Musiker in den ESC-Jurys: Anfixen, Danksagung, Ehrung fürs Lebenswerk

Obwohl die nationalen Juroren für den Eurovision Song Contest nur „einen Beruf innerhalb der Musikindustrie oder einer ähnlichen Branche“ haben müssen, werden – nicht zuletzt vom NDR – besonders gern Sänger mit der Aufgabe betraut. Entsprechend amüsant ist die Suche nach ehemaligen ESC-Teilnehmern in der Juroren-Liste. Dabei ist diese Danksagung für den ESC-Auftritt nur einer von drei (guten) Gründen für die Künstlernominierung.

Was haben Roi Mendez Martínez (Aufmacher-Foto) und Zdenka Kovačiček (Foto unten) gemein? Richtig, beide gehören zum diesjährigen 215-köpfigen Chor der internationalen Juroren für den Eurovision Song Contest. In Lissabon vergeben sie nicht weniger als 50% der Gesamtpunkte. Wer diese Jurorenposten einnimmt, das entscheidet die jeweils national verantwortliche ESC-Sendeanstalt nach vorgegebenen EBU-Richtlinien. Diese sind recht einfach.

Die Mitglieder dürfen in den letzten zwei Jahren nicht Juroren gewesen sein, müssen mindestens 16 Jahre alt sein, dürfen keine Angestellten der nationalen TV-Anstalt sein, müssen einen Beruf in der Musikindustrie oder einem ähnlichen Bereich haben, müssen die Nationalität des Landes besitzen, für das sie Juroren sind, und dürfen keinen Bezug zu einem der teilnehmenden Songs oder Künstler haben. So fiel in Spanien also die Wahl auf Roi Mendez Martínez und in Kroatien auf Zdenka Kovačiček, mit ihren 74 Jahren übrigens die älteste Jurorin in diesem Jahr (Mary Roos, die in diesem Jahr der deutschen Jury vorsitzen wird, ist ziemlich genau fünf Jahre jünger).

Bekannter als diese beiden sind natürlich die ehemaligen ESC-Teilnehmer, die in vielen Ländern die Ehre haben, als Juroren 10% der nationalen Stimmen zu vergeben. Konkret sind das in diesem Jahr (keine Garantie auf Vollständigkeit):

Amber Bondin (Malta 2015)
Anabela Braz Pirez (Portugal 1993)
Emmelie de Forest (Dänemark 2013, ESC-Siegerin)
Ilaria Ercolani (San Marino 2013, Hintergrundsängerin, hier aufgeführt nur wegen der Selbstanzeige als „Former ESC-Artist“ in der offiziellen Juroren-Liste)
Tom Dice (Belgien 2010)
Hanne Haugsand (Norwegen 2000, Teil von Charmed)
Niamh Kavanagh (Irland 1993, ESC-Siegerin, zweite Teilnahme 2011)
Mary Roos (Deutschland 1972 und 1984)
Aminata Savadogo (Lettland 2015)
Bob Savenberg (Belgien 1991, Teil von Clouseau)
Cristina Scarlat (Moldawien 2014)
Guri Schanke (Norwegen 2007)
Michał Szpak (Polen 2016)
Bojana Stamenov (Serbien 2015)
Laura Tesoro (Belgien 2016)
Nathan Trent (Österreich 2017)
Nina Žižić (Montenegro 2013, zusammen mit Who See)

Mal abgesehen davon, dass Mary Roos (als Ikone ohnehin unstrittig) und Hanne Haugsand (als Mitglied von Charmed 2000 und für ihren Top-Scandi-Schlager „Heavens In Your Eyes“ vom Norsk Melodi Grand Prix 2006) jedes Jahr in der ESC-Jury sitzen müssten, zeigt die Aufstellung eine extreme Häufung von Ex-ESC-Teilnehmern aus den letzten drei bis vier Jahren. Insofern kann ihre Nominierung als Juror durchaus als Danksagung für ihren ESC-Einsatz verstanden werden. Ob sie nun alle über ein besonderes musikalisches Gespür verfügen, spielt dabei keine Rolle. Wichtiger: sie haben aktuelle ESC-Erfahrung.

