Live-Blog Ungarn: Kati Wolf schickt COMPACT DISCO nach Baku

Jó estét! Das ungarische Fernsehen ermittelte in einem mehrstufigen Verfahren den magyarischen Beitrag für den Eurovision Song Contest in Baku. Wird der am Ende von einer Fachjury bestimmte Siegertitel „Sound of our hearts“ ein ähnlicher Fanfavorit wie „What about my dreams?“ von Frau Wolf im letzten Jahr? Hier der Live-Blog des Finals, in dem Kati Wolf eine wichtige Rolle spielte, zum Nachlesen.

Herzlich willkommen zu „A Dal„, dem ungarischen ESC-Vorentscheid für Baku 2012. Alle Leser, die es nicht so mit dem skandinavischem Happy-Sound haben (Norwegen und die 2. Runde des schwedischen Melodifestivalens laufen parallel, Island folgt später), finden heute in Budapest ein mittelosteuropäisches Kontrastprogramm. Noch müssen wir uns aber etwas gedulden, „A Dal“ startet um 20.15. Derzeit laufen die Abendnachrichten von MTV, gerade gibt es Sportnews aus der Wasserball-Liga (ein sehr beliebter Sport in Ungarn).

Meine Ungarischkenntnisse beschränken sich leider auf einen (abgebrochenen) VHS-Kurs Ungarisch für Anfänger, aus dem mir lediglich ein paar äußerst brauchbare Phrasen wie „Mi a foglalkozásod“ (was sind Sie von beruf?) oder „Egeszegedre“ (Prost) oder auch „harmincharom“ (dreiunddreißig) in Erinnerung geblieben sind. Das wird heute wohl nicht viel weiterhelfen… 17 Fälle und die wohl längsten Wörter Europas sind aber auch zu viel des Guten… ansonsten verfüge ich immerhin über in Ungarn geborene Großeltern, außer einem Rezept für Letscho und einer gewissen Schwäche für die prachtvollen Bäder Budapests ist von diesem Erbe aber leider nichts übrig geblieben…

So, das Wetter, minus 18 Grad heute nacht in Szeged… das ist auch nicht wärmer als hierzulande, ganz im Gegenteil. Immerhin Budapest kann sich morgen über Höchstwerte von minus 4 Grad freuen. Das miese Wetter ist also gerade kein Grund, Ungarn zu besuchen – überhaupt gab es in letzter Zeit (seit dem ESC) überwiegend bedenkliche News aus Ungarn, die Wirtschaft am Boden, von der EU kritisierte Gesetze (Pressefreiheit!) der rechtskonservativen Regierung Orban und jetzt ist auch noch die nationale Airline Malev pleite… hoffen wir, das Ungarns Wahl heute abend für wärmere und positivere Gefühle sorgen wird.

Los gehts mit der ESC-Fanfare und Ausschnitten der bisherigen Vertreter Ungarns beim Eurovision Song Contest. Die Moderatoren kommen auf die Bühne. Und nun wird die vierköpfige Fachjury vorgestellt, drei feurige Herren, darunter einer der attraktiv gereiften V.I.P.-Jungs (ESC 1997) und Wolf Kati, die heute ein ganz gewichtiges Wort mitreden wird. Nach Vorberichten wird die Jury sogar anders als zunächst geplant am Ende allein über den Sieger entscheiden.

Die Mods (deren Namen ich nicht mitbekommen habe und die ich daher erst mal arbeitstitelmäßig Blondie und Brilli nenne) stellen die Telefonnummer für die erste Votingrunde vor. Aus den 8 werden nämlich zuerst 4 für das Superfinale ausgewählt.

Meine Gulaschsuppe dampft und los gehts mit dem ersten Vorfilm.

Hinweis: Die eingestellten Videoclips geben die Halbfinalauftritte wieder, können also vom beschreibenen optischen Eindruck des Finals abweichen.

1. The Kiralys – Untried

Haare geflochten wie ein Korbmöbel und ein melodisches auf modern getrimmtes Stück Pop mit Rap-Anteilen erklingt. Alles in schwarz und weiß, eine Dame und zwei Herren (offenbar Zwillinge) während der Chor Herz-As-Karten trägt. Leider ein ziemliches Durcheinander, die Stimme der Leadsängerin ist enervierend und es bleibt der Eindruck, hier wollte man zuviel und hat zu viele unausgegorene Ideen in 3 Minuten hineingestopft. Leichte Anklänge an die Army of Lovers (nur nicht so trashig-gut). Die Kiralys wurden von der Jury ins Finale gehievt.

