Mitglied der deutschen ESC-Jury? Nein, danke!

ESC 2014 Deutsche Jury Präsentation im Tivoli in Kopenhagen am 8. Mai 2014

Das Voting der deutschen Jury (Foto) beim Eurovision Song Contest am Samstag hat nicht nur bei den „Hardcore-Fans“ des Wettbewerbs für Diskussionen gesorgt. Wie konnten fünf Personen den Willen einer gesamten Nation auf den Kopf stellen? Mit der 100%igen Transparenz, die seit diesem Jahr gilt, müssen sich nun die einzelnen Juroren für ihre Stimmenabgabe öffentlich rechtfertigen. Wer will unter diesen Vorzeichen überhaupt noch Jurymitglied sein?

Insgeheim ist es wohl der Traum eines jeden Eurovision-Zuschauers (in jedem Fall aber eines solchen Fans), Mitglied der Jury seines Landes zu sein. Mitentscheiden über den Sieger, Macht haben. Gerade zu Zeiten als es nur die ein paar Juroren gab und kein Televoting muss das der Himmel eines ESC-Anhängers gewesen sein.

Aber auch heute verantwortet ein Juror immer noch 10% der Stimmen, die von einem Land abgegeben werden. Dass damit Schindluder getrieben werden kann (und offenbar auch wird), liegt auf der Hand. Dennoch werden die Jurys benötigt, um das langjährige Ärgernis Diaspora-Voting der Zuschauer zumindest einigermaßen aufzubrechen.

Dass die Wiedereinführung der Jurys dieses Ziel zumindest teilweise erreicht hat, wurde etwa daran deutlich, dass Deutschland nicht mehr in jedem Jahr 12 Punkte an die Türkei vergab (solange die Türkei noch beim Wettbewerb dabei war). Aber auch Spaß-Acts, die keine über den Wettbewerb hinausgehende musikalische Relevanz haben, sollen per Jury von einem etwaigen Durchmarsch abgehalten werden.

Um auch die Schindludervermutungen in den Griff zu bekommen, hat man in diesem Jahr auf vollständige Transparenz beim Juryvoting gesetzt. Nicht nur die Mitglieder der Jury werden jetzt öffentlich bekanntgegeben, sondern auch noch ihr komplettes Voting in beiden Sendungen.

Die Lösung eines Problems (Schindluder) schafft nun jedoch ein neues, mit dem derzeit die deutsche Jury massiv zu kämpfen hat: Eine öffentliche Diskussion, ja geradezu ein Shitstorm, weshalb die Juroren so gewertet haben, wie sie gewertet haben. Dass manche Juryteilnehmer weder die musikalische Weisheit mit Löffeln zu sich genommen haben, noch besonders gute und diplomatische Kommunikatoren sind, ist dabei nur eine Sache. Wenn auch eine, die das Problem verschärft.

ESC 2014 Deutsche Jury Präsentation Sido im Interview mit dpa

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn ich in diesem Jahr Mitglied der deutschen Jury gewesen wäre? Wie hätte ich im Finale gevotet?

Meine ganz persönliche Lieder-Top 3 bestand aus Dänemark, Schweden und Griechenland (Lettland und Portugal waren ja bereits im Semi ausgebremst worden). Gleichzeitig wäre es mir ein persönliches Anliegen gewesen, dass Conchita Wurst bestmöglich abschneidet. Weil der Act eine wichtige Botschaft hat und ein deutliches Zeichen der Toleranz setzt, auch wenn der Song in der Form auch schon vor 40 Jahren beim ESC hätte dabei sein können.

Mitglied der Jury wäre ich aber, weil ich (vermeintlicher) Musikexperte bin und nicht, damit ich ein politisches Zeichen setze. Wen immer ich auf die 1 setzen würde, ich müsste mich danach erklären können. Nicht zuletzt, wenn es Conchita wäre. Und spätestens dann würde ich ins Straucheln kommen: Ihre intensive Performance könnte ich als Begründung angeben. Aber dass wir hier einen potenziellen Hit haben, der aktuelle Musiktrends aufgreift, könnte ich bei allem Wohlwollen nicht erläutern, ohne mich und meine Kompetenz dadurch in Frage zu stellen. Und das Notfallargument, dass alle anderen Songs noch weniger musikalische Qualitäten hatten, zieht auch nicht wirklich.

Einschub: Vor diesem Hintergrund frage ich mich, was die Juroren in manch anderen Ländern veranlasst hat, Conchita auf die eins zu setzen. Es freut mich ganz persönlich, dass es so ist und „Rise like a Phoenix“ damit ganz vorne landen konnte. Aber am musikalischen Expertenwissen dieser Juroren zweifle ich dennoch.

Was würde ich also tun? Ein Kompromiss muss her. Einer aus persönlichem Musikgeschmack und einer wie auch immer gearteten (vermeintlich) objektiven Sichtweise. Da könnte dann am Ende tatsächlich Dänemark ganz vorn landen, die Niederlande müssten da mit hin und irgendwo könnte ich Conchita guten Gewissens in der Top 10 hinterbringen. Aber ganz sicher nicht in der Top 3.

Und dann? Dann würde ich für mein Voting von den Fans zerrissen werden. Dafür, dass ich Conchita um fünf Punkte aus Deutschland gebracht habe. Dass Deutschland damit aus dem Kreis des westeuropäischen Konsenz‘ fällt, wo doch deutlich konservativere Länder als Deutschland dem österreichischen Beitrag 12 Punkte gegeben haben. Und möglicherweise hätte ich mein Voting zwischen dem Semi und dem großen Finale auch noch verändert, und ich würde für diese Inkonsistenz in der Bewertung gescholten.

Ganz ehrlich: Auf diese Diskussion hätte ich keine Lust. Da verzichte ich lieber auf meinen Kindheitstraum, einmal in der deutschen Jury zu sitzen und über Wohl und Wehe der teilnehmenden Beiträge zu entscheiden. Dann bin ich einfach nur Fan und kann nach Gutdünken 20 mal für Conchita anrufen und hoffen, dass sie am Ende die Nase vorn hat.

Bei der ganzen aufgeregten Diskussion im Moment: Die Jury, in welcher Form auch immer, hat beim Eurovision Song Contest ihre Berechtigung (siehe oben). Sie wird aber immer wieder die Kritik auf sich ziehen – sowohl beim nationalen Vorentscheid (wie im letzten Jahr in Hannover) als auch bei den internationalen Shows.

Hoffen wir, dass der NDR weiter genügend Musikexperten findet, die sich zu der Aufgabe bereit erklären. Die brauchen jedoch vor dem Wettbewerb ein anständiges Briefing, was bewertet werden soll, belastbares Fachwissen, ein bisschen diplomatisches Geschick und last not least eine dicke Haut.