Live-Blog: Melodifestivalen 2018, Semifinale 1 – Sechs gegen Benjamin

„Nu kör vi!“ – in Schweden begann heute Abend die Suche nach dem Kandidaten für Lissabon. Benjamin Ingrosso, voriges Jahr im Finale Fünfter geworden, versucht es beim Melodifestivalen dieses Jahr erneut – allein seine Bühnenshow zu „Dance You Off“ war sehenswert genug (Foto), dass er es direkt ins Finale schaffte. Dazu gesellte sich Newcomer John Lundvik mit einer süßen Ballade. Unser Liveblog zum Nachlesen.

„God kväll“ allerseits zur ersten Mello-Runde aus der Karlstader Löfbergs Arena, in der Provinz Värmland.

Wer den Livestream von SVT verfolgen will: SVTPlay liefert das ganze hier.

Seit der Einführung der Semifinals beim Melodifestivalen 2002 kam der spätere Mello-Sieger nur ein einziges Mal aus der ersten Show – und das war Loreen 2012 mit „Euphoria“. Immerhin spielten Finalisten, die aus dem ersten Semi kamen, oft vorne mit: vergangenes Jahr Nano („Hold On“), 2005 war es Shirley Clamp („Att älska dig“), 2010 Salem Al Fakir („Keep On Walking“). Rein nach der Papierform liegen also die Chancen auf den Gesamtsieg für die sieben, die heute Abend starten, nicht hoch – aber wer weiß…

Dafür ist das erste Semifinale gleich mal um ein Skandälchen reicher. Nur Stunden vor der Liveshow hatte Aftonbladet einen Bericht veröffentlicht, wonach „Solen lever kvar hos dig“, der Beitrag von Kamferdrops, schon seit Jahren im Netz zugänglich sei, nämlich als „Solen lever kvar“ von Jonny Fagerman.

Der sagte, er habe das Lied in der Tat 2009 live aufgeführt, er habe das Lied aber nicht bei YouTube und MySpace hochgeladen, wo es laut Aftonbladet zu finden war. Auch die Autoren des Songs wussten laut SVT nichts davon, dass das Lied – ihrer Aussage nach nur eine Demoversion, die sie später umgeschrieben hätten – im Netz aufzufinden war. Darum entschied SVT auch anders als bei Anna Book vor zwei Jahren (Anna wurde mit „Himmel för två“ disqualifiziert, weil das Lied mit englischem Text schon zuvor in Moldawien im Rennen für den ESC gewesen war).

Darum: Kamferdrops ist weiter dabei. DJ Ohrmeister und DJ Douze Points hatten am Donnerstag bei ihrem Quickcheck (auf Basis von Snippets und Probenausschnitten) „Solen lever kvar hos dig“ immerhin in die Trostrunde Andra chansen getippt. Den Tipps unserer beiden DJs zufolge dürfte für Benjamin Ingrosso in diesem Semi nichts anbrennen. Auch Edward Blom sollte demnach weiterkommen, dazu werden noch Renaida (Douzy) und John Lundvik (Ohrmeister) hoch gehandelt. Mal sehen, wie viele Tipps davon am Ende stimmen werden. Offenbar war John Lundvik bei der Generalprobe der Sieger der Hallenzuschauer…

So, genug Vorgeplänkel. Gleich geht’s los… Wie im Vorjahr führt David Lindgren durch alle Shows.

Es geht los. Alles wie immer: Die Zuschauer wedeln mit ihren Luftballons. Es gibt einen Blick zurück aufs Vorjahr mit Robin Bengtsson, dann ist die Eröffnung eine grelle Light-Show auf der Bühne in Schwarz-Weiß, mit Tänzern in Fußballtrikots (darauf steht Mello) – die Fußball-Hupe unterstreicht den Football-Charakter des ganzen. Dazu werden große Schwarzweiße Fahnen gewedelt.

Von hinten kommt David Lindgren nach vorn, erst nur als schwarzer Schatten zu sehen.Er singt den Opening Song „One Together“. Schon der ist besser als manches Lied, das wir im Mai in Lissabon hören werden…

David begrüßt die Zuschauer und meint, er sei wie ein IKEA-Bücherregal: etwas langweilig, aber passt in jeden Haushalt. :-))

Er stellt die sieben Teilnehmer des Abends vor und erklärt, wie man heute Abend abstimmt – wie immer liegt in den Semifinals alles in den Händen der schwedischen Zuschauer. Und wie in den Vorjahren gibt es zwei Telefonnummern, eine „normale“ und eine, um Radiohjälpen ein bisschen Geld für einen guten Zweck zu spenden.

