Live-Blog Sanremo: Ermal & Fabrizio gewinnen Festival mit politischem Song

Wie immer geht es in Sanremo um das traditionsreiche italienische Liedfestival – der ESC spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Darum war am Ende auch nicht Thema, ob nun Ermal Meta und Fabrizio Moro, die Sieger des Abends, für Italien nach Lissabon fahren werden. Allerdings dürften die Chancen dafür groß sein – und auf dem offiziellen Twitter-Account des ESC war auch kurz danach zu lesen, dass die beiden Italien vertreten würden.

Wir haben die Show aus dem Teatro Ariston live gebloggt – hier könnt ihr den langen Abend nachverfolgen.

Die RAI in Italien hat eine eigene Seite für Sanremo im Angebot, wo u.a. auch die gesamten ersten drei (morgen dann vier) Abende nochmal in voller Länge gesehen werden können – jeweils an die 4 Stunden! Hier hatten wir die Prima Serata mit allen 20 alteingesessenen Kandidaten bereits komplett live gebloggt.

Der Sieger der Nachwuchs-Kategorie „Nuove proposte“ ist schon gekürt, es ist Ultimo:

Ultimo – Il ballo delle incertezze (Sanremo 2018)

 

Und damit buona sera! Hier sind wir für einen weiteren extrem langen Abend aus Ligurien. Nek und Laura Pausini zählen zu den Stargästen des heutigen Finales. Wir sind natürlich vor allem gespannt, wer heute die 68. Auflage des Festival della canzone italiana gewinnen wird. Daneben wird ja der Kritikerpreis „Mia Martini“ verliehen. Den Preis Lunezia (für den musikalischen und „literarischen“ Wert des Liedes) erhielt bereits „Passame Er sale“ von Luca Barbarossa.

Schon jetzt ist die RAI hochzufrieden. Die Einschaltquoten der letzten Abende waren super – so hoch wie seit über 10 Jahren nicht mehr. Mehr als 50% waren es im Schnitt. Davon können TV-Shows in Deutschland nur träumen.

In der ersten Show, die ich auch live gebloggt haben, waren es zum Beispiel 52,1 Prozent. Krass. Das kleine Skandälchen um den Song von Fabrizio Moro und Ermal Meta dürfte sicher auch ein wenig dazu beigetragen haben. Zudem kamen Michelle Hunziker und Pierfrancesco Favino als Moderatoren sehr gut an.

Es geht los – nochmal mit dem „Band-Aid“-artigen Opener, den wir am Dienstag auch schon gesehen haben. Alle 20 Acts im Wettbewerb singen zusammen ein Lied. Trauerredner Claudio Baglioni, den ich ja schon als Fehlbesetzung für die Moderation bezeichnet habe, startet das ganze. Hoffentlich kommen Michelle und Pierfrancesco bald…

Sie zeigen nochmal die Verkündung des Siegers der Kategorie „Nuove proposte“ von gestern Abend. Ultimo gewann ja. Er darf jetzt sein Lied nochmal präsentieren. Ich finde, „Il ballo delle incertezze“ würde sich auch beim ESC gar nicht so schlecht machen. Schönes Lied, das ich mir bei Spotify auch schon ein paar Mal angehört habe.

Jetzt kommen Michelle und Pierfrancesco dazu.

Sie erklären die Regeln. Die Pressewertung zählt 30 Prozent, die Expertenjury-Wertung fließt mit 20 Prozent ein, die Zuschauer haben 50 Prozent – und irgendwie fließt auch noch das Ergebnis-Mix der letzten Abend ein… alles sehr kompliziert. Na, ob das jemand hinter den Kulissen versteht?

Danke, DerMoment1608, für den Link zu dem Tweet, aus dem diese Grafik stammt:

Und schon geht’s los.

