NDR-Roadshow für Fans in Hamburg: Der lange Weg zu fünf Finalisten

Hamburg war am Montag der Bambi-Woche der vierte und (vorläufig) letzte Termin der Roadshow, die NDR ESC Chef Thomas Schreiber speziell dafür initiiert hat, um der ESC Community den neuen deutschen Weg zum (möglichst) perfekten Song für Lissabon 2018 zu erklären und um mit den Fans ins Gespräch zu kommen. Wir waren für Euch (auch) in der NDR Heimatstadt dabei.

Es ist alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Wir haben auf dem PRINZ Blog für Euch schon sehr ausführlich von der NDR ESC Roadshow berichtet.

Um Redundanzen zu vermeiden, beschränkt sich daher dieser Text auf einige Highlights und hanseatische Eindrücke, die noch nicht Gegenstand unserer Berichterstattung waren. Wer einen vollständigen Überblick über alle Infos, die der NDR bislang preisgegeben hat, erhalten möchte, dem empfehlen wir (vorher) zur Lektüre in dieser Reihenfolge:

PRINZ-Blog-Interview zum deutschen Vorentscheid 2018 mit Thomas Schreiber

NDR-Roadshow in Frankfurt: Die Neue Nationale Aufgabe – Reportage von BennyBenny

NDR-Roadshow: Aufbruchstimmung über den Dächern von Berlin – Reportage von Salman

Während in Berlin in der Vorwoche mit deutlich über 40 Besuchern der ESC Roadshow des NDR ein „Teilnehmerrekord“ erreicht wurde, fiel in Hamburg die Gästezahl wieder auf den Münchener Level oder sogar noch darunter. Etwa 20 Personen fanden sich im Foyer von Haus 12 auf dem NDR-Gelände am Rotherbaum ein, die Hälfte davon vom NDR oder mit dem NDR assoziiert.


Die überschaubare Resonanz der Fans auf dieses neue und bemerkenswerte Dialogangebot ist eher enttäuschend. Denn die Bereitschaft der Verantwortlichen, den Fans das neue Vorentscheid-Konzept persönlich vorzustellen und zu erläutern, ist – übrigens auch im europäischen Vergleich – ziemlich einzigartig und lobenswert.

Auch in Hamburg waren neben Thomas Schreiber (ganz rechts) der neue Head Of Delegation Christoph Pellander (2. von rechts – sein erstes Interview in neuer Funktion gibt es hier) und Werner Klötsch (2. von links) von digame dabei. Simon-Kucher-Geschäftsführer Daniel Korany wurde in Hamburg von seinem Kollegen Andreas Weinfurter vertreten, der das Privileg hatte, der exklusive Krawattenträger der Veranstaltung zu sein.

Vom NDR haben wir außerdem unter anderem die ESC Pressechefin Iris Bents, Jürgen Werwinski von eurovision.de und Radiomann Thomas Mohr von NDR 2 gesichtet.


Es ist schade, dass ein solch‘ exponiertes Gesprächsangebot in Hamburg keine stärkere Resonanz gefunden hat, zumal sich das Podium mit (weit) über zwei Stunden sehr viel Zeit genommen hat. Es liegt in der Sache, dass spürbar war, dass die vier „Referenten“ im Laufe der Roadshow Dozenten-Routine erworben hatten, gezielt „Crowdpleaser-Statements“ zu setzen wussten und vermeintlich kritische Diskussionspunkte in ihren Ausführungen zuweilen bereits vorwegnahmen.


Zentraler Gegenstand des „Dia-Abends“ (Originalton Thomas Schreiber) war einmal mehr das 100-köpfige Europa-Panel und dessen Zusammensetzung, da dieses bei der Auswahl des deutschen ESC Beitrags 2018 bekanntlich eine zentrale Rolle spielt. Das Europa-Panel soll die europäischen Televoter, im Chart oben „ESC Entscheider“ genannt, repräsentieren und diese sind nach den Ausführungen von Werner Klötsch „jung, partyaffin, tolerant und gay“. (Oder kürzer Siegel-style: „Let´s get happy“.)

1.000 von 15.000 deutschen „Bewerbern“ (hier stehen alle Infos zum Rekrutierungsfragebogen, die Teilnahmefrist endet einen Tag nach der Roadshow) gelangen in die zweite Runde (mit einem weiteren Fragebogen), aus diesen werden dann die Lucky 100 ausgewählt, die erstmals Verantwortung übernehmen, wenn sie aus vorgefilterten 200 potenziellen Bands/Interpreten/Interpretinnen diejenigen 20 auswählen, die vom NDR in ein „Bootcamp“ (Christoph Pellander) eingeladen werden.

