Live-Blog Montenegro: Balkanballade „Inje“ von Vanja Radovanović siegt

Wie bei den Griechen lautete auch hier das Motto „Aus 5 mach 3 mach 1“. Im Gegensatz zum Chaos beim Nachbarn wählte Montenegro jedoch in einer sehr stilvollen und gesitteten Sendung aus fünf Beiträgen zunächst drei Superfinalisten, und dann seinen Siegerbeitrag für Lissabon. Am Ende ist es der Hahn im Korb Vanja Radovanović mit seiner eigenen, sehr klassischen Balkanballade „Inje“ geworden, der damit die vier Damen im Rennen auf die Plätze verwies. Hier unser Live-Blog zum Nachlesen.

RTCG in Montenegro richtet mal wieder einen Vorentscheid unter dem klangvollen Namen Montevizija 2018 aus. Aus 31 eingereichten Liedern hat einen fünfköpfige Jury aus Musikschaffenden des Balkans die fünf Finalisten ausgewählt. In der Liveshow entscheidet das TV-Publikum zu 100% per Televoting. Ob es der Live-Stimmung förderlich sein wird, dass man aus dem Hilton Hotel in Podgorica senden will, werden wir sehen. Der Live-Blogger des Abends erinnert sich jedenfalls mit Schaudern an die Songpräsentation in 2016, die in einem taghell erleuchteten Hotel-Bankettsaal stattfand und von der vor allem whatsappende junge Damen und gelangweilte alte Herren in Erinnerung blieben. Live-Musik-Stimmung wollte dort jedenfalls so gar nicht aufkommen.

RTCG 1 streamt das Ganze live hier, ausserdem auch hier zu finden bei ESCplus.

Die Bühne im Hilton Podgorica währende der Proben in den letzten Tagen schaut jedenfalls schon mal stimmungsvoller aus als die 2016 in Budva…

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Schönen guten Abend aus Köln-Nippes. Gleich geht es los, Nachrichten und Wetter sind durch. Heute sendet Montenegro nicht aus Budva, sondern aus der Hauptstadt Montenegros. Fünf Kandidaten stellen sich dem Votum der Fernsehzuschauer.

Es startet mit den Moderatoren und einem Geigenquartett, die zusammen als eine Einleitung ein Medley uralter ESC-Hits geben, u.a. Insieme 1992. Dann folgen Videoschnipsel von montenegrinischen Beiträgen der letzten Jahre. Tolle experimentelle Songs, die sie da aufgeboten haben! Sowas werden wir heute eher nicht sehen, es ist eher Balkan-Mainstream bis Pop.

Die beiden Moderatoren begrüßen kurz das Publikum und dann wird in einem Filmchen gezeigt, wie das Projekt „Montenegro beim ESC 2018“ bisher ablief, wie die Finalisten heute ausgewählt wurden von einer Jury, worauf man Wert gelegt hat, wie die Social Media eingebunden wurden – die ganze Strategie hinter der Montevizija 2018 eben.

Und dann folgt nochmal eine gesamte Kurz-Übersicht aller montenegrinischen Beiträge seit Stefan Faddy 2007 in Helsinki, unterlegt von ziemlich rockigen Klängen. Auch diese Klangfarbe werden wir heute nicht hören. Aber die Moderatoren versprechen wohl dennoch einen spannenden Abend und erläutern, dass heute zu 100% Televoting die Entscheidung herbeiführen wird.

 

Und so geht es bereits los mit Beitrag Nr.1.

Nina PetkovićDišem (Musik: Michael James Down, Text: Nina Petković)

Bühne ganz in Blau. Nina in einem dunklen Glitzerumhang mit Kapuze. Der Song beginnt ruhig und mystisch, und bricht dann zum Refrain in einen Poprhythmus mit leichtem Ethno-Einschlag aus. Der Umhang fällt weg, darunter ist Nina wild auftoupiert. Vier Tänzer kommen dazu. Der Chorus ist treibend und eingängig, aber die ganze Inszenierung hat nichts besonders Aufregendes. Erinnert optisch etwas an den Ella-Endlich-Auftritt 2016. Kein Applaus, ist da gar kein Publikum? Das einzige Lied, das nicht von einem Einheimischen komponiert wurde!

Ich gebe mal 6/10 Punkten.

 

Vanja RadovanovićInje (Musik und Text: Vanja Radovanović)

Der einzige Mann heute in einem schicken dunklen Anzug mit frackartigem Mantel und Goldbesatz und Knöpfen. Der Song ist eine Balkanballade durch und durch, sehr Zeljko-like. Genau so etwas erwartet man. Hinten spielt das Geigenquartett. Die Ballade ist ebenso ziemlich eingängig, mit einer schönen, weichen Melodieführung, am Ende ein schöner aufsteigender Abschluss.

