Live-Blog Österreich – Runde 1: Bunt, gekonnt, begeisternd!

Kandidaten in Österreich, Runde 1

Österreich hat heute mit der Suche nach seinem Vertreter beim Heim-ESC in Wien begonnen. 16 Acts hatte man im ganzen Land gescoutet. Es war eine echt begeisternde Mischung von gestandenen Musikern, schrägen Acts und charmanten Ladies. Deutlich reifer und bühnenerfahrener als das gestrige Angebot beim deutschen Clubkonzert machte mir dieser Abend wesentlich mehr Spaß. Am Ende standen die 6 aus 16 Kandidaten fest, die sich nun aufs Finale vorbereiten dürfen. Hier nochmal unser Live-Blog zum Nachlesen.

Einen Livestream bietet der ORF hier an.

Vier Shows erwarten uns in den nächsten Wochen. Televoting bei „Eurovision Song Contest – Wer singt für Österreich?“ gibt es erst im Finale am 13. März. Eine Fachjury bestehend aus ORF, Musikern und Plattenbossen wählt zunächst sechs Acts, die ihrer Meinung nach das größte Potenzial haben, auf der großen Song-Contest-Bühne zu bestehen. Beobachtet werden sie dabei von den Musikprofis und Coaches der Vorentscheidungsshows Anna F., Nazar und The BossHoss, die mit den Top-6-Acts in weiterer Folge am perfekten Song-Contest-Auftritt arbeiten werden. Moderiert werden alle vier Shows von Mirjam Weichselbraun.

Der weitere Fahrplan für „Eurovision Song Contest – Wer singt für Österreich? (die ersten drei Shows sind aufgezeichnet):

20. Februar: Audition mit 16 Acts. Fachjury wählt 6 aus. (Auswahl)
27. Februar: 6 Acts singen einen Coversong und einen Überraschungsauftritt. (Kennenlernen)
6. März: Alle 6 Acts singen zwei neue Songs. Coaches entscheiden für jeden Act, mit welchem Song er ins Finale geht. (Songs)
13. März: 6 Acts singen ihren Song. Televoting entscheidet, wer Österreich beim ESC in Wien vertritt. (Finale)

 

Österreich startet seine Suche für den Vertreter beim Heim-Contest, und wir sind schon sehr gespannt auf die erste Begegnung mit den 16 Kandidaten. Österreich mag zwar letztes Jahr mit einer Direktnominierung goldrichtig gelegen haben, aber in Jahren mit Vorauswahlen haben unsere südlichen Nachbarn große Kreativität bewiesen. 2011 zum Beispiel ist ein Jahrgang, in dem man von den 30 zur Auswahl Stehenden locker ein Dutzend ohne Weiteres nach Düsseldorf hätte schicken können.

Doch wir schauen jetzt nach vorn. Es geht los mit einer Einstimmung und Bildern aus Kopenhagen – und einer Kurzinfo zur diesjährigen Suche.

Mirjam Weichselbraun begrüßt die Zuschauer im simplen tiefausgeschnittenen Samtbody aus dem Green Room. In Mini-Clips werden die Kandidaten vorgestellt. Blicke in tolle Musikvideos, Statements, Live-Atmosphäre.

Die Coaches sind Anna F., Nazar (in Österreich und auch Deutschland erfolgreich) und „The Voice of Germany“-Coaches The BossHoss, sie werden begrüßt und alle dürfen kurz ein paar einleitende Worte sagen. Alle wollen sich überraschen lassen. Sitzen gemütlich auf dem Sofa in Wohnzimmer-Atmo und wollen den Nachfolger der Frau mit Bart mit aussuchen helfen. The BossHoss danken für die Einladung nach Österreich.

Doch zunächst wird heute eine Jury die Auswahl der sechs Hopefuls stemmen – Experten aus allen Ecken des heimischen Musikbusiness.

Die Kandidaten werden in kurzen Filmen vorgestellt. Zum Start des Auftritts und auch teilweise währenddessen ist das Fernsehbild zweigeteilt, man sieht (und hört!) sowohl die Coaches als auch die Jury diskutieren und kommentieren.

 

1. The Makemakes – Million Euro Smile

Das Trio hat Live-Erfahrung, aber bisher meist als Support auf Bühnen gestanden. Flotte Country-Musik mit Mundharmonika. Andi Knoll von der Jury mag das professionelle Auftreten. Die Coaches sind positiv gestimmt. Der Song macht Laune. Guter Start. 6/10 Punkten von mir.

