Live-Blog Schweiz: ZiBBZ wollen mit „Stones“ ins ESC-Finale

Sie waren als Favoriten ins Rennen gegangen und haben dann – vor allem beim Publikum – auch deutlich vorn gelegen: Die Geschwister Zibbz. Mit ihrem Song „Stones“ verwiesen sie „Compass“ von Alejandro Reyes nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen bei den Juroren (mit dabei der neue deutsche HoD Christoph Pellander) mit deutlichem Abstand auf den zweiten Platz. Hier der Live-Blog zum Nachlesen.

Sechs nach einem neuartigen Verfahren ermittelte Finalisten treten am Sonntagabend in der „Entscheidungsshow“ des Schweizer Fernsehens an, um den Beitrag der Eidgenossen für den ESC 2018 in Portugal auszusuchen. Favorisiert wird in den Online-Foren vor allem der Beitrag „Stones“ des Duos ZiBBZ.

Die Sendung wird live aus den SRF-Studios in Zürich ausgestrahlt. Wie zuletzt auch in Malta wird auch in der Schweiz zur Hälfte vom Televoting, zur Hälfte von internationalen Juroren (aus sieben Ländern, darunter auch Deutschland) gewertet.

Hier haben wir die sechs Finalisten vorgestellt und in Songchecks auch ihre Lieder eingehend unter die Lupe genommen. Und hier wird das Finale live gestreamt.

Hallo und guten Abend aus Palma de Mallorca zum Live-Blog. Heute vor einem Jahr saß ich an selber Stelle und bloggte denselben Vorentscheid. In diesem Jahr soll jetzt aber alles anders werden. Im Moment läuft auf SRF2 noch eine Auto-Sendung. Aber gleich geht’s los.

Den Live-Stream gibt es auf der offiziellen Seite des Schweizer Fernsehens offenbar nur mit Geo-Blocker, d. h. Ihr braucht einen VPN, um das Signal sehen zu können. Alternativ wird die Show hier auf YouTube gestreamt. Beruhigenderweise steht auf der Facebook-Seite der Sendung, dass sie für Kinder geeignet ist. Puuuh.

In der Show wird auch eine internationale Jury an der Entscheidung mitwirken. Wie man auf dem Bild unschwer erkennen kann, haben die Schweizer alles für eine ausgeglichene Verteilung der Geschlechter getan (oder zumindest der gleichgeschlechtlichen Orientierung, wer weiß das schon).

So, der Stream auf YouTube ist live gegangen. Ein Bild ist aber noch nicht zu sehen. Dafür machen mich die ganzen bekloppten Live-Chat-Kommentare dadrunter verrückt. Haben die Leute nichts anderes zu tun, als bei so einer Sendung mitzudiskutieren?!

Nachdem die Eurovision-Fanfare eingeblasen wurde (mit Blechbläsern) betritt Timebelle die Bühne und trägt ihren Vorjahresbeitrag vor. Da haben die Schweizer schon mal einen Vorsprung vor Deutschland: Levina wird am Deutschen Vorentscheid ja nicht teilnehmen. Aber sehr lange dürfen sie nicht singen; ein langer Ton und dann ist Schluss.

Dafür kündigt sie den Moderator gleich noch an, Sven Epiney. Er bedankt sich für den Auftakt bei den bisherigen Protagonisten und begrüßt dann auf allen vier offiziellen Landessprachen die TV-Zuschauer. Gottseidank bleibt er dann aber bei einer Art Deutsch für die weitere Moderation. Und schon holt er die sechs Kandidaten auf die Bühne.

Schaltung in den Green Room. Ein blonder Moderator begrüßt dort die Gäste. Am Buffet steht gleich die Sängerin von Timebelle. Und der Moderator dort beißt herzhaft in Ingwer. Auf der Bühne quatscht Sven mit den Kandidaten und verabschiedet sie dann wieder in den Green Room.

Wer hier nicht mitdiskutieren will, kann das auch auf anderen sozialen Medien machen, dann mit dem Hashtag #srfesc. Außerdem kündigt Sven an, dass eine internationale Jury mit über den Ausgang der Show entscheiden wird. Und dann geht’s auch schon los. Die Kandidaten werden mit einem kurzen Einspielfilm vorgestellt. Wobei kurz relativ ist. Erst stellt Sven sie per Aufsager vor, dann berichten die Künstler selbst.

Aber: 10 Minuten nach Showauftakt folgt bereits der erste Beitrag. Das ist fix.

