Live-Blog Norwegen: Freie Fahrt voraus für Eisbrecherin Agnete

Agnete Norwegen 2016

Nein, Agnete ist keineswegs ein Schiff im arktischen Packeis. Agnete ist eine vielmehr ziemlich attraktive Blondine, die im Mai für Norwegen beim ESC in Stockholm antritt. Wie es zu dieser Entscheidung kam, könnt Ihr in unserem Live-Blog zum Melodi Grand Prix 2016 hier noch einmal nachlesen.

Guten Abend, allerseits! Nach der ukrainischen Grenzerfahrung am vergangenen Sonntag starte ich heute als Letzter in den Super-Saturday-Vorentscheidungsmarathon. Norwegische Vorentscheidung also aus dem Spektrum in Oslo.

Einen Topfavoriten scheint es nicht zu geben – ich habe allerdings schon einen und werde mich diesbezüglich auch ganz früh in der Sendung outen! Moderiert wird die Sendung von Silya, einer Sängerin und Songwriterin (für zahlreiche namhafte internationale Stars) und Kare Magnus Bergh, der in Norwegen alles wegmoderiert, was nicht niet- und nagelfest ist!

Die norwegische Arme hat also ein U-Boot  nach Schweden geschickt, um das schwedische ESC-Erfolgsrezept auszukundschaften. Tor Endresen ist Agent X und will zusammen mit Elisabeth Andreassen die schwedische Musikszene unterwandern. Achtung Torpedo! Dabei gibt es nur ein Rezept: Gutes Lied und gute Show! Und schwupps kommt Silya auf die Bühne und kabarettmäßig lässt man einige Siegersongs als Beispiel vorbeiziehen. Na sowas, das ist ja ein Interval Act gleich zu beginn der Show! Kare kommt dazu und stellt die 10 Kandidaten vor. Die Beine fliegen hoch und alle sind sicher, dass heute ein ESC-Gewinner dabei ist. Na, schauen wir mal! Kare grüßt die übrigen Länder, die heute für Stockholm entscheiden. Silya ist übrigens heftigst armtätowiert – sehr kleidsam irgendwie! Und nun geht´s los!

 

1. The Hungry Hearts feat. Lisa Dillan – Laika (Tonje Gjevjon)

Direkt von den norwegischen Bahamas (Näsodden) kommen die Hungrigen Herzen, eine Lesben-Kombo mit einem wirklich außergewöhnlichen Song. Es wird marschiert, ein echtes Auto fährt auf die Bühne. Alle tragen silberne Perücken (Stil Mireille Mathieu) und Sonnenbrillen. Lisa trägt nur einen Anzug aus einer Art Alufolie. Der Song ist discomäßig tanzbar. Klar, bei der Zeile „I love the disco“. Der Text ist zwar irgendwie sinnlos, aber die Zeile „The Streets  of Moscow wih my Girlfriend“ von Lesben gsungen ist ja auch ein Statement. Ich sage nur: Der Untergang ist hier, der Untergang ist jetzt“! Ich bin begeistert! Trash rules!

10 Punkte von 10 möglichen Punkten!

 

2. Stage Dolls – Into the Fire (Torstein Flakne, Anne Judith Wik, Mark Spiro, Hallgeir Rustan)

Was für ein Kontrast! Drei ältere Herren singen Adult Contemporary Rock – der Leadsänger im schwarzweiß-karierten Hemd ist dabei leider meistens off tune…Es gibt wahnsinnig viel Pyro, zudem auch noch dieser unselige künstliche geschriene Applaus zugespielt wird – dabei gehen sicher einige im Spektrum gerade auf die Toilette! Ein völlig austauschbarer Rocksong von der langweiligeren Sorte.

Nur 3 von 10 Punkten von mir.

 

3. Stine Hole Ulla – Traces (Stine Hole Ulla, Ingrid Skretting, Trude Kristin Klæboe)

Ach, du liebe Zeit – Disneykitsch! Den Song habe ich doch schon irgendwo mal gehört…Gut singen kann sie ja, die Stine – und das Staging sieht beeindruckend aus, weil alle Zuschauer ihre Handylampen an haben. Sie steht als blonder Rauschgoldengel inmitten einer geöffneten Blüte und trägt ein güldenes perlenbesetztes Kleid. So etwas möchte ich im Musical-Theater hören, aber nicht beim ESC. Ich bin irgendwie hin- und hergerissen und entscheide mich deshalb für die Mitte:

5 von 10 Punkten!

 

4. Makeda – Stand Up (Danne Attlerud, Michael Clauss, Thomas Thörnholm)

Aaaaaaaaaahhhhhhh!!! Dickliche, kleine Frau in Hotpants und ein Top, das nur notdürftig durch Applikationen die wichtigsten Stellen verdeckt. Ich bekomme keine Luft mehr… Da helfen auch die schmucken Tänzer nicht, die sich durch den 60-er Jahre-inspirierten Popsong durchgrooven. Das ist irgendwie „Miriam Makeba meets Sister Act meets Grease“.  Recht flott zwar, aber musikalisch und schon gar nicht optisch mein Cup of Tea!