2. Clara Blume – Love & Starve

Hat auch viel Live-Erfahrung und bringt eine schöne Soul-Pop-Nummer. Kratzige Stimme, legeres Lederoutfit. Aus der Jury werden Dreistimmigkeit und Live-Stimmung gelobt. Die Coaches finden sie cool, Nazar kann sie noch nicht einordnen. Im Song geht es um das brotlose Leben von Musikern, die einfach das tun, was sie leben. Sie hat was von Jule Niegel, was von Amy Winehouse, cool. Da kann man was draus machen, meinen die Coaches. Ich meine 7/10.

3. Royal Kombo – Ram pam pam

Das soll eine Reggae-HipHop-Nummer werden. Eine Weiterentwicklung des Reggae. Daran werden sich die Geister scheiden, meint ein Juror. Das beginnt ja mega-cool. DanceHall-Sound meets Reggea-Rhythmus. Ich bin überrascht. Und sie schaun gar nicht aus wie Rasta people, eher wie die Trackshittaz. Das ist also der neue Reggae. BossHoss finden sie ein wenig schüchtern, dann wird etwas auf Deutsch gerappt. Es ist sehr solide, etwas eintönig vielleicht. Die Coaches fanden den Text etwas dünn, und die beiden nicht ganz sympathisch auf den ersten Blick. Ich fand’s interessant und gut gemacht. 7/10

4. Dawa – On the Run

Sie haben schon mal auf dem Wiener Popfest gastiert, kennen also die große Bühne. Es wird ehrliche Musik angekündigt, folkig/soulig. Ich höre gleich zu Anfang etwas Tracy Chapman beim farbigen Leadsänger mit der Melone. Es sind Streicher dabei, Gitarre, Glockenspiel. Ja, absolut toll vorgetragen. NDR – das wäre Eure Musikerauswahl fürs Clubkonzert gewesen! Hier sind Abwechslung gepaart mit Bühnenerfahrung, dargeboten von Leuten, die noch keine Megastars sind. Der Song groovt, toller Gesang (total Tracy Chapman). Die Jury mag’s auch. 8/10

5. Zoe – Adieu

Sie bringt den Chanson ins Spiel, eine moderne Form. Natürlich singt sie auf Französisch und ein Vergleich mit Zaz liegt auf der Hand. Sie war schon beim Kiddy Contest und findet, es war eine sehr hilfreiche Erfahrung. Zoe mit offenem lockigen blonden Haar im kurzen Schwarzen mit einem leicht Püppchen-Akzent, das hat was von Vanessa Paradis oder Anna Rossinelli. „Unglaubliche Stimme“, sagen die Coaches. Kontrabass, Gitarre, toller Rhythmus etwas swingend. Toll, sehr charmant. Von dieser Frau will man eigentlich nicht mit einem „Adieu!“ weggeschickt werden. Peter Draxl von Universal sieht entzückenden Lolita-Charme. 7/10

6. Renato Unterberg – Love

Hatten zunächst abgesagt, aber sich dann entschlossen, doch mitzumachen. Sehen sich selbst zwischen Tom Waits und Michael Jackson mit alternativer Popmusik. Jazzig, rockig, irgendwie schaut er wie Iggy Pop aus. Bläsersätze erinnern an Joe Jackson. Die Coaches sind nicht so begeistert vom Englisch, und der Song ist unfertig, meinen sie. Ja, es hat keinen richtigen USP würde ich sagen. Das Publikum ist begeistert, der Juror findet es etwas schwierig. Ich bin auch nicht überzeugt: 4/10

7. The Su’sis – This and That

Diese Gruppe versucht es swingend, in die engere Auswahl zu kommen. Sie sind ein Damentrio, das mit Covers von 20er/30er Jahre Songs begann. Drei Männer im Hintergrund spielen Kontrabass, Schlagzeug, Klavier. Die drei Mädels vorne in Rot, Grün, Blau (der Rock) wie die Herrey’s 😉 swingen sich mit unfassbar schönem Dreiklang der Stimmen durch die 3 Minuten, aber die BossHoss finde es etwas zu klassisch und vermissen moderne Elemente, die das Konzept etwas brechen könnten. Das findet der Juror Ewald Tatar auch, ganz begeistert ist er nicht. Der Song ist schön komponiert, die Bühnenpräsenz ist da, aber die Coaches sehen sie nur vorn, wenn sie sich auf was Moderneres einlassen könnten. 5/10

8. Lemo – So leicht

Er hatte bereits einen Hit in Österreich, ist also schon was bekannter. Singer/Songwriter mit markanter Eric-Clapton-Brille. Er wirkt sehr glaubwürdig auf die Coaches. Andi Knoll findet ihn ganz gut. Es hat tatsächlich was von der typischen Austropop-Stimmung der 80er finde ich (STS kommt mir in den Sinn), auch wenn das hier Hochdeutsch ist. Eher getragen, selbstreflektiert, keine Gimmicks. Die Coaches sehen eine Einheit von Stimme, Nummer, Musik. Sie klatschen mal so richtig. Andi Knoll findet es für den ESC schwierig. Ich mag’s: 7/10.

