Merkwürdiges aus den Vorentscheiden zum ESC 2017

Während wir uns nun in den Songchecks täglich mit einem oder zwei Beiträgen befassen, die es tatsächlich nach Kiew geschafft haben, schlummern Hunderte neuer Videos von mittlerweile fast schon wieder vergessenen Songs im Netz, die kein Glück hatten. Oder die so kurios waren, dass sich keine Mehrheit beim TV-Publikum genügend dafür erwärmen konnte. Wir haben nochmal kurz durch die Vorentscheide gezappt und ein paar merkwürdige Anwärter für Kiew zusammengestellt.

Richtig schlimme, äußerst negativ hervorstechende Songs gibt es ja eigentlich kaum noch. Die kleineren Länder haben mittlerweile ein gewisses technisches Niveau erreicht, der Osten sich inzwischen geschmackstechnisch ziemlich an den westlichen Mainstream rangewanzt und die Mehrheit der Länder nimmt den ESC doch soweit ernst, dass man kaum noch Quatschbeiträge mehr in den Auswahlen findet. Vieles trifft sich dann im breiigen, langweiligen Mittelmaß wieder oder landet bestenfalls auf den Playlisten der OGAE DJs. Richtig Furchtbares haben wir kaum gesichtet in den letzten Jahren, aber seltsam sind manche Beiträge natürlich schon. Was uns spontan 2017 dazu aufgefallen ist, haben wir hier aufgeschrieben.

 

10. Miriana Conte – Don’t look down (Malta)
(Cyprian Cassar, Muxu)

Miriana Conte hat sich mit ihrem Einstand beim MESC wohl etwas übernommen. Das (etwas pummelige) Mädchen bewegte sich seltsam unbeholfen zu einem unmelodischen, pseudo-modernen R’n’B-Reggae-Pop. Immer wieder schrie sie unmelodisch die Höhen raus. Oder lieferte Möchtegern-HipHop-Sprechgesang. Dazu hatte man die Arme sehr unvorteilhaft zurechtgemacht, und auch die beiden Tänzer, die schleichend um sie herumscharwenzelten, schauten grau und blass aus. Irgendwie B- oder C-Ware, die Miriana da angedreht worden war. Folgerichtig wurde sie auch letzte beim MESC und bekam auch die wenigsten Punkte bei unserem Liveblog.

 

9. Sada Vidoo – Northern Lights (Dänemark)
(Christoffer Lauridsen, Andreas Öhrn, Alessandra Günthardt)

Sicherlich tun wir der lebenden singenden Puppe auch etwas Unrecht, denn die Erscheinung ist schon sensationell. Das erhöht natürlich auch die Erwartungen. Aber dann wirkt es akustisch vollkommen dröge und profillos (zumindest auf mich) und man möchte gar nicht mehr bis zum Ende zuhören. Optisch ist das was Auffälliges – die lebende Puppe in einem Wunderkleid als Discokugel, mit hellblauer Perücke samt roter Schleife. Das stark geschminkte Gesicht erinnert an Masken im Karneval von Venedig. Doch der Song ist langweilige Soundmatsche aktueller Klänge ohne Höhepunkt, und die Stimme erfüllt die geweckten Erwartungen überhaupt nicht. So ärgert man sich die verbleibenden zwei Minuten nur noch und möchte gern weiter zappen. Schade!

 

8. Adrijana – Amare (Schweden)
(Martin Tjärnberg, Adrijana Krasniqi)

In letzter Zeit hören wir beim Mello immer wieder Songs, die wohl die Bandbreite des Angebots hochhalten sollen, dann aber doch deutlich vom Niveau des Wettbewerbs abfallen. Das liegt meist nicht am Genre der etwas ungewöhnlicheren Songs, sondern vielmehr an der Umsetzung und Präsentation. Adrijana hatte beim selbstverfassten Pop-Rap ihre liebe Mühe, die Melodie zu treffen und ihr dünnes Stimmchen aufzupolstern. So ging der Song, der an sich schon wenig instant appeal hat, gründlich unter. Das klang weitestgehend schief und krumm, und man wunderte sich doch sehr, wie so ein unrundes Stück die Qualitätskontrollen eines Herrn Björkman passiert haben mag.

