Live-Blog Serbien: Gebieterischer Kraft-Pop bringt Bojana Stamenov nach Wien

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Bojana Stamenov rockte die überschaubare serbische Vorentscheidung. Sie setzte sich mit einer energiegeladenen Performance voller vergangener ESC-Choreographie-Anleihen gegen zwei Konkurrenten durch. Alle waren vom Komponisten von „Molitva“ mit Songs ausgestattet worden. Hier unser Live-Blog zum Nachlesen.

Das serbische Finale wird am Sonntag um 21 Uhr hier im Stream von eurovision.tv übertragen. RTS hat hier einen eigenen Stream (Windows Media Player erforderlich). Ein weiterer Stream befindet sich hier. Weitere Streams dürfen gern gepostet werden…

Guten Abend aus Hamburg,

in Kürze beginnt „Odbrojavanje za Beč“ (Countdown nach Wien), der heutige Unterhaltungshöhepunkt im serbischen Sender RTS1. Maja Nikolic, eine bekannte serbische Popdiva, wird moderieren.

Es treten an:

Danica Kristić – U ime ljubavi (Im Namen der Liebe)
Bojana Stamenov – Ceo svet je moj (Die ganze Welt gehört mir)
Aleksa Jelić – Vodi me (Nimm mich)

Als Komponist für alle drei Songs fungiert Vladimir Graić, der mit „Molitva“ für Marija Serivofic bereits 2007 den ESC gewann. Televoting und eine Fachjury haben je 50 Prozent Stimmenanteil in der Entscheidung. Bereits am Samstag wurden die Interpreten der serbischen Öffentlichkeit in einer Show präsentiert – allerdings noch ohne die tatsächlichen Beiträge. Sie sangen stattdessen andere bekannte Lieder.

Danica Krstić ist unbekannt, sie wurde persönlich com Komponisten aus einer landesweiten Audition ausgewählt. Bojana Stamenov nahm 2011 an einer serbischen Talentshow teil, gilt seitdem als Aretha Franklin vom Balkan und ist sehr bekannt. Aleksa Jelić schließlich ist eigentlich Tänzer, wurde aber als Sänger in einem Duett mit Ana Štajdohar 2008 in der serbischen ESC-Vorentscheidung Zweiter hinter Jelena TomaševićBeli Jablane wurde ein Riesenhit im Land.

Die Show heute ist auf 90 Minuten angesetzt, gegen 22.30 Uhr sollte also Serbiens Lied für Beč feststehen.

So, während viele Leser noch in Lettland sind (mit tanzenden Bibern kann Belgrad wohl heute nicht mithalten), hat der Stream auf eurovision.tv begonnen – die Sendung allerdings noch nicht, wir sehen die Studiokulisse und nun das Logo der Sendung. Standbild, laut RTS soll es auch erst um 21:07 losgehen… dann gedulden wir uns eben noch ein paar Minuten und denken über lettische Biberbettwäsche nach…

Nun haben wir Ton, aber noch kein Bild… Geduld ist gefragt. 21:10 heißt es nun… nach drei Abenden in Sanremo kann uns aber nix mehr schocken…

Los geht’s… Maja begrüßt uns und wir bekommen gleich einen Schnelldurchlauf durch die (kurze) ESC-Geschichte Serbien(-Montenegros). Clips von allen Teilnehmern werden eingespielt. Der disqualifizierte 2006er-Beitrag wird dabei unterschlagen… ebenso wie 2005 (weil das Lied aus Montenegro war) und da ist Nina aus 2011, die in einem ähnlichen Modus wie er heute stattfindet als Siegerin hervorging… und es endet in der Kostümkatastrophe der drei Grazien von Moje3.

Maja Nikolic

Maja erklärt nun das Verfahren – ein Komponist, drei Künstler, je ein Lied für jeden. Televoting und Jury. Kurzer Schnitt in den Make-up-Raum, wo noch Vorbereitungen laufen…

Tänzer Aleksa wird nun vorgestellt und hier ist sein Lied:

Aleksa Jelić – Vodi me (Nimm mich)

Nimm mich singt er und da würden wohl einige gern zugreifen. Es handelt sich um einen mittelflotten Discostampfer, nicht sonderlich raffiniert, aber er ist auch nicht der beste Sänger und gilt heute ohnehin als Zählkandidat. Die Choreo sieht aus, als er hätte er sie sich aus einem alten Mello bei Magnus oder Eric abgeschaut… dunkle Anzüge, weiße Handschuhe und viel körperliche Arbeit auf der Bühne. Hinterlässt keinen tieferen Eindruck…

Ich gebe 5, Matthias per SMS 7, macht 12/20 P.