 

1. Luca Barbarossa, „Passame Er sale“

Die Melodie hat in ihren Moll-Anklängen etwas Nostalgisches, und zugleich wirkt der Streicher-Klangteppich vor allem im Refrain wie Filmmusik. Das Lied ist an sich ganz gut. Nicht zwingend ESC-tauglich (da will Luca sicher auch nicht unbedingt hat, dort war er genau vor 30 Jahren ja schon…), aber den Zuschauern könnte das durchaus gefallen. Also den italienischen heute Abend. Die Jury hat’s ja schon gewürdigt. Luca im schwarzen Anzug mit schwarzen Hemd, die Bühne auch dunkel mit ein paar blutroten Strahlern. Und einem Strahlenkranz à la Sanna Nielsen. Nichts, was vom Lied ablenkt. Klassisch Sanremo also. Ein schöner Auftakt. 7/10

 

2. Red Canzian, „Ognuno ha il suo racconto“

Red Canzian hat wieder sein rotes Jackett angezogen, drunter wohl ein schwarzes T-Shirt und ein silbernes Kettchen drüber. Das Lied beginnt midtempo und kriegt dann zum Refrain richtig Fahrt. Red macht in Italien seit Jahrzehnten Musik, der 66-Jährige sind das gut heute Abend. Manche haben ja in seinem Alter schon einige etwas brüchige Stimme, das ist bei ihm gar nicht der Fall. Klingt prima. Und man nimmt ihm das ganze auch wirklich ab. Das Lied könnte auch von jemandem gesungen werden, der 30 Jahre jünger ist, aber das braucht es gar nicht. I like! 8/10

 

3. The Kolors, „Frida (Mai, mai, mai)“

Das Lied, das für mich eigentlich am geeignetsten für den ESC wäre heute Abend. Es ist nicht übertrieben modern, eingängig, ich finde die Jungs kommen nett rüber (ich weiß, dazu gab es unter unseren Lesern durchaus Widerspruch… 😉 ). In Lissabon könnte die ganze Halle gemeinsam „Mai, mai, mai“ rufen. Gut vorstellbar wäre es jedenfalls. Sänger Stash hat wieder sein Zirkusdirektor-Jäckchen angezogen, das kann er aber auch gern in Italien lassen, falls es nach Portugal gehen sollte. Hinter ihm ein Schlagzeuger, dazu ein Trommler an großer Trommel, durchaus wirkungsvoll. Die ganz große direkt hinter Stash wird nicht geschlagen, glaube ich. Ein starker Vortrag, und das könnte auch gut im Radio laufen. 9/10

 

Michelle kündigt schon mal Laura Pausini an. Aber erst mal will RAI etwas Geld verdienen…

So, wir sind zurück mit Pierfrancesco, der Laura Pausini begrüßt. Laura ist offensichtlich wieder gesund (sie sollte ja schon am Dienstag auftreten, da war sie erkrankt). Dunkle, in Blau gehaltene Bühne, Laura in einem schwarzen Glitzerkleid.

Ganz groß! Es gibt „Laura, Laura“-Rufe im Teatro. Sie hat einfach ne tolle Stimme, was man auch hört, als sie anschließend acappella singt. Dann wird mit Fiorello telefoniert, dem Komiker und Entertainer, der am Dienstag in der Show war.

Dann kündigt Fiorello durchs Telefon ein Duett von Laura und Claudio Baglioni an. Es ist eine getragene Nummer mit Begleitung am Flügel, „Avrai“. Damit hatte Baglioni 1982 einen Hit in Italien. Das Teatro Ariston flippt aus! Riesen-Applaus für Claudio und Laura. Standing ovations! Es war aber auch wunderschön. Die Leute setzen sich erst wieder hin, als Michelle schon wieder weitermoderiert. Laura singt noch ein weiteres Lied. Man hat ja Zeit in Sanremo… Ich höre der Pausini aber gern zu. Ich mochte sie schon, als sie in den 90ern ihre ersten internationalen Hits hatte („Strani amori“, „La solitudine“). In Italien ist sie bis heute megaerfolgreich, alle Alben auf Platz 1 der Charts. Daneben nimmt sie ihre Songs auch auf Spanisch auf, in Spanien sind die auch immer Hits.