Damit geht’s nun wirklich los.

1. Sigrid Bernson – Patrick Swayze

Sigrid machte als Tänzerin bei der TV-Show Let’s dance in Schweden auf sich aufmerksam, unter anderem gewann sie dort vor ein paar Jahren mit Benjamin Ingrosso (heute kämpft sie gegen ihn…) 2017 erschien ihre erste Single. Aber muss man über Patrick Swayze singen?

Sie ist erst allein, dann mit zwei Tänzern und zwei Tänzerinnen auf der Bühne. Gelb ist die bestimmende Farbe, auf dem Backdrop und in der Farbe von Sigrids offener Bluse über einem weißen Top (die Jungs tragen großkarierte Holzfäller-Hemden in Gelb-Schwarz… sind Großkaros wieder in?) Sigrid in ihrer zerrissenen Minijeans kommt sympathisch rüber, wirkt eher wie 19 als 29 (ihr wirkliches Alter). Tanzen kann sie natürlich – aber ihr Gesang ist mäßig. Das hört man, wenn mal nicht der Chor sie tatkräftig unterstützt. Und mit „woooohoo“-Schreien macht man es auch nicht besser. Ein fröhliches Nummerchen, aber harmlos. Immerhin hat man am Ende noch die berühmte Hebefigur aus dem Patrick-Swayze-Film „Dirty Dancing“ eingebaut. Hat geklappt. Grattis, Sigrid! 2/10 Punkte.

 

2. John Lundvik – My Turn

Der 35-Jährige hat in der Vergangenheit viel für andere geschrieben, unter anderem für Anton Ewald und Sanna Nielsen. Jetzt ist er selber dran, als Debütant beim Mello.

John sitzt in einem weißen Hemd auf der schwarzen Bühne an einem schwarzen Flügel, vorn hinten scheint ein grelles Licht, das einen Strahlenkranz bildet, wie eine aufgehende Sonne. Zum Refrain steht John auf, läuft nach vorn. Er ist ganz in Weiß gekleidet, sieht man jetzt. Er singt „My Turn“ überzeugend. Eine Ballade mit R&B-Elementen. Gut, das ist nicht so richtig innovativ. Aber schon irgendwie stark. Gegen Ende kommt Pyrotechnik in Form eines Wasserfalls dazu, sowas passt bei dieser Art Songs ja immer. Toll gesungen, wirklich schön. Aber halt eben auch wie schon öfter gehört. 6/10

 

3. Renaida – All the Feels

Renaida, im Sommer 1997 in Tansania geboren und dann als Kind nach Schweden gekommen, ist ebenfalls Mello-Debütantin. 2016 wurde sie bei Idol Sechste.

Renaida hat sich hellrote Bänder in die dunklen Haare geflochten, ihre Fingernägel sind ebenso hellrot angemalt. Der Rhythmus hat was Afrikanisches, das passt ja…. Im Refrain wird „All the Feels“ aber ziemlich beatlastig. Da kommen dann noch sechs Tänzer dazu. Das Hellrot ist die bestimmende Farbe hier, auch bei den Jungs. „All the Feels“ besteht zu einem Großteil aus eher rausgerufenen Passagen. Der Beat ist ganz schon mächtig, der Gesang nicht so meins. Ja, das mag sein Publikum finden. Aber ich find’s etwas zu heftig. 4/10

 

4. Edward Blom – Livet på en pinne

Edward ist Archivar, Schriftsteller, Wirtschaftshistoriker – und im schwedischen Fernsehen vor allem mit Essenssendungen bekannt geworden. Und darum geht’s auch im Lied: das Leben genießen, und das heißt vor allem: das Essen und dazu ein Glas Wein genießen.

O mein Gott – das ganze ist eine Art Musical-Tanz-Variete-Nummer! Zum Fremdschämen!! Da tanzen Leute als ein Stück Käse, als Weintrauben, als eine Garnele und als ein Erdbeer-Dessert um Edward herum, der eine mannsgroße Gabel in der Hand hält. Was für ein Quatsch. Hat da jemand „Be my guest“ aus dem Musical „Beauty and the Beast“ sich mehr als genau angeschaut? Sowas funktioniert sicher nur in Schweden. Wenn der weiter kommt, dann nur, weil die Zuschauer das komisch finden. Ich find’s leider nicht lustig. Am Ende kommen auch noch Tänzer als güldene Tische auf Beinen, mit Champagnergläsern drauf, und  tanzen um Edward. Totally over the top. Und singen kann Herr Blom auch nicht besonders. Aber Applaus kriegt er. Gruselig. 1/10

 

5. Kikki Danielsson – Osby Tennessee

Urgestein Kikki war zuletzt 2006 beim Mello, wurde damals mit einem Schwedenschlager Letzte. Sie muss eigentlich nix mehr beweisen, sie war zwei Mal beim Eurovision Song Contest (1982 und 1985). Die 65-Jährige hat diesmal einen Countrysong dabei.