2 von 10 Punkten…

 

5. Pegasus – Anyway (Tommy Nilsen, Ronny Nilsen)

Eine Dansband singt eine Popschlager-Ballade. Muikalisch könnte ich mich mit diesem klassischen ESC-Material irgendwie anfreunden, aber optisch ist das ja wohl schon der zweite Abturner in Folge. Männer mit langen Haaren mag ich so schon nicht – und dieser sieht auch noch irgendwie ungepflegt aus.Der Goldregen zum Schluss verschleiert das zum Glück etwas Song 6 Punkte, Optik 0 Punkte, macht zusammen (da es ja ein Musikwettbewerb ist):

4 von 10 Punkte!

 

Silya und Kare lassen jetzt erst einmal das Feuers sprechen und demonstrieren, was pyrotechnisch so alles geht heute Abend. Aber zurück zum MGP.

6. Freddy Kalas – Feel Da Rush (Fredrik Auke, Simen Auke, Mikkel Christiansen, Trond Opsahl, Christoffer Huse)

Der Name ist Programm – „Kalas“ ist im Prinzip ein anderes Wort für „mordsmäßige Party“! Was in Schweden Sean Banan ist, ist Freddy offenbar in Norge. Mit Lederjacke, T-Shirt, Jeans und Cap singt er wie ein Norweger mit jamaikanischem Migrationshintergrund. Lässig, gut gelaunt und jede Menge Spaß und leichtbekleidete Damen auf der Bühne! Wenn man hinsieht, ist Freddy rein optisch irgendwie ein Fremdkörper im Gesamtsetting. Aber der Song, eine Art Happy-Reggae mit Clubsound, ist gar nicht schlecht.

6 von 10 Punkten ziehe ich dafür!

 

7. Laila Samuels – Afterglow (Laila Samuelsen, The Beatgees, Jan Weigel)

Laila im kurzen schwarzen Kleid singt klassisches ESC-Material. Ein wenig Folklore gemischt mit einem treibenden Balladenbeat. Sie wirkt ein wenig verloren auf der eingenebelten Bühne und wird nur von Lasern umrahmt. Völlig falsches Staging, finde ich und der Dramatik des Songs überhaupt nicht angemessen. Sie ist offensichtlich fürchterlich nervös und wippelt ständig herum. Auch die Stimme überzeugt nicht. Schade! Dennoch, ich mochte diesen Song:

7 von 10 Punkte gebe ich deswegen.

 

8. Elouiz – History (André Lindahl, Jeanette Olsson, Michael Jay)

Auch Elouiz hat von Beginn an stimmliche Probleme. Eingerahmt von sechs Schaufensterpuppen beginnt sie ihren Song. Huch, es sind ja doch Menschen! Ganz in schwarz gekleidet singt sie sich durch ihren beatbetonten  Midtempo-Popsong ohne nennenswerten Höhepunkt. Der Song steigert sich zwar irgendwie, bleibt aber nicht sonderlich im Ohr hängen. History wird hier sicher nicht geschrieben. Ordentlicher Durchschnitt, würde ich sagen.

5 von 10 Punkten.

 

9. Suite 16 – Anna Lee (David Bjoerk, Andreas Moe, David Eriksen, Alexander Austheim)

Eine Boyband! Hat ja noch nie so richtig funktioniert beim ESC. Der Song der fünf Teenies ist aber gar kein typisches Boyband-Material. Ein flotter gitarrenbetonter Song mit einem sehr flotten Refrain, der sofort zum Mitsingen animiert. Es wird viel gehüpft und getanzt auf der Bühne. Auch die Stimmen harmonieren ganz ordentlich. Ein bisschen redundant zum Schluss hin, aber: Ja, das macht Spaß und kann von mir aus gern eine Runde weiter kommen.

8 von 10 Punkten bekommen die Jungs!

 

10. Agnete – Icebreaker (Agnete Johnsen, Gabriel Alares, Ian Curnow)

Wieder ein Song von dem schmucken Polina-Gagarina-Gitarristen Gabriel aus Schweden. Der Song ist interessant komponiert. Schnelle Strophen und langsamer, schleppender Refrain. Mich stört das, ich finde das nicht „organisch“. Agnete (toller Name!) steht auf einem lichtdurchfluteten Podest und hat auf einmal glattes, blondes Haar. Optisch ist sie ein echter Hingucker. Weißes, zweiteiliges Kleid mit eingeschnittenen Mustern.  Dem Liedtitel ist alles angemessen in weiß gehalten. Wäre der Song nur im Schlepprhythmus, würde ich viele Punkte vergeben, so bleibt es für mich bei „nur“

7 von 10 Punkten.

