NDR-Pläne zum Vorentscheid 2018: Was sagen die Blogger?

Gestern veröffentlichte der NDR eine erste Pressemitteilung zum deutschen Vorentscheid für den ESC 2018 in Lissabon, die hier auf dem Blog schon heftig und kontrovers diskutiert wird. Was die Blogger spontan davon halten, haben wir nachfolgend zusammengestellt.

 

Jan

1/ Was ist gut am neuen Konzept?

Das Hinzuziehen von Personen aus dem Ausland zum Auswahlprozess. So kommt ein weiterer interessanter Blickwinkel ins Spiel – hat in anderen Ländern auch schon funktioniert, ist allerdings auch keine Erfolgsgarantie. Allerdings ist das Gesamtkonzept ja nicht brandneu, wie vom NDR dargestellt – es sieht für mich vielmehr aus wie eine abgeänderte Fassung des Vorjahrskonzeptes.

2/ Wo hapert es?

An der Leidenschaft. Musik ist keine Wissenschaft, sondern lebt in erster Linie von Emotionen. Auf mich wirkt das Konzept eher wie eine Formel aus dem kaufmännischen Rechnungswesen und lässt völlig außer Acht, dass man einen ESC-Erfolg eben nicht planen und berechnen kann. Warum nur kann sich der NDR nicht dazu durchringen, endlich mal einen ganz offenen Songwettbewerb zu veranstalten wie früher? Hier warte ich immer noch auf eine Erklärung, weshalb diese simpelste aller Varianten (und die, die dem Sinn des ESC am nahesten kommt) eigentlich nicht zum Tragen kommt!

3/ Unter welchen Umständen kann die Auswahl so erfolgreich sein?

Alles steht und fällt mit der Songauswahl. Darauf muss das Hauptaugenmerk liegen! Da sollte auch die internationale Jury ein Wörtchen mitzureden haben, wenn die denn in den letzten Jahren so treffsicher abgestimmt haben. Und auch die ausgewählten Kandidaten sollten keinen Song „verpasst“ bekommen wie bisher, sondern sich aktiv an der Songsuche beteiligen dürfen. Sie sind es schließlich, die für uns alle den Kopf hinhalten sollen – deshalb sollten sie sich auch wohlfühlen mit einem Song, der wirklich zu Ihnen passt. Ich habe bei diesem System immer die Befürchtung, dass am Ende die fünf stromlinienförmigsten Kandidaten auf der Bühne stehen und US-amerikanische Stangenware präsentieren müssen.

 

Marc

1/ Was ist gut am neuen Konzept?

Gut ist, dass es Änderungen gibt. Erfreulich finde ich auch, dass es internationale Jurywertungen gibt.

2/ Wo hapert es?

Erstens: Mir ist die Ankündigung zu reisserisch: „Radikaler Neuanfang, nichts bleibt wie es war“. Serviert bekommen wir wieder eine Casting-Show, die nun eben wissenschaftlich konstruiert anmutet.
Zweitens: Die große deutsche Baustelle der letzten Jahre war der Song. Beim neuen Konzept erscheint mit der Schwerpunkt jedoch wieder auf der Künstlersuche zu liegen. Ob hier Aufwand, Kosten und Ertrag mit dem Europa-Panel in einem sinnvollen Verhältnis stehen, bin ich gespannt. Viel wichtiger wäre aber: wie wird sichergestellt, dass der Song ESC-Format besitzt?

Einige Länder haben bereits mutig bewiesen, dass für die Songauswahl ein paar wenige Experten mit Fachkompetenz genügen. Dies erhöht auch die Chance, dass eher Songs mit Ecken und Kanten ausgewählt werden, als wenn eine breite Masse eine Konsenslösung sucht. So lange im Gremium der NDR, die Heavytones und die Plattenfirmen die Songs auswählen wird es schwierig.

3/ Unter welchen Umständen kann die Auswahl so erfolgreich sein?

Im TV-Vorentscheid darf das Konzept nicht als zu komplex, emotionslos und zu wissenschaftlich rüber kommen. Bei nur 5 angekündigten Songs braucht es auch nur eine oder max. zwei Voting-Runden. Für mich steht und fällt der Erfolg des Konzepts mit der Songauswahl. Und ich drücke fest die Daumen, dass man wieder einen Zufallstreffer landet à la Lena oder Roman Lob.

 

DJ Ohrmeister

1/ Was ist gut am neuen Konzept?

Eigentlich mag ich es gar nicht, wenn man Konzepte direkt in der Luft zerreißt, aber ich kann der Pressemitteilung auch nach wiederholtem Lesen nichts Positives abgewinnen. Die Hauptneuerung mit der Einbindung von europäischem Panel und Jury sagt mir nicht besonders zu und hat mich bei ähnlichen Konzepten in anderen Ländern in den letzten Jahren auch nicht überzeugt.

