Nach ESC-Rückzug: Russland provoziert weiter

Schlechter Verlierer oder letzte Maßnahme eines perfiden Plans? Am 9. Mai, dem Tag des Sieges der Sowjetunion über Nazideutschland, wird Yuliya Samoylova auf der Krim auftreten. Diese eindeutige Provokation Russlands und die Willfährigkeit der Sängerin disqualifizieren sie für jede ernsthafte und vor allem ehrenhafte Teilnahme an zukünftigen ESC. Auch bzw. gerade deshalb setzt Russland darauf. Ein Kommentar von Douze Points.

Das politische Schmierentheater, das mit der Nominierung der im Rollstuhl sitzenden Sängerin Yuliya Samoylova begann, hätte mit dem Rückzug Russlands vom diesjährigen ESC sein Ende finden können. Russland war – trotz aller offensichtlicher Strategie und Planung hinter dieser Auseinandersetzung – der moralische Sieger. Der Ukraine droht eine Sanktion im Nachgang zur Veranstaltung am 13. Mai 2017 in Kiew; womöglich der Ausschluss vom ESC im nächsten Jahr.

Strafe genug, möchte man meinen. Zumal der Fall auch international Wellen schlug und selbst ESC-ferne Kreise erreichte. Dennoch tritt Russland nach und nutzt die Situation weiter aus. Ausgerechnet am Tag des Sieges, der in Russland mit Militärparaden und Feuerwerken gefeiert wird, soll Samoylova auf der annektierten Krim auftreten. Da ihr die Einreise in die Ukraine aufgrund eines früheren Auftritts auf der Krim, zu dem sie nicht über die Ukraine eingereist ist, verweigert ist, wird sie auch diesmal den Weg von russischer Seite antreten. Sie begeht also – aus ukrainischer Sicht – dieselbe Straftat erneut.

Dass dies kein Zufall ist, sondern ein gezielter Affront, das ist zweifelfrei. Denn die Sängerin hatte bis zur Bekanntgabe des Rückzugs am 13. April 2017 aufgrund der beabsichtigten Teilnahme am ESC keine Zeit für einen Auftritt im Rahmen der Feierlichkeiten am 9. Mai 2017 gehabt. Und wenn, hätte dieser wohl auch nicht auf der Krim stattgefunden. In Russland wird man sich nun womöglich ärgern, dass der Tag des Sieges auf das erste Halbfinale fällt und nicht auf das zweite, bei dem Samoylova angetreten wäre. Das hätte man herrlich inszenieren können, z. B. indem sie zu der Zeit auf der Bühne sein würde, zu der sie eigentlich in Kiew hätte singen sollen.

Man könnte die Schuld für dieses abgekartetes Spiel allein den russischen Verantwortlichen geben. Doch Samoylova macht dabei bewusst mit. Sie könnte nein sagen zum Auftritt auf der Krim. Ja, das geht auch in Russland. Wenn sie schon am 9. Mai auftreten will, dann ganz einfach in einem nicht annektierten Gebiet. So zeigt nicht nur der russische Sender Kanal Eins mit seinem Verhalten seine Missachtung für die Ziele des ESC und missbraucht diesen für seine eigenen (politischen) Interessen. Auch die Künstlerin tut dies bewusst – und diskreditiert damit sich selbst. Wie will sie bei ihrem avisierten Auftritt beim ESC im nächsten Jahr glaubhaft für die Werte der Veranstaltung eintreten?!

Was zynisch begann, wird somit immer geschmackloser. Man will sich nur noch angewidert abwenden und hoffen, dass das Elend nach dem 13. Mai vorbei ist. Dank der Rücksichtslosigkeit Russlands und der Rückgratlosigkeit der EBU wird uns das Drama aber auch noch lange danach beschäftigen.