Nun offiziell: Yiánna Terzí tritt beim ESC mit sphärischem Traumlied für Hellas an

Noch gestern Nacht herrschte völlige Unklarheit, was denn nun aus der griechischen Vorauswahl für Lissabon werden würde. Nun hat wohl der schnöde Mammon entschieden: Eine Zahlung von 20.000€ sicherte offenbar dem Plattenlabel PANIΚ ENTERTAINMENT GROUP und seinem Schützling Yiánna Terzí die Teilnahme am ESC 2018 mit dem Lied „Oniro mou“ (Mein Traum). Ob sie sich diesen Ausgang in ihren kühnsten Träumen jemals so ausgemalt hat?

Mit hohen künstlerischen Ansprüchen war der griechische Staatssender ERT im letzten Herbst zur Auswahl eines geeigneten Songs aufgebrochen. Beflügelt von Salvadors Triumph über den Plastikpop des Kontinents und vielleicht auch etwas müde vom eigenen seelenlosen Ethnogequirl vergangener Jahre suchte man ausschließlich Lieder in griechischer Sprache und heimischer Klangfarbe. Und ging sogar soweit, zwei der fünf durch eine selbst eingesetzte Künstler-Jury ausgewählte Finalbeiträge postwendend zu disqualifizieren, weil sie zwar auf Griechisch gesungen wurden, aber nicht hellenisch genug klangen.

Auf der Strecke blieben somit Duo Fina – ein Zwillingspaar von Tenören, die recht erfolgreich mit humoristischen Auftritten in Griechenland unterwegs sind, und über Youtube angeblich sogar in Fernost eine gewisse Bekanntheit erlangt haben. In der Kritik waren die beiden allerdings auch gekommen, weil sie bereits in Moderationsdiensten der ERT gestanden haben. Ihr selbstgeschriebener Song „Idio tempo“ (Gleiches Tempo) erfüllte also nicht die Kriterien. So erging es auch Tóny Vláchos, einem minder erfolgreichen „The Voice of Greece“-Spross, der mit „Baila Jazz“ auf der Kandidatenliste gestanden hatte. Nix mit Jazztanz in Lissabon.

Die übrigen Drei wurden dann einige Wochen durch alle möglichen TV-Shows geschleust, gaben zahllose Interviews und überraschten als Vertreter traditioneller Musik immer wieder mit dem Umstand, auf besagter Liste zu stehen.

Vor allem Aretí Ketimé – eine weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte 28jährige Sängerin der heimischen Folklore-Musik (Dimotikí Mousikí), die in Griechenland sehr populär ist und dem seriösen Fach zuzurechnen ist. Aretís Markenzeichen ist die Santur (ein mit Holzschlägeln gespieltes Saiteninstrument). Bekannt wurde Aretí, als sie mit 15 Jahren bei der Eröffnungs- und Schlussfeier der Olympischen Spiele 2004 auftrat. Für ihren VE-Beitrag wäre sie auch mit Santur aufgetreten, und hätte von einem Chor begleitet auf Griechisch gesungen. Das hätte beim ESC ein sehr untypischer und besonderer Moment werden können.

Ausserdem im Rennen war die Gruppe Horostalítes – ein Sextett um Leadsängerin Ritsa, das sich ebenfalls der traditionellen Musik verschrieben hat. Es gibt sie seit vier Jahren. Der Name leitet sich von einem – nur regional gebräuchlichen – Verb ab, das soviel bedeutet wie „unentwegt den ganzen Abend tanzen“ (na, das machen wir im Euroclub ja auch alle, oder?). Sie erinnern aus eurovisionärer Sicht eigentlich direkt an die Band ARGO, die 2016 in Stockholm für den ersten verpassten Finaleinzug der Griechen gesorgt hatte, passten aber prima in das Konzept der ERT für den ESC 2018.

Ihr Liedtitel umspannt letztlich das Heimatland geographisch und bedeutet nichts anderes als „Von Thrakien bis nach Kreta“. Die Gruppe selbst beschreibt es als sehr back to the roots und als eher untypisch für den Contest. Sie wollten im Auftritt dem Zuschauer all das zeigen, was Hellas ausmacht. Und ebendas gefällt ihnen auch an vergangenen ESC-Beiträgen – zum Beispiel „Lane moje“ von Zeljko oder auch die russischen Babushki wegen ihrer bunten Trachten.