 

Also, ginge es nach mir, fahren ganz klar die Hungry Hearts nach Stockholm! Daumen drücken!

Wie großartig, auf der Bühne erscheint jetzt Kate Guldbrandsen und singt ihren ESC-Song von 1987 „Mitt liv“! Ein Klassiker, der ganze Saal schwoft mit!

In diesem Jahr hat man sich übrigens wieder von dem Orchester verabschiedet, das noch im vergangenen Jahr die Interpreten begleitet hat.

Als nächster Act erscheinen die Vorjahressieger Debrah Scarlett und Morland und präsentieren eine etwas ausgedehntere Version von „A monster like me“. Immer ein wahrer Genuss, die Zwei!

Gleich werden die vier Goldfinalisten bekannt gegeben. Die erste, der weiterkommt, ist:

Laila Samuels mit „Afterglow“ – verdient, meine ich! Bevor Laila nochmal singen darf, verspricht eine Frau aus Deutschland 12 Punkte von uns, wenn Laila nach Stockholm fährt. Na, na, na… Im zweiten Durchlauf fällt mir ein halbnackter Tänzer, der in zuckenden bewegungen auf einer Satellitenbühne zu sitzen scheint…

Nächste Superfinalisten nach ein paar kurzen Rückblicken auf frühere MGP-Sieger sind: Suite 16 mit „Anna Lee“ -ich bin sehr zufrieden! Bisher alles nach meinem Geschmack! Auch sie performen natürlich noch einmal…

Weiter geht es mit ein paar Rückblicken – in den Siebziger-Jahren hatten die Norweger wirklich merkwürdige Vorentscheide…. Superfinalist Nummer 3 ist Agnete mit „Icebreaker“. Das war zu erwarten. Ein gutgebauter beschnäuzter Glatzkopf drückt ihr als größter Fan die Daumen und darf eine flammende Rede für die Eisprinzessin halten. Schickt Norwegen am Ende wieder eine blonde Frau im weißen Kleid nach Schweden wie vor drei Jahren? Gefällt mir beim zweiten Mal besser.

So, jetzt müssen nur noch die lesbischen Damen ins Finale! Aber sie schaffen es leider nicht. Weiter ist Freddie Kalas mit „Feel da Rush“. Ich bin ein wenig sprachlos, dass meine Favoritinnen es nicht geschafft haben. Sehr Schade – das wäre ein ESC-Klassiker geworden, da bin ich sicher! Ich bin jetzt beleidigt und schmolle…

Jetzt ist es mir fast egal, wer gewinnt. Bis auf Freddie wären alle drei Finalisten absolut in Ordnung als norwegischer ESC-Beitrag.

Silya huldigt während der Abstimmung der im vergangenen Jahr verstorbenen Nora Brockstedt, die 1960 den allerersten norwegischen Beitrag beim ESC sang (Voi-Voi). Gefolgt von Ase Kleveland, die vierzig Jahre später noch einmal ihren Song „Intet er nytt under solen“ vorträgt. Großes Theater! Auch eine unvergessene ESC-Moderatorin (für die jüngeren unter Euch – das war 1986).

Es folgt „Adieu“ von Knut Anders Sorum (Norwegen 2004), zusammen mit einer Frau, die ich nicht kenne, singt er auch noch den 0-Punkte-Klassiker „Mil etter mil“ und den Teigen-Klassiker „Optimist“. Man erinnert auch noch an den Skandal um das Skelett-Kostüm von Jahn Teigen aus dem Jahr 1976. Heute trägt er es wieder, der alte Mann. Der alte Mann und das Skelett präsentieren „Voodoo“. Eigentlich bräuchte er das Kostüm gar nicht anzuziehen…

Nun wird aber abgestimmt, dazu werden wieder die einzelnen Regionen aufgerufen:

Mittelnorwegen stimmt mit 14.000 Stimmen sehr deutlich für Agnete. Nordnorwegen ebenso, Agnete wird das gewinnen, sie hat jetzt schon über dreimal so viele Anrufe wie der Zweitplatzierte.

Südnorwegen schließt sich an, Agnete liegt bei 80.000, Freddy bei 30.000. Westnorwegen stimmt in den Cjor ein. Agnete jetzt bei 100.000, Freddy bei 40.000.

Ostnorwegen kann da natürlich nicht aus der Reihe fallen. Insgesamt 166.000 Stimmen für Agnete, 88.000 für Freddie, 56.000 für Suite 16 und 48.000 für Laila. Das ist deutlich!

Agnete fährt also nach Stockholm!

Ein guter Beitrag, das muss man sagen – man weiß ja nie, wie es ausgeht. Aber das Finale sollte damit locker zu machen sein. Und TOP 10-Potenzial sehe ich auch. Aber gewöhnungsbedürftig ist wirklich der extreme Tempowechsel immer wieder mitten im Song. Sei´s drum. Viel Glück, Agnete!

 

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