2/ Wo hapert es?

Zunächst mal zu der eben erwähnten Neuerung: Wieso brauchen wir Leute von außen, die uns helfen, einen modernen, attraktiven, zeitgemäßen oder authentischen Act zu finden? Wir sind 80 Millionen, kriegen wir das nicht selber hin? Für mich geht es beim ESC darum, dass sich 43 Nationen Gedanken machen, je einen Vertreter zu finden, über den dann im Wettbewerb die anderen 42 Nationen befinden. Warum sollte man erstmal vorher alle anderen fragen, was sie denn gern von uns sehen würden? Das zeugt von sehr wenig Selbstvertrauen, und das bei unserer riesigen Musikszene.

Insgesamt fällt mir spontan zum Konzept nur ein: Genauso verkopft, viel zu kompliziert, viel zu reißbrettmäßig geplant und wieder nur No Names wie letztes Jahr, nur das Ganze hoch zehn. Unser VE und Song sind doch keine Mars-Mission. Das soll doch Spaß machen… so sicher nicht. Wieso lesen sich die Ankündigungen für unseren VE immer mehr wie hochkomplexe physikalische Versuchsanordnungen? Das ist m.E. unnötige Zeit- und Geldverschwendung und geht voll am Thema vorbei. Und dass das Lied wieder am Ende der Auswahlkette steht, kann ich auch nicht nachvollziehen.

3/ Unter welchen Umständen kann die Auswahl so erfolgreich sein?

Eigentlich nur, wenn durch einen glücklichen Zufall authentische, unverstellte Kandidaten in die Auswahl rutschen, und dann auch noch zufällig eine gute Komposition eingereicht wird, die zufällig wirklich toll passt zu einem der fünf Top-Kandidaten.

Die runde, überzeugende Kombination von Act und Song kriegen wir aber viel einfacher hin, wenn wir ohne die ganzen Panels und Berater einfach einen Vorentscheid wie 2014 und 2015 machen, nur das Clubkonzert weglassen (kein Hintertürchen für Leute ganz ohne Erfahrung) und auch ohne die zwei Songs pro Act und tausend Votings. Einfach nur einen Durchlauf, Superfinale mit zwei Songs. Fertig. Ich glaube, da haben wir eine viel höhere Chance, für Lissabon etwas Rundes, organisch Gewachsenes zu finden, das Ausstrahlung hat. Und ein Sendungskonzept, das der Fernsehzuschauer sofort versteht.

 

BennyBenny

Ich wundere mich, warum so viel mehr Energie (und mutmaßlich auch Geld) in die Auswahl des Künstlers gelegt wird, denn gerade das war meiner Meinung nach in den letzten Jahren nicht das Problem. Ann Sophie, Jamie-Lee und Levina waren gut, die Songs und Bühnenshows waren es aber nur bedingt. Deshalb sollte man entweder hier externe Expertise holen oder am besten gleich Künstler bitten, ihre eigenen Songs einzureichen, die sie dann auch glaubwürdig aufführen können (wir haben hier auf dem Blog ja ein paar Vorschläge gemacht).

Ich hoffe, a) dass sich auch bekannte Acts bewerben und b) dass das Konzept erfolgreich sein wird (was zwar möglich, aber ganz und gar nicht zwingend ist).

 

Salman

1/ Was ist gut am neuen Konzept?

Gut finde ich auf jeden Fall den stärkeren Einbezug der internationalen Meinung. Das ist ja beim Melodifestivalen seit Jahren der Fall und Schweden fährt damit sehr erfolgreich. Allerdings bleibt abzuwarten, wie das Angebot sein wird, aus dem sich die internationale Jury entscheiden muss. Denn 2017 hätte uns eine internationale Jury auch nicht weitergeholfen, wenn die Auswahl nur zwischen „Perfect Life“ und „Wildfire“ gewesen wäre.

2/ Wo hapert es?

Der Fokus sollte auf den Songs liegen. Hier sollte es eine große Bandbreite geben und auch Songs angeboten werden, die international eine Chance haben. Bei diesem Konzept werden erstmal 5 Künstler ausgesucht und dann für sie ein „passender Song“ geschrieben. Am Schluss ist das Risiko wieder groß, dass der Künstler zwar talentiert ist (wie z.B. Levina) aber mit einem Song antreten muss, der beim Voting komplett untergeht.

3/ Unter welchen Umständen kann die Auswahl so erfolgreich sein?