Wow, die Pausini verlässt mitten im Lied das Teatro, geht nach draußen auf den roten Teppich, stellt sich zu den Fans, die dort warten, singt mit ihnen. Hammer! Hat man das schon mal in Sanremo gesehen? In den letzten Jahren erinnere ich mich jedenfalls nicht daran.

Es geht weiter im Wettbewerb.

4. Elio e le Storie Tese, „Arrivedorci“

Heute Abend ohne ihre Bollywood-Klamotten, sondern ganz klassisch in schwarzen Anzügen. Macht das eher langweilige Lied halt nicht interessanter. „Arrivedorci“ plätschert so vorbei, und so ganz besonders sympathisch, das man sofort für die Jungs anrufen möchte, ist es auch nicht. Da hilft auch der auf die Bühne gezerrrte Superman nicht mehr. Das Lied langweilt mich total, je länger es geht. Okay, dieser Schlusschor mit dem zigfach wiederholten „Arrivedorci“ hat was und ist fehlerfrei gesungen. Und dann ziehen die Herren auch noch die Sakkos aus, reißen sich die Hemden vom Leib und stehen in weißen T-Shirts da, auf denen „Arrivedorci“ steht. Naja…. wird auch nix helfen. 4/10

 

5. Ron, „Almeno pensami“

Technikpanne. Ron hat kein Mikro, das wird dann schnell noch auf die Bühne getragen. Los geht’s. Ron ist auch Sanremo-Altstar (64 Jahre alt). Und das ist auch Musik für ältere Semester. Eine sanfte Liebesnummer. Ron steht mit seiner Gitarre auf der dunklen Bühne da, aber das reißt halt nichts raus. 1996 hat er noch Sanremo gewonnen, 2018 wird es sicher nichts mehr. Ich gähne schon. Das Lied ist nicht schlecht (schlecht ist in Sanremo ja eigentlich nie etwas…), aber es passiert halt zu wenig. Das ist Musik zum Einschlafen – oder meinetwegen kann man da mit dem/der Liebsten kuscheln. Für Sanremo-Preise ist das aber zu wenig. 4/10

 

Nach der Werbung zurück im Ariston. Aber was ist das? Bauarbeiten an der Bühne? Auf der Bühne? Männer in Warnwesten und Helmen? Und dann kommt junge Leute und singen „Io penso positivo“ – ah, das alles ist Werbung für Sanremo Young, eine Art Teenie-Nachwuchs-Gesangshow, die am 16. Februar bei der RAI startet. Gibt’s demnächst das allererste Mal. Antonella Clerici, die das ganze moderieren wird, ist auch da, in einem pinkfarbenen Kleid.

Weiter im Wettbewerb…

6. Max Gazzè, „La leggenda di Cristalda e Pizzomunno“

Ich hatte ja am Dienstag schon meiner leichten Enttäuschung Ausdruck verliehen, dass Max eine eher langweilige Nummer dabei hat. Er hatte schon weitaus stärkere Songs, an die die Legende von Cristalda und Pizzomunno nicht herankommt. Tatsächlich gibt es diese Legende in der Kleinstadt Vieste in Apulien (Puglia) – dort ist man ganz stolz, dass jemand in Sanremo die örtliche Liebesgeschichte von Cristalda und Pizzomunno erzählt. Naja, aber auch musikalisch könnte sich ein bisschen was tun. Ein weiterer Plätschersong, der wenig hergibt. Max hat auch eine Art Zirkusdirektor-Jäckchen in schwarz an, hinter ihm wieder ein Frau an einer Harfe. Naja…. ich bin mal freundlich. 5/10

 

7. Annalisa, „Il mondo prima di te“

Um Himmels willen, was hat Annalisa denn heute Abend an. Ein hellbraunes Kleid in extremer Raffeloptik. Und ist das ne verschrumpelte Mandarine, die da über der linken Brust angesteckt ist? Ich bin das halbe Lied über geschockt. Stimmlich ist das 1a, was Annalisa da bringt. Sie schreit sich im zweiten Teil die Seele aus dem Leib, aber auch die leisen Töne beherrscht sie spielend. „Il mondo prima di te“ ist eine wirklich schöne, sanremoeske Nummer, die sicher im italienischen Radio laufen wird. Da sieht man dann auch dieses schlimme Outfit nicht. Ich mag den Song, und ich mag Annalisa. 7,5/10

