Live-Blog Belarus: Rybak von weißrussischer Geige geschlagen

Uzari & Maimuna Weißrussland 2015

Wenn ESC-Gewinner noch einmal antreten, haben sie die Aufmerksamkeit der Fangemeinde sicher. Alexander Rybak hatte auch einen Song für  die Vorentscheidung in Weißrussland, der Heimat seiner Eltern, geschrieben. Die dazugehörige Girlband Milki traf auf 14 Konkurrenten in einem Vorentscheid, musste sich aber letztlich deutlich geschlagen geben und zwar ausgerechnet einem Act mit Geige. Das Duo Uzari & Maimuna wird nach Wien fahren und dort den Song „Time“ singen. Lest hier noch einmal unseren kompletten Live-Blog zum Eurofest 2015.

Einen wunderschönen Abend aus dem kalt gewordenen Hamburg wünschen Jan und WM. Nach der Völlerei der Vortage hocken wir hier bei Studentenfutter und Salzstangen mit Wasser. Na gut, Bier wäre noch im Kühlschrank und wenn es nachher in Minsk ganz fürchterlich werden sollte, muss ich auch noch an mein Gin-Vorräte ran (dann pur, weil das Tonic Water aus ist…). Aber vielleicht wird´s ja gar nicht so schlimm. Weder WM noch ich haben einen Song bereits gehört, wir gehen also vollkommen unbefangen an die Sache ran.

Die 15 Acts von heute Abend wurden vor drei Wochen im Rahmen einer auch im Netz übertragenen zweitägigen Audition ausgesucht. Ob die Jury dabei eine gute Auswahl getroffen hat, werden wir also bald schon sehen. Und ob der Sieger von heute Abend dann auch im Mai in Wien auf der Bühne stehen wird, muss sich auch noch zeigen. Gerade die Weißrussen haben sich ja in den vergangenen Jahren sehr durch das Austauschen missliebiger Interpreten oder Songs hervorgetan.

Los geht´s – und zwar mit irgendwelchen Berichten, in denen auch der letztjährige Teilnehmer Weißrusslands, TEO, vorkommt. Wir verstehen kein Wort und können leider auch nichts von dem lesen, was so eingeblendet wird. Also lassen wir die Bilder für sich sprechen…Natürlich gibt es auch Rückblicke auf Kopenhagen.

Und nun startet die Show. Und was singt TEO zu Beginn? Nicht etwa „Ich war noch niemals in New York“, sondern „Cheesecake“. Aber bitte mit Sahne!! Großer Applaus!

Der Stream ruckelt ziemlich, aber irgendwie kommen wir da schon durch!  Zwei langhaarige Menschen moderieren. Sie sieht aus wie Conchita ohne Bart und er sieht aus wie Nana Mouskuri… Auf dem Bildschirm ist ein winkender Weihnachtsmann eingeblendet. Sind die dort eigentlich orthodox? Dann müssen sie ja noch ein wenig auf Väterchen Frost warten…

Nach einigem Gerede wird jetzt die Jury vorgestellt. Da ist doch tatsächlich jemand vom russischen OGAE-Fanclub dabei. Unangenehme Erinnerungen wallen in mir auf…Conchita plappert und plattert und Nana spricht überraschend gut weißrussisch! Los jetzt, anfangen!

Und ab dafür!

1. Napoli – My Dreams

Ein Song vom russischen Thronfolger (der komponist heißt Zarewitsch). Eine junge Frau läuft durch Vorhänge und Kornfelder. Wir hören eine dramatische Ballade. Es tritt ein Glatzkopf mit Bart hinzu und singt etwas englisches – wir verstehen kein Wort. Und noch eine Frau. Jetzt werden Dubsteps unter die Dramatik gelegt. Der Mann könnte auch der Graf von Unheilig sein, aber er singt deutlich mieser. Die erste Frau gibt zum Schluss alles, die zweite Frau singt so gut wie gar nicht. WM meint, diesen Song sollten die Weißrussen nicht nehmen.

Wir geben 7/20 Punkten.

2. Lis – Angel

Lis ist überraschenderweise ein Mann. Klar, sonst würde es ja auch „Lys“ heißen. Er steht allein am Standmikro. Noch eine Ballade, die sich offenbar langsam steigert. Im Hintergrund tanzt ein Pärchen ekstatisch. Huch, schon wieder ein Song, bei dem Dubstep druntergelegt wird. Lis geht in marionettenhafte Bewegungen über. Er will mehr, als er stimmlich vermag. Dieser Versuch erhält von uns 8/20 Punkte.

