Melodifestivalen 2012 (4): Das erwartet uns

In Schwedens drittgrößter Stadt Malmö sind die letzten acht Songs des diesjährigen Melodifestivalens zu hören. In früheren Jahren kam oft der letztliche Sieger des Festivals aus der vierten Vorrunde. Ein gutes Omen für einen der Acht, zum Beispiel für Charlotte „The Girl“ Perrelli?

Ältere Leute neigen zu Inkontinenz; Charlotte Perrelli und Lisa Miskovsky zählte man bisher eher nicht zu dieser Personengruppe. Doch bei den beiden etwa gleichaltrigen Damen sickerte am späten Montagabend etwas durch… Plötzlich tauchten im Netz einminütige Ausschnitte ihrer Melodifestivalen-Beiträge („The Girl“ und „Why Start A Fire“) auf, die doch eigentlich erst ab Donnerstag zu hören sein sollten.

Das schwedische Fernsehen erklärte den Fehler so: Auf manchen Websites könne man schon jetzt die CDs vorbestellen, bei manchen dann auch schon mal reinhören. Und diese „prelistening“-Clips seien es, die nun im Internet kursierten. SVT findet das nicht okay, doch will daraus keine Konsequenzen – sprich: Disqualifikationen – ziehen. Niemand bei den Plattenfirmen habe hier mit Absicht gehandelt, heißt es.

So bleibt es also voraussichtlich bei den acht Beiträgen, die für die 4. Vorrunde in Malmö geplant waren. Die Sendung steht ohnehin unter ganz besonderer Beobachtung, schließlich stellt sich die Frage, ob sie die im Internet vielfach geäußerte Kritik über die diesjährige schwache Qualität der MF-Beiträge noch etwas entkräften kann.

Die Kritik entzündete sich zwar nicht erst vorige Woche. Doch dann wurde sie besonders laut, als – für manche langjährigen Mello-Fans völlig überraschend und schockierend – „Mirakel“ (der womöglich schlechteste MF-Beitrag aller Zeiten) ins Finale einzog. Nun gab es auch schon bei früheren Melodifestivalen-Editionen solch schräge Machwerke. Nur wurden die üblicherweise aussortiert (z.B. 2002 das bescheuerte „Sluta!“ von Ann-Louise Hanson und Molle oder 2005 das furchtbare „Ready For Me“ von Rickard Engfors feat. Katarina Fallholm)… Ich schweife ab.

Schon bei früheren Melodifestivalen galt gerade die 4. Vorrunde als die stärkste. Ob die am Sonnabend in Malmö gesungenen Lieder die Vorschusslorbeeren verdient haben, erfahren wir aller Voraussicht nach am Donnerstag, wenn nach „The Girl“ und „Why Start A Fire“ die anderen sechs Schnipsel online zu hören sind.

1. Den Anfang macht am Samstag Abend die bereits erwähnte Charlotte Perrelli. Die ESC-Gewinnerin von Jerusalem (1999) und 18. von Belgrad (2008) will es noch mal wissen, sie könnte in Baku ein drittes Mal auf der europäischen Bühne stehen. Die 37-Jährige singt erneut ein Lied von Fredrik Kempe, der ihr auch schon „Hero“ geschrieben hatte.


Viele werden den Schnipsel von „The Girl“ schon gehört und damit schon einen Eindruck gewonnen haben, was uns erwartet: ein Uptempo-Song, „etwas ‚clubbiger‘, als das was ich bisher so gemacht habe“, wie die Perrelli selbst sagt. „Als er (Fredrik Kempe, d.Red.) mir das Lied vorstellte, war es zu gut um Nein zu sagen“, sagt Charlotte über „The Girl“.

Co-Autor des Songs ist Alexander Johnsson, der erstmals beim Mello dabei ist. Und mit „The Girl“ ist natürlich Charlotte selbst gemeint. Nach ihrem ESC-Auftritt 2008 hätte es wohl eher „The Alien“ heißen müssen… aber auf aktuellen Bildern sieht Charlotte wieder besser aus als einst in Serbiens Hauptstadt.

2. OPA! hieß der griechische Beitrag des Eurovision Song Contest 2010 – aber die gleichnamige Band ist noch ein paar Jahre älter: 2008 gründete der Schwedogrieche Michael Sideridis (griechische Eltern, aber in Schweden aufgewachsen) die Gruppe gemeinsam mit Andreas Rudenå, Daniel Pergament Persson, Thor Ahlgren, Martin Eriksson und Jonathan Larsson.