 

Nach etwas Werbung sind wir zurück im Teatro. Michelle erklärt nochmal das Televoting. Anders an den letzten Jahren, in denen OLiver und ich neben den Punkten auch immer in Prozentzahlen unsere Einschätzung der ESC-Tauglichkeit bewertet haben, lasse ich das dieses Jahr. Ganz grob schreibe ich das ja im Text. Von denen, die schon dran waren, könnte ich mir am ehesten The Kolors in Lissabon sehen (oder auch – hinter den Kolors – Annalisa, mit anderem Outfit).

 

8. Renzo Rubino, „Custodire“

Renzo am Klavier, mit Blüte am Jackett. „Custodire“ ist auch wieder ein typisches Sanremo-Machwerk. Musikalisch solide, aber ohne großen Ecken und Kanten, die stören könnten. Es fließt schön dahin, das Lied hat auch ein paar ganz schöne Stellen. Zur zweiten Hälfte steht Renzo auf, läuft nach vorn und singt das Lied stehend zu Ende. Zur Liedmitte taucht dann auch ein altes Paar auf, das im Hintergrund sich langsam im Takt bewegt und ein bisschen tanzt. Hat er das bei Lo Stato Sociale abgekuckt? Die beiden Alten sind aber so abseits fast am Bühnenrand, dass sie gar nicht groß auffallen. Das hätte man etwas anderes inszenieren müssen. Als Lied okay, aber kein Burner. Akzeptabel präsentiert, mäßig gesungen (etwas geschrien). 4,5/10

 

Der Wettbewerb geht nach kurzer Werbepause weiter. Michelle würdigt erst mal das Orchester, das auch heute wieder einen tollen Job mache. In der Tat.

So, weiter geht’s mit den Altrockern.

 

9. Decibel, „Lettera dal Duca“

Auch ein Lied, das ich mir in den letzten Tagen etwas schöngehört habe. Gestern Abend in der Sanremo-Runde mit den Duetten haben Decibel das Lied mit Midge Ure gesungen, der dann einen englischen Text reinbrachte (im Original singen Decibel ja ohnehin ein paar Zeilen auf Englisch… leider in eher schlechtem…). „I see the mountains…“ Der glatzköpfige Frontmann ist Enrico Ruggeri, der auch schon für Italien beim ESC gesungen hat (1993). Er hat eine markante Stimme, das hat zumindest Wiedererkennungswert. „Lettera dal Duca“ fetzt aber zu wenig, dafür, dass die da als Rockband durchgehen wollen. Zu harmlos. Aber ganz nett. Und Ruggeri mag ich an sich (Decibel hat in Italien ja eine lange Geschichte… lange war es ruhig, 2017 kam dann das Comeback der Band). 6/10

 

10. Ornella Vanoni con Bungaro & Pacifico, „Imparare ad amarsi“

Noch ein Topstar der italienischen Musik: Ornella Vanoni! Die 83-Jährige sieht super aus, in ihrem königsblauen Kleid. Molto elegante! Bungaro & Pacifico sind bei Frau Vanoni eh nur Beiprogramm, die spielen keine große Rolle. Solche Einsätze der Klassiker wie in diesem Fall der Vanoni gibt es in Sanremo ja jedes Jahr, voriges Jahr wurde mit Fiorella Mannoia ja auch ein älterer Topstar immerhin Zweiter hinter Francesco Gabbani. Zu recht standing ovations für Ornella. Das Lied selbst langweilt mich zu Tode, aber ich habe großen Respekt für die Vanoni. Ein würdiger Auftritt, das hat Stil. Nix für den ESC. Klar. Aber Ornella ist eine Klasse für sich. 5/10

 

So, Halbzeit im Wettbewerb. Pierfrancesco und Michelle lesen alle Nummern vor, damit die Zuschauer anrufen können.

