Live-Blog Schweiz: Mélanie René setzt sich überraschend durch!

Mélanie René Schweiz Entscheidungsshow Siegerin

Eine Überraschungssiegerin verweist beim Schweizer Vorentscheid „Die grosse ESC Entscheidungsshow“ die Favoriten auf die Plätze. Melanie René aus Genf ergattert mit dem ihrem selbstgeschriebenen Bombastpopsong TIME TO SHINE das Schweizer Ticket für Wien. Wie es dazu kam, steht ausführlich hier in unserem Liveblog zum Nachlesen.

Die 6 Kandidaten-Acts werden außer ihrem ESC-Beitrag auch noch einen weiteren Coversong singen (der nichts mit dem ESC zu tun haben muss). Wir haben bereits einen umfangreichen Songcheck des Schweizer Aufgebots gemacht:

(1) “Take Me Back to 23″ von Deborah Bough
(2) “Hey now” von Andy McSean
(3) „Time to shine“ von Melanie René
(4) „Fly“ von Licia Chery
(5) „Only human“ von Tiziana
(6) „Singing about love“ von Timebelle

Der Schweizer Song für den Eurovision Song Contest 2015 in Wien wird zu je 50% vom Publikum (Televoting) und einer Fachjury bestimmt, die wie folgt besetzt ist:

für den SRF:
Peter Ramon Baumann – ESC Fanclub
Lilly Behling – Musikredakteurin DGST
Dano Tamasy – Musikredakteurin SRF
Mark B. Lay – Vocalcoach

RTR:
Alice Bertogg – Moderatorin RTR und Sängerin

RTS:
Grazia Covre – Choreographin
Valerie Ogier – Journalistin
Nic Maeder – Leadsänger der Band Gotthard

RSI:
Sebastiano Paul-Lessi  (Sebalter!!!!) – Sänger
Simone Tomassini – Sängerin

Mit der Vorabinfo über die Besetzung der Schweizer Jury grüßt Euch Blogger Peter herzlich aus Hamburg Winterhude.

Nach einem etwas wackeligen Start funktioniert der Livestream sowohl auf dem PC als auch auf dem iPad. Die Show beginnt mit dem Einlauf der Künstler. Sven Epiney – mit offenem weißen Hemd und Samtblazer durchaus kinda sexy – kündigt den LineUp in fließendem Schweizerdeutsch an.

Los geht es dann gleich mit der Top-Favoritin!

Deborah Bough: TAKE ME BACK TO 23

Im dunkelroten sexy Glitzerkleid kommt die Modelfigur von Deborah bestens zu Geltung. Sie hat drei Backgroundsängerinnen dabei (glitzern ebenfalls) und massenhaft Discokugeln (in Pyramidenform geschichtet) stehen als Deko auf der Bühne rum. Der Song ist catchy, sympathisch, rhythmisch stark – ein instant winner. Sven nennt 23 eine „Disconummer“. Einziges kleines Manko: Stimmlich ist Deborah nicht wirklich auf Top-Niveau, für eine „Disconummer“ völlig ausreichend, aber noch souligere Vocals würden helfen.

Punkte: 9/10

 

Timebelle: SINGING ABOUT LOVE

Ich geb‘ es zu. Ich will, dass die gewinnen. Echte (studierte) Musiker spielen echte Instrumente (und sehen auch noch gut dabei aus) und weil sie nicht so gut singen können, haben sie Miruna aus Rumänien als Verstärkung geholt. Die sechs treten unter Lichterketten in Zeltform auf. Das macht ein warmes Licht in orange und passt gut zum Song. Und wie im Songcheck prognostiziert, haben die Jungs eine pfiffige, zuweilen banale Choreo einstudiert. Am Ende nehmen sie Miruna in die Mitte.

Der Uptempo-Titel gefällt mir persönlich nicht ganz so gut wie „23“ (I like Disco), aber der eingängige Beat und die sehr sympathische Miruna machen das Angebot rund.

Punkte: 8/10

 

Licia Chery: FLY

Die in Genf geborene Licia hat haitianische Eltern und verspricht den dritten Feelgood-Titel des Abend. Wieso die stärksten Titel am Anfang kommen, man weiß es nicht. Wie Deborah hat auch Licia einheitlich gekleidete Backgroundsängerinnen – diesmal vier, die schwarze Trainingshosen mit weißen Smokinghemden und schwarzer Fliege kombiniert haben. Licia trägt den Look auch, aber mit kurzem schwarzen Rock und die Smokinghemd-Ärmel sind bei ihr abgeschnitten.

FLY nimmt starke Swing-Anleihen, naheliegend ist daher, dass auch hier eine ausgefeilte Choreo zum Einsatz kommt. Allerdings nicht wirklich originell, das übliche Armeschwenken und die üblichen Ausfallschritte eben. Der Song ist weniger spannend als die ersten beiden, zwar erneut eingängig, aber doch etwas langweilig und die zahlreichen Wiederholungen sind ein bissel eintönig. Das Publikum ist aber sehr angetan.