Die Dritte im Bunde war Yiánna Terzí (Γιάννα Τερζή), die 37jährige Tochter von Paschális Terzís, einem der beliebtesten Sänger Griechenlands der letzten Jahrzehnte. Yiánna hatte vor etwa 10 Jahren eine Musikkarriere gestartet, war aber nach dem zweiten Album in die USA gezogen, wo sie 9 Jahre blieb und mit Größen wie Meghan Trainor oder Chris Brown im Studio gearbeitet hat. Sie ist Fan der ESC-Beiträge von Kristian Kostov und Blanche, und erinnert sich auch gern an „Nocturne“ von Secret Garden aus dem Jahr 1995 (das sie übrigens beim griechischen Vorentscheid 2009 auf Englisch im Interval Act sang!).

Nach tagelangen Verhandlungen war die ERT mit den drei Plattenfirmen übereingekommen, dass gegen eine Garantiezahlung von jeweils 20.000€ (ursprünglich sollten es 90.000€ sein) und der fristgerechten Unterzeichnung einer entsprechenden Vereinbarung bis zum 15. Februar ein Vorentscheid am 22. Februar auf die Beine gestellt werden würde, um den Sieger zu ermitteln. In einem Statement am heutigen Freitag erklärte die ERT jedoch, lediglich das Label von Yiánna sei den Verpflichtungen pünktlich nachgekommen, und würde damit zum Zuge kommen, was einen Vorentscheid hinfällig mache. Vier von fünf Finalisten sind damit über einen Zeitraum von drei Monaten praktisch disqualifiziert worden – wann gab es das schon mal?

Ob sich das alles genau so simpel abgespielt hat hinter den Kulissen – man möchte es kaum glauben. Öffentliche Statements von Aretí Ketimé und Horostalítes gestern Abend in den Social Media lassen zumindest große Zweifel daran aufkommen. Sei’s drum, der Vorentscheid ist jedenfalls abgesagt.

 

Der Song

Yiánna Terzí hat den Titel „Oniro mou“ (Mein Traum) selbst komponiert und mit Aris Kaliméris getextet. Die Produktion stammt von Dimítris Stamatíou und Mihális Papathanasíou.

Schön, dass ausschließlich wieder auf Griechisch gesungen wird. Der Song ist sphärisch, mit Flötenklängen und Trommelwirbeln, mit hallenden Stimmen choralhaft aufgesetzt. In einem Interview beschreibt sie ihn selbst als orchestralen Soundtrack, atmosphärisch und berührend. Das Stück habe traditionelle Elemente, die aber „eher in europäischer Weise gesungen“ werden. Angesprochen auf Ideen zur Inszenierung meinte sie, es komme ganz ohne große Effekte und Choreographien aus. Sie könne sich das gut mit einem einzelnen Tänzer vorstellen.

Im Text geht es um die vollständige Aufgabe des eigenen Ich im Beisein des Angebeteten.

Wie willst Du, dass ich es Dir sage?
Dass ich für dich sterben würde,
mein Leben würde ich für Dich geben.
Ende und Anfang – alles bist Du.

Wie sehr es mich auch schmerzt,
ich würde Dich nie von der Landkarte streichen,
mein Leben würde ich für Dich geben.
Ende und Anfang – alles bist Du.

 

Was will man mehr? Nun, vielleicht, dass ganz schnell Gras über die unrühmlichen Geschehnisse der letzten Tage wächst, und bald keiner mehr nach den Umständen der Geburt dieses ESC-Beitrags fragt. Und dass die Griechen mit einer vermutlich sehr stimmungsvollen Inszenierung dieses traumhaften Beitrags wieder in der oberen Hälfte des Finaltableaus landen werden. Vielleicht ist das ja auch Yiánnas Traum, nach dem ganzen Hin und Her der letzten Tage. Wer weiß.

 

Griechenland 2018: Yiánna Terzí – Oniro mou (Ονειρό μου)

 

Yiánna Terzí hat eine eigene Website und ist bei facebook, Instagram und Twitter.

 

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