Offizielle Deutsche Charts: Nur fünf ESC-Songs in den Top 100 – Blanche mit Potenzial

Alljährlich folgt nach dem ESC ein Blick in die offiziellen Single-Charts: Wie platziert sich der „Herz statt Kommerz“ ESC-Sieger Salvador Sobral aus Portugal? Wie erfolgreich ist Levina in den deutschen Charts und welche anderen ESC-Teilnehmer schaffen den Sprung in die Top 100?

Die Offiziellen Deutschen Charts werden von GfK Entertainment im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie e.V. ermittelt. Sie decken 90 Prozent aller Musikverkäufe ab und sind das zentrale Erfolgsbarometer. In der aktuellen Top 100 finden sich auch fünf ESC Titel unter den Neueinsteigern:

Platz 38: Blanche – City Lights
Platz 43: Salvador Sobral – Amar pelos dois
Platz 52: Sunstroke Project – Hey Mamma
Platz 88: Levina – Perfect Life (Re-Entry)
Platz 93: Ilinca feat. Alex Florea – Yodel it

Damit bleiben Lena und Loreen die beiden einzigen ESC-Sieger in diesem Jahrtausend, die den Sprung an die Charts-Spitze geschafft haben. Um die Platzierungen des Jahrgangs 2017 einzuordnen werfen wir einen Blick in die Vergangenheit:

2016 gab es nach dem ESC in Stockholm drei Neueinstige in die Top 100: Frans (Foto oben) mit „If I were sorry“ auf der 12, Dami Im mit „Sound of Silence“ auf 57 und Amir mit „J’ai cherché“ auf 80. Siegerin Jamala verfehlte die Top 100 gänzlich und Jamie-Lee verbesserte sich damals von 78 auf 23. Der deutsche Televoting-Sieger Sergey Lazarev verfehlte ebenso die Charts wie der Jury-Sieger Hovi Star aus Israel.

2015 gab es nach dem Song Contest Finale in Wien insgesamt 10 ESC Titel in den Top 100: Sieger Mans Zelmerlöw (Foto oben) katapultierte sich mit „Heroes“ direkt auf den Bronzerang 3. Außerdem platzierten sich: Loic Nottet auf 21, Guy Sebastian auf 44, Nadav Guedj auf 45, Polina Gagarina auf 46, Aminata auf 51 (Jurysieger Deutschland), Il Volo (Televotingsieger Deutschland) auf 54, Elina Born & Stig Rästa auf 71 und Morland & Debrah Scarlett auf 92. Deutschlands ESC Hoffnung Ann Sophie wurde in Wien zwar Letzte, aber schaffte es in den Charts immerhin nochmal rauf auf Platz 26.

2014 gab es nach dem ESC in Kopenhagen sogar 14 ESC Titel in den Top 100: Die ESC Zweitplatzierten Common Linnets (Foto oben) landeten auf Platz 3, ESC-Siegerin Conchita auf Platz 5. Erstmals in diesem Jahrtausend enterten somit die zwei Erstplatzierten des ESC auch gemeinsam die Top 5 der deutschen Single-Charts.

Im Jahrzehnte-Vergleich nimmt die Relevanz des ESC in den deutschen Single-Charts etwas zu: In den gesamten 1990er Jahren schafften es nur 13 ESC-Titel in die Charts. Seit den 2000er Jahren sind fast regelmäßig zumindest ein paar Titel platziert. 2014 mit 14 Titeln war dabei das letzte positiv herausragende Jahr. Ein trauriges Phänomen zieht sich durch die Charts-Historie aber wie ein roter Faden: bei vielen Songs kommt bereits in der Folgewoche nach dem Charts-Einstieg wieder der Absturz.

 

Fazit für den Jahrgang 2017:

Salvador Sobral polarisiert mit seinen Äußerungen genauso wie mit seiner Musik. Dass es sein Jazz-Chanson „Amar pelos dois“ in den Charts schwer haben wird, war erwartet worden. Im Gegensatz zu Vorjahres-Siegerin Jamala hat er es aber immerhin in die Top 100 geschafft. Auch international hat er in über 20 Ländern den Charts-Einstieg geschafft. Besonders erfolgreich ist er natürlich in Portugal, aber auch in Litauen und Estland sowie der Ukraine und im Nachbarland Spanien.

Portugal – Salvador Sobral

City Lights“ von Blanche aus Belgien deutete bereits in der Probenwoche in Kiew das Potenzial an, der kommerziell erfolgreichste ESC Track des Jahrgangs zu werden. Platz 38 in Deutschland ist bisher allerdings eine magere Ausbeute. Es gibt aber einen Funken Hoffnung. Seit dem Grand Final des ESC lagen Salvador Sobral und Blanche bei den Downloads immer sehr nahe beieinander. Seit ein paar Tagen fällt Salvador in Deutschland wie ein Stein während Blanche dem Abwärtstrend trotzt (aktuell Platz 29 iTunes Charts Deutschland). Sollte bei Blanche jetzt noch Radio Airplay einsetzen schafft sie vielleicht die Trendwende.

Belgien – Blanche

Das in Deutschland auf Platz 52 eingestiegene „Hey Mamma“ ist auch international gesehen bei den Downloads der dritterfolgreichste ESC Titel des Jahrgangs. Sunstroke Project aus Moldawien sind somit die ESC Überraschung des Jahrgangs und wurden im Vorfeld am meisten unterschätzt – sowohl bei den Buchmachern, als auch bei den Fans z.B. im OGAE Voting.

Moldawien – Sunstroke Project

Gerne hätte ich zum Schluss noch etwas Positives zu Levina und der Chart-Performance von Deutschlands ESC-Beitrag „Perfect Life“ geschrieben. Immerhin rückte der Song kurz nach der Veröffentlichung bis an die Spitze der deutschen iTunes-Charts vor. In den offiziellen Single-Charts stieg das Lied jedoch lediglich auf Platz 28 ein und fiel schon nach einer Woche wieder hinaus. Die Platzierung war außerdem die schlechteste Charts-Performace eines deutschen ESC-Beitrags seit 2003, als Lou mit „Let’s Get Happy“ die Top 100 verpasste – da hilft auch der Re-Entry auf Platz 88 in der aktuellen Chart-Woche wenig. Auch international konnte sich „Perfect Life“ nirgends in den Top 100 platzieren. In Summe ein eindeutiges Indiz dafür, dass der Song leider zu schwach war.

Deutschland – Levina

Blicken wir auf das deutsche ESC Televoting-Ergebnis 2017
(1. Portugal, 2. Belgien, 3. Kroatien, 4. Modawien, 5. Rumänien). Erfreulicherweise fällt auf, dass sich vier der fünf Televoting-Favoriten in den Charts platzieren konnten.

Zum Vergleich nun das deutsche ESC Juryvoting-Ergebnis 2017
(1. Norwegen, 2. Portugal, 3. Bulgarien, 4. Niederlande, 5. Großbritannien). Hier fällt auf, dass die Jury-Favoriten JOWST aus Norwegen (Foto unten) kommerziell in Deutschland leider keine Relevanz haben. Nur ein Titel aus den Top 5 des Juryvotings schaffte es in die Top 100.

Zum Abschluss noch ein Blick in die internationalen iTunes-Charts der Top 5 ESC-Songs vom 20.05.2017 (Quelle ESCTracker):