1. Zibbz „Stones“

Die beiden Geschwister stehen mit zwei dreieckigen Pyramiden auf der Bühne. Eine beinhaltet das Schlagzeug, die andere steht auf dem Kopf. Sie wechseln die Farben, sind mal blau mal rot. Klamottentechnisch sind beide Künstler schwarz gekleidet, wobei die Sängerin noch ein dunkelrotes Gehänge vor der Brust baumeln hat. Sie trägt Hut, er Hipster-Dutt (ist das nicht etwas 2017?).

Zibbz „Stones“

Der poprockige Song ist energetisch und geht nach vorn. Die Stimme ist ordentlich und kräftig. Das Publikum klatscht bei der Brücke erwartungsgemäß mit. Mich persönlich kriegt das Lied nicht, da kann es dreimal der Favorit sein. Guter Applaus.

5 von 10 Punkten (ich mag das Lied nicht)

Nach dem Auftritt und dem Applaus spricht Moderator Sven mit den beiden Geschwistern.

Ich sehe gerade, dass direkt nach der Sendung „Muriel Hochzeit“ auf SRF2 läuft. Das nenne ich mal Audience Flow!

Schalte in den Green Room. Der Host sitzt neben Naeman, der ganz in Weiß gekleidet ist, und interviewt ihn. Es geht um Nervosität, Fan-Base und so. Dann geht der Host zu den Zibbz, die einen Pfeil als Glücksbringer dabeihaben.

Lustig finde ich ja, dass Sven die Startnummern immer mit einer Null davor nennt, also Null-Eins oder Null-Zwei. Bei insgesamt sechs Beiträge hätte man da doch drauf verzichten können, oder?

 

2. Angie Ott „A Thousand Times“

Die Sängerin steht in einem roten Kleid auf der Bühne. Die brünetten Haare sind offen und etwas wild frisiert. Das Bühnenbild ist in blau gehalten, am Bühnenrand sind ein paar Strahler. Im Hintergrund sind verschiedene Formen von Vierecken zu sehen, die sich ständig verändern. Habe ich da in der Frisur gerade einen Hauch von Windmaschineneffekt gesehen?

Angie Ott „A Thousand Times“

Die Stimme wirkt soweit sauber. Nach der Brücke kommt das kräftige Finale. Anständig gesungen auch das, aber es fehlt das Emotionale. Irgendetwas fehlt etwas, das über guten Durchschnitt hinausgeht. Alles schön, aber nicht spektakulär.

6 von 10 Punkten

Auch mit Angie spricht Sven nach dem Auftritt. Sie hat einen zweijährigen Sohn, dem sie ein dickes Bussi schickt.

 

3. Naeman „Kiss Me“

Im Einspielfilm berichtet Naeman, dass er Tanzschritte eingeübt hat. Wie gesagt, steht er ganz in weiß auf der Bühne und trägt ein Basecap – natürlich falschherum. Begleitet wird er nun von zwei Tänzerinnen, die wiederum schwarz gekleidet sind. Später kommen noch zwei männliche Tänzer dazu. Das Bühnenbild ist auch modern weiß gehalten mit vielen Streifen. Das sieht ganz gut aus.

Erst dachte ich, dass das mit der Choreographie etwas Großraumdisco-auf-dem-Land-Niveau wäre, aber eben sah schon einiges ganz professionell aus. Nur die Kamera fängt ihn nicht immer optimal.

Naeman „Kiss Me“

Der Gesang ist ok, ausreichend für ein solches Lied (und dafür, dass er im Gegensatz zu Benjamin Ingrosso gestern vermutlich wirklich live singt). Die Stimme ist bekanntermaßen maximal oberer Durchschnitt, wird aber vom Tanzen nicht negativ beeinflusst. Wirklich mitreißen kann er die Leute nicht. Man wünschte sich, in der Schweiz gäbe es auch die Hjärtrösta-Möglichkeit für die ganzen Minderjährigen.

7 von 10 Punkten

Im Gespräch mit Sven schwitzt Naeman doch schon etwas auf der Stirn. Kein Wunder nach drei Minuten Arbeit.

 

Im Green Room wird Alejandro Reyes interviewt, weil er ja an dem Lied von Naeman mitgeschrieben hatte. Alejandro spricht interessanterweise Französisch.

Einspieler: Hits vom Eurovision Song Contest. Lieder, die es in die Schweizer Hitparade geschafft haben. „Congratulations“, „Waterloo“, „Save Your Kisses For Me“, „Making Your Mind Up“, „Insieme 1990“. Dann Alf Poirer und Stefan Raab, Guildo Horn und Lena. Ein deutscher Hatrick! „Euphoria“ und „Rise Like a Phoenix“ auch mit dabei.

