NDR-Roadshow in Frankfurt: Die Neue Nationale Aufgabe

Mit München und Frankfurt am Main haben ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber, der neue Head of Delegation Christoph Pellander und ihre Mitstreiter bereits zwei Termine der Roadshow zum deutschen Finale absolviert. In Frankfurt haben wir einige interessante Details zur Vorentscheidung 2018, zur Idee hinter dem Konzept und auch spannende Hintergrundinformationen zu den Beiträgen der vergangenen Jahre bekommen.

Zunächst: Es macht sicherlich wenig Sinn, hier nochmal das komplette Konzept und den gesamten Prozess (die natürlich ausführlich vorgestellt wurden) darzustellen. Für diese Details sei hier auf die Presseinformation des NDR sowie unser ausführliches Interview mit Thomas Schreiber verwiesen. Ich werde mich hier stattdessen auf einige Details, die ich bisher nicht kannte oder die mir deutlicher geworden sind, und auf die Stimmung bei der Veranstaltung konzentrieren. (Bessere Bilder folgen nach den anderen Roadshows, wenn Leute vor Ort waren, die Bilder können).

Neben den schon genannten Thomas Schreiber und Christoph Pellander waren heute Werner Klötsch von digame und Daniel Korany von Simon-Kucher & Partners vor Ort im Lesbisch-schwulen Kulturhaus in Frankfurt. Allen Beteiligten war dabei die (Vor-)Freude auf das Projekt Vorentscheidung 2018 anzumerken und der Stellenwert zeigt sich ja auch schon alleine daran, dass diese Roadshow auf die Beine gestellt wurde. Oder wie es ein Fan heute – in Anlehnung an einen von Thomas Schreiber und Stefan Raab geprägten Begriff aus 2010 – ausdrückte: Man bekommt das Gefühl einer „Neuen Nationalen Aufgabe“. Die Roadshow soll nun dabei helfen, auch die Fans auf dieser Reise mitzunehmen.

Ausgangspunkt des jetzigen Vorgehens waren Überlegungen zum europäischen Abstimmungsverhalten. In vielen europäischen Ländern sind zum einen die Votinggebühren sehr viel höher als in Deutschland und zum anderen Televoting nicht so verbreitet. Verbreitet im Sinne von dass es nicht viele Fernsehsendungen gibt, in denen es angewendet wird. Das führt dazu, dass der überwältigende Anteil der Televotingstimmen aus Deutschland, Großbritannien, Skandinavien und den größeren westeuropäischen Ländern kommt. Wer stimmt also in den anderen Ländern überhaupt ab? Junge, partyaffine, tolerante Menschen. Diese gilt es also mit dem nun zu findenden Beitrag anzusprechen.

Nun wählt beim deutschen Vorentscheid aber nicht diese Zielgruppe den Beitrag, sondern das ARD-Publikum. Hier sollen deshalb im kommenden Jahr das aus 100 ausgewählten Deutschen bestehende Europa-Panel und eine internationale Jury aus 20 bis 25 Personen unterstützen – sowohl im vorgeschalteten Auswahlprozess als auch während der Vorentscheidungsshow selbst.

Warum sind nur Deutsche im „Europa-Panel“? Weil das deutsche Televotingergebnis über die vergangenen Jahre fast deckungsgleich mit dem europäischen Zuschauerergebnis war. Wir sind sozusagen repräsentativ für Europa. Das Panel wird sich für die Abstimmungen an vier oder fünf über die Republik verteilten Orten treffen. Im ersten Schritt des Auswahlprozesses (Reduzierung der Kandidaten von 200 auf 20) werden ihnen jeweils 100 40-sekündige Clips gezeigt, die in mehrere „Portionen“ unterteilt werden.

Wichtig war den Beteiligten dabei vor allem herauszustellen, dass besondere Beiträge bevorzugt behandelt werden sollen. Das heißt, dass einige sehr gute Bewertungen mehr ins Gewicht fallen als viele mittelmäßige Bewertungen. So sollen vor allem einzigartige, nicht-stromlinienförmige Künstler ausgewählt werden. Vorgaben über Geschlecht, Alter, usw. der Künstler gibt es übrigens explizit nicht. Außerdem sind Einzelkünstler ebenso gern gesehen wie Duos oder Bands.

