Melodifestivalen 2015, Quick-Songcheck Semi 3: Klassiker schlagen junge Dinger

Jon Henrik Fjällgren
Woche 3 der schwedischen Vorauswahl Melodifestivalen für den ESC in Wien, und auch diesen Samstag werden wir wieder sieben Songs kennenlernen, die gern direkt ins Finale nach Stockholm wollen. Mit dabei im zweiten Anlauf auch Ellen Benediktson, die uns letztes Jahr im Finale mit „Songbird“ bezaubert hatte. Hier unser Sneak Preview zu den gerade laufenden Proben in Östersund.

Blogger-DJ Douze Points hat vor dem Start des Mello alle 28 Kandidaten bereits kurz vorgestellt (Runden 1 und 2, Runden 3 und 4). Sieben davon werden wir an diesem Samstag in voller Pracht performen sehen können.

Heute können wir nur kurz reinschnuppern in Ausschnitte aus den laufenden Proben (hier auf svt.se). Kurz vor jeder Vorrunden-Show schreiben Euch auch diese Woche zwei PRINZ ESC-Blogger ihre spontanen Eindrücke auf und geben ein Rating von bis zu 5 Sternen ab.

Dann wollen wir – BennyBenny und DJ Ohrmeister – doch mal sehen, was das vorletzte Semi zu bieten hat.

 

1. Ellen Benediktson – Insomnia
(Ellen Benediktson, Anderz Wrethov)

BennyBenny: Ich habe mich sehr gefreut, dass Ellen Benediktson wieder dabei ist, weil ich „Songbird“ wirklich großartig fand. „Insomnia“ ist etwas massentauglicher und näher dran am typischen modernen Melodifestivalen-Song. Ein bisschen Schlager, ein bisschen Elektro und viel Show. Der Song selbst ist eingängig und erinnert auch etwas an „Euphoria“. Aber: Höre ich da auch Glockenklänge und sakrale Chöre? Sollte es Ellen auch ins Finale schaffen, würden sie und Mariette sich wohl gegenseitig Stimmen wegnehmen – oder Ellen ganz hinten landen.
Bewertung: 3 Sterne

DJ Ohrmeister: Das ist also die neue Ellen. Mit neuer Frisur und sechs Ausdruckstänzern auf einem treppenförmigen Bühnenelement, und einem der überflüssigsten aller „Euphoria“-Aufgüsse ever (ever, ever). Vielleicht bin ich auch deswegen mit dem Daumen gleich runter, weil ihre Stimme einer solchen oktavenheischenden Synthi-Hymne einfach nicht gewachsen scheint, das klingt weinerlich-gepresst, und die dunklen Neoprenanzüge schlabbern an den Seiten und schauen ziemlich unsexy aus (sind aber auch nicht die für Samstag). Die Komposition ist ganz ok. Schade, Ellen, Du bist doch eigentlich ein nettes Mädel, aber hier hast Du m.E. aufs falsche Pferd gesetzt.
Bewertung: 2 Sterne

 

2. Kalle Johansson – För din skull
(Martin Eriksson, Thomas G:son, Thomas Karlsson)

BennyBenny: Kalles Song klingt wie Dansband-Musik gepaart mit Coldplay-Stadion-Chören. Das könnte in Schweden sogar ganz gut funktionieren. Hätten wir ein anderes Jahr, hätte diesen Song sicherlich Ulrik Munter gesungen. Aber auf den ersten Blick scheint Kalle doch relativ weit hinter Ulrik zurückzufallen – sowohl was Ausstrahlung als auch was Stimme betrifft.
Bewertung: 2 Sterne

DJ Ohrmeister: Kalle schaut aus wie ein netter Teenie von nebenan und hat einen typisch Mello-verpoppten Schwedenschlager dabei, wie wir ihn ähnlich bereits von Jimmy Jansson oder Alexander Schöld gehört haben. Das passt zu seiner Stimmlage, der Flirt mit der Backingsängerin wirkt authetisch, auch wenn Kalle insgesamt etwas schlaksig umherschlendert. Ein wenig mehr Körperspannung darf ruhig sein auf so einer großen Bühne. Insgesamt runder als der seltsam gezwungene Auftritt von Ellen zuvor.
Bewertung: 3 Sterne

 

3. Andreas Weise – Bring Out the Fire
(Anton Malmberg Hård af Segerstad, Henrik Janson, Thomas G:son)

BennyBenny: Vielleicht sind wir heute ja in der Mello-Cover-Runde gelandet? Nach „Euphoria“ und Ulrik Munter kommt jetzt das neue „Las Vegas“. Das geht auf jeden Fall ins Ohr. Die Show verspricht edel zu werden: Die Bühne, Andreas uns seine Girls – alles in schwarz-weiß mit lila Lichteffekten. Solch einen Cabaret-Sound haben die Schweden immerhin schon mal zum Melodifestivalen-Sieg geführt – ob das dieses Jahr wieder klappt, halte ich allerdings für fraglich.
Bewertung: 3 Sterne

DJ Ohrmeister: Zeitlos guter Soul-Pop, gut tanzbar und optisch sehr attraktiv dargebracht. Sechs weibliche Backings umringen den smarten Blondie auf einem sonnenförmigen Bühnenelement und turnen an je einem Mikroständer aufreizend herum. Schaut cool aus. Leider ist die Komposition etwas eintönig (zumindest in dem Snippet), und ein schwedischer Text hätte das etwas aufgespiced meine ich. „Bring out the fire, bring out the fire…“ lockt mich jetzt nicht so wirklich hinterm Ofen hervor. Aber ein guter Groove!
Bewertung: 4 Sterne

