Live-Blog San Marino: Jessika aus Malta darf in Lissabon zeigen, wer sie ist

Acht mal war San Marino bisher beim ESC dabei – und acht Mal wählte SMRTV sein Lied intern aus. Dieses Jahr setzte man auf eine Kooperation mit der britischen Website 1in360. Elf Finalisten sangen heute Abend live in einer Show aus einer Art Fabrikhalle. Am Ende siegte eine Frau, die schon mehrfache Vorentscheidungserfahrung mitbrachte: Jessika aus Malta, mit einer Deutschen im Schlepptau. Ihr Lied „Who We Are“ startet in Lissabon im zweiten Halbfinale. Unser Live-Blog zum Nachlesen.

Guten Abend! Ich sitze hier in Berlin und schaue in eine deutlich kleinere Stadt mit B: In Bratislava nämlich, nicht in San Marino, bestreitet SMRTV zusammen mit 1in360 das Finale, aus dem der neunte sammarinesische ESC-Beitrag hervorgehen soll.

Der Livestream der Show ist hier zu finden.

Mit einem aufwändigen Verfahren sucht man die Nachfolger(in) von Valentina Monetta & Jimmie Wilson. Was bisher geschah:

Im Herbst hatten sich nach einem Aufruf im Internet viele Nachwuchstalente beworben und bei 1in360 ein Video hochgeladen, 1.050 kamen zusammen. Am 23. Dezember wurden elf hoffnungsvolle Kandidatinnen und Kandidaten verkündet, darunter auch die Schwedenfinnin Emma Sandström, die eine Fanclub-Wildcard erhalten hatte.

Außerdem sind mit Sebastian (Basti) Schmidt und Jenifer Brening zwei Deutsche im Rennen; die Malteser Jessika Muscat und Franklin Calleja kennen wir von maltesischen ESC-Vorentscheiden; Judah Gavra war in seiner Heimat Israel vor fünf Jahren Kandidat des nationalen Vorentscheids Kdam.

Eine bunte, internationale Truppe also, die in den letzten Wochen in zwei Shows jeweils ihre Songs präsentiert haben (jeder zwei). Eine vierköpfige Jury wählte dann für jeden das endgültige Lied, mit dem nun das Finale bestritten wird.

Jetzt im Finale entscheidet eine Mischung aus Juryvoting und Crowdfunding-Voting über den endgültigen Sieger. Das ursprüngliche Online-Voting hat man wohl im Vorfeld doch aufgegeben, jetzt zählen Stimmen, die vorab über Crowdfunding eingegangen sind. Und demnach haben „Yo no soy tu chica“, „Per quello che mi dai“, „Until the Morning Light“, „Who We Are“ und „Out of the Twilight“ bereits 12 Punkte. IROL feat. Basti hat 0 Punkte und ist damit eigentlich schon raus, ehe die Show überhaupt beginnt. Ein schwachsinniges Reglement.

Noch kommt ein alter Film (?) bei RTV… aber um 9 soll’s losgehen. Etwas Werbung auch noch. Richtig stabil ist der Stream leider auch nicht.

Wir sind im dem großen Backstein-Studio, zwei Moderatoren begrüßen uns und das Publikum in diesem fabrikhallenhaften Ambiente auf Englisch. Italienisch, die Landessprache San Marinos, wird hier wohl gar nicht gesprochen. Sie begrüßen die Juroren Alessandro (San Marino Head of Delegation), Zoe (Österreichs ESC-Hoffnung 2016), John Kennedy O’Connor (Buchautor und bei SMRTV regelmäßig ESC-Experte), Sängerin Neon Hitch und Unternehmer Ladislav.

Ich weiß jetzt nicht, warum Zoe behauptet, sie habe hier nun nichts zu tun außer Tipps zu geben und den Abend zu genießen…. ihr müsst doch voten, liebe Jury?!?

Es geht los mit Startnummer 1. Camilla aus Norwegen ist auf der Bühne.