Ich gebe 4/10 P. Die Jury spricht und ich verstehe „komplex“,“productio“ und „showbusiness“, scheint ganz gut anzukommen. Viel Applaus. Dann Werbung für ein Reiseportal.

2. Tibor Gyurcsík – Back in place

Eyecandyalarm: der junge Gary Barlow. Das Lied auf Englisch, allerdings lässt die Aussprache zu wünschen übrig, ansonsten hat man bei dem flotten gefälligen (nicht allzu schwierigen) Titel durchaus den Eindruck, vor einem abgelehnten Melodifestivalentitel zu stehen – etwas, was Eric Saade partout nicht singen wollte… im Hintergrund tanzen langmähnige offenbar bodygepaintete Damen herum… während Tibor sich redlich müht und jetzt auch die Töne besser trifft. Dennoch: Das ist nur Mittelmaß.

Ich gebe 5/10.

Die Jury urteilt wohlwollend. Kati und der Juror, der aussieht wie Graf Andrassy aus „Sissi“, bringen Tibor zum Strahlen (hat wirklich schöne Zähne, kein Wunder bei den ganzen günstigen Zahnkliniken gleich hinter der österreichischen Grenze in Hegyeshalom) und das Publikum zum Johlen.

Als nächste kommt Gabi Tóth, die vom Publikum ins Finale gewählt wurde.

3. Gabi TóthNem kell végszó  

Sie beginnt daramtisch am Boden liegend und wirkt wie eine angsterregende Mischung aus Pink und Brigitte Nielsen. Der Song ist flott, gut gesungen, dramatisch, aber leider etwas monoton. Kommt nicht an die Qualität von „What about my dreams“ heran. Aber Gabi ist eine Rampensau erster Güte und gibt alles. Vier dunkel gekleidete Choristen unterstützen sie redlich. Die beste Komposition bisher, aber da ist noch Luft nach oben.

6,5/10 Punkte.

Während Graf Andrassy spricht, habe ich eine Erleuchtung: Gabi Toth ist eine Reinkarnation von Juliette Schoppmann aus DSDS-1. Das Juryurteil scheint differenziert auszufallen, denn zumindest Kati legt die Stirn in Falten wie einer dieser chinesischen Hunde mit zuviel Haut.

4. Compact Disco – Sound of our hearts  

Eine Gruppe junger schwarz gekleideter Männer mit einer blonden Zusatz-Background-Sängerin, der Leadsänger schon etwas vom Leben gezeichnet (aber durchaus attraktiv) singen einen melodischen Softrock-Titel und tragen dabei schwarze Lackmäntel. Die Strophen zünden nicht recht, aber der Refrain ist sehr eingängig und hat sphärische Anklänge. Ich fühle mich erreicht, die Gulaschsuppe wird kalt.

8/10 Punkte

Viel Applaus, sicher ein Favorit! Die Jury brachte den Elektropop made in Hungary ins Finale…und ist jetzt natürlich auch recht überzeugt von der Gruppe. „Bravo“ lautet ein Kommentar, den ich sogar verstehe…“trendy“ ein anderer. Da kann man zustimmen.

Die Hälfte ist durch, Blondie im Greenroom führt nun ein Interview mit den ungarischen Lookalikes von Gary Barlow und Juliette Schoppmann, sowie der Schnecken-flechtfrisierten Kiraly-Schwester. Sie macht das flotter als unsere Sandra Rieß, das muss man mal anmerken… zurück zu Brilli, der GABOR heißt.

Und nun ein Intervall Act: „Waterloo“ auf Schwedisch von einer Gruppe, die wenig Ähnlichkeit mit dem Original hat (mal eben in der Uni zusammen gecastete schwedische Austauschstudenten in Budapest?) – nun ja, wollen wir mal nicht meckern, das hier ist immerhin ein ESC-Bezug (wenn auch ein besonders billiger), sowas hat USFB noch nicht zustande gebracht! Dem Publikum gefällt es. Stimmung.