Passend zum Musikstil hat sich Kikki eine Countrybluse mit Fransen, in einer Art Weißgold, angezogen. Begleitet wird sie ab dem ersten Refrain von einer Countryband hinter ihr, Kikki nimmt auf ’nem Hocker Platz. „Osby Tennessee“ mit schwedischem Text ist aber irgendwie öde. Das Publikum leuchtet schön mit den Smartphones und sorgt für ne weiche Stimmung, aber ich langweile mich drei Minuten. Schön gesungen ist es, und irgendwie auch nett. Aber das hat mit Countrymusik, wie sie 2018 gemacht wird, auch nichts zu tun. Das ist eine altbackene Countryballade, die aus den 70ern übrig geblieben ist. 3/10

 

6. Kamferdrops – Solen lever kvar hos dig

Kamferdrops kommt aus Norwegen und hatte 2017 in Schweden einen Hit mit einem Cover der Kikki-Danielsson-Nummer „Jag trodde änglarna fanns“. Sie will nicht, dass jeder weiß, wie sie aussieht – darum trägt sie, Cro-like, eine Maske. Immerhin weiß man, dass sie eigentlich Heidi Musum heißt.

Die Bühne besteht aus pinkfarbenen Bäumen wie aus einem Comic, viel Bodennebel. Dazwischen sitzt Kamferdrops, ihre Maske ist heute in Glitter-Violett mit einer Art Einhorn in der Mitte. Dazu trägt sie einen pinkfarbenen Glanz-Jogginganzug. Sie haucht mehr als dass sie singt. „Solen lever…“ ist eine Art Trance-Nummer, der Refrain hat einen Saxofon-Sound und mehr Rhythmus. Ach, gegen Ende darf dann auch ein Saxofon-Spieler (Glanz-Jogginganzug in Königsblau) kommen. Und dann auch noch ein Zauberer: Kamferdrops macht auf Daria Kinzer… Erst macht die Norwegerin auf zersägte Jungfrau, dann verschwindet sie zum letzten Refrain plötzlich und taucht im Publikum wieder auf. Viel Show, wenig Inhalt. Das Lied plätschert an mir vorbei. Braucht man auch nicht wirklich. 4/10

 

7. Benjamin Ingrosso – Dance You Off

Benjamin kommt schon im Einspielfilm sympathisch rüber. Letztes Jahr war der 20-Jährige mit „Good Lovin'“ am Mello-Start, diesmal soll „Dance You Off“ ihm den Sieg bringen.

„Dance You Off“ ist eine eher kühle Popnummer mit Funkelementen. Das ganze wirkt wie ein Musikvideo, zentrales Bühnenelement sind leuchtende Linien in Blau, Rot, Weiß. Es erinnert mich zwischendurch ein wenig an Loic Nottet in Wien… Das hat gar nicht mehr den Eindruck eines Liveauftritts, man glaubt wirklich einen Clip zu sehen. Dazu gesellt sich allerdings dann auch der eher negative Eindruck, dass Herr Ingrosso womöglich gar nicht wirklich live singt – vor allem im Refrain. Dieser besteht aus hohem Falsettgesang. Da gefällt mir Benjamin eher weniger (war letztes Jahr auch schon so). Wenn er spricht, hat er eine angenehme Stimme, aber die hohen Töne sind nicht so meines. Der Song ist insgesamt ganz ansprechend, aber es fehlt der letzte Kick. Nett, aber vielleicht einen Tick zu brav. 7/10

 

Also, meine Highlights waren damit Benny (vor allem der Show wegen) und John Lundvik. David Lindgren quatscht kurz mit dem tuntigen Freddy, der im Publikum sitzt und zwischendurch schon immer mal kurz mit Zuschauern ein paar Worte gewechselt hat. Wer immer auch Freddy ist…

Schnelldurchlauf.  Alles in allem ein eher schwaches Mello-Semifinale. Die Mehrzahl der Songs muss ich nicht nochmal hören. Kikki hat mich gelangweilt, Kamferdrops entlockte mir auch ein Gähnen. „Patrick Swayze“ war zumindest ganz nett. Sollte ein klarer Durchmarsch für Herrn Ingrosso werden. Und dann wird wohl das grauenhafte Lebensmittel-Minimusical weiterkommen. Schlimm.