 

1. Camilla North (Norwegen), „Yo no soy tu chica“

Camilla in einer schwarzen Hose, schwarze Stiefel, drüber eine gelbbeige Bluse und Schiebermütze. Erst allein auf der Bühne, dann mit einem Tänzer und einer Tänzerin, die sich zur Musik bewegen. Sonst nichts, keine Effekte. Und das Lied ist auch eher Spanien im Winterschlaf… das will flott sein, ist aber doch nur öde-belanglos. Null Fuego. 3/10

Ah, Zoe lehnt sich zurück, weil sie an Songs beteiligt ist und darum nicht mitwertet… auch gut. Die Jury findet nette Worte für Camilla und ihr Lied. Zoe findet, es hätte gute Chancen beim ESC, weil es eben Schwung habe. Naja, da bin ich eher skeptisch. Es sei ein Partysong, stimmt ein anderer Juror zu. Auf was für Partys geht ihr denn?!?

Als nächster ist Judah dran, der erzählt, sie hätten „Stay“ revampt. Okay, dann hören wir mal.

 

2. Judah Gavra (Israel), „Stay“

Judah ganz in Schwarz (Hemd und Hose). Der Stream hakt, aber was ich höre, klingt ganz gut gesungen. Eine ruhige Ballade, die sich in der zweiten Hälfte steigert. Das ganze ist recht traditionelle ESC-Ware, aber an sich akzeptabel. Je länger es geht, desto mehr ist mir das aber zu altbacken. Judah macht stimmlich das Beste draus, und man sieht ihm (allein auf der Bühne) auch gern beim Singen zu, aber das ist halt insgesamt zu wenig. 4/10

Werbung. Danach beurteilen die Juroren Judah. Alessandro ist sehr angetan, Zoe fand es auch gut. Peinlich: Ladislav sagt, Judah könne Israel sehr gut beim ESC vertreten – da unterbrechen die Moderatoren schnell und sagen: „San Marino!!“ 😉

Jetzt geht es weiter mit Tinashe, der sich freut, dass Familie aus Simbabwe mit im Studio ist.

 

3. Tinashe Makura (Simbabwe), „Free Yourself“

Auch er steht allein auf der Bühne, schlicht in ausgewaschener Jeans und einem olivebraunen Pulli. „Free Yourself“ ist eine relaxte Reggaenummer… zum Refrain kommen noch zwei Tänzer auf das schlichte Podest, das man als Bühne in die Fabrikhallenmitte gestellt hat. Das Publikum klatscht mit. Die Tänzer animieren dazu, mit weit ausholenden Armen zu schwingen/winken. Die Leute machen brav nach. „Free Yourself“ ist gar nicht übel, aber da könnte man mehr rausholen, denke ich. So ein wenig Rohdiamant, an den man ranmüsste. Aber an sich eine nette Nummer. Nicht überragend, aber stärker als die ersten beiden. 6/10

Der Stream hakt leider immer noch ziemlich. Die Jury ist dran, John Kennedy ist ganz zufrieden, moniert nur, dass zuviele Oh-oh-oh im Liedtext seien. Da müsse man ran. Zoe mochte den Auftritt.

Nun ist Giovanni Montalbano dran. Selbst er muss jetzt Englisch reden…. San Marino TV hat das ganze eben komplett in englische Hände gegeben.

 

4. Giovanni Montalbano (Italien), „Per quello che mi dai“

Ein Sanremo-hafter Song, der nicht weiter stört und so vor sich hin plätschert. Giovanni ist kein starker Sänger und ist bei Teilen des Liedes fast ein wenig überfordert. An sich ist „Per quello che mi dai“ ganz akzeptabel als Lied, nicht für den ESC, aber so nebenbei beim Tellerabwasch kann man das gut hören. Die barfüßige Tänzerin am Ende hätte es nicht unbedingt gebraucht. Alles in allem ordentlich, aber mehr auch nicht. 4,5/10

Zoe ist getoucht, Ladi lobt es auch. Nur freundliche Worte heute abend.

 

5. IROL feat. Basti (San Marino/Deutschland), „Sorry“

San-Marino-Rapper IROL mit dem Deutschen Basti zusammen. Kisten auf der Bühne, an einer lehnt Basti und singt die englischen Strophen, IROL rappt dazu auf Italienisch. Beide schwarz gekleidet, IROL mit Hoodie und Jacke drüber. Durch den hakenden Stream hab ich nur die Hälfte des Songs gehört, aber das reicht auch schon. Basti singt das Lied ganz schön, aber den italienischen Rap bräuchte ich nicht dazu. Für Lissabon spielen die beiden eh keine Rolle mehr. 3/10

 