 

11. Giovanni Caccamo, „Eterno“

Die nächste Liebesballade im Rennen – Giovanni mit Vollbart (ohne isser hübscher), er besingt „deine Augen“… nichts mehr suchen müssen, einfach nur noch wir zwei… hach, solche Liebesschwüre ziehen ja regelmäßig. Der Caccamo verausgabt sich vor allem gegen Ende, aber da wird’s dann etwas viel. Und seine Zuckungen hinterm Mikrofonständer irritieren mich auch eher. Und dann hat das Lied auch noch einen seltsamen Schluss. „Eterno“ bricht abrupt ab. Mein Fall ist das ganze nicht. 3/10

 

12. Lo Stato Sociale, „Una vita in vacanza“

Gestern hatten die Jungs beim Duette-Singen das Tanzpaar zuhause gelassen, dafür war ein Kinderchor da. Ob heute die Tanzoma wieder ran darf? Der Frontmann heute im schweinchenrosafarbenen Jackett. Er singt immer noch nicht so gut (die Studioversion des Liedes klingt wesentlich besser und sauberer gesungen). Die Oma ist schon da, läuft unten durch die Menge im Teatro und animiert die Leute aufzustehen, was die auch prompt machen und mitklatschen. Der Hit des Ariston 2018! Ich mag’s immer mehr. Nicht nur wegen der Tanzeinlage und weil Lo Stato Sociale das sonst so strenge Festival auflockern, ins Publikum gehen… Klar, die Oma reißt es so richtig raus. Aber auch so ist „Una vita in vacanza“ ein großartiges Lied zum Mittanzen, zum Mitsummen. Wahnsinnig eingängig und mit Aussichten, ein Riesenhit zu werden. 9,5/10  (ich ziehe einen halben Punkt ab wegen des Gesangs)

 

Es gibt einen Clip mit Ausschnitten von den Proben, in denen Michelle und Pierfrancesco die Moderationen übten. Nicht immer fehlerfrei…. aber wer ist schon fehlerfrei? Jetzt patzt die Hunziker aber auch noch live beim nächsten Duo – sie hat vergessen, wer zusammen mit Riccardo Fogli singt…

 

13. Roby Facchinetti & Riccardo Fogli, „Il segreto del tempo“

Die Altstars wieder am Klavier, wie am ersten Abend. Gestern abend haben sie das ganze mit Giusy Ferreri gesungen, was mir auch gefiel (der Expertenjury weniger). Ich finde aber, die beiden ergänzen sich nicht so wirklich, teilweise singen sie sich gegenseitig an die Wand, das ist nur so ein Angeschreie, und Herr Fogli wirkt auch ein wenig gelangweilt. Das nimmt dem ganzen etwas die Kraft, denn das Lied selbst hat durchaus Kraft. Es ist an sich ganz nett. Aber solche Nummern gehen halt schnell mal an einem vorbei, und dann landet sowas am Ende im Mittelfeld. Mehr ist für Roby und Riccardo vermutlich kaum drin. Eigentlich etwas schade, denn das kann man sich durchaus mehrmals anhören. 6/10

 

14. Diodato & Roy Paci, „Adesso“

Roy hat wieder seine Trompete mitgebracht, und Diodato im schicken Anzug singt dazu. Das Publikum versucht mitzuklatschen, aber das gelingt bei „Adesso“ nicht so ganz. Es ist halt nicht so simpel wie „Una vita in vacanza“… Diodato schreit ein wenig zu sehr. Im Hintergrund zwei Trommler, die aber auch kaum auffallen. Das liegt in Sanremo immer an der Inszenierung und der Tatsache, dass die Kameraführung nur drei Einstellungen kennt: ganz nah dran an den beiden Künstlern, die Totale oder eine Kamerafahrt übers Orchester. Am irritierendsten finde ich Diodatos seltsame Bewegungen, wie er da so die Arme immer wieder von sich streckt, seltsam nach hinten hüpft… Ich weiß nicht recht, was ich damit anfangen soll. Das Lied ist nicht mehr als okay. 4/10