 

7. Eduard Santha – Wild child (Rumänien)
(Eduard Santha, Marius Pop)

Ein Möchtegern-H&M-Model mit einer wildgewordenen Meute im Hintergrund fräst sich durch ein chaotisches Stück, das einen völlig kirre zurücklässt. Mittendrin dreht die Stroboskop-Anlage vollkommen durch, und die sowieso schon zugedröhnte Combo lässt ihren Gefühlen völlig freien Lauf, sei es im Ausdruckstanz, beim Flöten oder Drummen. Zum Runterkommen brauche ich hinterher das namensgleiche Ace Wilder-Stück. Das ist ja gegen den rumänischen Irrenzirkus lediglich ein Kinderliedchen im Icona-Pop-Sound. Dann geht’s mir hoffentlich auch wieder besser…

 

6. Ethno Republic & Surorile Osoianu – Discover Moldova (Moldawien)
(Marcel Stefaneț, Nelu Laiu)

Dieser Beitrag ist wie ein Schnipsel aus einem Werbefilm für den kommenden Touristenmagneten Moldawien. Kein Reiseprospekt aus dem südöstlichen Europa bis hin zum Kaukasus kommt ja ohne zumindest ein paar Bilder von Einheimischen in landestypischer Tracht aus. Dies hier ist sozusagen die singende Form des postsowjetischen Tourismusfaltblatts. Denn passieren tut eigentlich kaum etwas in den drei Minuten. Eine Art Vorsängerin in etwas schickerer Robe rezitiert von einem Fiedler begleitet aus einem traditionellen Opus, während vier Schönheiten vom Lande in bunt bestickter Spitze nervtötend-eiernde Liedzeilen wie „Hay-lili-liiii, liiii-lili-liii….“ entgegensetzen. So entsteht eine öde Mischung aus dem kroatischen Nostalgija von 1995 und den russischen Omas. Teilweise unterhaltsam, aber bisweilen auch schlicht anstrengend für die Ohren. Zum Glück kam für Kiew noch der Epic Sax Guy im rechten Moment um die Ecke gebogen….

 

5. In Fusion – Nothing ever knocked us over (Norwegen)
(Gustav Eurén, Danne Attlerud, Niklas Arn, Ulrik Eurén, Cissi Kallin)

Eine unschön gereifte, ländliche Girlgroup fräst sich durch eine plumpe, oberflächliche Bierzelt-Stampf-Hymne ohne Tiefgang. Für mich persönlich war dies nach dem Durchhören der norwegischen Audio-Clips sofort einer meiner Favoriten des MGP 2017. Da hatte ich die Damen allerdings auch noch nicht gesehen. Oliver wurde beim Bloggen dieses klebrigen Honig-Ohrwurms ganz anders, und ja – wenn man den Damen von Angesicht zu Angesicht steht, lenkt einfach zuviel vom melodischen Happy Sound ab. Zum Beispiel das dämliche unattraktiv gewandete Fernsehballett in pechschwarz…. Eine optische Katastrophe zum Mitgrölen.

 

4. Aistė Pilvelytė – I’m like a wolf (Litauen)
(Aminata Savadogo, Kaspars Ansons)

Im Gegensatz zu Claudia Faniello schaffte es Frau Eistee auch im x-ten Versuch nicht zum ESC – was bei dem unmelodischen Geschrei auch kein Wunder ist. Dabei stammt der Song von unser aller SUPERNOVA-Darling Aminata! Aus dem Mund von Aistė klang es leider schrecklich dissonant und hilflos. Zudem sah sie aus wie eine Ruslana-Kopie, die im Tattoo-Studio versehentlich eingeschlafen sein muss und jetzt vor Verzweiflung halluziniert, sie sei eine Wölfin… Wir sind aus den litauischen Endlos-Vorentscheiden eine Menge solcher „Songs“ gewohnt. Dass es nun auch Dauergast Aistė mal erwischt, in diese Liste aufgenommen zu werden, war ja nur eine Frage der Zeit.