Und warum gibt es dann überhaupt noch eine internationale Jury? Nun, weil eben im Ernstfall nicht nur das Publikum, sondern auch die Jurys abstimmen. Und das teilweise ganz anders als die Zuschauer. Als extremes – und mir bislang unbekanntes Beispiel – nannte Thomas Schreiber Roger Cicero, der bei der – damals nicht in das Voting eingerechneten – Back-up-Jury auf Platz 1 gelandet war, beim Publikum aber bekanntermaßen nur auf dem 19. Platz. Der Beitrag muss also Zuschauern und Jurys gefallen und deshalb werden die Jurys schon in den Auswahlprozess einbezogen.

Die Jury kommt allerdings erst zum Einsatz, wenn aus den 20 Künstlern fünf für die Vorentscheidung ausgewählt werden. Das passiert anhand von neuem Videomaterial, das während eines Bootcamps kreiert wird und vor dem Vorentscheid auch öffentlich zu sehen sein soll. Welche fünf Künstler am Ende übrig bleiben, entscheiden Europa-Panel und Internationale Jury dann schließlich jeweils zur Hälfte.

Dieser Prozess soll vor Weihnachten abgeschlossen sein. Es bleiben dann also noch gut zwei Monate, um Songs für die Kandidaten zu suchen, an den bereits vorhandenen Songs zu feilen, Bühnenshows zu entwickeln, usw. Hier begegnete Thomas Schreiber auch explizit den Vorwürfen, der Prozess der Songauswahl käme in dem neuen Konzept zu kurz: Man nehme sich viel Zeit für die Auswahl und die Weiterentwicklung der Songs und spreche mit vielen potenziellen Partnern (Plattenfirmen, Komponisten, …), um diese schon jetzt ins Boot zu holen.

Zur eigentlichen Vorentscheidung gab es auch einige spannende Einblicke. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr sollen die Auftritte möglichst ähnlich dem potenziellen ESC-Auftritt sein. D.h. es dürfen höchstens sechs Personen auf der Bühne stehen und die Bühnenshow soll schon mehr oder weniger abschließend stehen. Auch die Bühne selbst soll das können, was die Bühne in Lissabon später kann. Und: Die Songs sollen wahrscheinlich nicht mehrmals vorgetragen werden, um auch hier möglichst nah am ESC zu sein. Zur Erinnerung: Hätte es dieses Jahr nur einen Durchgang gegeben, wäre Levina mit „Wildfire“ nach Kiew gefahren.

Aktuell läuft ein Pitch für Produktionsfirmen, so dass viele Details der Vorentscheidungsshow tatsächlich noch nicht feststehen. Das Votingverfahren habe man sich aber schon überlegt, bekanntgegeben werden soll es aber noch nicht. Zuschauer, Europa-Panel und internationale Jury werden aber alle in den Abstimmungsprozess involviert sein.

Eine der letzten Fragen ging dann an Christoph Pellander und beschäftigte sich mit der Promo für den deutschen Beitrag 2018. Ihm ist es wichtig, dass die Auswahl des deutschen Beitrags in der Vorentscheidung schon eine positive Geschichte erzählt, der Song hierzulande ein Hit wird und diese Stimmung dann einen Schub für den ESC gibt. Auch eine Teilnahme an den Fanevents im Vorfeld von Lissabon hat die deutsche Delegation angepeilt, wobei das natürlich auch noch von den Künstlern abhängig ist.

Die Roadshow-Station in Frankfurt war eine wirklich informative Veranstaltung, die den doch sehr komplexen Auswahlprozess relativ anschaulich und gut verständlich dargestellt hat. Ich glaube, dass dieses Veranstaltungsformat wirklich gut geeignet ist, die Fans „mitzunehmen“ und auch Vorfreude auf die deutsche Vorentscheidung zu entfachen. Mir jedenfalls ist einiges klarer geworden und ich bin gespannt, was am Ende dieses Marathons steht. Es gab viel Zeit für Fragen aus dem Publikum und wer von euch die Gelegenheit hat, sollte bei den Roadshow-Events am 10.11. in Berlin oder am 13.11. in Hamburg vorbeischauen. Gehen wir die Neue Nationale Aufgabe an!