Vor 30 Jahren: Céline Dion schaffte es damals in der Hitparade nur auf Platz 11. Das Schweizer Fernsehen zeigte ja tatsächlich gestern Abend noch einmal den ganzen ESC von 1988. Man, war das spannend damals, auch ohne Split-Voting!

 

4. Chiara Dubey „Secrets And Lies“

Die Sängerin steht allein auf einem Podest auf der Bühne. Voller Fokus. Sie startet mit geschlossenen Augen ihren Gesang, im Hintergrund wirbeln Sterne. Sie trägt ein weißes Kleid mit schwarzen Applikationen.

Die ersten 30 Sekunden waren fesselnd, zumal mit der zerbrechlichen Stimme. Dann wird es etwas … langweiliger (oder von mir aus anspruchsvoller). Stimmiges, recht statisches Bühnenbild. Schöne Lichteffekte mit den Strahlern.

Chiara Dubey „Secrets And Lies“

Die Stimme fühlt sich etwas dünn an, auch wenn es gut gesungen ist. Mich fesselt es nicht. Zumal das Lied nach hinten raus mit dem „Ei-ei-ei-ei“ doch etwas an ein Schlaflied erinnert. Nein, das bewegt mich nicht.

4 von 10 Punkten 

Im Gespräch mit Sven kommen sie darauf, dass Chiara bereits das dritte Mal am Vorentscheid teilnimmt. Ich würde mal sagen, das könnten noch ein paar mehr Versuche werden, bis es zum ESC geht.

 

5. Alejandro Reyes „Compass“

Seine fehlende Hand wird im Einspielfilm sehr sympathisch und selbstverständlich thematisiert – sie fehlt ihm seit der Geburt. Insgesamt sehr schönes Intro.

Alejandro steht im roten Hemd (oder ist es eine Jacke?) und mit Gitarre auf der Bühne.  Im Hintergrund sind Tänzerinnen zu sehen bzw. Personen, die auch Trommeln vor sich stehen haben. Die Dynamik kommt durch die ausschweifenden Bewegungen der Trommler auf die Bühne.

Alejandro Reyes „Compass“

Auch über Alejandros Stimme gibt es nichts zu klagen. Sauber wie im produzierten Song. Zur Brücke nimmt er das Mirko aus dem Stativ, bewegt sich und fordert die Zuschauer zum Mitklatschen auf. Also, gute Laune, aber nichts, was wirklich auffällt.

6 von 10 Punkten

Auch Alejandro schwitzt auf der Stirn im nachträglichen Talk. Und er lobt auch den Auftritt von Naeman, die beiden seien halt verschieden, wie sie Lieder auf der Bühne präsentieren.

 

6. Vanessa Iraci „Redlights“

Vanessa spricht herrliches Hochdeutsch – dafür, dass sie ja direkt von der  Schweizer Grenze kommt, ist das nicht selbstverständlich.

Die Sängerin steht ein einem Quader (sind das die umgebauten Pyramiden von den Zibbz?). Sie trägt ein schwarzes Outfit mit hohem Schlitz im Bein. Das Lied kommt ohne großes langes Getue zum Refrain, was hilft, die Aufmerksamkeit zu halten.

Vanessa Iraci „Redlights“

Zum zweiten Refrain wird auch der Screen im Hintergrund eingebunden und zeigt weiße Quader, so dass ein toller 3D-Effekt entsteht. Wow, das was unerwartet.

Auch hier ist an der Stimme kaum etwas auszusetzen. Es ist eher so, dass Vanessa keine sympathische Brücke zum Zuschauer bauen kann. Dafür dürfte es Abzüge geben. Ein weiteres Lied über dem Durchschnitt, aber nichts wirklich Auffälliges.

6 von 10 Punkten

 

So, die sechs Beiträge sind durch. Es folgt der Aufruf, an der Abstimmung teilzunehmen. Einer gewinnt – wie beim Dschungelcamp – 5.000 EuroFranken.

Es bestätigt sich für mich, dass wir in der Schweiz eine gute Qualität im Wettbewerb haben, ein richtiger Überflieger fehlt mir allerdings. Das zeigen auch meine Punkte, die sehr dicht beieinander liegen. Naeman liegt eigentlich nur wegen der Choreo vorn. Chiara geht mir persönlich mit dem Lied auf die Nerven, aber sowas ist ja durchaus ein Zeichen. Für mich ist der Sieg der favorisierten Zibbz noch nicht in trockenen Tüchern.