9. Mizgebonez – Murmeltier/Fitnesstraining (Medley)

Die Mizgebonez sollen bekannt sein für interessante Kostümierungen, kommen aus dem 30-Seelen-Ort Kröpz an der deutschen Grenze. Rap, Fun und Crazyness verspricht der Einspieler. Deutscher Rap wie die Atzen, vier Männer, eine Frau. Nach dem ersten Chorus wird das schicke Outfit ausgezogen, es folgt ein Fitness-Outfit. Der Song wechselt in einen Dance-Rap-Schlager mit völlig sinnfreiem Text. Die Coaches nehmen es nicht ernst, finden’s gaga, und so ist es auch. Anzügliche Moves. Die EAV der Neuzeit. Fun-Faktor meint die Jurorin, aber nicht repräsentativ. Naja. 3/10

10. Kathi Kallauch – Das Leben ist zu kurz

Sie kommt aus Deutschland und ist im Teenie-Alter nach Österreich. Hier wurde sie sozialisiert und hat alles für’s Leben gelernt. Klingt wie eine Deutsche, denkt wie eine Österreicherin. Sie ist schon ziemlich bekannt. Das ist modern aufgemachter, leicht swingender Schlager. Der deutsche Text ist sehr klar, sehr Hochdeutsch, sehr in-your-face. Sie schwebt etwas zuviel in der Gegend rum, das nervt ein wenig. Ein bisschen Pe Werner, ein bisschen jazzig – mich irritiert nur, dass sie wie Anne Will aussieht. Die Coaches finden den Song langweilig, aber sie hübsch. Aber halt zu brav. Find‘ ich auch. 5/10

11. Folkshilfe – Seit a poa Tog

Sie machen moderne Folk-Musik in Mundart und haben auch eine Quetschn dabei. Von daher ja wie die Trackshittaz für uns Nicht-Österreicher. Aber es beginnt eher wie eine Mischung aus STS und den Shorts (kennt diese holländische Boyband noch jemand? Comment ca va?). Der Text ist schon fast komödiantisch, das Publikum amüsiert sich über die erzählte Geschichte. Zum Ende hin legen sie richtig los. Für Nicht-Österreicher etwas schwer verdaulich, witzig, aber eher was für’s Bierzelt oder die Satire-Bühne. Bisschen rustikal, findet der Juror. Ich fand’s ok, aber definitiv zu ösi-spezifisch für den ESC. 6/10

12. Kommando Elefant – Mein Design fürs Leben

Leider ist der Stream kurzfristig weg. Da wurde offenbar heftig diskutiert im Vorfeld, ob man überhaupt mitmachen solle. Das ist experimentelle NDW-mäßige Indie-Elektro-Musik in Deutsch, etwas Falco, aber er ist zu theatermäßig, kein Sänger, nix für die große Bühnen, meinen die Coaches. Die Band gefällt. Rock-Pop mit viel Scheinwerfergeblitze. Die Jurorin meint nicht, dass die sich beim ESC wohlfühlen würden. Auch die Coaches haben den gleichen Gedanken. Es ist etwas verstörend für den Mainstreamzuschauer, Indie halt. 4/10

13. Tandem – Zeig ihn mir

Sie wirken im Vorspann wie die Mrs Greenbird Österreichs. Die beiden stehen erstmalig auf einer großen Bühne. Aber die Musik geht in eine ganz andere Richtung. Straighter 80er-Jahre-Pop mit Synthis, ihre Stimme ist leider zu dünn. Eher die Glasperlenspiel Österreichs, aber mega-nervös. Schade, wenn die Stimme mehr Kraft hätte, wäre das interessanter. Eric Papilaya (sitzt in der Jury) ist nicht überzeugt, die Coaches auch nicht. Sie sind enttäuscht, weil Musik, Show top waren, Stimme aber nicht. 5/10

