Plagiate, Pech & Politik – die verhinderten Songs des Eurovision Song Contest (2)

PRINZ präsentiert ESC-Songs, die nie auf der Bühne des Eurovision Song Contest erklangen. Weil etwas dazwischen kam. Die Gründe reichen von Disqualifikation aufgrund von Regelverletzungen, ominösen Extra-Auscheidungsrunden, politischen Eingriffen bis hin zu äußerst skurrilen Begebenheiten. Hier ist Teil 2 unserer Serie über verhinderte ESC-Songs.

Wir stellen die Unglücksraben, die häufig (aber nicht immer) völlig schuldlos an ihrer vorzeitigen Disqualifikation waren in einer bunten Mischung über sechs Jahrzehnte Eurovision Song Contest vor. Teil 1 mit den ersten sieben Songs findet sich hier.

8. Verhindertes Debüt

Der Rückzug des Libanon aus dem ESC 2005 machte weltweit Schlagzeilen. Was war passiert? Eine junge ehrgeizige Sängerin aus dem Zedernstaat wollte mittels des ESC europaweit bekannt werden. Da traf es sich gut, dass der staatliche Sender Télé Liban bereits seit 1951 Mitglied der EBU und somit teilnahmeberechtigt war. Der Sender (in dem meist nur religiöse Sendungen laufen) wurde überzeugt und Libanon fand sich als zweites arabisches Land nach Marokko 1980 auf einer Teilnahmeliste. Doch dann fiel der EBU auf, dass Télé Liban auf seiner Website alle aktuellen Beiträge aufgeführt hatte bis auf den israelischen. Eine Garantie, den Titel des Nachbarlandes auszustrahlen, wollte der libanesische Sender bei der angespannten politischen Lage nicht abgeben – im Libanon dürfen zudem per Gesetz keine israelischen Programme ausgestrahlt werden. Und so blieb nur der (extrem späte) Rückzug samt Strafzahlung und einem 3-Jahres-Bann. Schade, denn der Titel von Aline Lahoud in französischer Sprache ist durchaus hörenswert und hätte im Halbfinale in Kiew durchaus reüssieren können.

Libanon 2005: Aline Lahoud – Quand tout s’enfuit


9. TV-Direktor sagt nein

Gelegentlich ereignen sich Vorentscheidungsdramen, die glaubt man nicht: Die Ukraine lieferte 2010 ein schönes Beispiel dafür. Zunächst wurde der bullige Vasyl Lazarovich mit dem klebrigen „I love you“ direkt vom TV-Sender NTU für den ESC nominiert. Doch noch vor der Deadline zur Einreichung der Songs bei der EBU gab es einen Regierungswechsel in Kiev und demzufolge auch einen Wechsel an der Spitze des Senders. Der neue TV-Direktor wollte von Vasyl nichts mehr wissen und setzte nur wenige Tage vor Meldeschluss eine TV-Vorausscheidung an. In dieser aus dem Boden gestampften Show durfte Vasyl zwar noch mitsingen, es gewann aber Alyosha. Dies sollte aber nicht der letzte Schluss sein, nach Oslo fuhr letztlich ein ganz anderer Titel, als der von den Zuschauern gewählte (Alyoshas vermeintlicher ESC-Song wird in der übernächsten Folge vorgestellt).

Ukraine 2010: Vasyl Lazarovich –  I love you

 

10. (K)alter Kaffee

Ob Yardena Arazi immer noch sauer ist? Der Israelin wurde vor ihrem Auftritt 1988 beim ESC in Dublin mit „Ben-Adam“ von einer Wahrsagerin prognostiziert, das Lied mit der Startnummer 9 werde gewinnen. Toll, dachte sich Yardena, das ist meine Nummer! Doch dann wurde das auf Startplatz 2 geloste Zypern wenige Wochen vor der Show disqualifiziert. „Thimame“ war nämlich bereits mehrere Jahre alt und bei einem früheren zypriotischen Finale gelaufen. Zypern wurde so spät nicht mehr erlaubt, einen Ersatz zu senden und so rutschte Yardena auf Startplatz 8 vor – und wurde Siebte. Die Wahrsagerin sollte übrigens recht behalten, die neue Startnummer 9 ging an Céline Dion, die für die Schweiz den ESC gewinnen sollte.

Zypern 1988: Yiannis Dimitriou – Thimame

 

11. Ohnmächtiger Ausfall

Wir schreiben das Jahr 1990 als es live in der österreichischen Vorentscheidung zu einem kräftigen Bums kommt. Monika Sutter, Sängerin des Duetts „Duett“ verliert nach der ersten Strophe plötzlich das Bewusstsein und fällt wie ein Stein zu Boden. Es passiert – erst einmal nichts, das Backing Tape läuft, ihr Partner spielt weiter Klavier und die Kamera hält auf die reglos am Boden liegende Sängerin. Dann aufgeregte Rufe und eine verstörte ins Bild geschobene Moderatorin erzählt etwas von Ohnmacht und dass es ja auch kein Wunder sei, weil die Moni ja so nervös gewesen sei und sie ja auch extra für die Sendung 20 Kilo abgenommen habe… Duett dürfen nach diesem Knalleffekt nochmal starten und gewinnen. Doch dann stellt sich heraus, dass „Das Beste“ bereits 3 Jahre zuvor in Deutschland in einem Radio-Halbfinale einer Vorentscheidung stand. Disqualifikation, nach Zagreb fährt folglich die Zweitplatzierte Simone mit „Keine Mauern mehr“ (und wird dort Zehnte). Wir haben hier beide Versionen – Teil 1 mit dem Sutter’schen Sturz (oder dem Fall der Moni) und Teil 2 mit dem Neustart gefunden.