Das Wiederum erklärt dann nicht die Nominierungen von Anabela, Bob Savenberg, Hanne Haugsand, Mary Roos und mit Abstrichen Niamh Kavanagh. Ihre ESC-Erfahrung stammt als einer anderen Zeit. Sie fallen daher eher in die Gruppe Ehrung fürs Lebenswerk. Hier finden sich nicht nur ehemalige ESC-Teilnehmer, sondern auch nationale Musik-Größen (wie die oben erwähnte Zdenka Kovačiček) oder der Finne Petri Laaksonen, dem die ESC-Bubble den Klassiker „Eläköön elämä“ zu verdanken hat. Auch die Slowenin Alenka Godec könnte man mit ihren vier Teilnahmen am nationalen Vorentscheid EMA zwischen 1993 und 2006 dazuzählen – schließlich dürfte ihr ESC-Zug ein für alle Mal abgefahren sein. Das könnte wiederum den Gedanken aufkommen lassen, ob die Schwedin Mariette nach drei Anläufen beim Melodifestivalen auch hierzu gehören würde oder sie ihren Juror-Sitz doch als Danksagung und weitere Motivation verstehen sollte.

Sonja Lumme – Eläköön elämä (Finnland 1985)

Des Weiteren fällt womöglich auch die Italienerin Silvia Gavarotti in diese Kategorie, über die jedoch recht wenige Informationen online verfügbar sind. Diese deuten dann zwar eher auf eine schauspielerische Karriere, aber was soll’s. Ist ja auch ein Teil des Lebenswerks. Ohnehin ist die italienische Jury die älteste in diesem Jahr: sämtliche fünf Juroren wurden zwischen 1959 und 1969 geboren. Das muss nicht gegen musikalische Kompetenz sprechen, könnte aber ein etwaiges absonderliches Voting erklären.

Im Fokus stehen hier und jetzt dennoch die Sänger unter den Juroren. Neben den zwei bereits herausgearbeiteten Gruppen Danksagung für den ESC-Einsatz und Ehrung fürs Lebenswerk gibt es eine dritte Gruppe, die Anzufixenden. Hier werden junge Künstler subsummiert, die kürzlich (national) auf sich aufmerksam gemacht haben (Charterfolg, Castingshow-Teilnahme) und denen das Potenzial für einen (erneuten) Vorentscheid-Auftritt oder gar eine ESC-Teilnahme zugesprochen wird. Insofern sind sie nicht immer frisch anzufixen, zum Teil müssen sie auch „nur“ für weiter für die Sache motiviert werden.

Ein paar Beispiele für die Anzufixenden unter den diesjährigen Juroren:

Ehla (Frankreich, Vorentscheid 2018)
Karl Killing (Estland, Vorentscheid 2018)
Paul Madureira (Portugal, Vorentscheid 2018)
Lasse Meling (Dänemark, Vorentscheid 2018)
Roi Mendez Martínez (Spanien, Vorentscheid 2018)
Nicola „Nickless“ Kneringer (Schweiz, Best Hit National 2016)
Miriam Rodriguez Gallego (Spanien, Vorentscheid 2018)
Natalia Szroeder (Polen, ESC-Jury 2015, Vorentscheid 2016)
Vera Turcanu (Moldawien, Vorentscheid 2018)
Alexandra Vorobyova (Russland, The Voice 2014)
Ingeborg Walther (Norwegen, The Voice 2017)

Die spanischen Juroren Miriam und Roi sowie die spanische ESC-Vertreterin Amaia – Robarte un beso (Operacion Triunfo 2017)

Und die deutsche Jury? Die beschränkt sich in den letzten Jahren im Wesentlichen auf die Anzufixenden – heuer fallen Lotte, Max Giesinger und Mike Singer in diese Gruppe. Ab und an kommt mal eine ESC-Danksagung wie jetzt Mary Roos oder seinerzeit Nicole dazu sowie eine Ehrung fürs Lebenswerk (Hape Kerkeling, Jury 2010). Möglicherweise ist der Juroren-Sitz auch nur ein motivationales Zubrot für den Auftritt auf der Reeperbahn im Umfeld des ESC-Finales. Andererseits will der nationale Vorentscheid 2019ff. womöglich auch nicht nur mit Newcomern bestückt sein. Ein bisschen ESC-Anfixen schadet da sicher nicht.