3. Daria – Love Is My Colour

Daria trägt ein Abendkleid und steht zu Beginn in einer Sanna/Lena-Lichtjurte. Das Kleid wird passend zum Titel alle paar Sekunden in anderen Farben angestrahlt – hübsche Idee. Daria singt einen angerockten Radiopopsong, im Hintergrund dreht eine Tänzerin mit dreifachem Glockenrock völlig durch, wir lachen uns tot. Der Song hat bei allen Rockversuchen einen Schlagerrefrain, der immer wiederkehrt. Wir geben wieder nur 7/20 Punkten.

4. Gunesh – I Believe In A Miracle

Sicher eine Favoritin heute Abend. Schon wieder eine Ballade. Wir haben echt Probleme mit den Akzenten der Sänger. Sollen sie doch in ihrer Sprache singen! Gunesh gibt uns den Versuch einer Disney-Queen, es bleibt beim Versuch. Feenhaftes Kleid, ordentlich Windmaschine. Leider gibt der Song trotz klassischer Balladenstruktur so gut wie gar nichts her, da nützt auch der Key-Change nichts mehr. Wieder nur 7 Punkte von uns.

Jetzt erst einmal Werbung. Bisher ist man in Minsk musikalisch noch recht schwach auf der Brust.

5. Yana Butskevich & Muzzart – Only Dance

Eine Frau, fünf Männer. Beginnt wie „Vielen Dank für die Blumen“. Geht über in einen 20-er Jahre-Stil à la „No Americano“. Der Stream hakt jetzt gewaltig… Yana trägt ein weiß-schwarzes Kleid und singt fürchterlich maniriert.  Nachdem einer der Jungs eine gestopfte Trompete imitiert hat, tanzt sie Charleston. Wir finden den Song extrem albern und kein bisschen eingängig! Deshalb geben wir sogar nur 4/20 Punkte!!

6. Valeria Sadovskaya – Summer Love

Von Udo Jürgens gibt es einen Titel gleichen Namens, mal sehen, ob dieser heranreicht…Valeria ist gefangen in einem Spinnennetz und jault fürchterlich ihre Ballade zu Grunde. Aus dem Spinnenetz wird Stacheldraht und der tut ihr offensichtlich auch weh – uns auf jeden Fall! Die Ballade hat – überraschenderweise – eine Dubstep-Unterlage. Nein, kein Wiedererkennungswert, das will man nicht nochmal hören. Es wirkt wie die früher Phase eines Castingshow-Auftritts. 3/20 Punkten von WM und mir. Kommt da noch was besseres heute?

7. Rostany – Electric Toys

The Eighties coming back! Rostany sind ein Versuch, Duran Duran wiederzubeleben. Aber der Patient ist offenbar bereits tot! Unmelodiöse elektronische Nicht-Harmonien, mehr ist das nicht. Es ist einfach schlechtgemachte Retromucke, ein einziges Durcheinander. Selbst die Schwarzlichteffekte funktionieren nicht, weil die Bühne zu dunkel dafür ist. Wieder 3 Punkte.

So schlecht sieht es für unsere Disney-Prinzessin gar nicht aus, jetzt erstmal wieder Werbung. Unfassbar….

8. Janette – Supernova

Diesen Song haben zwei schwedische Fans geschrieben. Oh, endlich mal Dubstep! Vor Feuerkulisse besingt Janette den Untergang eines Sterns. Sie ist sicher kein neuer Ersatzstern, aber die Melodie kann man jedenfalls ganz gut anhören. Jedoch ihr Akzent –  ganz schlimm! Die Tänzerinnen wedeln wie bekloppt mit Chiffontüchern in allen möglichen Farben. Der Song nimmt Fahrt auf und hat eigentlich eine schöne Struktur. Song ist OK, aber sie verkauft ihn nicht besonders gut. Wir geben 9/20 Punkten, damit übernimmt sie bei uns die Führung!!

9. Aleksey Gross – Stand as One

Für veranlagte Männer ist das jetzt der bisherige Höhepunkt.  Aleksey hat sich den halben Körper bemalen lassen, bewegt sich unheimlich viel, klebt dabei aber auf der Bühne fest. Musikalisch versucht er wohl, irgendwie avantgardistisch zu sein. Er singt auf einer Art Stampfrhythmus, der aber nicht konsequent durchgehalten wird. 8/20 Punkte von uns- immerhin!