6. Jessika feat. Jenifer Brening (Malta/Deutschland), „Who We Are“

Ach lustig, Jessika aus Malta hat zwei kleine Tanzroboter aus Japan mit auf der Bühne, die auf zwei Kisten stehen, die von IROL noch übrig sind. An das richtig gute „Hypnotica“, das Jessika vor ein paar Jahren beim Malta-Vorentscheid sang, kommt „Who We Are“ bei weitem nicht dran, aber Jessika sind diesmal endlich nicht aus wie eine Sekretärin, die abends auf hip macht (mit wenig Erfolg). Sie sieht frischer und weniger bieder aus. Jenifer gibt bei diesem Lied die Rapperin. Am Ende machen die beiden mit ihren beiden Händen ein Herz. Nett, aber gesanglich war das teilweise eher schlecht. 4,5/10

Zoe bedauert, dass Jenifer nur rappen durfte, nicht ihre tolle Stimme zeigen. John Kennedy lobt Jessikas Look und ihren Auftritt, sie habe sich gegenüber der Vorrunde gesteigert.

 

7. Sebastian (Basti) Schmidt (Deutschland), „Stay“

Basti hat sich umgezogen, jetzt in weißem Hemd mit Fliege und Anzug, sowie einem Hut auf dem Kopf. Er verpasst aus technischen Gründen seinen Einsatz und darf ein zweites Mal anfangen. Da klappt es. Eine schöne, ganz zurückgenommene Version von „Stay“ (von Judah haben wir’s ja schon gehört), und Basti singt wirklich sehr schön. 7/10

Der Stream war zwischendurch weg… Darum hab ich einen Auftritt (Emma aus Finnland) komplett verpasst.

Jetzt geht auch bei mir gar nichts mehr.

Jetzt geht’s wieder. Die Jury lobt gerade Sara de Blue aus Österreich (Startnummer 9). Zoe sagt, Sara habe eine beeindruckende Stimme und könne beim ESC weit kommen. Ladi sagt: „Ich glaube, wir haben gerade den Gewinner des Vorentscheids gehört.“ John Kennedy zeigt sich auch beeindruckt, kritisiert aber das ausladende Kleid, das Sara trägt. Das Kleid lenke von der tollen Stimme ab, meint er.

 

10. Jenifer Brening (Deutschland), „Until the Morning Light“

Vorhin rappte sie nur ein bisschen, jetzt darf sie richtig ran. Schwarz scheint die Modefarbe hier zu sein, auch Jenny trägt Trauer, aber mit tiefem Ausschnitt. Der Song ist ein beatlastiges R&B Song. So beeindruckend, wie Zoe vorhin tat, finde ich Jenifers Stimme aber nun auch nicht. Ist schon ganz gut, aber ein „Wow“ entlockt mir das nicht, was ich da höre. Immerhin hakt der Stream mal nicht… 😉 Der Refrain besteht eigentlich nur aus geschrieenem „Until the Morning Light“. Wenn man das noch ordentlich produziert, könnte das beim ESC okay sein. Würde dort vermutlich das Finale verpassen, aber das gilt für das meiste, was ich hier gehört habe.  6/10

Alessandro lobt die Stimme, Zoe sagt, Jenifers Stimme sei etwas Besonderes. Ladi ist wohl vom Song nicht ganz überzeugt, fand die Performance aber gut. John findet Jenny elegant, und sie habe sehr gut performt.

 

11. Franklin Calleja (Malta), „Stay“

Franklin ist der letzte, der ran und „Stay“ zum dritten Mal vortragen darf. Auch Franklin ist ganz in Schwarz gekleidet, mit einem Hemd mit Applikationen darauf. Wieder sind Kisten auf der Bühne, Franklin sitzt auf einer und singt so die Ballade. Klar, man muss seine Stimme mit den hohen Tönen mögen – das war beim Malta-VE ja auch schon für manche eher nicht zu ertragen. „Stay“ kennen wir schon, und auch Franklins Version ist ganz klassisch, mit Klavierbegleitung, aber viel stärker orchestriert als die zurückgenommene Version, die wir vorhin von Basti gehört haben. Franklins Variante ist in dieser Hinsicht gegen Ende ein bisschen over the top… Da wird auf dem Halbplayback ein Riesenorchester aufgefahren.  Franklin macht aber performerisch richtig was daraus, spielt mit der Kamera, erreicht die Leute zuhause. Gut. 7/10

Zoe sagt, sie würde es am liebsten gleich nochmal hören wollen. John Kennedy lobt, wie Franklin mit der Kamera spielt und da immer „on the point“ ist. Alessandro sagt: „Bravo, Franklin!“ Es sei eine kraftvolle, emotionale Performance gewesen, und das Lied sei sehr gut produziert.