Danach wieder Werbung für utisugo.hu (offenbar ein Sponsor der Show). Und weiter gehts in der Show.

5. Juli Fábian & Zoohacker – Like a child

Jetzt wird es rosa. Juli Fabian (optisch eine junge Christine Baranski) und die Gruppe Zoohacker bringen ein leicht redundantes Liedchen mit allerlei Schnickschnack (Lolli, Spraydose, Luftballon) auf die Bühne – sind wir auf dem Jahrmarkt? So hört sichs zumindest an. Nett, aber irgendwas fehlt. „Let it grow“ singt Juli, aber es growt eben nicht wirklich… schade, die Stimme ist nämlich durchaus brauchbar, auch wenn ihre Haare die Konsistenz von Sauerkraut in dem berühmten Szegediner Gulasch aufweisen (ich habe offenbar noch Hunger). Die Zoohacker waren ebenfalls kein Jury- sondern ein Publikumsfavorit.

Gebe 4.5/10. Einer der Juroren scheint eingeschlafen. Alle sagen was Nettes, so scheint es.

6. Caramel – Vízió

Caramel entpuppt sich als kräftiges bärtiges Kerlchen – äußerst ESC-zielgruppenkompatibel, könnte auch einer DSDS Staffel entsprungen sein. Vizio ist eine Hymne mit rockigen Anklängen, nicht immer tonsicher gesungen – aber durchaus ansprechend im Gesamteindruck. Kopfstimme kann das Bärchen auch, nur die Bewegungen auf der Bühne sind etwas tapsig – Wechsel zwischen Ungarisch und Englisch durchaus reizvoll. Am Ende geht der Komposition allerdings etwas die Luft aus. Dennoch: Unverwechselbar und viel Applaus. Dieser Caramel-Drops ist noch nicht gelutscht (um in die USFB-Terminologie zu verfallen).

7/10 P. Kati analysiert und verwendet dabei garantiert einige der im Ungarischen möglichen 17 Fälle. Aber warum nennt er sich Caramel, wenn er eher wie Lakritz aussieht? Das scheint sich auch Graf Andrassy zu fragen…

Rätsel gelöst, er heißt Ferenc Molnar, die Gruppe sind offenbar die Caramellen (aus Bielefeld?)

7. Monika Veres (Nika) – This love 

Moni zeigt im Vorfilm schon einen Hang zu reichlich verunglückten Frisuren und präsentiert eine Power-Ballade im Jennifer-Rush-Stil. Der Refrain erinnert sogar an Spaniens schicksalgeplagtes Vorentscheidungsschlachtross Coral und ist etwas gewöhnlich… auch scheinen zu viele Wörter hineingestopft zu sein, bisweilen wirkt der Titel gepresst. Wieder ein Fall von „Weniger wäre mehr gewesen“. Immerhin funktioniert die Windmaschine und jetzt wird auch noch etwas geschrien/dramatisiert. Nun ja, ich bin mir sicher, MOLLY hätte diese Aufgabe ansprechender gelöst.

4.5/10. Die Jury scheint Moni mit Anastacia zu vergleichen. Nun ja, vielleicht von den Haaren her…?

8. Gábor Heincz – Learning to let go

Letzter Interpret: Ingo Oschmann trifft Michael von der Heide trifft Urkel. Gabor macht musikalisch auf Anna Rossinelli – Straßenmusik mit sympathischem Country-Touch. Damit kann er sich in der Vaci utca in Budapest als Musikant sicher ein paar Forint dazu verdienen. Für den ESC ist das aber nichts, Osteuropa wird dafür keine Punkte springen lassen, das wissen wir ja seit Texas Lightning. Abgegriffene Textfetzen wie „Rollercoaster ride“ reimt sich auf „by your side“ erhöhen auch nicht gerade den Innovationsfaktor.

3/10 P. „Köszonöm“ (Danke) sagt die Jury und wir erkennen, dass es das schon war. Ernüchterung macht sich breit, ein Knaller war nicht dabei, aber vielleicht ein, zwei Songs, aus denen man mit einer pfiffigen Präsentation und einigem Aufbürsten a la Albanien noch etwas machen könnte (man darf sich nicht auf Lorbeeren der Vergangenheit ausrugen, das Finale in Düsseldorf hat Frau Wolf ja schließlich auch nicht so klar erreicht, wie zunächst gedacht).