 

3. Payushchie Trusy – Singing pants (Ukraine)
(Payushchie Trusy)

Und dann war da doch noch ein Spaßbeitrag – oder wie will man das sonst nennen? Die singenden Schlüpferhosen waren fünf vollkommen durchgeknallte Tussis in einer quietschbunten Waschsalonkulisse, die in äußerst nerviger Weise eine Art Hausfrauen-Flashmob aufführten. Wenn jemals das Wort repetitiv auf irgendeinen Vorentscheidbeitrag gepasst haben sollte, dann auf diesen. Beim Durchhören dachte ich irgendwann, die singen aber lang, das sind doch jetzt schon sicher fünf Minuten…. und war grade mal bei 2:13.  Das Wäscheleinen-Motiv hatten wir schon mal bei Laka 2008 wesentlich unterhaltsamer umgesetzt gesehen, und da wurde einem auch nicht in Dauerschleife „Bähnz, Bähnz, Bähnz!“ zugerufen. Angeblich sehen die Payushchie Trusy ihre „Kunst“ als Parodie aktueller Popmusik. Ich sehe es ganz einfach als: Horror.

 

2. Knucklebone Oscar & The Shangri-La Rubies – Caveman (Finnland)
(Oskari Martimo, Risto Kumpulainen, Johannes Salomaa, Sami Vettenranta, Sami Baldauf, Ulrika Bachér, Ruska Schönberg)

Eine Mischung aus Elvis Presley und den Leningrad Cowboys zeigt viel Haut und schreit sich die Seele aus dem Leib in seinem Lied über den „Höhlenbewohner“. Der kleine Neandertaler turnt zwischendurch guildohornesk auf den Stühlen der armen Zuschauer im OGAE-Finland-Block herum und wird von zwei derb herausgeputzten Grazien in roten Lack-Shorts begleitet. Musikalisch wie optisch eine echte Zumutung. Und nein – wir finden es nicht „Wun-der-baaar!“, auch wenn die Damen dieses Attribut alle Naselang ins Mikro plärren. Eher „Fürch-ter-liiiich!“ Und dazu brauchte es sieben Finnen, um das Ding zu schreiben?!

 

1. Lolita Zero – Get frighten (Litauen)
(Marius Narbutis, Andrius Kauklys)

Sicherlich die Mutter alles Schrägen und Kuriosen des diesjährigen Jahrgangs. Und als sie dann tatsächlich kurz vor Ende des litauischen Bandwurmdramas rausflog, nominierte man sie kurzerhand als Wildcard fürs Finale. Sowas will man doch nicht so einfach weggeben!, mag sich da der ein oder andere Verantwortliche gesagt haben. Herrlich ist der Moment, als Lolita (oder auch: Gytis Ivanauskas) erstmalig aus dem Knäuel an Tänzern herausspringt, um dann in einem monotonen Hi-NRG-Stakkato auf Falsett-Niveau die immer gleichen Zeilen zu mimen. Singen tut sie ja schließlich gar nicht selber, das macht jemand im Hintergrund. Dafür zerdeppert niemand in ganz Europa so gekonnt Wassermelonen zu Brei, und die Pyro aus den riesenhaften roten Hörnern ist auch spektakulär. Besonderen Respekt verdient auch, dass man sich wochenlang bis zum Finale standhaft gewehrt hat, den offensichtlich grammatikalisch falschen Titel in „Get frightened“ umzuschreiben. Herrlich!

 

Soviel zu unseren Kuriositäten und Ärgernissen in dieser Saison. Und woran denkt Ihr mit Schaudern, Kopfschütteln und ambivalenter Faszination zurück?