 

Nach einem weiteren Werbebreak geht es im Ariston weiter. Auf der dunklen Bühne sitzt Pierfrancesco Favino in einem dünnen Lichtstrahl und hält einen Monolog. Naja, er ist ja eigentlich Schauspieler – und darf jetzt wohl zeigen, was er so drauf hat. Auch für solche Sachen ist beim Sanremo-Festival ja immer Platz. (Nek mit Francesco Renga sowie Fiorella Mannoia sollen ja auch noch kommen… vor allem auf Nek freue ich mich noch.)

Und da ist auch schon Fiorella und singt ein Duett mit Claudio Baglioni, während Pierfrancesco weiter auf seinem Stuhl sitzt. Toll. Die Fiorella ist halt eine Klasse für sich. Hat sie letztes Jahr in Sanremo ja auch bewiesen. Schön, dass für solche „Interval Acts“ in Sanremo immer Raum ist.

Weiter im Wettbewerb.

15. Nina Zilli, „Senza appartenere“

Nina als Blumenmädchen begrüßt den Frühling. Ein luftiges gelbgrünes Kleid, dazu eine schöne Halskette mit grünen Schmetterlingen. Hübsch. Nur diese gewellten Haare stehen der Zilli nicht so recht. Nina singt die Nummer mit ordentlich Power in der Stimme, sie weiß aber auch an den richtigen Stellen sich zurückzunehmen und mit soften Tönen die Stimmung zu prägen. „Senza appartenere“ kommt leider nicht an „Per sempre“ ran, das sie vor ein paar Jahren in Sanremo dabei hatte. Es ist eine nette Nummer, die beim Bügeln nicht stört, aber es fehlt das gewisse Etwas, um aus dem Lied wirklich ein Kleinod zu machen. 6/10

 

16. Noemi, „Non smettere mai di cercarmi“

Manche vergleichen Noemi ja mit Adele. Klar, Noemi hat wie die Britin eine ungewöhnliche Stimme, die sie gut einzusetzen weiß. Aber Adele hat die interessanteren Lieder, finde ich. Noemi hat es – zumindest bei mir – bisher nie geschafft, mit ihren Sanremo-Liedern (und da gab es schon vier, das hier ist Nummer fünf) mich komplett zu kriegen. Am ehesten noch mit „Sono solo parole“ 2012. Auch „Non smettere mai di cercarmi“ überzeugt mich nicht ganz. Der Refrain ist stark, die Strophen fallen dagegen ab. Aber: Stimmlich ist das top! Großartig gesungen, toll präsentiert. Selbstsicher, ganz in sich ruhend. Das war eine gute Performance. Dafür einen Sonderpunkt. 7,5/10

 

17. Ermal Meta & Fabrizio Moro, „Non mi avete fatto niente“

Auch Kandidaten für ganz oben heute Abend. Ein Lied geschrieben im Nachklang des Terroranschlags in Manchester beim Konzert von Ariana Grande und von Attentaten in anderen europäischen Städten. Vergessen hoffentlich das ganze Theater um eine Demoversion, die schon mal irgendwo aufgeführt worden sein soll. Das ganze ist natürlich ziemlich textlastig – das hat fast schon Rap-Charakter. Vor allem Fabrizio spricht eher in schnellem Tempo als dass er singt. Ermal ist auch der stärkere Sänger der beiden. So ergänzen sich die beiden aber wirklich gut. Fabrizio heute in einem grünen Jackett, Ermal in blau, der Hintergrund rot. Sieht gut aus. Ich fand es einen richtig guten Vortrag, in Lissabon müsste man natürlich erklären, wovon die beiden singen. Bei dem Lied spielt der Text die Hauptrolle, die Melodie tritt dagegen deutlich zurück. Das funktioniert jenseits der italienischen Grenzen kaum. 8/10

 

Nach ein wenig Werbung – unter anderem mit einem Hinweis auf den Eurovision Song Contest im Mai – geht es in Sanremo weiter. Ja, genau, wir wollen doch wissen, wer für Italien in Lissabon an den Start geht. Lo Stato Sociale? Moro/Meta? The Kolors? Annalisa? Noemi?

