den ESC – aber ein großer anrührender Moment für das Festival. Und das nur ein paar Jahre, nach dem ein skandalös schwulenfeindlicher Song („Luca era gay“) um ein Haar gewonnen hätte. Schön das Mauro & Grazia im Finale sind, der Titel verdient allerhöchsten Respekt.

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Wir geben 15/20 P. (Matthias 6, OLiver 9) und ESC-Eignung 35 Prozent.

16. Nesli – Buona fortuna amore

Nesli ist Rapper, singt aber ein satt orchestriertes Stück Pop, das auch ziemlich auf der üblichen Sanremo-Schiene liegt, und er macht das gar nicht schlecht. Er wirft sich gewissermaßen in das Genre und auch wenn er nicht alle Töne trifft, wirkt das Ganze recht glaubwürdig. Kein schlechter Versuch.

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Wir geben 14/20 P. (Matthias 8 OLiver 6) und ESC-Eignung 65 Prozent.

Damit haben wir alle 16 Titel des Finales gehört und nun ist Zeit für den Superospite aus den USA: Schauspieler und Actionstar Will Smith.

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Zuerst wird geplauscht und gescherzt, Carlo ist offenbar entzückt, das Will Florenz besucht hat (weil er aus dieser Stadt kommt), dann singen die beiden ein wenig zusammen und das Publikum im Ariston und in ganz Italien hängt an ihren Lippen. Jetzt wird jemand im Publikum von Will herzlich umarmt (ich tippe mal, seine Synchronstimme in den Filmen?) und Will, der ja auch ein Plattenstar war bzw. ist, versucht sich nun an „Volare“, dem legendären ESC-Song aus den 50ern. Stimmung!!

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Nun kommt Margot Robbie, Schauspielerin und Co-Star in Will-Smith-Filmen auf die Bühne und jetzt geht es um Genderfragen. Oder so. Nach ein paar Minuten geht es ab in die Werbung. Vielleicht gab’s Will & Margot aus Promotionszwecken nur im Doppelpack? Wer weiß?

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Wir haben gleich 0.30 Uhr und noch keine Spur vom Superfinale – es müssen ja auch noch ein paar Sonderpreise vergeben werden (Preis der Kritik Mia Martini, bestes Arrangement, bester Text etc. pp).

Cecilia nun mit dem Nachrichtenbulletin und ich verabschiede mich hier und übergebe für das Superfinale zurück an Matthias. Möge das beste Lied gewinnen…

Nach den Nachrichten (u.a. die Meldung, dass Michele Ferrero – der reichste Mann Italiens – gestorben ist) geht’s weiter.

Carlo verrät das Ergebnis der ersten Abstimmung – er beginnt beim letzten Platz, also Platz 16 und geht dann rückwärts:

16. Grazia Di Michele & Mauro Coruzzi
15. Moreno
14. Bianca Atzei
13. Nesli
12. Irene Grandi
11. Alex Britti
10. Lorenzo Fragola
9. Nek

Es gibt großen Protest im Saal… Nek nur auf Platz 9?

Dann plötzlich Unruhe, das Ergebnis auf der Wand geht nicht weiter…

Bildschirmfoto 2015-02-15 um 00.33.13Bildschirmfoto 2015-02-15 um 00.33.05Sanremo Voting

Carlo ist verwirrt. Technische Panne? Ein Fehler? Carlo überbrückt mit einer Story aus seinem Leben… Dann läuft er hinter die Bühne, lässt sich einen Zettel geben, auf dem das richtige Ergebnis steht.

Ja, man hatte Nek als 9. verkündet, aber tatsächlich muss es Nina Zilli heißen.(Überraschend schlecht platziert, die Blues-Nummer).

Also:

9. Nina Zilli
8. Gianluca Grignani
7. Dear Jack
6. Marco Masini
5. Chiara
4. Annalisa

Sanremo VotingSanremo Voting

Im Superfinale sind somit:

NEK
MALIKA AYANE
IL VOLO

So, die drei Songs werden kurz eingespielt. Jetzt wird noch einmal abgestimmt – die Stimmen aus der ersten Runde spielen dabei KEINE Rolle. Es wird also wieder auf Null gestellt.