Andreas Weinführer erläuterte ausführlich, warum die 100 Panelisten alle aus Deutschland kommen und dennoch die europäischen Televoting-Präferenzen abbilden (vgl. Chart – vergrößert sich beim Draufklicken). Neben Deutschland stimmen ebenfalls Finnland und Österreich sehr ganzheitlich europäisch ab, am allerwenigsten Bosnien-Herzegowina. Die „Selektionskriterien“ für das Europa-Panel will SKP  zu einem „späteren Zeitpunkt“ veröffentlichen, sagt Herr Weinführer. (Unsere Frage u.a.: Wofür brauchen Sie die Anzahl der Kinder der Bewerber?)

Das Europa-Panel zeichne aus, dass es einerseits aufgrund der verfügbaren Rekrutierungs-„Masse“ in Deutschland (20 Prozent der ca. 10 Millionen Anrufe/SMS beim ESC Finale kommen aus Deutschland) ausreichend signifikant für das europäische Abstimmungsverhalten sei, andererseits mit 100 Personen eine „beherrschbare Größe“ habe. Denn die 100 Europa-Repräsentanten werden von SKP dezentral in fünf Städte eingeladen (also jeder in eine) und bekommen dann 200 Clips von jeweils knapp einer Minute Länge zu Gesicht, die sie einzeln nach verschiedenen differenzierten und standardisierten Kriterien zu bewerten haben. Dabei werden polarisierende Votings bevorzugt, das heißt wer Euphorie und Bestnoten bei einem kleineren Teil des Panels auslöst, hat bessere Chancen auf die Chance im Trainingslager als derjenige, der zwar anständige Ratings bekommt, aber keine Top-Bewertungen.

Die Clips werden aus vorhandenem (eingereichten) Bewegtbild-Material vergleichbar geschnitten und ausgewählt. Aus ursprünglich 4.000 potenziellen „Kandidaten“ sind zum Tages-Status inzwischen 500 geworden und das Team, welches diese Auswahl getroffen hat und diese Auswahl fortsetzt, bis 200 Vorschläge für das Europa-Panel feststehen, will der NDR ebenfalls im Laufe des Prozesses noch bekanntgeben, verspricht Thomas Schreiber. Es finden sich neben den Herren Pellander und Schreiber darunter sicher auch einige andere der „usual suspects“ aus der Branche, erwähnt wurde u.a. ein Talent Scout aus der Redaktion „Inas Nacht“.

Insgesamt gibt es (also) vier „Gremien“, die an der Findung des deutschen ESC-Beitrags beteiligt werden:

(1) das oben genannte Aus-4.000-werden-200-Bewerber-Team, die „Musikexperten“ (Originalton Thomas Schreiber)
(2) das hundertköpfige Europa-Panel
(3) das Jurypanel mit 20-25 Mitgliedern, rekrutiert aus internationalen Jurys der letzten drei bis vier Jahre (können auch deutsche Jurymitglieder der Jahre 2014 bis 2017 sein, also zum Beispiel Wincent Weiss)
(4) das deutsche (Televoting-)Publikum

Das internationale Musikprofi-Panel kommt erstmals zum Einsatz, wenn es gilt, aus dem „Bootcamp“ mit 20 Acts (Bands oder Solisten, also rechnerisch maximal 120 Teilnehmer) die fünf auszusuchen, die in der Liveshow oder den Liveshows auftreten. (Die Anzahl der Sows wurde bewusst offengelassen, ich würde aber auf EINE Show wetten und darauf auch Geld setzen.)

Im Bootcamp werden die 20 ausgewählten Vor-Finalisten unter anderem auf ihre Kameratauglichkeit, ihren Livegesang und auch ihre „soziale Kompetenz“ (Thomas Schreiber) getestet. Das Trainingslager dauert „mehrere Tage“ (Christoph Pellander) und ein NDR Kamerateam ist dabei, das dabei entstehende Material soll (im Nachhinein) auch veröffentlicht werden. Ein gutes Transparenz-Signal, finde ich.

Ausgesucht werden die fünf Liveshow-Finalisten jeweils hälftig von dem Europa-Panel und der ESC-erprobten internationalen Jury (Ist Zoë Straub an Bord?). Das soll bis Mitte Dezember 2017 abgeschlossen sein, so dass ausreichend Zeit bleibt („etwa sechs Wochen“), mit den Lucky Five an ihrem jeweiligen „Maßanzug“ zu arbeiten. Denn jeder Finalist soll einen maßgeschneiderten Song bekommen, der authentisch zu ihr/ zu ihm / zu ihnen passt. Dafür werden Komponisten, Texter, Produzenten direkt angesprochen, aber es werden auch Musikverlage um Vorschläge gebeten. Und es ist auch denkbar, dass ein Act seinen selbstkomponierten Titel mitbringt. Thomas Schreiber wünscht sich, dass im Finale unterschiedliche Genres und Charaktere vertreten sind, das ist ein maßgebendes Ziel dieser Vorgehensweise.


