Nach Workshop mit den Schweden: Schweizer überarbeiten Vorentscheid

„Nicht jammern. Machen!“, scheinen sich die Eidgenossen in Sachen Eurovision Song Contest auf die Fahnen geschrieben zu haben. Nachdem das Land dreimal in Folge im Semi hängengeblieben ist, holten sie sich vor zwei Wochen Hilfe bei den erfolgreichsverwöhnten Schweden. Das Ergebnis liegt jetzt vor. Der Einfluss des Workshops ist dabei unübersehbar. Ein Schweizer Melodifestivalen kommt aber (zunächst) nicht.

Diesen Testballon werden die deutschen ESC-Macher mit Argusaugen verfolgen: Ist die Schwedisierung des Schweizer Vorentscheids der Schlüssel zum Erfolg oder funktioniert der schwedische Ansatz nur im Heimatmarkt? Im Mai 2018 werden wir’s wissen – nämlich dann, wenn sich die Schweiz nicht nur fürs Finale qualifizieren sollte, sondern auch vor dem deutschen Beitrag platziert. Das Rennen ist eröffnet.

Am 30. Juni war eine Schweizer Delegation rund um den Head of Delegation Reto Peritz bei Christer Björkman und Martin Österdahl zu Gast. Genau zwei Wochen später wurden nun die neuen Regeln für den Schweizer Vorentscheid veröffentlicht. Die Änderungen beziehen sich auf den gesamten nationalen Auswahlprozess, aber auch auf den Auftritt beim ESC in Portugal. Das Schweizer Fernsehen behält sich in vielerlei Situationen das Entscheidungsrecht vor – auch über den Künstler und den Songschreiber hinweg. Gleichzeitig holt man sich zusätzliches Know-how an Bord.

Für die Zuschauer selbst ändert sich gar nicht so viel. Aller Voraussicht nach werden beim nationalen Vorentscheid am 4. Februar in Zürich in einer Show sechs Acts gegeneinander antreten – so wie in diesem Jahr auch. Allerdings haben die TV-Zuschauer nur noch halb so viel zu sagen. Die anderen 50% der Stimmen vergibt – wie beim Melodifestivalen in Schweden – eine international zusammengesetzte Jury. Wie diese gebildet und abstimmen wird, ist noch offen.

Timebelle verpassten beim ESC in Kiew knapp den Einzug ins Finale

Fast noch wesentlicher sind die Änderungen, die den Auswahlprozess davor betreffen: Exakt wie in Schweden können ab dem 1. September Lieder auf einer Plattform hochgeladen werden, für die die üblichen ESC-Regeln gelten. Ebenfalls wie in Schweden muss kein fixes Lied-Interpret-Paket vorliegen; es können auch Songs vorgeschlagen werden, deren Text von einem Dritten gesungen bzw. gesprochen wird. Die Bewerber müssen auch keinen Bezug mehr zur Schweiz haben, wobei Schweizer jedoch bevorzugt behandelt werden können. Interessant ist: Selbst wenn einLied-Interpret-Paket eingereicht wird, kann das Schweizer Fernsehen dieses später auseinanderrupfen, wenn es den bzw. die Sänger für ungeeignet hält.

Welche Songs im Finale antreten, entscheidet eine 20-köpfige Jury – allerdings nicht abschließend. Denn auch hier kann das Schweizer Fernsehen jederzeit einen Song durch eine Wildcard ersetzen – oder die Anzahl der Beiträge im Finale erhöhen. Die interne Auswahl-Jury bewertet daher nur die Songs, nicht die Stimmen. Sie besteht zu mehr als der Hälfte aus (also mindestens elf) Musik- und Medienschaffenden, hinzukommen ESC-Fans und Fernsehzuschauer. Dieses System wird auch in Schweden seit Jahren praktiziert.

Fast schon bevormundend klingt die Ziffer 37 im Reglement für den Vorentscheid: „Bei der Inszenierung der Finalisten hat die SRG SSR das alleinige Entscheidungsrecht. Die Inszenierung beinhaltet unter anderem Kleidung, Choreografie, Licht und Gestaltung.“ Gleichlautend heißt es in Bezug auf den Teilnehmer beim ESC in Ziffer 54: „Betreffend Inszenierung am Eurovision Song Contest hat die SRG SSR das alleinige Entscheidungsrecht. Zur Inszenierung gehören unter anderem Kleidung, Choreografie, Licht und Gestaltung.“ Dies deutet darauf hin, dass das Schweizer Fernsehen sich für die Inszenierung einen (internationalen) Experten zur Seite holen wird. Dieser kommt offensichtlich bereits beim Vorentscheid zum Einsatz.

Konnte familiäre Beziehungen zur Schweiz aufweisen, als diese noch gefordert waren: Rykka (ESC 2016)

Entgegen der Einschätzung von aufrechtgehn.de folgen die Schweizer eher nicht dem deutschen Beispiel. Hierzulande wurde zuletzt ein höchst aufwändiges Verfahren realisiert, um zunächst ein Künstlertalent zu finden. Die Songauswahl erfolgte hingegen in einem nur neunköpfigen Gremium unter Ausschluss von „ESC-Fans und Fernsehzuschauern“.

Vielmehr deckt sich das von den Schweizern gewählte Vorgehen mit der hier auf dem Blog herausgearbeiteten Vorentscheid-Alternative 2. Und das ist sehr zu begrüßen. Offen gelassen haben die Schweizer bisher jedoch, wie die Auswahl der Interpreten erfolgen soll, falls ein geeigneter Song ohne Sänger vorgeschlagen oder dieser für nicht geeignet befunden wurde. Aber so durchdacht wie das vorgelegte Konzept klingt, haben die Verantwortlichen dafür auch bereits eine Lösung.

Die Schweizer sind also sehr gut aufgestellt. Was plant eigentlich der NDR?