 

4. Andreas Johnson – Living To Die
(Andreas Johnson, Bobby Ljunggren, Karl-Ola Kjellholm)

BennyBenny: Sind wir doch mal ehrlich: Schon „We Can Work It Out“ lebte doch eigentlich nur noch von Andreas‘ Stimme und Bekanntheit. Und ich glaube nicht, dass das im Jahr 2015 nochmal funktionieren wird. Zumindest diese 30 Sekunden kommen nicht richtig in die Gänge und dümpeln nur so vor sich hin. Haben wir nicht auch diese Bühnen“show“ schon mal gesehen? Tut mir sehr leid, denn ich mag Andreas Johnson wirklich gern, aber dieses Jahr könnte es eng werden für ihn.
Bewertung: 1,5 Sterne

DJ Ohrmeister: Ungewöhnlicher Auftritt für Andreas ganz ohne Band und Gitarre, dafür ganz allein in einem Meer aus rotem und türkisem Laserlicht. Der Song ist eher getragen, sehr synthilastig und passt zur Optik. Der Text dagegen ist leider etwas platt – „I know, love will survive“, gähn. Erinnert von der Stimmung ein wenig an „We can work it out“ von 2010, aber eben weniger Gitarre, mehr Konserve. Dennoch ein leichter Gänsehauteffekt, der sich da bei mir einstellt.
Bewertung: 4 Sterne

 

5. Isa – Don’t Stop
(Isa Tengblad, Johan Ramström, Gustaf Svenungsson, Magnus Wallin, Oscar Merner)

BennyBenny: Aha, jetzt – zumindest optisch – die neue Ace Wilder. Musste ja kommen, wo dieses Konzept letztes Jahr so gut funktioniert hat. Wobei dieses Liedchen da auf keinen Fall mit dem Vorjahresüberraschungshit „Busy Doin‘ Nothin‘“ mithalten kann. Alles sehr gefällig und sehr unscheinbar. Aber ISA hat ne tolle Stimme!
Bewertung: 2 Sterne

DJ Ohrmeister: Eins dieser US-Girlie-Pop-Stückchen mit crazy Klamotten und crazy Dancers mit crazy Moves und crazy… Langeweile. Datt is nix. Der Song versucht eindringlich in seiner Botschaft zu sein, ist aber sowas von ein alter Hut, dass man vor dem Laptop eindöst. Stimmlich ok, Performance in Ordnung, Melodie jooaah geht so. Ist ein fröhlicher Song, aber so gar nicht meins.
Bewertung: 1 Stern

 

6. Kristin Amparo – I See You
(Kristin Amparo, David Kreuger, Fredrik Kempe)

BennyBenny: Wow, tolle Stimme, gewaltige Show. Kristin gefällt mir und liefert die obligatorische Sarah Dawn Finer-Ballade. Und genau da liegt auch das Problem, warum ich mich – zumindest in diesem 30 Sekunden – noch nicht richtig auf den Song einlassen kann: Powerballaden kennen wir einfach schon in allen Variationen. Das hier ist sicherlich eine gute, aber ist sie außergewöhnlich genug und brauchen wir neben Jessica Andersson noch einen zweiten solchen Song im Finale?
Bewertung: 3 Sterne

DJ Ohrmeister: Im letzten Sommer stand sie zusammen mit Albin 4 Wochen lang auf Platz 1 der schwedischen Charts mit einer Pop-Rap-Nummer, heute probt sie eine klassische Ballade in vollem Orchestersound und mit richtig „Wumms“ dahinter. Eine Mörderstimme und ein packender Song. Das einzige, das man ihr wohl vorhalten könnte, ist, das „I See You“ nicht ausgesprochen modern ist. Aber mir ist ein schöner Klassiker weitaus lieber als ein kreischendes, quiekendes Next Big Thing. Diese Frau hier ist wirklich groß!
Bewertung: 5 Sterne

 

7. Jon Henrik Fjällgren – Jag är fri (Manne Leam Frijje)
(Jon Henrik Fjällgren, Erik Holmberg, Tony Malm, Josef Melin)

BennyBenny: Oh nein, dieser Ethno-Pop ist überhaupt nichts für mich. Und dann noch diese total gewollte und überinszenierte Show mit Gespenstern, Lagerfeuer und Trachten. Ich möchte das nicht. Dazu kommt noch, dass Jon bestenfalls eine mittelprächtige Ausstrahlung hat. Ich hoffe, dass uns das in Stockholm erspart bleibt.
Bewertung: 1 Stern

DJ Ohrmeister: Das ist wohl die moderne Fassung von Sámiid ædnan (Norwegens ESC-Beitrag von 1980), in der die Kultur der Samen in all ihren Facetten um Aufmerksamkeit bittet: traditioneller kehliger Gesang, Tracht, eine Schamanentrommel und sogar ein flottes Tänzchen (letzteres wirkt leider ein wenig albern auf dieser Bühne). Die von der Decke hängenden riesenhaften Elfen im Backing Chor sind sensationell. Noch ein Stück, das als Klassiker (im neuen Gewand) auftritt – eingängig, bunt, schön. Leider haben diese folkloristischen Beiträge beim MF immer etwas von Minderheiten-Quoten-Song und landen regelmäßig ganz hinten. Unverdient!
Bewertung: 5 Sterne

 

Tipp fürs Finale:
BennyBenny: Ellen Benediktson, Kristin Amparo
DJ Ohrmeister: Andreas Johnson, Kristin Amparo

Tipp für Andra Chansen:
BennyBenny: Andreas Johnson, Andreas Weise
DJ Ohrmeister: Andreas Weise, Kalle Johansson