10. Milki – Accent

Die fünf Grazien sitzen lustig und gemütlich auf einer Bank und geben uns eine Jugendausgabe der russischen Babushkas mit Trickkleidern, die weißrussische Applikationen aufweisen. Flott ist das! Der erste Auftritt heute mit Wiedererkennungswert. Wenn da nicht noch was kommt, fahren die Girls mit Sicherheit nach Wien, würden wir sagen. Und sie singen zweisprachig, das kann ein Vorteil im Televoting sein – gibt es überhaupt eins? Douze Points vergeben wir diesmal, das ist unsere ganz klare Nummer 1!!

Während der Werbung fragen wir uns, ob es eigentlich wettbewerbsverzerrend ist, dass Muzzart und Yana ständig auch als Werbespot auftauchen?

11. Uzari & Maimuma – Time

Passend zum Liedtitel eine Uhr im Background. Leider ruckelt´s jetzt extrem und wir bekommen kaum etwas mit. WM spürt eine zickige Aggressivität in dem Song. Maimuna fidelt sich einen Wolf. Seinen Schmuck mögen wir nicht, es sieht aus wie Elektroden für ein EKG. Der Song hat einen guten Rhythmus und klingt auch halbwegs eingängig. Zum Schluss regnet´s. Wir verteilen 8 Punkte!

12. Beatrys – Fighter

Zur Abwechslung mal wieder Dubstep, und hier ist die Aggressivität auch nicht mehr zickig, sondern ausgewachsen und forsch! Alle drei haben die letzte Nacht mit Lockenwicklern verbracht, was offenbar auf die Stimmen gegangen ist – grauenvoll!! Wir bekommen ernsthaft Angst vor diesen drei Kreaturen…Wehe, wenn sie losgelassen, die Versicherungsangestellten aus den Minsker Vorstädten! Aufhören! 2 von 20 Punkten- Schlusslicht!

13. Vitaly Voronko – Drive

Toll, Vitaly trägt ein Akkordeon zur Schau, er hat auch einen schönen Beat, aber leider keine Melodie dazu. Zum Glück erspart uns der wackelige Stream einen genaueren Blick auf den Song. Das Bemühen von Vitaly, eine interessante Show zu bieten, ist zu erkennen, das war´s aber auch schon. Wir geben 3 Punkte!

14. Anastasia Malashkevich – Don’t save my name

Anastasia trägt ein tiefrotes Schleppenkleid. Sie selbst ist eine stattliche Matruschka mit Hochsteckfrisur. Der Auftritt sieht aus wie eine Make-Up-Werbung vor dem Firmenlogo. Diese Popballade plätschert so vor sich hin, Anastasia knödelt ganz schön – wie schon so manche vor ihr heute Abend. Oh, ein Schrei und schon setzt sie zum Finale an, das leider etwas lauwarm ausfällt. Von uns 6/20 Punkte!

15. Tasha Odi – Giving Up Your Love

Huch, Tasha sieht ganu so aus wie ihre Vorgängerin. Aber sie hat einen Song mit deutlich mehr Wumms. Das ist ganz ok, eignet sich aber eigentlich aufgrund fehlender Eingängigkeit höchstens zum Auffüllen eines Albums. Tasha sieht auch verboten aus in ihrer Strumpfhose und dem Frack-Oberteil… Auch dieser Song stammt von den zwei Schwedinnen, die im Background mitsingen. 8 Punkte für Tasha.

Hier also unser Verdikt und unsere Empfehlung an die Entscheidungsträger in Minsk:

1. Milki – Accent
2. Janette – Supernova
3. Tasha Odi – Giving up your love

Mit Kompositionen aus Norwegen und Schweden hat Skandinavien Weißrussland also voll im Griff!

Jetzt ein Schnelldurchlauf und erst einmal wieder Werbung. Das Televoting ist jetzt schon wieder vorbei, das ging ja erfreulich schnell. Im Televoting haben Yana & Muzzart gewonnen vor Milki und Uzari & Maimuna! Das gesamte Ergebnis wird umgerechnet in die Eurovisionszählweise 1-12. Na ja, dieser Sieg ist kein Wunder bei den ganzen Werbeeinblendungen, merkwürdig…

Bevor die Jury ihre Wertungen zusammengeklöppelt hat, gibt es jetzt noch einen lustigen Interval-Act mit mehreren Männern im Trainingsanzug. Das klingt doch ganz hübsch – soll das doch nach Wien fahren! Danach singt eine Frau etwas hübsches Traditionelles. Auch das könnte man sofort nach Wien schicken. Es folgt ein interessantes Männerduett – auch deren Disco-Dance-Song ist besser als alle Wettbewerbssongs von heute Abend . Was ist denn da los in Weißrussland???