Punkte: 6/10

 

Andy McSean: HEY NOW

HEY NOW kommt von Andys neuem Album PASSENGER, das kommt im Vorfilm mehrfach verkaufsfördernd ins Bild. Andy trägt ein weißes T über schwarzer Leadjacke und dazu Jeans, Vollbart und Baskenmütze. Er hat eine dreiköpfige Band (Drums, Guitar, Bass) dabei und zwei Backgroundsänger (Frau/Mann).  Der Track ist typischer – banaler – Radiorock, eher zum Weg- als zum Hinhören leider. Hier macht sich nach zwei Minuten Langeweile breit. Die Stimme von Sean ist rauh und kantig, hat aber live nicht die Tiefe wie auf dem Album.

Punkte: 3/10

 

Mélanie René: TIME TO SHINE

Melanie, mit Roots aus Mauritius, sieht großartig aus. Optisch ist sie im Damenprogramm der Frontrunner, was für den Song aber leider nicht gilt. Nach vier schnellen Tracks ist der getragene Groove von TIME TO SHINE aber zumindest eine schöne Abwechslung.

Melanie kommt mit viel Nebel im asymmetrisch ausladenden schwarzen Plüschrock und schwarzem Top irgendwie gothic daher. Auch bei TIME TO SHINE wird das Sechs-Personen-auf-der-Bühne-Kontingent ausgeschöpft, es gibt drei Backgroundsängerinnen (komplett in schwarz) und einen Guitaristen sowie den Drummer im Laserkanonenkegel.

Der Song ist mehrstimmig am besten, dann ist er mitreißend. Sympathisch ist, dass Melanie den Song auch geschrieben hat, stimmlich reicht sie aber nicht ganz an Deborah oder Miruna heran, die beide auch nicht unbedingt auf Champions League Level vorgesungen haben.

Punkte: 5/10

Tiziana: ONLY HUMAN

Nun wird sich herausstellen, ob die Popularität von Tiziana als Siegerin von „The Voice Of Switzerland“ in 2014 bei dieser Entscheidungsshow eher ein Vorteil oder eher eine Bürde ist. Tizianias stimmliche Leistung ist nachgewiesenermaßen erstklassig, aber reicht das bei einem sehr durchschnittlichen Titel?

Die Bühne ist in lila-rosa Kitsch getaucht, überall bunte Plastikblumen (viel Pastelltöne) und schon wieder Nebel. Wer’s mag…

Tiziana hat definitiv ein gewinnendes Wesen, aber warum hat sie sich so unmöglich angezogen? Sie trägt einen zweischichtigen schlammfarbenen Rock, der die Knie freilässt und darüber eine kurze ausgewaschene Jeansjacke über weißem Top. Und ganz viel Haare. Keine glückliche Bekleidungs-Entscheidung. Ihre beiden Backgroundsängerinnen haben einen ähnlichen Look, tragen dazu allerdings bis an die Knie verlängerte Blusen. F u r c h t b a r!

Viel Stimme, aber ein banaler Song, der wenig Faszination auslöst. Als einzige echte Ballade im Aufgebot hat der Titel möglicherweise Abgrenzungsvorteile, bei mir persönlich bleibt Schulterzucken, auch weil der Song dramaturgisch auf der Stelle tritt. Immer und immer wieder ONLY HUMAN.

Punkte: 2/10 (Sorry Tiziana)

Es folgt der formatübliche Schnelldurchlauf, danach geht es mit Runde 2 weiter, wo die Künstler einen Lieblingssong performen dürfen.

Deborah Bough: SHAKE IT OFF

Ein Top-Titel von Taylor Swift, das heißt ein starkes Vorbild, geht das gut?

Doch, der Song liegt ihrer Stimme und groovt super. Das ist ein Gute-Laune-Lied, das könnte beim Voting entscheidend werden. Funky, sexy, sympathisch, gekauft.

Punkte: 9/10

Ein Polizeiauto-Lipsynch-Video hatten wir doch schon mal, right?!

Richtig, hiermit hat es angefangen. Und für uns ein Grund, in Wien im Mai ganz viel in Bezirk 16 spazieren zu gehen.

Irgendwie mag ich diesen Cheesy-Lipsynch-im-Auto-Style.

Deshalb hier noch ein Klassiker. Go Guys Go.

Timebelle: RUDE BOY

Nach Taylor Swift also Rihanna. Erneut gilt: Sehr starke US Vorlage, an der die Coverperformance gemessen werden kann.

Miruna hat nun einen enganliegenden roten Hosenanzug gewählt, dazu ein Pünktchenhemd. Sieht prima aus.

Auch hier gleicht die Klasse der Songs leichte Schwächen (vor allem die diesmal uninspirierte Choreo) aus. Miruna ist stimmlich stärker als bei SINGING ABOUT LOVE, der Titel liegt ihr. Und das Saxophonsolo ist auch ein beschwingtes Highlight.

Punkte: 8/10

Licia Chery: ALL ABOUT THAT BASS

Das Original kommt von Meghan Trainor, ein Mix aus swingendem Doo-Wop und Bubblegum-Pop wie mich Wiki lehrt. Licia und ihre vier Mädels sehen besser aus und sind besser angezogen als in Runde Eins. Licia hat ein ärmelloses halblanges Kleid an, das in weiß-schwarz-gelb wild bemustert ist, die Mädels haben das gleiche Dress in schwarz-weiß.