Sideridis ist der Leadsinger und er hat auch das Mello-Stück „Allting blir bra igen“ (Alles wird wieder gut) geschrieben. Die Musik der Gruppe ist natürlich von der griechischen Volksmusik inspiriert – damit knüpft dieser Mello-Beitrag mit seinem Mittelmeer-Sound an ähnliche „Experimente“ in früheren Jahren an (2008/2010: Andra Generationen). Bisher sind OPA! vor allem bei unzähligen Volksfesten aufgetreten. „Allting blir bra igen“ ist auch erst die zweite Single der Gruppe – im Januar erschien „Himmelskt“.


Nach dem Melodifestivalen soll das Debutalbum auf den Markt kommen. Angesichts des Misserfolgs von Andra Generationen dürfte aber auch OPA! kaum Chancen haben, im Melodifestivalen 2012 nach dieser Runde noch einmal aufzutreten.

3. „Land Of Broken Dreams“ ist Thomas G:sons dritter Streich beim diesjährigen Melodifestivalen. Seine beiden bisherigen Songs „Euphoria“ (Loreen) und „Jag reser mig igen“ (Thorsten Flinck & Revolutionsorkestern) haben es bekanntlich schon ins Finale bzw. in Andra chansen geschafft. G:son beweist auch hier wieder seinen Abwechslungsreichtum: „Land Of Broken Dreams“ wird präsentiert von der Stockholmer Heavy-Metal-Band Dynazty.

Diese hat etwas mit Dead By April gemeinsam, der anderen Mello-Metalband, die aus der 1. Vorrunde ins Finale zog: Wie DBA waren auch Dynazty vergangenes Jahr ein Pausenact beim Melodifestivalen – damals interpretierte Dynazty den Siegertitel von 2010, „This Is My Life“ (Anna Bergendahl), neu.


Die Band existiert seit Ende 2007 und hat seitdem zwei Alben veröffentlicht und ging auf Tour, auch im Ausland. Warum aber das Melodifestivalen? „Mehr Hardrock in den Medien ist unser Ziel, und das Melodifestivalen ist die größte Sendung, bei der man dabei sein kann.“ Dass die Fünf aber durchaus auch anderen Genres zugetan sind, zeigen ihre Antworten auf die Frage nach dem persönlichen MF-Favoriten: Da werden „Line Of Fire“ und „Keep On Walking“, aber auch Carolas Hits „Evighet“ und „Främling“ genannt. We Like!

4. Nun gibt’s (so ist zu vermuten) Musik für die Generation 65+. Die beiden alten Schlagerhasen Lotta „Boogaloo“ Engberg und Christer „I love Europe“ Sjögren werden einen Hit von Lasse Holm zum Besten geben, der nach langen Jahren der Abstinenz dem Mello wieder mal die Ehre gibt. Zuletzt ward er vor 12 Jahren beim Wettbewerb gesehen, als er mit Friends („När jag tänker på i morgon“) den 2. Platz hinter Roger Pontare („När vindarna viskar mitt namn“/“When Spirits Are Calling My Name“) belegte. Lasses größter Erfolg ist die eigene Teilnahme beim Grand Prix 1986, zusammen mit Monica Törnell („E‘ de‘ det här du kallar kärlek?“, 5. Platz).

„Don’t Let Me Down“ schrieb Holm zusammen mit Lars „Dille“ Diedricson, der in den vergangenen Jahren u.a. an „Vaken i en dröm“ (Elisabeth Andreassen) und „I Did It For Love“ (Jessica Andersson) beteiligt war. Auch der letzte schwedische Grand-Prix-Sieg „Tusen och en natt“/“Take Me To Your Heaven“ stammt von Dille.

Für Lotta (48) ist es ihre siebten Mello-Teilnahme (zuletzt 2002 mit Bettan und Kikki, „Vem é dé du vill ha“), Christer (61) ist das zweite Mal dabei. In dem bislang eher Schlager-armen Melodifestivalen 2012 präsentieren die beiden einen echten Schlager – aber kein Exemplar des in Schweden so beliebten Dansband-Stils, wie sie betonen. Den Zuschauern dürfte es wohl gut genug gefallen, es weiterzuwählen; mindestens Andra Chansen sollten wohl drin sein.

5. Zweiter Versuch für Hanna Lindblad beim Melodifestivalen: 2010 ließ sie sich über die Bühne schleifen, machte auf Domina und fiel mit dem Dancesong „Manipulated“ glatt durch.


2012 singt die jetzt Erblondete das Stück „Goosebumps“, geschrieben von ihr selbst, zusammen mit Linda Sundblad und Tony Nilsson. Letzterer hatte u.a. auch an Darins „You’re Out Of My Life“ oder Alcazars „Headlines“ mitgewirkt; Linda sang voriges Jahr ihr eigenes Lied „Lucky You“ beim Mello. Hanna Lindblad wiederum ist in Schweden zudem als Musicalsängerin bekannt, u.a. in „Saturday Night Fever“ und „Sound of Music“. „Goosebumps“ soll ein kraftvolles Lied mit 80er-Einflüssen sein. Aber ob es für einen Platz unter den besten 4 reicht?