„Diamonds“ von Emma Sandström (Finnland) und „Out of the Twilight“ von Sara de Blue (Österreich) habe ich leider verpasst. Es folgt ein Schnelldurchlauf. Wenn ich jetzt auf Grundlage der elf Schnipsel urteile, wären mir Tinashe („Free Yourself“), Franklins Version von „Stay“ oder Jenifer („Until the Morning Light“)  am liebsten für den ESC. „Diamonds“ ist etwas billig und in den hohen Tönen nicht gut gesungen, Sara de Blue singt zwar gut, aber das Lied ist nicht so meins.

So, nach einer Werbepause sind wir zurück. Die Moderatoren begrüßen TWiiNS auf der Bühne, die slowakischen ESC-Teilnehmer von Düsseldorf. (Wir sind heute Abend ja in der slowakischen Hauptstadt Bratislava.) Sie präsentieren „Hey Boys“.

Boah, die Moderatorin geht mir mit ihrem ständigen „Whooooo…“ und „Woooow!“ langsm auf den Geist. Sie begrüßt jetzt Zoe auf der Bühne. Zoe ist ganz aufgeregt wegen der 11 Künstler, die jetzt im Hintergrund zittern. Auf die Frage, was sie als ESC-Erfahrene dem Gewinner des heutigen Abends raten würde, fällt ihr nichts ein… Gut, lasst Zoe lieber singen. Sie präsentiert ihren ESC-Beitrag „Loin d’ici“.

Noch ein Schnelldurchlauf. Dass sich die Stimmen unserer überdrehten Moderatoren fast überschlagen, nervt wirklich. Nächstes Jahr brauche ich das nicht nochmal… meinetwegen darf SMRTV 2019 auch gern wieder Ralph Siegel anrufen. Oder sich auf seine ESC-Wurzeln besinnen und wie 2008 eine interne Band aus San Marino oder Umgebung nominieren – wäre doch auch mal nett, wenn San Marino wieder mal auf Italienisch sänge.

So, der Stream war kurz weg… Nun wird auf der Bühne schon der Gewinner verkündet, die Moderatorin bedankt sich gerade bei Sara de Blue. Ist die Zweite? Naja, jedenfalls wird jetzt der Vertreter San Marinos beim ESC im Mai in Lissabon verkündet. Es ist…

Jessika feat. Jenifer, „Who We Are“

Das hatte ich nun bei mir gar nicht auf dem Zettel. Gut, die Tanzroboter waren ja ganz niedlich, und Jessika sah ganz gut aus. Aber mit dem Rap-Teil von Jenifer, der ziemlich nach „Wannabe“ von den Spice Girls klingt, konnte ich nicht so viel anfangen. Das Lied ist auch nur Durchschnitt. Falsche Wahl, würde ich sagen. Da war Besseres im Angebot. Schade um Basti, um Franklin, um Tinashe. Ich glaube, Sara de Blue ist Zweite geworden.

Nun hat es Jessika also doch mal zum ESC geschafft, zwar nicht für Malta, wo sie es mehrmals versucht hat, aber eben für ein anderes kleines europäisches Land. Well done. Die beiden singen nochmal ihr Lied, mit dem sie am 10. Mai im zweiten Semifinale starten werden (wir Deutschen können also dafür stimmen).

San Marino 2018: Jessika feat. Jenifer Brening – Who We Are (Siegerauftritt)

Damit endet die Show aus Bratislava. Wenn man „Who We Are“ noch etwas aufpeppt und mit einer guten Inszenierung für Lissabon versieht, könnte das eventuell ins ESC-Finale einziehen, so schlecht ist es jedenfalls nicht, meine ich. Und ihr?

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Damit verabschiede ich mich. Es war ein hakeliger Livestream, aber ich hoffe, ihr habt trotzdem gern mitgelesen. Einen schönen Abend noch!

Nachtrag: Sara de Blue wurde Zweite, Jenifer Brening solo landete auf Platz 3. Sieger bei den Juroren war Franklin Calleja, doch er hatte nicht genug Punkte beim Crowdfunding-Voting, um nach vorn zu kommen (Gesamtrang: 5).