 

Danica Kristić – U ime ljubavi (Im Namen der Liebe)

Danica ist das unbekannte Nachwuchstalent, dass der Komponist Vladimir Graic irgendwo im Land entdeckt hat. Sie singt in tiefblau gewandet eine tragische dramatische Ballade, mit Nebel und einem Tanzpaar, das im Hintergrund mit einer Parkbank Übungen macht. Schöne Stimme, aber zu viel Geschrei findet Matthias. Es ist auch keine typische Balkanballade, das Ethno-Element fehlt fast völlig. Nicht schlecht, aber das kann Graić noch viel besser.

Ich gebe 6, Matthias 4, macht 10/20 P. Und nun die Favoritin:

 

Bojana Stamenov – Ceo svet je moj (Die ganze Welt gehört mir)

Ebenfalls kein Ethnopop – sondern ein langsam beginnendes, dann flotter werdendes Popstück, dass Bojanas kräftiges Organ gut zur Geltung kommen lässt. Optisch ein Mix zwischen Adele und Esma trägt Bojana ein angestrahltes Trickkleid (wie bei Sabina Babayeva 2012), das in der Mitte des Liedes allerdings aussieht, als steckte sie in einer Plastiktüte. Sie hat 4 Tänzer, darunter 2 barbrüstige Jungs und ist klar die beste und charismatischste Interpretin heute. Riesen Applaus, es dürfte keine Frage sein, wer heute gewinnt.

Ich gebe 8 (hatte ein wenig mehr Balkancharme erwartet), Matthias 8, sind 16/20P. Also auch unsere Siegerin.

Maja stellt nun die Jury vor, darunter Nevena von Moje 3, an deren heruntergefallenes Gesicht nach der Pleite in Malmö ich mich noch gut erinnere….

Es folgen Touristik-Impressionen aus Wien zu einer Orchesterfassung von „Rise like a Phoenix“. Von Conchitas Konterfei indes keine Spur…

Nun haben wir noch eine Stunde, das reicht für ein Dutzend Schnelldurchläufe… aber ich denke, wir hören die Lieder wie in der VE 2011 noch einmal komplett…

Und so ist es, während der 15 Minuten Votingzeit hören wir die Lieder in voller Länge gleich nocheinmal. Mir ist nicht klar, ob das nun eine Aufzeichnung ist oder ob alle einfach nochmal singen… was meint ihr?

Ich bin überrascht, dass Vladimir Graić der Versuchung widerstanden hat, wenigstens einem der drei Lieder so etwas wie den typischen Balkanstil hinzuzufügen, sei es von den Instrumenten oder dem Arrangement. Die nationale Einfärbung kommt ausschließlich über die serbische Sprache, die Songs könnten ansonsten auch in einer anderen Vorentscheidung laufen, sagen wir mal in Rumänien oder Weißrussland.

Es wird also keine typische Balkanballade und keinen Ethno- oder Turbofolk-Song aus Serbien geben, stattdessen ein eher uniformes zeitloses Konzept, dass sich eher über die Präsenz des Interpreten definiert – und da hat Bojana sicher die besten Karten. Auch wenn sie in einem riesigen Plastikmüllsack singt…

Sie hat, soweit ich informiert bin, ihre Castingsshow (Serbien hat Talent) nicht gewonnen, aber trotzdem unaufhaltsam Karriere gemacht. Der ESC ist der nächste Schritt… über das Staging (Kleid, Tänzer, Choreo) würde ich aber nochmals kräftig nachdenken, das wirkt doch alles irgendwie zusammengeklaut… insbesondere nach der Pleite 2013 hat RTS das Staging hoffentlich diesmal auf der Rechnung…

Offensichtlich waren die zweiten Auftritte doch live und keine Wiederholung, einige Leser meinen, Bojana hätte diesmal anders geschrien. Nun denn…

Maja gibt nun erneut die Televoting-Nummern durch und hat sich offenbar umgezogen. Und nun geht es zum Interview mit Valdimir Graić, dem ESC-Komponist von „Molitva“. Und natürlich spricht er über seinen damals unerwarteten ESC-Erfolg, eine ziemliche Sensation für das Land (wie man hörte, unterbrach das Parlament seine Sitzung spät Abends und sang die Nationalhymne, als die Nachricht von Marijas Sieg nach Belgrad drang).

Maja Nikolic war übrigens selbst schon vier Mal in serbischen Vorentscheiden seit 2004 vertreten, kam allerdings nie in die Nähe des ESC-Tickets. Vielleicht hätte Graić mal für sie schreiben sollen?

