Nach dem ESC 2018 braucht es kein Jury-Korrektiv mehr? Weit gefehlt!

Aserbaidschan raus (Aufmacherbild). Rumänien raus. Und selbst Russland flog nach dem Halbfinale in Lissabon raus. Für viele scheint in diesem Jahr der Beweis erbracht: Nachbarschafts- und Diaspora-Voting gehören endlich der Vergangenheit an und wir können die Jurys wieder abschaffen. Das Gegenteil ist der Fall: Auch 2018 wurde fleißig für Freunde angerufen, so dass ein Televoting-Korrektiv weiter notwendig ist.

Nur ein einziges Mal regte sich beim Finale des Eurovision Song Contest in Lissabon Unmut unter den Fans in der Arena: als die 12 montenegrinischen Jury-Punkte an den serbischen Beitrag gingen. Plötzlich war es wieder da, dieses böse Nachbarschaftsvoting. Was dabei unterging: Nicht nur die monegrinische Jury hatte ihre 12 Punkte an Serbien gegeben, sondern auch die TV-Zuschauer des Landes.

Viele Aspekte kamen in diesem Jahr zusammen, die es beim Finale so erscheinen ließen, als wären Nachbarschafts- und Diaspora-Voting Angelegenheiten der Vergangenheit. Grundsätzlich spielt dieser Wahrnehmung in die Hände, dass die Punkte des Publikums nur noch gebündelt bekanntgegeben werden. Einzelner Unmut kann sich da nicht mehr äußern.

Außerdem war die Auslosung der Teilnehmer auf die beiden Halbfinals insofern erfolgreich, als dass enge Bünde weitgehend gebrochen werden konnten – mal abgesehen von Dänemark, Schweden und Norwegen. Diese hatten allerdings alle recht starke Lieder/Beiträge am Start, wohingegen das bei Aserbaidschan, Rumänien und Russland durchaus diskutiert werden kann. Da reichten dann auch die Punkte aus dem Nachbarschafts- und Diaspora-Voting nicht mehr für die Qualifikation. Das heißt aber nicht, dass es das nicht gegeben hätte.

Die rumänischen Vertreter: The Humans 

Das rumänische Fernsehen nannte das Kind dann auch beim Namen und schob die Nicht-Qualifikation fürs Finale auf Televoting-Probleme in Deutschland und Italien. Das ist insofern amüsant, als die rumänische Minderheit in Italien sehr wohl die 12 italienischen Televoting-Punkte für das Mutterland sicherte. Aus Deutschland kam hingegen: nichts. Waren bei uns zu viele Rumänen bereits im Vatertagsrausch? Sei’s drum. Natürlich gab’s 12 Televoting-Punkte aus Moldawien und die rumänische Minderheit in Frankreich schickte zumindest 8 Punkte. Genauso viel kam aus Georgien – warum auch immer. Ansonsten kam von niemanden irgendetwas. Insgesamt ein lehrbuchhaftes Beispiel für Nachbarschafts- und Diaspora-Voting – nicht nur im Jahr 2018.

Bleiben wir aber noch kurz bei Deutschland. Wo gingen eigentlich unsere Televoting-Punkte im 2. Semi hin? 12 an Polen, 10 an Dänemark, 8 an Ungarn, 7 an Australien, 6 an Serbien, 5 an Moldawien, 4 an Norwegen, 3 an die Niederlande, 2 an Slowenien und 1 an die Ukraine. Ja, Deutschland hat viele Nachbarn, da gehen schon mal ein paar Punkte an ein direkt angrenzenden Land. Aber was sind bei uns eigentlich die größten Diasporas: 1. Türken (1,5 Mio.), 2. Polen (0,87 Mio.), 3. Syrier (0,70 Mio.), 4. Italiener (0,64 Mio.), 5. Rumänen (0,62 Mio.) etc.

Die Türken haben das Televoting beim ESC seit seiner Einführung in Deutschland dominiert und viele 12-Punkte-Wertungen für die Türkei gesichert. Das ist seit dem ESC-Boykott der Türken vorbei. Und beim mit nur geringer Aufmerksamkeit verfolgten 2. Semi setzte sich also prompt die zweitgrößte Ausländergruppe durch und schickte 12 Punkte an Polen. Für Gromee (Foto unten) feat. Lukas Meijer war nach dem Semi trotzdem Schluss.