Österreich 1990: Duett – Das Beste (1. Versuch)

Österreich 1990: Duett – Das Beste (2. Versuch, diesmal klappts)


12. Manipulative Oligarchengattin

Seitdem die Titel mitunter Monate vor dem Contest ausgewählt werden und durch die elektronischen Medien rasch Verbreitung finden, ist vor allem im wilden Eurovisionsosten ein relativ neues Phänomen zu beobachten: Wenn das ausgewählte Lied mit miesen Kritiken nur so überzogen wird, wird es einfach nochmal geändert. Weißrussland hat dieses Verfahren bereits mehrfach angewendet. Zum ersten Mal 2005, als Oligarchengattin Angelica in allen Vor-ESC-Rankings mit dem in der VE erfolgreichen „Boys and girls“ ganz zuunterst rangierte. Mittels eines griechischen Erfolgskomponisten ließ sie sich eine campe Kostümorgie auf den wohlgeformten Leib schneidern. „Love me tonight“ ging dann in Kiew aber dennoch gründlich daneben, weil Madame keinen Ton traf. Wir sind uns sicher: mit dem ursprünglich vorgesehenen Fiasko wäre es kaum besser gelaufen.

Weißrussland 2005: Angelica Agurbash – Boys and girls (bessere Qualität, aber ohne Bild hier)

 

13. Kein Schlafwagen am Gedenktag

Verkehrs(mittel)lieder waren in den 80ern populär. Griechenland hatte in den Juryzeiten noch nicht zu seiner in der letzten Dekade bestechenden ESC-Form gefunden, obwohl man immer wieder neben traditionellen Hellas-Schlagern auch flotte Popmusik zum ESC entsendete. Polinas Schlafwagen fuhr 1986 aber nicht nach Bergen, sondern blieb im Depot der griechischen Staatsbahnen, weil der ESC-Termin am 3. Mai auf den Tag vor dem orthodoxen Osterfest fiel. Allerdings gab es damals auch Gerüchte um politische Probleme. Das griechische TV verzichtete jedenfalls kurzfristig und wir fragen uns, ob Polinas flotte Zug-Nummer, die mit Startnummer 18 an den Start gegangen wäre, der Belgierin Sandra Kim den Sieg hätte streitig machen können (Antwort: Wohl kaum, Top 10 wären aber sicher drin gewesen).

Griechenland 1986: Polina – Wagon-Lit

 

14. Gefeuert wegen eklatanter Textschwächen

Und zum Abschluss dieser Staffel noch ein – pardon – alter Schinken. Siw Malmkwist gewann das Melodifestivalen vor 51 Jahren, konnte sich jedoch bei der Wiederholung des Titels nach dem Sieg nicht mehr an den Text erinnern und pfiff sich stattdessen kichernd und gutgelaunt durch die Melodie. Sowas sollte in Cannes natürlich keinesfalls passieren und so wurde Siw, die ein Jahr zuvor schon mit „Alla andra får varandra“ für Schweden im Einsatz war (Platz 10) durch Lill Babs ersetzt – der Titel blieb erhalten. Streng genommen kam es in den Anfangsjahren des Mello allerdings häufig vor, dass Sänger getauscht wurden – das Lied stand im Mittelpunkt, es wurde in zwei Fassungen von zwei verschiedenen Interpreten vorgetragen. Also kein ganz lupenrein verhinderter ESC-Song, aber trotzdem ganz putzig. Und die pfiffige Siw sollte 8 Jahre später ja noch eine weitere ESC-Chance für Deutschland mit „Primaballerina“ in Madrid erhalten.

Schweden 1961: Siw Malmkwist – April April

 

In der nächsten FolgeDer Osten muss (noch) draußen bleiben – ein Special zur Osteuropa-Vorrunde des Jahres 1993.

zu allen Teilen der Serie über verhinderte ESC-Songs:

> Teil 1 mit BLR 10, FRA 74, GER 99, GEO 09, ISR 80, NOR 68, SRB 06
> Teil 2 mit AUT 90, BLR 05, CYP 88, GRE 86, LIB 05, SWE 61, UKR 10(1)
> Teil 3 (Special) mit der Ost-Vorrunde 1993: EST 93, HUN 93, ROM 93, SVK 93
> Teil 4 mit BIH 99, FRA 06, GRE 97, HUN 09 (1), ISR 84, ITA 67, UKR 10 (2), YUG 85
> Teil 5 mit BLR 12,  FRA 04, GER 76, GRE 82, HUN 09(2), ITA 12, POR 70, UKR 05
> Teil 6 (Special) mit der Audio-Vorrunde 1996: DEN 96, GER 96, HUN 96, ISR 96, MAZ 96, ROM 96, RUS 96
> Teil 7 mit BLR 11, ESP 68, LIE, 76, LTU 02, RSM 12, SUI 92, SWE 87, TUR 79
> Teil 8 mit ALB 03, BUL 05, DEN 62, ITA 98, MAZ 01, NED 95, POR 00, YUG 80
> Teil 9 mit MLT 76, Statistik, Register und den TopTen der Blogger

zum ersten Teil der Serie über verhinderte ESC-Songs:

 > Teil 1 mit BLR 10, FRA 74, GER 99, GEO 09, ISR 80, NOR 68, SRB 06