Aber erst mal kommt Michelle Hunziker im schicken Glitzerkleid die Showtreppe hinunter. Dann kündigen sie und Pierfrancesco den nächsten Teilnehmer an.

 

18. Mario Biondi, „Rivederti“

Der italienische Tom Waits. Was für ne Reibeisenstimme! Wenn er das auf Englisch sänge, wüsste man nicht, ob hier nicht doch Mr Waits ins Mikrofon singt. Nur dank dieser ungewöhnlichen Stimme ist diese Barjazz-Nummer überhaupt nicht sofort wieder vergessen. „Rivederti“ (Dich wiedersehen) ist für mich auch nur Füllmaterial. Klar, das ganze gibt dem Startfeld nochmal eine andere Note, damit ist Sanremo noch abwechslungsreicher. Aber das Lied wird nicht vorn mitspielen. Dazu ist es dann doch zu harmlos. Es findet sicher seine Liebhaber, auch im Publikum. Aber der Applaus ist auch eher verhalten. 4/10

 

19. Le Vibrazioni, „Così sbagliato“

Noch ne Rockband, Ende der 90er in Mailand gegründet. Ihr zweiter Sanremo-Versuch nach 2005. Aber mich überzeugt das auch nicht. Vor allem in der Mitte die Stelle, in der die Musik fast aussetzt und man den Sänger herausgehoben hören, merkt man, wie schwach der singt. Das ist viel Geschrei, viel Sich-Vorbeugen als ob er Magenkrämpfe hätte – gefällt mir leider gar nicht. Kann weg. 2/10

 

20. Enzo Avitabile con Peppe Servillo, „Il coraggio di ogni giorno“

Zum Schluss noch zwei cantautori. Ich finde das Lied durchaus spannend. Das hat interessante Aspekte: zum einen wenn Enzo Oboe (?) spielt, es hat einen leicht melancholischen Hauch durch die Gitarre, aber Enzo und Peppe hätten sich gesanglich besser abwechseln sollen als weite Teile des Liedes zusammen zu singen. Das wirkt nicht so. An sich ein gutes Lied, aber kein starker Kandidat für weit oben. 6,5/10

 

So, das Televoting wird geschlossen. Und dann ist schon Zeit für die nächsten Stargäste: Nek, Francesco Renga und Max Pezzali.

Meinetwegen hätte Nek auch gern alleine auftreten können und ein paar seiner Songs singen können, zum Beispiel „Futuro 2.0“, „Fatti avanti amore“ oder „Unici“… So aber singen die drei mit Claudio Baglioni zusammen „Strada facendo“.

Francesco Renga ist demnächst Juror bei The Voice in Italien, das hat man also auch noch gleich untergebracht. Nach etwas Werbung versprechen unsere Hosts das endgültige Ergebnis des Abends. Wir sind gespannt!

Wer soll jetzt gewinnen? Im Saal schien mir Lo Stato Sociale am besten anzukommen. Aber auch Meta/Moro. Das dürften die zwei härtesten Konkurrenten sein. Eventuell noch Annalisa. Oder Noemi. The Kolors vielleicht noch? Wird Ornella Vanoni eine Rolle spielen? Letztes Jahr hatte man Fiorella Mannoia ja auch in die Top3 gehoben.

Ah, wie immer bei Sanremo – mittendrin die Spätnachrichten. 🙂

Jetzt ist auch noch Edoardo Leo da, ein italienischer Schauspieler und Regisseur, der sich mit Pierfrancesco unterhält. Es dauert…. Ach, jetzt wird auch noch mit einem ganzen Männerchor gesungen. Puh… ich werde langsam müde, macht mal hin da in Sanremo.