Während die Zuschauer abstimmen können, präsentiert uns RAI auf der Bühne einen Speeddating-Sketch.

Sanremo Intermezzo

Ich bin jetzt für Nek als Sieger, aber könnte auch mit Malika oder Il Volo leben. Ein bisschen überraschend, dass Lorenzo Fragola trotz Fanbase nur 10. geworden ist. Und Nina Zilli hätte ich gern auch höher gesehen.

Für den ESC hatten wir folgende Tauglichkeiten vergeben:

– Il Volo: 85%
– Malika Ayane: 90%
– Nek: 95%

OLiver und ich halten also Nek für am besten geeignet, Italien beim 60. ESC in Wien zu vertreten. Mal sehen, ob wir den Wunsch erfüllt bekommen.

Jetzt gibt’s kurz vor 1 Uhr nachts noch einen superospite: Enrico Ruggeri, der 1993 für Italien zum ESC in die irische Provinz fuhr und mit „Sole d’Europa“ einen 12. Platz belegte. Er wird gleich den Song „Tre signori“ singen. Sehr klassisch, könnte gut einen Spielfilm untermalen, der in den Kanälen Venedigs spielt. 😉

Enrico RuggeriEnrico RuggeriEnrico Ruggeri

„Stop al televoto“ heißt es nach Enricos Auftritt. Gleich wissen wir, wer Sanremo 2015 gewonnen hat.

Neks Lied gewinnt schon mal zwei Preise für sein Lied „Fatti avanti amore“: den für das beste Arrangement und den Premio Sala Stampa „Lucio Dalla“Den Premio della Critica „Mia Martini“ erhält Malika Ayane für „Adesso e qui“.

Bedeutet das, dass am Ende Il Volo gewinnen? Die gingen hier bisher leer aus.

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Jetzt bleibt auch noch Zeit, dass Arisa einen Brief an Carlo Conti vorlesen darf. Rocio hat auch ein paar Zeilen geschrieben, bei ihr bricht fast die Stimme, ganz gerührt. Auch Emma liest einen Brief vor.

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So, die goldene Palme wird schon reingebracht – jetzt gibt’s gleich die Verkündung des Siegers, und Carlo sagt, dass der Sieger Italien beim Eurovision Song Contest in Wien vertreten wird. Wer wird es sein?

3. Platz für Malika Ayane, „Adesso e qui“

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2. Platz für Nek, „Fatti avanti amore“

UND DAMIT: Der Sieger des 65. Festival della Canzone Italiana in Sanremo ist:

Il Volo mit „Grande amore“!

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Die Jungs sind überglücklich, umarmen Carlo. Rotes Konfetti regnet herab.

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Die Favoriten haben am Ende also doch abgeräumt. Jetzt bin ich fast ein bisschen enttäuscht, dass es doch nicht Nek geworden ist. Im Publikum gibt es auch einige Buhrufe – nicht der gesamte Saal steht hinter den Siegern. Sie singen noch einmal ihr „Grande amore“.

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Wir werden die drei Jungs also mit ihrer etwas kitschigen Opern-Pop-Crossover-Nummer wohl in Wien sehen. Man darf gespannt sein, welches Ergebnis die Jungs dort holen. Zum einen sind sie durchaus auch außerhalb Italiens bekannt, sind z.B. schon bei „Wetten dass…“ aufgetreten – vor allem ihre Version von „O sole mio“ schaffte es auch jenseits des Stiefels ins TV. Andererseits kamen solche opernhafte Songs beim ESC eher nicht so gut an, man denke an „Sognu“ oder „Questa notte“.

Herzlichen Glückwunsch an Piero Barone, Ignazio Boschetto und Gianluca Ginoble. Gianluca (unten auf dem Foto) ist der jüngste des Trios, vor wenigen Tagen ist er 20 geworden. Piero, mit der roten Brille, ist der Älteste: Er wird im Sommer 22.

il volo

Damit endet das 65. Festival della Canzone Italiana, und OLiver und ich verabschieden uns um 1:20 Uhr in die Nacht.

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