Ein Song zum Mitwippen und Mitschnippen, witzig, charmant, temperamentvoll und super-eingängig.

Punkte 8/10

Andy McSean: CHASING CARS

Wieder so eine megacoole Vorlage – ganz schwer, das Original vergessen zu machen. Und das gelingt auch nur eingeschränkt, denn die Instrumentalisierung ist nahe am Original und die Stimme von Andy ist nicht „intense“ genug, um dem Song wirklich gerecht zu werden.

Klar, das ist kraftvoll, aber von den vier bisher gesehenen Coverperformances die Schwächste.

Punkte: 5/10

Mélanie René: CHANDELIER

500 Millionen youtube-Klicks und dennoch habe ich den Song von Sia bislang kaum wahrgenommen, wahrscheinlich macht mich das zum Kunstbanausen. Ist irgendwie an mir vorbeigegangen.

Stimmlich stark, optisch bieder. Hier ist der Coversong so viel besser vorgetragen als der Wettbewerbstitel, dass man richtig wehmütig wird. Mitreißend und ergreifend, wenn nur dieses spießige Kleid nicht wäre.

Punkte: 7/10

Tiziana: THE POWER OF LOVE

Ein Überstück, hat sie das auch bei TVOS gesungen? Würde jedenfalls passen. Komischerweise muss ich bei dem Song eher an Jennifer Rush denken als an Frankie Goes To Hollywood.

Superkitschig inszeniert mit riesigem roten Laserherz auf der Bühne. Toll, sieht super aus. Tiziana hat diesmal das kleine Schwarze mit funkelndem Rock an, auch viiiiiiel besser als ihre versemmelte Freche-Mädchen-Optik aus Runde 1. Stimmlich Tiziana Pur, das hätte auch ein Castingshowauftritt sein können.

Punkte: 6/10

Jetzt kommt bestimmt Conchita dran, oder? Nee, erstmal endlose Produktempfehlungen… (Bin dankbar, die Pause reicht für ein Telefonat mit Mama.)

Die letzten vier Televoting-Minuten brechen an. Deborah oder Timebelle, wer wird nach Wien fahren? Oder doch Mélanie?

Das Televoting ist beendet, der Tessiner Sebalter wird angekündigt. Der „Sebalter in Kopenhagen“-Rückblick ist toll. Er berichtet, dass er „beide Seiten“ seines Lebens „pflegt“ – er ist also Jurist und Musiker gleichzeitig.

Singen darf er aber heute nicht, das übernimmt Conchita, die in Kreuzlingen die erste Station ihrer diesjährigen VE-Tournee absolviert. Bekanntlich wird sie auch der Stargast beim deutschen Finale sein. Und Conchita Megastar ist großartig – wie immer. Die beste Stimme des Abends und die beste Klamotte auch, ein teilweise transparentes schwarzes langes Abendkleid, welches mit goldenen Pailetten akzentuiert ist. Standing Ovations in der Halle.

Conchita hat einen Favoriten aus dem heutigen LineUp, will ihn aber nicht nennen. Im Interview bestätigt sie, dass sie RISE LIKE A PHÖNIX auch beim diesjährigen Finale in Wien singen wird. Im März gibt es eine neue Single (wird sie in Hannover vorstellen), im Mai das Album, perfekt abgestimmt mit der ESC Hochsaison.

Alle Künstler werden zur Bekanntgabe der Voting-Ergebnisse auf die Bühne gebeten. Es wird spannend!

Das Ticket für Wien bekommt – Trommelwirbel und Überraschung: Mélanie René.

Whow, jetzt bin ich erstmal baff.

Wir erfahren nur das. Weder werden die weiteren Plätze bekanntgegeben, noch wird differenziert, wie das Publikum und die zehnköpfige Jury einzeln abgestimmt haben.

Ausreichend TIME TO SHINE wird Melanie René als Schweizer Künstlerin beim ESC 2015 in Wien haben.

Hier gibt es alle sechs Wettbewerbssongs zum Nochmalhören.

Und so sieht der Zieleinlauf gemäß SRF Meldung auf facebook aus:

Die Schlussrangliste der ESC-Entscheidungsshow:
1. Mélanie René
2. Timebelle
3. Licia Chery
4. Andy McSean
5. Tiziana
6. Deborah Bough

Deborah auf Platz 6, das ist shocking. So derbe habe ich selten daneben gelegen. Letztes Jahr hatte ich Sebalter noch zutreffend hochgejazzt. Naja, ich hoffe, dass wir „23“ dennoch in der Eurodisco (lieber Douze Points, lieber Ohrmeister) hören werden. Nur schade, dass wir die Jungs vom Timebelle jetzt nicht näher kennenlernen.

Gratulation an Mélanie und Euch allen noch einen beschwingten Weekender. Danke für’s Dabeisein und auf bald! Schon am Sonntagabend geht es bei uns im Live-Blog weiter mit der Entscheidung in Zypern.

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