Live-Blog: Jónsi darf für Island nochmal ran – mit Greta!

Kleines Jubiläum für Island: Die Damen und Herren von der Nordinsel haben heute Abend ihren 25. ESC-Vertreter gewählt. Die große Frage war: Macht Regína Ósk solo das Rennen, nachdem sie 2008 zusammen mit Friðrik Ómar als Euroband in Belgrad war? Oder darf Jónsi nach 2004 nochmal ran, jetzt im Duett mit Greta Salóme? Oder sollte es doch einer der anderen fünf Songs werden? Wir haben die – wenig glamouröse – Sendung verfolgt, die einen würdigen Sieger fand. Hier ist der Live-Blog zum Nachlesen.

Ein fröhliches „Gott kvöld“ aus Island! Heute Abend wählen die Isländer ihren Nachfolger von Sjonni’s Friends. Sieben Kandidaten stehen zur Wahl, und alles in allem ist es ein nettes Feld ohne großartige Aussetzer. Wer davon darf im Mai die weite Reise antreten? Kein Kandidat des Eurovision Song Contests 2012 hat es soweit wie der Teilnehmer aus Island – Baku ist ja am anderen Ende des europäischen Kontinents (wenn man Aserbaidschan da überhaupt noch dazu zählen will…). Island muss dort im 1. Semifinale antreten.

Voriges Jahr hatte Islands Grand-Prix-Vertreter besondere (traurige) Aufmerksamkeit, weil der Komponist des Songs wenige Wochen zuvor überraschend verstorben war. Das war selbst deutschen Medien, die sonst weniger über den ESC berichteten, einen Bericht wert. Ähnliches ist in diesem Jahr nach aktuellem Stand nicht zu erwarten.

Aber gespannt sind wir natürlich trotzdem, wen die Isländer im Mai ins extrem weit entfernte Aserbaidschan schicken (quasi ans andere Ende der Region, die die Europäische Rundfunkunion abdeckt). Zur Wahl stehen:

1. Heiða & Guðrún Árný: Aldrei sleppir mér
2. Magni Ásgeirsson: Hugarró
3. Rósa Birgítta Ísfeld: Stund með þér
4. Simbi & Hrútspungarnir: Hey
5. Regína Ósk: Hjartað brennur
6. Blár Ópal: Stattu upp
7. Greta Salóme & Jónsi: Mundu eftir mér

Zu sehen ist die Show auf der Website des isländischen Fernsehen RÚV.

Nachdem die Vorrunden in einem schnucklig-winzigen TV-Studio stattfanden, ist RÚV nun in eine kleine Halle umgezogen. Den ganz großen Glamour à la Melodifestivalen oder Melodi Grand Prix strahlt der „Söngvakeppni Sjónvarpsins“ dennoch nicht aus, das Bühnenbild ist auffallend schlicht. Immerhin singt zum Auftakt der Show die wunderbare Hera Björk ein schönes Grand-Prix-Medley aus „Molitva“ und „Ne partez pas sans moi“.

Und was wir in den letzten Wochen bei den drei Vorrunden schon erlebt haben, macht RÚV nun auch im Finale wieder: ohne viele Schnörkel die Show durchziehen. Die Moderatoren des Abends, Brynja Þorgeirsdóttir und Sänger Páll Óskar (ESC 1997, „Minn hinsti dans“), machen keine großen Faxen – schon kommt Startnummer 1, Heiða & Guðrún Árný.

Die beiden Damen singen zusammen mit drei Background-Sängerinnen ein durchaus ESC-geeignetes Lied, Aldrei sleppir mér ist leicht hymnisch, aber angenehm anzuhören. Im Kopf bleibt es aber nicht so recht hängen. Die Kleidung von Heiða & Guðrún Árný hat ein bisschen was Griechisches… Mein Lied für Baku wär es nicht, dazu ist es doch ein wenig zu unauffällig.