Jetzt singt eine gewisse Olga, thematisch ein wenig auf den Spuren von Zlata Ognevich – gar nicht schlecht. Das ist jedenfalls interessant, da hört man automatisch einen Moment länger zu. Weshalb die alle nicht im Wettbewerb angetereten sind – keine Ahnung. Oder wird hier bereits der Ersatzsong gesucht?

Nun eine Viktoria – die ist schon der fünfte Pausenact. Es fängt an, sich zu ziehen…wird hinter den Kulissen noch mit der Jury verhandelt, wieviele Rubel das Konto wechseln sollen? Jedenfalls sollten die alle in ihrer Heimatsprache singen – da fällt dieser unangenehme Akzent nicht so auf, außer man singt drüber!!

Nun aber der Höhepunkt des Abends. Ein Tenor und ein Fasttenor knödeln sich durch eine Schnulze. So sieht Homosexualität in Weißrussland aus!! Weiß jemand, ob das alles ausgeschiedene Acts sind? Außer Aura (Danke für den Hinweis)?

Jedenfalls sind wir jetzt bei einer jungen Maid in grün-gelben Schuhen, die auch ein flootes Liedchen im Angebot hat. Wir zählen Interval-Act Nummer sieben!

Nr. 8 ist ein Boy-Band-Imitat, jetzt auch mal mit einem mehr als durchschnittlichen Song. Wie lange ziehen die das denn noch durch?

Die Neunte im Bunde kennen auch wir – Alyona Lanskaya mit einem Song, der im Refrain und von den Harmonien ein wenig an „Griechischer Wein“ erinnert. Hübsch, damit wäre sie heute unsere absolute Favoritin gewesen!

So, die Interpreten sammeln sich auf der Bühne, die Entscheidung scheint zu nahen…

Juror 1 gibt 12 an Uzari & Maimuna, Muzzart geht leer aus. Juror 2 gibt 12 an Gunesh, wieder 0 für den Televotingsieger. Die Punkte werden jetzt alle aufaddiert. Uzari & Maimuna bekommen den nächsten 12-er und führen jetzt. Muzzart auch hier wieder nix.

Der vierte Juror  schließt sich an, Uzari & Maimuna bleiben vorn, Milki sind Fünfte. Juror 5 gibt wieder 12 an Gunesh, aber 10 an Uzari & Maimuna. Die beiden sind schon ganz aufgeregt…

Die sechste Jurorin gibt 12 an Gunesh, aber vor dem letzten Juror haben Uzari & Maimuna schon gewonnen! 12 dann noch vor Anastasia, die Zweite wird.

Uzari & Maimuna fahren nach Österreich!

Bildschirmfoto 2014-12-27 um 03.04.50

Jetzt werden Reden gehalten und Blumen verteilt („Vielen Dank für die Blumen“). Maimuna bekommt noch eine hübsche Tüte und wir hören noch einmal den Song, den wir eingangs ja als „zickig-aggressiv“ bezeichnet hatten. Jetzt gehen wir sogar noch einen Schritt weiter und verpassen dem Song das Label „Aggro-Violinen-Pop“. Wir glauben, dass das eine ganz schwierige Nummer wird in Wien – uns zumindest macht das Zuhören keine besondere Freude. Besonders gedacht ist noch immer nicht besonders gemacht.

Uzari & Maimuna – Time (Weißrussland 2015)

So, wir haben es ihne Gin-Genuss überstanden (Schade eigentlich…), wünschen Weißrussland viel Glück in Wien (sie werden es wohl gebrauchen können) und allen Blog-Lesern eine Gute Nacht.

Hier das Gesamtergebnis:

1. Uzari & Maimuna — “Time” – 76 Punkte
2. Anastasia Malashkevich — “Don’t Save My Name” – 66 Punkte
3. Gunesh — “I Believe in a Miracle”  – 62 Punkte
4. MILKI — “Accent” – 47 Punkte
5. Aleksey Gross — “Stand as One” – 45 Punkte
6. Napoli — “My Dreams” – 36 Punkte
7. Yana & Muzzart — “Only Dance” – 30 Punkte
8. Valeria Sadovskaya — “Summer Love” – 28 Punkte
9. Lis — “Angel – 19 Punkte
10. Beatrys — “Fighter” – 16 Punkte
11. Daria — “Love Is My Colour” – 14 Punkte
12. Tasha ODI — “Giving Up Your Love” – 10 Punkte
13. Rostany — “Electric Toys” – 9 Punkte
14. Janette — “Supernova” – 5 Punkte
15. Vitaly Voronko —”Drive” – 1 Punkt

Wir sehen und hören uns wieder am Sonntag, wenn in Tirana hoffentlich eine qualitativ erfreulichere Vorentscheidung über die Bühne geht.

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