Das gefällt mir viel eher als der Pop vorhin. 8/10

 

Ivana Popović MartinovićPoljupci (Musik: Slavko Milovanović, Text: Ljubiša Martinović)

Ivana hat ein sehr interessantes asymmetrisches Kleid in grünlich schimmerndem Samt an, mit einer Gürtelapplikation und einem Stehkragen, vorne kunstvoll überlappend. Der Song ist eine getragene Midtempo-Ballade, leicht einschläfernd-monoton. Im Chorus ein radiofreundliches, poprockiges Soundbed zu einer eher unscheinbaren Melodie. Nichts für einen Wettbewerb, eher gemütliche Samstagabendunterhaltung für das ältere Publikum.

4/10

 

Katarina BogićevićNeželjena (Musik und Text: Aleksandra Milutinović)

Katarina tritt schon mal in einem freundlich champagnerfarbenen Kleid mit langer Schleppe auf. Der Song ist getragen, ähnlich instrumentiert wie der davor. Insgesamt etwas dramatischer, heller von der Melodie, und sie ist präsenter auch in ihrem Auftreten. Auch die Höhen meistert sie gut.

7/10

 

Lorena JankovićDušu mi daj (Musik: Mirsad Serhatlić, Text: Milan Minjo Perić)

Oh, hier jetzt in Weiß, dieses Kleid auch sehr kunstvoll geschnitten mit freien Schultern und Trägern, darunter petticoatartig ausladend und nur knielang. Das lockige brünette Haar seitlich vorne übergekämmt. Dadurch höre ich kaum auf den Song, der aber auch wieder nur eine getragene Popballade ist, Kategorie wie die beiden davor. Auffällig ist ihre Akrobatik, wie sie sich windet von oben nach unten und von links nach rechts. Immerhin wirkt es dadurch spannender, als wenn es als ganz statisch wäre. Auch akrobatisch in der Stimme an manchen Stellen.

6/10

 

Nun kommen die Anweisungen und Nummern fürs Televoting und der Schnelldurchlauf.

Nina hat das einzige flotte Lied gesungen, was aber etwas im Soundbrei untergeht und nicht hymnisch-knallig genug ist, sondern einfach typische Balkan-Disco. Vanja hat es mir eher angetan mit der klassischen Balkanballade, das war runder und fesselnder. Und von den drei Damen danach, die mit sehr ähnlichen Beiträgen aufwarten, ist Katarina die etwas Interessantere.

Slavko tritt ohne Überleitung mit „Space“ auf. Interessant ist seit Outfit. Eine Art Häuptlingskluft mit Glitzerleggings darunter, und einem hellen Jäckchen mit der Aufschrift „ATTITUDE“ hinten. Schaut nicht ganz so „drübber“ aus wie in Kiew. Und der Song leitet über in sein neues Latinostückchen „Mi ritmo“. Ein Despacito-Rhythmus mit schlüpfrigem Text („…terminando en mi coche“) – in den Strophen Landessprache, Spanisch im Chorus.

Er wird etwas interviewt – und soll auch seine Favoriten nennen, da fallen auch Namen, aber ich hoffe mal, dass er diplomatisch geantwortet hat. Im Hintergrund läuft die Uhr fürs Televoting – noch knapp 12 Minuten.

Nach einem Werbeblock spielt das Geigenquartett ein Medley von „Volare“, „Waterloo“, „My number one“, „Fairytale“, „Wild dances“, „Dancing lasha tumbai“ (!). Schnelldurchlauf. Und die Moderatoren erzählen ein wenig über die bereits ausgewählten Kandidaten in den Nachbarländern Albanien und Kroatien. Es folgt ein Filmchen über die Vorbereitungen zu dieser Sendung – immer wieder mit portugiesischen Sätzen, die die Leute schon mal gelernt haben. Noch drei Minuten.

Countdown hinten am Screen. Stop. Das Ganze wirkt gespenstisch, weil es überhaupt keine Publikumsreaktionen gibt bei dieser Sendung. Blutleer. Aber immerhin ist die Bühne passend dunkel und stimmungsvoll ausgeleuchtet, nicht wie vor zwei Jahren bei der Songpräsentation in Budva.

Es folgt noch ein Film über den ESC in Kiew und den portugiesischen Sieg, und eine Überleitung zu Lissabon 2018, und darüber, in welche Länder der ESC mittlerweile übertragen wird. Dazu noch ein paar touristische Bilder aus der portugiesischen Hauptstadt zur Einstimmung.

Alle sind jetzt auf der Bühne zusammen mit den Moderatoren. Es wird spannend. Offenbar werden jetzt die Top 3 des Votings bekanntgegeben.

Es sind:

Katarina BogićevićNeželjena
Vanja RadovanovićInje
Lorena JankovićDušu mi daj

Das waren auch meine persönlichen drei Lieblinge, auch wenn ich Lorena und Nina die gleiche Punktzahl gegeben hatte. Im Schnelldurchlauf hatte mir Lorena doch besser gefallen.