Zügig geht es in Island weiter. Zwischen den Liedern kommen jeweils nur kurze Einspielfilme mit kurzen Interviews, in denen der jeweils folgende Künstler ein wenig befragt wird. Nun geht’s weiter mit Magni Ásgeirsson. Er singt eine Nummer, bei der man nicht so recht weiß, was es sein soll. Für eine Rocknummer ist das Lied Hugarró zu wenig rockig, aber Pop ist es auch nicht. Inszeniert ist es eher als Rocksong… Magni zieht die Sache gut durch, und er bekommt auch ganz gut Applaus. Er könnte einer der Kandidaten im ganz, ganz engen Feld für Baku sein.

Ein kurzes Filmchen mit Rósa Birgítta Ísfeld, die dank einer Wildcard ins Finale gekommen ist – in der Vorrunde war sie eigentlich ausgeschieden. Stund með þér bekommt also noch ’ne Chance. Damit will Rósa auf den Spuren von Adele oder Amy Winehouse wandeln. Naja, Retro ist gerade in. Aber irgendwie ist mir das zu langweilig, was Rósa mir da bietet. Und von welchem Liebhaber stammt der Blumenstrauß, den sie sich rechts an den Kopf gebunden hat? Getoppt wird das nur noch von den albernen Zuckungen, die die beiden Tänzer im Background machen. Hat da jemand zu oft Carolas Auftritt 1991 („Fångad av en stormvind“) gesehen? 😉

Ein Lichtblick kommt mit Startnummer 4. Simbi & Hrútspungarnir singen Hey – da kann man sich den Liedtitel zumindest gut merken. Das ganze klingt ein bisschen wie ein Kneipensong, den man mit 2 Promille in einer Spelunke in Reykjavík anstimmt. Die Jungs haben sich zudem angezogen wie isländische Fischer oder Bauern vor 100 Jahren. (Kann sich noch jemand an die TV-Serie „Nonni und Manni“ aus den 80ern erinnern?)

Das ganze ist gewissermaßen Islands Antwort auf Plumbo – herzliche Grüße an DJ Ohrmeister, der gerade das norwegische Finale bloggt… Mir gefällt’s. Man schunkelt automatisch ein bisschen mit. Große Chancen hätte Hey in Baku vermutlich aber nicht.

Páll Óskar macht ein bisschen Small Talk im „Green Room“ – Yohanna („Is It True?“, 2009) ist auch da. Die Welt auf Island ist halt klein. Deshalb sieht man sich da innerhalb der Musikszene eben immer wieder. Siehe auch die nächste Kandidatin. Regína Ósk hat Island schon 2008 beim ESC vertreten, als Teil des Duos Euroband („This Is My Life“).

Aber bevor Regína auf die Bühne darf, macht RÚV ein bisschen Werbung. Da kann ich nochmal ein Gläschen Chablis nachschenken…

Weiter geht’s. Im Einspielfilm stimmt Regína „Non ho l’età“ an, den Grand-Prix-Siegertitel von 1964. Nett. Und da merkt man auch wieder, welch klare, helle Stimme Regína hat. Sie ist sicher einer der Topfavoriten des Abends. Hjartað brennur ist auch ein mitreißender Popsong, der Island in Aserbaidschan keine Schande machen würde. Nur sollte Regína nochmal ein wenig im Kleiderschrank kramen – dieses bis unter die Brust hochgezogene Glitzerkleidchen geht ja gar nicht.

Im Hintergrund ist ein großes rotes Herz zu sehen – das Lied heißt übersetzt ja auch „Das Herz brennt“. (An dieser Stelle der Hinweis, dass RÚV festgelegt hatte, dass alle Lieder im „Söngvakeppni“ auf Isländisch zu singen sind. Der Siegersong dürfte für Baku aber einen englischen Text bekommen.)