Das Ergebnis von Platz 20 bis Platz 4:

20. Elio e le Storie Tese
19. Mario Biondi
18. Roby und Riccardo
17. Nina Zilli
16. Decibel
15. Red Canzian
14. Noemi
13. Renzo Rubino
12. Enzo und Peppe
11. Le Vibrazioni
10. Giovanni Caccamo
9. The Kolors
8. Diodato & Roy Paci
7. Luca Barbarossa
6. Max Gazzè
5. Ornella Vanoni & Bungaro e Pacifico
4. Ron

Noemi überrascht mich – so weit hinten? Buh-Rufe, dass Le Vibrazioni nur Elfte sind. The Kolors auch nur Neunte. Dafür Max Gazzè und vor allem Ron für mich etwas überraschend weit oben.

Damit bleiben: Lo Stato Sociale, Annalisa und Ermal Meta & Fabrizio Moro wie erwartet übrig. Ab ins Superfinale!

Ein Schnelldurchlauf, dann ist das Televoting wieder offen. In der Zwischenzeit kann unser Gastgeber-Trio ja noch einen Gast begrüßen: Schauspielerin/Komikerin Sabrina Impacciatore.

Jetzt singen die vier auch noch was: „La canzone intelligente“.

So, wer gewinnt denn nun? Ich tippe jetzt doch auf Ermal und Fabrizio. Lo Stato Sociale werden vermutlich Zweite, Annalisa Dritte.

Ach je… immer noch kein Ergebnis. Es darf noch angerufen werden, derweil spielt das Orchester was Filmmusik-Haftes. Dann heißt es „Stop al televoto“. Wurde ja auch Zeit.

Erst mal den Kritikerpreis „Mia Martini“. Er geht an Ron für „Almeno pensami“. Der Pressepreis „Lucio Dalla“ geht an Lo Stato Sociale. Einen Preis für die beste Interpretation erhält Ornella Vanoni.

Wie viele Preise überreichen die denn noch?? Ach so, das Orchester darf auch noch einen Preis vergeben: an Max Gazzè. Und TIM vergibt einen Preis für das meistgehörte Lied auf der TIM-Sanremo-Plattform in dieser Woche. Und das ist die Nummer von Ermal Meta und Fabrizio Moro.

So, jetzt die drei Superfinalisten auf die Bühne: Annalisa, Lo State Sociale und Ermal/Fabrizio. Wer gewinnt Sanremo 2018?

Dritter Platz an Annalisa.

Zweiter Platz an Lo Stato Sociale

… und damit heißen die Sieger des 68. Sanremo-Festivals: Ermal Meta und Fabrizio Moro mit „Non mi avete fatto niente“.

Zwei strahlende Sieger singen nochmal ihr Lied. Vom ESC war jetzt nicht die Rede, aber Michelle sagte irgendwann im Lauf des Abends, der Sieger werde zum ESC nach Lissabon fahren. Das dürfte bei Fabrizio und Ermal so auch feststehen. Die wollten ja auch….

Ermal Meta & Fabrizio Moro: Non mi avete fatto niente

Wir bleiben dran an der Frage, ob Meta & Moro den italienischen ESC-Beitrag singen werden. Da ist ja auch noch der Punkt, dass „Non mi avete fatto niente“ ziemlich nah dran ist an „Silenzio“, ein Lied, das schon vor ein paar Jahren aufgeführt worden war.

Beide stammen zwar vom selben Komponisten, das ist kein wirkliches Plagiat. Aber entscheidend für den ESC ist ja, dass der Beitrag neu und vor dem Stichtag nicht aufgeführt worden sein soll (wobei die EBU da in den letzten Jahren etwas lockerer geworden ist). Man darf gespannt sein, wie man mit dem Fall umgeht.

Jedenfalls war schon kurz nach der Show auf dem Twitter-Account @Eurovision, dem offiziellen Account zum ESC, zu lesen: „Ermal Meta und Fabrizio Moro haben Sanremo 2018 gewonnen und werden Italien bei Eurovision 2018 vertreten!“ Der Titel des Liedes wurde dabei allerdings nicht genannt. Aktuell gehen wir davon aus, dass „Non mi avete fatto niente“ der Beitrag für den Eurovision Song Contest sein wird.

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