So, nun müssen aus den 8 Kandidaten 4 für das Superfinale augewählt werden – das passiert mittels Televoting plus einem Juryurteil. Aber noch hält Graf Andrassy eine Rede. Und nun gibt es wieder eine Schalte in den Greenroom, wo die Kandidaten um die Wette lächeln. Die Televotingnummern werden vorgelesen und ich erinnere mich wieder an meinen Ungarischkurs und die Lektion über Zahlwörter (damals war ich harminc-harom Jahre alt).

Der Schnelldurchlauf läuft und vielleicht hätte ich dem Kiraly-Familien-Desaster ein paar Pünktchen mehr geben sollen? Finde, das Compact Disco, Gabi Toth und das Caramel-Bärchen ins Superfinale gehören. Dazu vielleicht noch Tibor zu dekorativen Zwecken oder Moni wegen des typischen ESC-Dramasongs.

So Werbung, Zeit die Gulaschsuppenreste zu entsorgen und ein paar Knabbereien bereitzustellen: natürlich Paprikachips… lukullisch voll das Klischee heute…

Der Livestream vom MTV ist weg, ich wechsele zu Duna TV (siehe oben). Zum Glück gibts Ausweichmöglichkeiten. Nochmal ein Schnelldurchlauf. Und nun wackelt auch der Duna-Stream…

Ein Chor des ungarischen Radios singt „Ding-a-dong“ im Stil von Manhattan Transfer. Mal was anderes, anspruchsvoll, Hochkultur… Zeit für ein Toilettenpäuschen. Erneut Greenroom-Gespräche… man wartet auf das Zwischenergebnis. Und nochmal ein Schnelldurchlauf.

Und jetzt das Highlight des Abends: Kati Wolf singt „Szerelem miert mulsz“ live in einer Akustik-Version nur mit Klavier und Gitarre begleitet. Sehr schön stimmungsvoll: 10/10 Punkte. Nach der Hälfte setzt dann doch der Backing Track ein und wir erkennen, dass Kati einen hautengen Latex-Fummel trägt. Kann sie sich leisten, die Gute. Das Publikum tobt. Zurecht. Einen solchen Song werden wir heute leider nicht für Baku-ban bekommen.

Immerhin: Es gibt eine A-DAL-CD mit allen 20 Vorentscheidungssongs, auch den im Semi ausgeschiedenen. Wollen wir das kaufen? Die Spannung steigt, der Countdown läuft ab, wer wird weiterkommen?

Im Superfinale sind:

– die Kiralys (no.1)
– Caramel (no.6)
– Compact Disco (no.4)
– Heincz Gabor (no.8)

Und die Jury entscheidet nun ALLEIN über den Sieger.

Eine Stimme für Compact Disco, Graf Andrassy ist für Caramel – Kati entscheidet sich auch für Compact Disco und der letzte Juror nennt Heincz Gabor.

Damit haben COMPACT DISCO gewonnen. Tatsächlich hat Katis Stimme am Ende den Ausschlag gegeben, das TV-Publikum war bei der finalen Abstimmung entmündigt. Ein autokratisches System (wie in Albanien), das finden wir eigentlich nicht gut – aber angesichts des zufriedenstellenden Ergebnisses muss man sagen: es hätte mit dem Country-Urkel auch viel schlimmer kommen können…

Ungarn 2012: Compact Disco – Sound of our hearts

„Sound of our hearts“ heißt Ungarns Song für Baku – angesichts des qualitativ eher übersichtlichen Feldes eine gute Wahl. Ein flotter, aber leider nicht allzu innovativer Song, mit einer optisch ansprechenden Band (sieht der Leadsänger nicht ein bißchen aus wie Bushido?). Wir werden sehen, was Ungarn in Aserbaidschan in englischer Sprache auf die Bühne stellt. Abhängig von der Konkurrenz im Semifinale ist das Finale sicher nicht unerreichbar. Rumänien hat es mit Songs dieser Art auch schon geschafft….

OLiver sagt nun erstmal Köszönom (Danke) fürs Mitverfolgen, ich hoffe ihr hattet Spaß. Viszontlátásra (Auf Wiedersehen) oder kurz: Viszlát.