Dazu gehört eine Menge Glück. Mit einem wissenschaftlichen Ansatz lässt sich meiner Meinung nach kein Erfolg garantieren. Es könnte klappen, wenn mit Kandidaten wie Lena Meyer-Landrut oder Roman Lob wieder mal ein Glückgriff dabei ist und derjenige dann auch noch das „richtige Lied“ zugeteilt bekommt.

 

DJ Douze Points

1/ Was ist gut am neuen Konzept?

Die Integration von internationalen Stimmen in den Auswahlprozess. Nur leider wird das etwas sehr übertrieben. Auch der Einsatz von Big Data hat seinen Charme. Ich weiß aber nicht, ob man auch eine verbrüdernde Musiksendung so bis ins Extreme rationalisieren sollte.

2/ Wo hapert es?

Der Fokus liegt zu stark auf der Auswahl der Künstler. Zur Bestimmung der Songs gibt’s keine wirklichen Infos. Mir scheint das aber erst recht spät zu kommen.

Bei dem Vorgehen (vermutlich unbekannte Künstler treten einmalig auf) sind die Anknüpfungspunkte für die Medien sehr gering, was eine größere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erschwert. Ob so wirklich eine Euphorie entstehen kann?

3/ Unter welchen Umständen kann die Auswahl so erfolgreich sein?

Es gilt das bekannte Credo: Shit in – Shit out. Wenn Lena seinerzeit nicht dabei gewesen wäre, hätten wir 2010 auch nicht den ESC gewonnen. Es muss halt der/die richtige Kandidat/in zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Song an der richtigen Stelle sein. Wenn das gegeben ist, kann mit dem Verfahren dieser „Lucky Match“ eingekreist und den Zuschauern zur Wahl gestellt werden.

 

OLiver

1/ Was ist gut am neuen Konzept?

Ich finde es gut, dass der NDR neue Wege geht und in der Auswahl der Künstler versucht, die internationale Wettbewerbsfähigkeit über ein Panel zu berücksichtigen. Ich bin mir aber nicht sicher, inwieweit die über einen offenbar hochkomplexen Prozess – laut Pressemitteilung ausschließlich über social media – ausgewählten 100 Personen wirklich repräsentativ sein können.

2/ Wo hapert es?

Schwierig finde ich erneut den Wir-suchen-dann-den-Finalisten-das-richtige-Lied-Faktor. Auch wenn sich offenbar Gruppen und etablierte Interpreten in der kurz bemessenen Frist bewerben dürfen, erwarte ich doch, dass die Ausschreibung in erster Linie unbekannte Newcomer anzieht – aufgrund der drei Pleiten in Folge dürfte das Interesse bei der aktuell erfolgreichen ersten Garde Deutschlands nahe Null liegen.

Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass man anstatt eines klinischen wissenschaftlichen Procederes, das nach größtmöglicher Absicherung nach allen Seiten ausgerichtet scheint, eher einen mutigen, auf Emotionen basierenden Ansatz wählt. Gern auf Deutsch und gern mit einem authentischen, bereits bekannten Künstler, der seine Songs selbst schreibt und sie sich nicht von einem (wie auch immer gearteten) Fachgremium anpassen lassen muss.

In Portugal erhalten Top-Komponisten ‚carte blanche’ für einen Beitrag, in den Niederlanden entscheidet man sich für einen bekannten Künstler, der richtig Lust auf den ESC hat. In beiden Ländern bilden Song und Künstler eine magische Einheit, was sich beim ESC sehr positiv ausgewirkt hat. Aber dazu braucht es auch gehörigen Mut.

3/ Unter welchen Umständen kann die Auswahl so erfolgreich sein?

Letztlich beurteilen lässt sich das neue Auswahlkonzept erst, wenn wir die Ergebnisse, sprich die fünf Finalisten mit Liedern aus verschiedenen Genres, hören und sehen. Geben wir dem NDR (noch) eine Chance, uns zu überzeugen!

 

Peter

Die Veröffentlichung zum VE18 lässt viel offen und Raum für Spekulationen. Wir wissen, dass bei der Auswahl des deutschen Eurovisions-Songs 2018 ein mysteriöser Europa-Panel und eine internationale Jury mitentscheiden und am Ende des Prozesses fünf Songs in die Liveshow an unbekanntem Ort gelangen. Und dass Barbara Schöneberger die Reeperbahn Pre-Show moderiert. Das war´s dann auch schon. Den Rest verliert sich noch in den Nebeln von Norwegen. Anything goes – außer Helene Fischer, die tourt stattdessen durch Deutschlands größte Stadien. Das Panel-Experiment finde ich superspannend. Wenn das funktionieren sollte, wäre das bahnbrechend.