Jetzt scheiden erst mal zwei Songs aus. Dann werden aus den verbliebenen fünf die zwei rausgesucht, die direkt ins Finale am 10. März einziehen, sowie zwei, die in die Andra chansen kommen. Interval-Act ist Ebbot mit Band und Kinderchor, er singt einen Schweden-Oldie in neuem Gewand, „Sånt är livet“.

Freddy bei den Künstlern im Green Room. Die erste Abstimmrunde ist vorbei. Das Ergebnis steht fest:

7. Platz: Kikki Danielsson, „Osby Tennessee“
6. Platz: Kamferdrops, „Solen lever kvar hos dig“

Womöglich hat Kamferdrops die heutige Berichterstattung, dass ihr Lied gar nicht neu sei, geschadet… Weiter sind jedenfalls Benjamin Ingrosso, Renaida, Sigrid Bernson, John Lundvik und Edward Blom. Einer muss da jetzt noch raus… Ich tippe mal auf Sigrid. Dann wären John und Benjamin im Finale, und Edward und Renaida in Andra chansen. Oder John kommt nur in die Trostrunde, und die Varietedarbietung darf direkt in die Friends Arena.

Schnelldurchlauf für die zweite Abstimmungsrunde. Aber die dauert nur kurz – schon ist es wieder vorbei. SVT zeigt in einem Film, was Leute in Karlstad von ihrer Stadt halten. Dazu hat SVT eine Art Box aufgestellt, in der sich Leute vor die Kamera setzen konnten… naja…

David Lindgren talkt mit Benjamin und John Lundvik im Green Room. Benny freut sich, wieder beim Mello dabei zu sein – und John freut sich, dass er eine Eigenkomposition mal selber vorträgt. Sigrid findet alles „total magisch“ und sagt, dass es wirklich schwer sei, gleichzeitig zu tanzen und zu singen – und sie dankt dem Publikum in der Halle für die Unterstützung. Renaida freut sich riesig, dass sie in der zweiten Runde. Lässt David Edward Blom aus?

Freddy nervt mit seiner Kuss-Kamera – man zeigt Leute im Publikum, die sich dann küssen sollen (kennt man von amerikanischen Football-Games). Lächerliche Versuche, Zeit zu überbrücken. Da sollte sich SVT etwas Besseres einfallen lassen.

„Vi har ett resultat.“ Na dann mal los, Herr Lindgren!

Der erste Direktfinalist für die Friends Arena ist: John Lundvik.

Die Ballade „My Turn“ hat die Zuschauer offensichtlich überzeugt. Glückwunsch! John kann’s gar nicht glauben, als er mit David durch die Halle vor zur Bühne läuft: „Ist das wirklich wahr?“ Er singt sein Lied natürlich nochmal, wie das beim Mello üblich ist. Beim zweiten Mal gefällt mir „My Turn“ schon besser. Ist schon eine schöne Nummer. Und er kann’s immer noch nicht glauben. Echt sympathisch, der Gute.

So, wer kommt in die Andra chansen, die am 3. März in Kristianstad stattfinden wird? Das ist zum einen Renaida und zum anderen Sigrid Bernson.

Und damit bleiben zwei übrig: Benjamin Ingrosso und Edward Blom. Wer ist direkt im Finale? Wer scheidet aus? Der Sieger ist…. Benjamin Ingrosso. Edward Blom mit der Varietenummer ist somit Fünfter geworden. Na, gottseidank. Damit müssen wir das peinliche Food-Getanze nicht nochmal sehen. Benjamin singt gleich nochmal „Dance You Off“.

Das Ergebnis in der Übersicht:

Andra Chansen: „All the Feels“ (Renaida), „Patrick Swayze“ (Sigrid Bernson)
Finale: „Dance You Off“ (Benjamin Ingrosso), „My Turn“ (John Lundvik)

Damit endet das erste Semifinale des diesjährigen Melodifestivalen.

Ich empfehle euch, jetzt nach Malta zu wechseln – DJ Ohrmeister freut sich, wenn ihr zu seinem Liveblog hier rüberkommt. Mal sehen, wen die Malteser als Nachfolger von Claudia Faniello wählen. Einen schönen Abend noch!