Werbepause in der Schweiz (TV-Highlights, Schmerzmittel, Nutella, Tankstelle, Finanzdienstleistungen, Kosmetik, Lebensmittel). In einer halben Stunde soll der Sieger feststehen. Die Schweizer zögern nichts unnötig hinaus.

Warum ist eigentlich „More Than You Know“ von Axwell / Ingrosso die Musik der Sendung? Egal, weiter geht’s. Noch vier Minuten kann abgestimmt werden. Schnelldurchlauf. Dann wird der Countdown gezählt.

Rückblick auf Timebelle, die im letzten Jahr den Vorentscheid sehr deutlich gewonnen hatten. Ihre ESC-Story wird ebenfalls in Auszügen nachgezeichnet. Anschließend werden die drei Timebelles im Green Room noch einmal interviewt.

Hinleitung zum Pausenact ist ein Rückblick auf den Auftritt und Sieg von Salvador Sobral. Letizia Cavallo (oder so) singt begleitet von einem Appenzeller Chor („Sangfründe Appenzell“, mit Händen in den Hosentaschen) und einem Piano den portugiesischen Siegerbeitrag. Schöner, besinnlicher Moment.

Noch ein Einspieler, in dem die Kandidaten erklären, warum sie gewinnen und die Schweiz beim ESC vertreten wollen.

Schweiz, wir haben ein Resultat.

50% Jury: Vertreter aus sieben Ländern haben gevotet (siehe Bild oben). Die können 6, 8, 10 oder 12 Punkte verteilen. Die TV-Zuschauer haben dann ebensoviele Punkte zu verteilen, wie die Juroren zusammen.

Deutschland: Christoph Pellander
6 Punkte: Naeman
8 Punkte: Angie Ott
10 Punkte: Zibbz
12 Punkte: Alejandro Reyes

Frankreich: Edoardo Grassi
6 Punkte: Chiara
8 Punkte: Vanessa Iraci
10 Punkte: Zibbz
12 Punkte: Alejandro Reyes

Armenien: David Tserunyan
6 Punkte: Angie Ott
8 Punkte: Zibbz
10 Punkte: Alejandro Reyes
12 Punkte: Vanessa Iraci

Alejandro hat 6 Punkte Vorsprung vor Zibbz.

Albanien: Kleart Duraj
6 Punkte: Angie Ott
8 Punkte: Alejandro Reyes
10 Punkte: Vanessa Iraci
12 Punkte: Zibbz

Zibbz nur noch 2 Punkte hinter Alejandro.

Italien: Nicola Caligiore
6 Punkte: Vanessa Iraci
8 Punkte: Naeman
10 Punkte: Alejandro Reyes
12 Punkte: Zibbz

Gleichstand mit 52 Punkten für Alejandro und Zibbz.

Island: Gisli M. Baldursson
6 Punkte: Angie Ott
8 Punkte: Chiara
10 Punkte: Alejandro
12 Punkte: Zibbz

Damit führen Zibbz mit zwei Punkten.

Israel: Tal Barnea
6 Punkte: Vanessa Iraci
8 Punkte: Chiara
10 Punkte: Alejandro
12 Punkte: Zibbz

Das Jury-Voting gesamt

Zibbz 76
Alejandro 72
Vanessa 42
Angie 26
Chiara 22
Naeman 14

Und nun das Zuschauer-Voting

19 Punkte: Naeman (gesamt 33 Punkte und Letzter)
25 Punkte: Vanessa Iraci (gesamt 67 Punkte)
39 Punkte: Angie Ott (gesamt 65 Punkte)
44 Punkte: Chiara Dubey (gesamt 66 Punkte)
48 Punkte: Alejandro Reyes (gesamt 120 Punkte)

Zibbz haben gewonnen!

77 Punkte: Zibbz (gesamt 153 Punkte)

Die Sieger kommen auf die Bühne. Auf den LED-Wänden wird goldener Glitter imitiert. Sven Epiney interviewt die beiden Geschwister: Sie können es kaum glauben. Sie danken allen, die das möglich gemacht haben. Und sie versprechen: „Wir machen das Finale!“

Die beiden Moderatoren verabschieden sich und Zibbz tragen noch einmal ihren Song „Stones“ vor. Die Sendung endet um 21:58 – und damit 13 Minuten später als geplant. Die Schweiz ist auch nicht mehr, was sie mal war.

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