Die drei dürfen ganz offensichtlich nochmal ran. Vanjas Ballade ist wie gesagt eine altbekannte Gattung, er interpretiert sie aber wirklich schön. Schöne Mimik und Gestik, nicht zu verbissen, und doch präsent. Der Pianist im Hintergrund, dazu die Trommelwirbel und die weiblichen Chorstimmen verleihen diesem klassischen Stück noch etwas mehr Biss.

Jetzt nochmal Katarina, die wirklich bildhübsch in Szene gesetzt wurde in ihrem ausladenden Kleid – das könnte auch in einem Finale auf Malta stattfinden. Nur die Melodie ist erkennbar vom Balkan. In den Kommentaren schrieb heute Mittag jemand, dass es sich hier um einen sehr ernsten Text handelt (ging es um Abtreibung?). Sie interpretiert es wunderbar, sehr überzeugend und kommt bei mir als Zuschauer auch ohne Textverständnis an.

Bei Lorena muss ich jetzt mal mehr auf das Lied achten. Nun ja, es ist doch sehr unauffällig, hat was von den leiseren Beiträgen der 80er/90er. Sie gefällt mir besser als ihr Lied, auch wenn es sich nochmal zum zweiten Refrain aufbäumt.

Es ändert nichts an meiner persönlichen Reihung: Vanja vor Katarina vor Lorena.

Werbung, die hier in Montenegro „Marketing“ heißt. Da hätte ich jetzt mit „Reklamacija“ oder sowas in der Art gerechnet…. Ja ok, ich habe keine Ahnung von deren Landessprache.

Das Streicherquartett spielt jetzt einen Schnipsel aus „Hadje da ludujemo“ (hurra! wie hübsch!), dann „Brasil“ (doppelhurra!), „Zauvijek moja“ (dreifachhurra!), „Lane moje“, „Molitva“… und dann verließen mich irgendwann die genauen Liedtitel. Lauter schöne Sachen vom Balkan!

Videogrüße von Sergej Ćetković, der auch sein „Moj svijet“ von 2014 ansingt. Hach!

In den Kommentaren setzen die Leser eher auf Katarina, nachdem die „Favoritin“ Nina raus ist. War Nina wirklich favorisiert? Oder wollte man die nur, weil sie Uptempo war? War ja doch ein ziemliches Soundgequirl live leider. Leser Kjetil hat dieselbe Rangfolge wie ich :- )

Und jetzt Knez von 2015 live auf der Bühne mit seinem „Adio“ – der bisher erfolgreichste Beitrag des kleinen Landes. Platz 13 im Finale von Wien. Er wird noch kurz interviewt.

Jetzt sollten wir bald wissen, wie das Volk entschieden hat. Die Uhr hinten zeigt an, dass das Voting bald rum ist. Zunächst aber faken sie einen Montenegro-Sieg beim ESC in einem kleinen gepimpten Filmchen. Träumen darf man ja! Auch wenn wohl keiner der fünf heutigen Beiträge das Zeug dafür haben dürfte… aber sicherlich wäre es toll, wenn sie es mal schaffen. Das Filmchen erzählt tatsächlich eine ganze Geschichte, schaut auch etwas humoristisch aus (aber ohne Publikumsresonanz kann ich nicht sagen, wie witzig es wirklich ist) – hat was von den Einspielern beim Mello! Cool! So baut sich Montenegro also seinen ersten Sieg. Viel Glück!

Alle Kandidaten sind wieder auf der Bühne. Sie wirken mega-angespannt. Vanja legt die Arme um beide Konkurrentinnen als Hahn im Korb. Lorena wird Dritte. Jetzt machen sie es aber spannend. Katarina wird Zweite. Und Vanja gewinnt in einem Meer aus Goldglitter, und man hört die Glitterkanonen rauschen! Es ist also ganz genau meine persönliche Rangfolge herausgekommen beim Televoting. Ick freu mir!

Der Sieger lautet also: Vanja RadovanovićInje

Vanja darf nochmal ran in seinem schicken Uniform-Anzug. Montenegro setzt also wieder mal auf das Genre, das ihnen tatsächlich auch die besten Ergebnisse bisher gesichert hat (Finaleinzug 2014 und 2015). Da die Nachbarn bisher (noch) keine männliche regionaltypische Ballade für Lissabon ausgesucht haben, könnte das gut funktionieren. Wir wünschen viel Erfolg und verweisen jetzt schon mal auf den Live-Blog zum Finale der Nachbarn in Serbien, der am Dienstag ab 21 Uhr stattfindet. Mal sehen, ob die auch auf Nummer Sicher gehen, oder evtl. die experimentellere Rolle wählen, die häufig Montenegro gespielt hat in den letzten Jahren. Eine gute Nacht aus Köln!

Montenegro 2018: Vanja Radovanović – Inje

 

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