Werbung. Bier. Ein Filmteaser über Basketball, und jetzt müsste man wissen, wo der Dinar steht, um einschätzen zu können, ob der Weichspüler ein Schnäppchen darstellt.

Zurück zu Maja. Jetzt ist offenbar ein Produzent bei ihr zu Gast auf dem Sofa. Und es geht offenbar erneut um den einzigen serbischen ESC-Sieg in Helsinki. Und ich improvisiere mal, auch um die Rolle Serbiens in Europa… angesichts der Werbespots sollte ich wohl mal wieder eine Reise in diese Ecke Europas unternehmen, schließlich habe ich gewisse familiäre Wurzeln in der Vojvodina.

Ein Wiederhören mit Moje 3 – sie wollten sich doch sofort auflösen, um ihre Solokarrieren voranzutreiben… hat wohl nicht geklappt, hier sind sie mit einer hübschen Version von „Molitva“. Sind das noch die gleichen drei? Das Outfit passt mal wieder nicht  zusammen, das lange Kleid ist hier völlig daneben, wenn die Bandkollegen enge Leder-Latexmode vorziehen… aber schön, dass man die drei noch nicht vergessen (oder gar verdammt hat), sie haben sich ihr Scheitern im Semifinale in Malmö wirklich selbst zuzuschreiben…

So wir haben noch ein halbe Stunde, hören wir alle drei Songs vielleicht NOCHMALS?

Nun nimmt Vladimir den Namen Ralph Siegel in den Mund – gab es da eine Kooperation?
Ah, es erklärt sich: Andreja Demirovic, von Siegel mit einem Lied ausgestattete Vertreterin Montenegros 2009, steht nun auf der Bühne und singt ein Lied ohne ESC-Bezug (vermutlich ihre aktuelle Single). Ich dachte zuerst, das ist Dora (aus Portugal, sieht ihr ähnlich), aber die singt natürlich nicht Serbisch.

Andrejas Song ist ganz interessant, mystisch und voller Drama und einiger schriller Töne… womöglich auch von Graić geschrieben? Wir halten mal fest, sie hat sich von Siegel erholt, die Entsiegelung ist gut gelungen, das war toll.

Nun nimmt eine weitere Expertin auf dem Sofa Platz und wir hören relativ laut „Verjamem“ aus dem Off eingespielt… die Dame hat wohl etwas mit Slowenien zu tun? Oder hat Graic etwa für Eva Boto den Text geschrieben? Stochern im Nebel… vielleicht kann einer der serbischsprechenden Leser helfen… Wikipedia weiß: Verjamem ist tatsächlich von Graić.

Nun gibt es noch mehr Einblick in Graić‘ ESC-Arbeiten, bzw. in die Vorentscheidungsstücke von ihm. Flamingosi hören wir und nun singen die Beauty Queens das pathetische „Zavet“. Daran erinnere ich mich gut, die vier sind Marija Serivofics Background aus Helsinki und mit „Zavet“ galten sie als Favorit in der VE 2008 für den Heim-ESC. Einer VE, in der praktisch alle Flechtfrisuren trugen. Dem inbrünstigen „Zavet“ wurde vorgeworfen, eine versteckte Botschaft zu enthalten („Kosovo ist unser“), was allerdings nicht belegt werden konnte. Ein großartig komponierter Song voller Drama, leider mit einem sehr abruptem Ende, wurde damals Dritter…

Frau mit Umschlag nähert sich… wir haben ein Ergebnis… die drei Interpreten kommen auf die Bühne und wir sind gespannt.. aber eigentlich kann es nur Bojana sein, oder?

Erste Teilwertung, die Jury: Bojana vor Danica und Aleksa.
Das Televoting: Bojana vor Aleksa und Danica.

Ergebnis: BOJANA STAMENOV hat klar gewonnen. Serbiens Lied für Wien heißt Ceo svet je moj (Die ganze Welt gehört mir).

Wir hören es zum Abschluss nochmal – der Sieg ist sehr verdient, bester Song, beste Stimme und charismatischste Persönlichkeit. Hoffentlich belässt Bojana den Song in serbischer Sprache, es wäre schade, in einer englischen Version würde sicher einiges verloren gehen. Womöglich wird der Auftritt auch noch anderweitig entrümpelt (sie sang nun in der Reprise ohne die Plastiktüte, dafür aber mit Schnee…)

Serbien 2015: Bojana Stamenov – Ceo svet je moj

Wir sagen Gute Nacht für heute und kündigen den nächsten Prinz LiveBlog für Dienstagabend an, dann entscheidet Israel in einer Castingsshow (Next Star) über seinen Interpreten für Wien. Stay tuned.

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