Die Pop-Boyband Blár Ópal macht weiter. Im Einspieler stimmen sie Wig Wams „In My Dreams“ (ESC 2005) an. Dann darf Moderator Páll Óskar noch ein paar ESC-Sänger nennen, die ihm gut gefallen haben (Eric Saade zum Beispiel, oder Alexander Rybak). Dann sind die vier Jungs an der Reihe. Stattu upp ist mit Sicherheit der modernste Song des „Söngvakeppni“-Finals.

Rap-Elemente, ein eingängiger Mitklatsch-Refrain und vier ansehnliche Typen – eigentlich stimmt hier das Gesamtpaket mit am besten. Das wäre sicherlich eine gute Wahl für Baku – und die Zuschauer im Saal sehen das offensichtlich ähnlich.

Mit Greta Salóme und Jónsi kommen jetzt zum Schluss des Finalfeldes ganz klare Topfavoriten des Abends. Jónsi, 2004 beim Eurovision Song Contest in Istanbul leider nur 19. geworden, singt mit Greta die starke Nummer Mundu eftir mér, die Greta selbst geschrieben hat (die Startnummer 1, Aldrei sleppir mér, stammt auch von ihr). Ein kleiner Schwachpunkt: Mundu eftir mér wirkt ein wenig konstruiert, artifiziell. Es hat etwas Grandprixeskes – eine Hymne, die sich zu einem kraftvollen Schluss steigert. Und zwischendurch greift Greta (die aussieht wie Yohannas Schwester) auch noch zur Geige – Greta auf Rybaks Pfaden?

Damit sind wir mit den sieben Finalisten durch. Moderatorin Brynja Þorgeirsdóttir erwartet im Green Room schon Greta Salóme, um mit ihr ein paar Worte zu wechseln. Und schon kommt der Schnelldurchlauf – die Isländer verlieren hier wirklich keine Minute… und wenn, dann an die Werbespots.

Jetzt zeigt auch RÚV ein Film über Aserbaidschans kurze Eurovisions-Geschichte, mit einem Ausschnitt aus „Day After Day“ von 2008, „Always“ von 2009, Safuras „Drip Drop“  und als Highlight natürlich den Siegersong von Düsseldorf, „Running Scared“. Schließlich sollen auch die Isländer ein bisschen eingestimmt werden auf das Land, in dem der ESC-Tross im Mai Station macht.

Nun darf Páll Óskar auch noch ein Lied singen, ein ganz guter Popsong auf Isländisch. Auf der LED-Wand im Hintergrund dreht sich eine große Discokugel. Warum startet das eigentlich nur als Pausen-Act? Hätte auch wunderbar ins Rennen um das Baku-Ticket gepasst.

Jetzt machen Brynja und Páll mit den Kandidaten im Green Room ein kleines Grand-Prix-Quiz. Im Hintergrund werden offenbar noch die Stimmen ausgezählt. Das dauert hier auch etwas, denn das Endergebnis wird aus einem Mix aus Televoting und Jury-Voting (jeweils 50 Prozent) ermittelt.

Ach nee… noch wird gar nicht ausgezählt. RÚV zeigt nochmal den Schnelldurchlauf, es darf noch angerufen werden. Und dann gibt’s wieder Werbung.

Ich grüble ja schon ein wenig, wer hier das Rennen machen könnte, aber irgendwie ist das schwer zu sagen. Es gibt nicht den einen ganz klaren Song, der heraussticht und alle anderen deutlich überstrahlt. Am ehesten vielleicht noch Mundu eftir mér, aber Regína Ósk ist sicherlich auch nicht zu unterschätzen. Magni dürfte auch Chancen haben. Das sind schon drei von sieben. Hey und Stund með þér räume ich die geringsten Chancen ein. Blár Ópal kann ich nicht einschätzen. (Die von mir zunächst entdeckte Facebook-Site mit mehr als 19.000 Fans bezieht sich wohl auf irgendwas anderes, das „Blár Ópal“ heißt – aber die Boyband hat auch eine Fansite auf Facebook, mit 1076 Anhängern. Das ist noch recht übersichtlich.)