Das Voting-Versagen der rumänischen Minderheit in Deutschland überrascht bei Kenntnis der genauen Menge der hier lebenden Rumänen noch viel mehr. Russen stellen mit 250.000 Personen übrigens die zehntgrößte Gruppe, dazu dürften noch etliche Russland-Deutsche kommen. Warum sie Julia Samoylova hängen ließen – sie bekam keinen Televoting-Punkt aus Deutschland – darüber kann nur spekuliert werden. Wäre es ihnen womöglich zu unangenehm gewesen, diesen Beitrag im Finale ein zweites Mal sehen zu müssen oder schalten sie immer erst beim Finale ein, weil sich das Land ja ohnehin immer qualifiziert?

Letzter Punkt zu Deutschland. Italien bekam von den deutschen Zuschauern im Finale die 12 Punkte. Gutes Lied (insgesamt 5. Platz), gute Aussage, guter Startplatz und gutes Diaspora Back-Up. Das passt. 12 Televoting-Punkte bekam das Stiefelland allerdings sonst nur aus Malta und Albanien. Kann man interpretieren, muss man aber nicht.

Blicken wir auf den ehemaligen sowjetischen Block: Wo bekam denn Mütterchen Russland seine (wenigen) Punkte her? 12 aus Lettland, 8 aus Moldawien und Montenegro, 7 aus Serbien, 6 aus Georgien, 3 aus der Ukraine und Malta, 2 aus Italien, 1 aus Rumänien. Und die anderen Sowjet-Republiken? Die waren dummerweise im anderen Semi.

Dort schickte Aserbaidschan 12 Televoting-Punkte an Weißrussland und Armenien gleich noch 10 hinterher. Jeweils 6 Punkte erhielt Alekseev (Foto unten) aus Estland und vom direkten Nachbar Litauen. Die Weißrussen bedankten sich mit 12 Punkten bei den Armeniern, mit 6 Punkten bei Litauen und 3 Punkten bei Estland. Letzteres ist sicher berechtigt, betrachtet man, wie gut die beiden baltischen Länder insgesamt abgeschnitten haben.

Wobei das auch nicht ganz korrekt ist. Denn woher bekam Litauen seine einzigen beiden Zwölfer im Semi? Richtig, traditionell aus Irland und zusätzlich aus Großbritannien. 10 kamen vom Nachbarn Estland noch on top. Fun Fact: Die Litauer sind nach Polen und Briten die drittgrößte Ausländergruppe in Irland – vor Rumänen und Letten. Fun Fact 2: Aserbaidschan wurde von den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken komplett wegignoriert.

Auf den alljährlichen 12-Punkte-Austausch zwischen Griechenland und Zypern verzichte ich hier mal. Und auch die Skandinavier erspare ich uns lieber. Ach, nein, es ist zu schön: Dänemark gibt im 2. Semi 12 Punkte an Norwegen und 10 an Schweden, Norwegen gibt 12 Punkte an Dänemark und 10 an Schweden und Schweden gibt 12 Punkte an Dänemark und 10 an Norwegen. Dieses sehr eindeutige Bild verwässert sich im Finale dann etwas.

Das Ausscheiden von drei klassischen Nachbarschafts- und Diaspora-Nutznießern sowie potenziellen Ersatzkandidaten wie Weißrussland hat in diesem Jahr die Punktevergabe im Finale im positiven Sinne verzerrt. Die Zuschauer in einigen Ländern waren gezwungen, neu zu denken. Da sie nicht ein bestimmtes Land unterstützen konnten (womöglich unabhängig vom eigentlichen Beitrag), riefen sie entweder gar nicht an oder doch für den tatsächlich bevorzugten Song. Das hat dem Event gutgetan und womöglich hat auch Deutschland (Foto unten: Michael Schulte) davon profitiert.

Anzunehmen, dass das jetzt der neue Normalzustand ist, wäre hingegen falsch. Im nächsten Jahr können die Länder für die Semis wieder anders ausgelost werden und u.a. Rumänien sowie Russland wieder mit stärkeren Beiträgen antreten. Dann werden sich das typische Nachbarschafts- und Diaspora-Voting auch wieder im Finale deutlicher zeigen (allerdings erst hinterher und für die Fans). Denn weg war es auch in diesem Jahr nicht – wie der Blick in die Halbfinale zeigt.

Vor diesem Hintergrund ist der Forderung der Abschaffung der Jurys insofern zu widersprechen, als dass es sehr wohl eines Korrektivs des Televotings bedarf. Ohne ein solches haben wir bei vielen Ländern zumindest in Bezug auf die Höchstpunktwertungen wieder vorhersehbare Ergebnisse wie es bis 2009 der Fall war, als die Jury-Votes eingeführt wurden. Ob das Korrektiv Jurys sein müssen, zumal in der heutigen Form, ist dabei eine ganz andere Frage.