14. Celina Ann – I Never Loved a Man

Sie will mit einem Song von Aretha Franklin den Soul in die Sendung holen. Interessant ist, dass sie u.a. mit ihrer Mutter (im Background) und ihrem Freund auf der Bühne stehen wird. Die Mutter scheint Amerikanerin zu sein. Der Song ist ein eher getragener Soul-Klassiker, die Band macht das gut. Für das fast schon etwas bleich geschminkte Gesicht der bildhübschen Celina ist der Song schon etwas zu black, aber stimmlich ist das ein Hammer, erinnert an die richtig guten Leute bei Raab’s „Unser Star für Baku“ – das Mädel hat den Soul im Blut. John Megill, Radiomoderator und Juror, findet gut, dass sie authentisch und nicht fake rüberkommt. Songauswahl fand ich nicht so gut für sie, aber dennoch 7/10

15. wo/Men – Happy

Einer der Top-Hits des letzten Jahres (im Original von Pharrell Williams) soll den wo/Men die Tür zur Finalauswahl öffnen. Die beiden WG-Mitbewohnerinnen möchten mit dem Cover die Leute knacken. The BossHoss finden es eher schwierig mit einem Cover, finden die beiden zu musicalmäßig. Ich find’s ein bisschen zu gewollt, die Stimmen zu wenig aufeinander abgestimmt. Die Version war jetzt eher Pop-Rock, also eine völlig andere Stimmung als das Original. Die Coaches finden die Technik der Mädels super, aber offenbar sprang der Funke nicht richtig über. 4/10

16. Johann Sebastian Bass – Heart of Stone

Sie haben sich nach eigenem Bekunden 1750 in Leipzig auf einem Begräbnis kennengelernt, wurden dann auf eine Zeitreise geschickt und landeten in 2011. Haben den ganz eigenen „Elektrokoko“-Stil kreiert. Es startet rockig und fulminant, die Stimme ist stark vocodermäßig verzerrt und klingt eher nach Eiffel 65 („Blue“). Die Komposition scheint einer Rock-Oper entlehnt, ist nicht so eingängig, eher ein Konzept-Stück. Das hat natürlich optisch was von „Rock me Amadeus“, aber die Kostüme sind nicht ganz überzeugend. Insgesamt Boney M meets 90s meets Falco. Die Coaches sind begeistert, ich bin etwas überfordert: 6/10

Schnelldurchlauf.

Ich habe Dawa, der groovigen Truppe mit dem Tracy-Chapman-Gedächtnis-Song ganze 8/10 Punkten gegeben, und fünf Stücken 7/10.

Und direkt geht es zu den Ergebnissen – ganz ohne Umschweife. Mirjam verkündet die Finalisten, die jetzt in zwei weiteren Shows hin zum Finale geführt werden:

– Zoe

VE Österreich 2015 - Zoe

– Folkshilfe

VE Österreich 2015 - Folkshilfe

– Celina Ann

VE Österreich 2015 - Celina Ann

– The Makemakes

VE Österreich 2015 - The Makemakes

– Dawa  (YES!!!)

VE Österreich 2015 - DAWA

– Johann Sebastian Bass

VE Österreich 2015 - Johann Sebastian Bass

Mann, jetzt waren glaube ich alle total überrumpelt. Es gab nach den 16 Auftritten und dem Schnelldurchlauf überhaupt keine Verschnaufpause, keine Werbung, keine Green-Room-Konversation, keine finalen Statements von Jury oder Coaches. Einfach zack, bums, die 6 Namen.

Das war etwas seltsam… Aber hey! Was für eine bunte, tolle Auswahl! Ich bin absolut begeistert!! Das ist eigentlich genau die Sendung, die ich mir für gestern Abend gewünscht hätte, und dann hätten zu vielleicht 5 gesetzten „Großen“ drei Newcomer ins Finale gewählt werden können.

Schade nur um die Royal Kombo, die Neuzeit-Reggae-Band in den Rapper-Outfits. Ansonsten bin ich megazufrieden, meine Favoriten Dawa und zwei Songs mit 7 Punkten, dazu drei, denen ich 6 gegeben hatte, sind weiter. Ich freue mich jetzt total auf die weiteren Shows, das hatte Klasse und war größtenteils echtes „The Voice“-Niveau.

Bravo Österreich! Dafür, dass Ihr nicht Eure ganz großen Namen ins Rennen schickt, sondern eher den Newcomern bzw. Live-Erfahrenen eine Chance geben wollt, habt Ihr das Starterfeld toll gescoutet. Wir freuen uns auf die nächsten Wochen!

 

Und damit noch einen schönen Abend und gute Nacht aus Köln. Ab morgen steht das Baltic Super Weekend an, mit Finale in Litauen und Estland sowie Sonntag in Lettland, dazu Semis aus Schweden und Ungarn. Viel Spaß dabei – wir sehen uns!