RÚV zeigt inzwischen die Songs, die schon für Baku feststehen, in kurzen Ausschnitten: Sinplus aus der Schweiz, der dänische Beitrag „Should’ve Known Better“, Kurt Callejas „This Is The Night“ für Malta, und sogar Tooji aus Norwegen – erst vor wenigen Minuten gewählt – ist schon im Einspieler dabei! (Die Schreifrau aus Albanien hat RÚV unterschlagen… Þakka þér!)

Nach kurzem Plausch mit Hera Björk und einer anderen, mir unbekannten Dame gibt’s noch einen Schnelldurchlauf… also, RÚV, jetzt haben doch bestimmt alle 300.000 Einwohner Islands angerufen. Wie wär’s mal mit dem Ergebnis?

Ah, die Moderatoren zählen gemeinsam mit dem Saal von 10 auf 0. Und damit sind die Telefonleitungen geschlossen. Wurde ja auch Zeit. Jetzt erinnert uns RÚV nochmal an Sjonni’s Friends vom letzten Jahr: Szenen vom Sieg beim Söngvakeppni 2011, die englische Version als Musikvideo, der Auftritt in Düsseldorf.

Und schon hält Brynja zwei silberne Umschläge in der Hand. Welche zwei Songs sind die mit den meisten Stimmen? Im Hintergrund steht die Familie von Sjonni Brink, der „Aftur heim“/“Coming Home“ für Düsseldorf geschrieben hatte.

In Umschlag 1 hat Brynja ein Kärtchen: Mundu eftir mér von Greta und Jónsi ist noch im Rennen. Páll öffnet Umschlag 2: Das Kärtchen sagt uns, dass Blár Ópal (Stattu upp) auch noch zittern können, ob es für Baku reicht. Eine kleine Überraschung! Regína Ósk kam nicht unter die Top 2. Ob’s am Fummel lag?

Es gibt jetzt aber keine weitere Abstimmung (ein „Superfinale“ oder dergleichen) mehr – man macht das mit den Umschlägen nur, um die Spannung etwas zu erhöhen. So wie im Dschungelcamp: „Du bist es… vielleicht“, wollen Brynja und Páll also à la Zietlow/Bach sagen.

Doch schon verkünden die Moderatoren den Sieger und damit den Song für Baku: Es ist … Mundu eftir mér! Es hat also doch am Ende die Nummer gewonnen, die noch am ehesten Grand-Prix-esk aus dem Feld herausstach. Damit dürfen Yohanna… äh… Greta Salóme und Jónsi nach Baku, und ein Sohn von Sjonni Brink überreicht Greta den Preis des Abends. Sie ist ganz überwältigt, und außer „Þakk!“ (Danke) fällt ihr nicht viel ein.

In Oslo und Stockholm wäre jetzt tonnenweise Glitter-Konfetti von der Decke geregnet – aber wir sind ja hier in Island, und da wird die Show am Ende noch etwas zu Tode gequatscht von Brynja und Pául. Müssen sich Greta und Jónsi so lange vorbereiten, ihr Lied nochmal zu singen?

Nun gibt’s zum Abschluss des Abends aber nochmal den Siegersong: düster klingende Trommeln, eine in dunkles Blau getauchte Bühne, Greta mit der Fidel… ich verstehe nur nicht, warum die beiden Interpreten so weit voneinander weg stehen?

Aber alles in allem ein würdiger Sieger, mit dem sich Island beim Eurovision Song Contest in Baku nicht zu verstecken braucht. Viele Fans hatten schon im Vorfeld – gleich nach Vorrunde 1, aus der Greta und Jónsi als Sieger hervorgingen – das Lied zu ihrem Favoriten auserkoren, und auch bei vielen anderen ESC-Anhängern werden sich die beiden noch in die Herzen singen.

Wir gratulieren den Künstlern und vor allem Greta Salóme als Autorin des Liedes und freuen uns schon, Mundu eftir mér in Baku wiederzuhören.