6. Der blonde schwedische Cousin von Roman Lob, ähnlich bemützt, heißt Axel Algmark. Er ist 22 Jahre alt, nennt die US-Rockband The Strokes und den schwedischen Indie-Musiker Håkan Hellström als Vorbilder und hat schon Musikfestivals in Schweden gewonnen. Jetzt will er das auch beim Mello schaffen, seinem ersten großen TV-Auftritt.


Axel Algmark singt im Treppenhaus

„Kyss mig“ (Küss mich) soll der richtige Song für eine Samstagabend-Party sein – „es ist schwer, still sitzenzubleiben“, sagt Axel, der das Stück zusammen mit Mattias Frändå und Jonathan Magnussen geschrieben hat (allesamt MF-Frischlinge).

7. Die nächste Teilnehmerin mag zwar eine blutige Melodifestivalen-Anfängerin sein – aber beweisen muss Lisa Miskovsky eigentlich nichts mehr. Sie ist als Singer-Songwriterin seit mehr als zehn Jahren im Geschäft, ist auch außerhalb Schwedens bekannt und hatte einige Hits, etwa „Driving One Of Your Cars“ oder „Sweet Misery“, und sehr gut verkaufte Alben (ihre drei Studio-CDs „Fallingwater“, „Changes“ and „Violet Sky“ waren allesamt in den schwedischen Top 10).

Sie wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, darunter dem Grammis, dem schwedischen Pendant zum deutschen Echo. Für die Backstreet Boys schrieb sie den Hit „Shape Of My Heart“.


Lisa Miskovsky: Still Alive (von 2008)

Nun wagt sich die 36-Jährige also ans Mello. Das Autorenteam, mit dem sie „Why Start A Fire“ geschrieben hat, hatte mit dem Wettbewerb bisher auch nichts zu tun. Der Festivalbeitrag ist laut Lisa inspiriert durch den Hit „Try Sleeping With A Broken Heart“ von Alicia Keys. „Why Start A Fire“ sei „wie ein Barde im Wald, der Prince und Kate Bush liebt“. Interessante Beschreibung. Der Autor dieser Zeilen mag allerdings weder Prince noch Kate Bush besonders… dafür aber den Alicia-Keys-Song. Eigentlich müsste die Miskovsky eine sichere Kandidatin fürs vordere Feld sein.

8. Danny Saucedo beendet das diesjährige Melodifestivalen (in früheren Ausgaben war das gern mal der Startplatz des letztlichen MF-Siegers: für Carola 2006, Charlotte Perrelli 2008 und Malena Ernman 2009). Und Danny feiert auch noch just am kommenden Samstag seinen 26. Geburtstag!

2009 belegte er zusammen mit Erik Segerstedt und Mattias Andréasson als E.M.D. den dritten Platz mit „Baby Goodbye“. Voriges Jahr wurde er dann solo Zweiter hinter Eric Saade (die deutsche Finaljury gab Dannys „In The Club“ sogar die Höchstpunktzahl!).


Sollte die Reihe (3. Platz -> 2. Platz) sich fortsetzen, müsste Danny am 10. März das Globen in Stockholm als Sieger verlassen. „Ich hab richtig Bock auf Eurovision“, sagt Danny. Der schwedische Beitrag in Baku hieße dann „Amazing“ – er stammt von Peter und Figge Boström, die auch schon „In The Club“ mit Danny zusammen geschrieben hatten.

„Es ist ein Pop-/House-Lied, das mehr Menschen anspricht als ‚In The Club‘, glaube ich“, sagt Danny. Könnte also starke Konkurrenz werden für Loreen, die mit „Euphoria“ bislang bei vielen Fans als potenzielle MF-Siegerin gehandelt wird. „Euphoria“ ist übrigens das zweite Final-Eisen, das Peter Boström im Feuer hat (gemeinsam mit Thomas G:son).

Am Samstagabend sind wir schlauer – natürlich bloggt das PRINZ-Team wieder live ab 20 Uhr.

UPDATE: Nach der Generalprobe am Freitagabend befragte die schwedische Website Poplight zusammen mit dem Melodifestivalklub mehr als 1.300 Besucher der Show, wer ihnen am besten gefallen habe. Das Ergebnis:
1. Danny (57,8 Prozent!)
2. Dynazty (18,6 Prozent)
3. Charlotte Perrelli (6,1 Prozent)
4. Axel Algmark (5,9 Prozent)
5. Lisa Miskovsky (5,0 Prozent)
6. Hanna Lindblad (4,0 Prozent)
7. Christer Sjögren & Lotta Engberg (1,8 Prozent)
8. OPA! (0,9 Prozent)

Das ist natürlich nicht repräsentativ, aber eine grobe Richtung für den Samstagabend.