Drei unserer oben identifizierten vier Findungsgremien stimmen dann in der Liveshow über unseren Song für Lissabon ab, was gleichzeitig bedeutet, dass es kein 100-prozentiges Live-Televoting mehr geben wird. Denn auch das Europa-Panel und die internationale ESC-Jury kommen bei der Songauswahl wieder zum Einsatz, sie werden beim deutschen Finale beide „anwesend und sichtbar“ (Thomas Schreiber) sein. Wie sich das konkret abspielen wird, war dem Podium noch nicht zu entlocken, das verliert sich derzeit noch (Verzeihung für die Formulierung, aber ich liebe sie) in den Nebeln vor Norwegen. Herauszubekommen war nur, dass die Abstimmungsverteilung NICHT 1/3+1/3+1/3 sein wird.

Die deutsche Jury 2015 – ist jemand aus dieser Runde bei der Abstimmung über den deutschen Beitrag 2018 dabei?

Zur der oder den Liveshow(s) konkret gab es noch nichts zu erfahren, nicht einmal den Termin, wann mehr bekanntgegeben werden wird, etwa wann der Pitch unter den Excecutive Produktionspartnern abgeschlossen sein wird. Thomas Schreiber verwies darauf, dass Iris Bents darüber zu gegebener Zeit informieren würde.

Ich meine ferner herausgehört zu haben, dass es relativ unwahrscheinlich ist, dass sich die Anzahl der fünf Finalisten noch erhöht, aber das ist keine objektive Wahrnehmung. Ebenfalls deutlich wurde aus zwei, drei Nebensätzen von Thomas Schreiber, dass für das deutsche Finale 2018 deutlich mehr Geld in die Hand genommen wird als in den Vorjahren.

Ganz zum Schluss wurde es dann noch einmal dramatisch, weil dann aus dem Forum die Frage kam, was denn passieren würde, „wenn es wieder nicht klappt“. Thomas Schreiber stellte zunächst fest, dass diese „hypothetische Frage“ in Hamburg zum ersten Mal auf der gesamten Roadshow gestellt worden sei und dass er sich „damit noch nicht beschäftigt“ habe.

In der Tat wäre es absurd und falsch, am Anfang eines neuen Weges infrage zu stellen, ob dieser überhaupt erfolgreich ist. Insofern ist die Antwort von Herrn Schreiber die einzig richtige und mögliche. Er führte darüber hinaus aus, dass der intensive Dialog mit den Fans auch Bestandteil des deutschen ESC Restarts und des neuen Konzepts ist: „Ich werbe bei Ihnen auch um Gemeinsamkeit.“

Daraus entwickelte sich der emotionalste Diskussionsmoment des Abends, nämlich ob Deutschland bzw. das deutsche Publikum „anders als alle anderen europäischen Länder“ in Sachen Eurovision „zur Selbstzerfleischung“ neige, wie Werner Kötsch es fourmulierte. Das ist zwar in dieser zugespitzten Form nicht richtig, schließlich ist ein wahrhaftiger ESC-Low-Performer der erfolgreichste deutsche ESC Beitrag aller Zeiten („No No Never„). Und was musste der arme Manel Navarro in diesem Jahr daheim ertragen? Und das schon, bevor er überhaupt nach Kiew aufgebrochen war. Aber insgesamt ist diese von Herrn Kötsch dramatisch aufgeworfene These (übrigens mit nachdrücklich vorgetragenem mehrfachem Verweis auf seine langjährige Europa-Erfahrung) unbedingt eine Vertiefung wert. Was wir tun werden.

Mit dieser Ankündigung schließen wir unsere NDR Roadshow-Reportage-Serie ab, deren Finale in Hamburg wie gesagt deutlich mehr Zuspruch/Besucher verdient hätte. Unabhängig davon, wie man einzelne Aspekte des VE-Neuanfangs bewerten mag, ist die Transparenz, die Hinwendung zur Community, der Blick „behind the scenes“ und der Zeit- und Mitteleinsatz der Verantwortlichen eine Benchmark – auch im europäischen Vergleich. Im Hinblick auf die heute nicht beantworteten Fragen gehen wir davon aus, dass einige davon beim ausverkauften ECG Clubtreffen am 25. November 2017 in Köln beantwortet werden, wo wir ebenfalls für Euch dabei sein werden. Stay tuned.