Melodifestivalen 2018: Mehr Punkte für größere Kontraste zwischen Beiträgen

Freudig erregt, die „Immer-wird-nur-übers-Mello-berichtet“-Blogleser zum fortgeschritten Saison-Auftakt auf die Palme bringen zu können, kann ich vermelden, dass das schwedische Fernsehen svt das Wertungsverfahren im Finale des Melodifestivalen verändert hat. Das Ziel: Steigerung der Punktabstände zwischen den einzelnen Beiträgen durch mehr Macht für die Zuschauer. Und so soll’s gehen.

Im Nachgang zum Melodifestivalen 2017 haben wir uns hier auf dem Blog ausführlich der Frage gewidmet, woran des liegen könnte, dass seit der Einführung der Hjärtrösta-App die Punktabstände zwischen den Beiträgen beim Zuschauervoting erheblich zusammengeschmolzen sind. Der Kernbefund: über die App können kostenlos bis zu fünf Stimmen pro Beitrag abgegeben werden, während jede Stimme über SMS oder Telefonanrufe Geld kostet.

Der offizielle Melodifestivalen-Blog des schwedischen Fernsehens, Gustavs expertblogg, stellt diese Argumentation in Frage. Vielmehr seien im letzten Jahr von den 240 möglichen Hjärt-Stimmen, die eine Person in den Semis, im Andra Chancen und im Finale zusammen vergeben kann, im Durchschnitt nur 40 Stimmen abgegeben worden. Lediglich 1,5% der Voter hätten die 240 Stimmen vollumfänglich vergeben (Anm. d. Red.: Hut ab!).

Während diese Argumentation durchaus hinterfragt werden kann, hat man sich beim schwedischen Fernsehen dennoch von einer Regeländerung überzeugen lassen. Der schwedische Mello-Zahlen-Nerd Marcus Björklander hat bei umfangreichen Zahlenspielereien einen anderen Grund für die ähnliche Punktebewertung ausgemacht: nämlich die Tatsache, dass die Jurys nur 7 von 12 Beiträgen bewerten (nach dem Schema 1, 2, 4, 6, 8, 10, 12), während sich die Punkte der Zuschauer prozentual auf alle 12 Beiträge verteilen.

Im neuen System sollen die Jurys ihre Punkte auf 10 der 12 Beiträge aufteilen – und zwar nach der klassischen Eurovisionsskala (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 10, 12). Insgesamt erhöht sich dadurch die Anzahl der von beiden Gruppen – dem Publikum und den Jurys – zu vergebenen Punkte auf jeweils 638, zusammen also 1.276. Damit wird ein direkter Vergleich zu früheren Melodifestivalen-Punktzahlen nicht mehr möglich sein.

Die Erwartungshaltung des schwedischen Fernsehens ist nun, dass die Macht der Zuschauer gleich auf zwei Arten gestärkt wird: Zum einen sollen die Punkte der Jurys für die Beiträge dichter beieinander liegen, weil einfach mehr Beiträge mit Punkten bedacht werden. Zum anderen steigt insgesamt die Anzahl der zu vergebenen Punkte, was wiederum zu einer größeren Differenz zwischen den Beiträgen führt.

Während Letzteres vermutlich reine Augenwischerei ist, da sich durch eine größere Punktanzahl vielleicht die absolute Punktedifferenz verändert, aber nicht die relative, kann das andere Bewertungsverfahren durch die Jury durchaus einen Effekt haben. Das in meinen Augen eigentliche Problem, die Vielzahl der kostenlosen Stimmen über die Hjärtrösta-App, hat man aber bisher ignoriert. Vermutlich auch, weil die schwedischen Macher der Show davon ausgehen, dass das Involvement der Zuschauer über eine solche App höher und es überhaupt besser ist, dass wenn die Zuschauer schon während der Sendung auf ihrem Handy rumdrücken müssen, dann doch bitte mit direktem Bezug zur TV-Show.

Und ist das jetzt alles wichtig und nicht alles nur Zahlendreherei? Ja, durchaus. Denn zum einen ist ein Kantersieg im nationalen Vorentscheid immer überzeugender und eine bessere Story (auch in der internationalen Ausstrahlung in der ESC-Community). Zum anderen hat die etwas größere Macht der Jurys durchaus schon Publikumsfavoriten um ihren Mello-Sieg gebracht. Das ist zwar gewollt. Nicht gewollt ist aber, dass das einer größeren Abstimmungsmacht der Jurys geschuldet ist.

Alle Informationen zu den sechs Shows des Melodifestivalen 2018 findet ihr hier.