Porträt Conchita 4711: „So viel mehr als nur Gesang und Wurst“

Conchita 4711 am Rhein

Drehen wir mal kurz das Rad der Zeit zurück zum 13. März 2014: Nach dem Sieg von Elaiza in der LanXess-Arena pilgern Fans ins Kölner Bermudadreieck und landen im EXILE, wo die offizielle Fanclub-After-Show Party steigt. An der Bar: Conchita! „Ist sie die Echte?“ fragen sich einige. Das Kölner Double schaut ihrem Vorbild aus Österreich nämlich verdammt ähnlich. Und hat seither einen großen Bekanntheitsgrad erlangt. Wir haben mal nachgefragt: „Was hast Du bisher denn alles erlebt, Conchita 4711?“

Mit Fotos von Greenshoot, Yulia Reznikova, Stefan Kraushaar und Perez Guerrero.

Sie sieht ihrem Vorbild täuschend ähnlich. Und obwohl sie schon seit einigen Jahren immer mal wieder zum Spaß als „Frau mit Bart“ unterwegs ist, hörte sie erst im letzten Winter von Conchita Wurst – als ein WDR-Reporter sie fälschlicherweise für das österreichische Original hielt. Doch im Gegensatz zu anderen Wurst-Imitatoren singt die kölsche Conchita nicht nur deren Lieder, sondern engagiert sich auch politisch.

Im Frühsommer legt sie Rosen vor die verschlossenen Tore des Kölner Doms, dazu eine türkische und eine russische Nationalflagge. In Kopenhagen tritt sie in Burka auf die Bühne und ruft zu Demokratie in den politisch schwierigen Regionen der Welt auf. Und ist eigentlich ein ganz normaler Kölner, der sich ab und an in Conchita verwandelt und die Menschen zum Nachdenken bewegen will, ohne daraus Profit zu schlagen. Das hat uns neugierig gemacht.

Conchita 4711

PRINZ-Blog: Conchita, wir haben Dich vor einem halben Jahr auf der After-Show-Party nach dem deutschen Vorentscheid im EXILE kennengelernt. Seitdem ist eine Menge passiert. Was denkst Du, wenn Du auf diesen Sommer zurückschaust?

Conchita: Es war ein echt schöner politischer Sommer. Ich habe sehr, sehr viele positive Erfahrungen sammeln können und habe durch mein Auftreten viel erreicht.

PRINZ-Blog: Wie hast Du den großen Sieg von Conchita Wurst im Mai erlebt?

Conchita: Ich war als Conchita mitten im Geschehen. Ich hatte ja schon vor dem ESC angefangen, Conchita zu doublen, somit war ich zum ESC selbstverständlich als Conchita unterwegs und habe im Kölner Bermudadreieck in den sieben Bars dafür geworben, für Conchita – also für Österreich – anzurufen. Als Gegenleistung durften die Fans dann mit mir ein Foto machen. Und dann habe ich anschließend ihre Lieder „That’s what I am“ und „Rise like a Phoenix“ auf einer Bühne in der IxBar präsentiert. Die Stimmung war phänomenal! Alle waren sooo happy, dass sie gewonnen hat, es war einfach toll!

PRINZ-Blog: Und wann sind die Medien auf Dich aufmerksam geworden? Bereits vor dem ESC-Finale?

Conchita: Ich wurde ja auf dem Weihnachtsmarkt 2013 in Köln von einem WDR-Reporter entdeckt, als ich als ‚Frau mit Bart‘ Flyer verteilte. Aber nach dem ESC ging es eigentlich Schlag auf Schlag. Wir haben auch in der ersten Woche unser YouTube-Solidaritätsvideo „Silent Protest“ gedreht, da waren direkt mehrere TV Produktionen, Zeitungen und Radiosender vor Ort, da wir auf der Domplatte in Köln einen Massenauflauf verursacht hatten.

Conchita 4711 beim Rainbow Flash
PRINZ-Blog: Bei welchen Sendern oder Plattformen bist Du die letzten Monate im Programm aufgetaucht?

Conchita: Also ich hatte direkt in der ersten Woche mehrere Anfragen für TV-Auftritte. Berichtet über mich haben WDR, Phoenix und RTL. Nennenswert sind eigentlich das Interview beim WDR und der Auftritt bei Kaya Yanar bei RTL. Einige Auftritte wie z.B. bei RLT West, ZDF Fernsehgarten, VOX Mieten Kaufen Wohnen, Das Supertalent etc. sind nicht zustande gekommen, da es entweder zeitlich nicht klappte oder das Format nicht der Vorstellung der Conchita 4711 entsprach. Diese Auftritte hatten leider keinen politischen Background, daher wollte ich da nicht hingehen. Aber durch meine politischen Aktivitäten, die ich als Conchita 4711 betreibe, wurde in mehreren Printmedien berichtet, sei es in der Rheinischen Post, Express, Bild etc., und da ich auf der türkischen Demonstration in Köln für Demokratie und Menschenrechte warb, auch in mehreren türkischen Medien.

Bericht über die kölsche Conchita bei WDR Lokalzeit

PRINZ-Blog: Du bist als Conchita-Wurst-Double unterwegs, weil Du ihre Botschaft weiterverbreiten möchtest. Was ist für Dich besonders wichtig und in welcher Form machst Du das?

Conchita: Ich finde es nicht erstrebenswert, einen Star für seine eigene Karriere oder für Geld zu doublen. Aber ich einigte mich mit meinem Manager dazu, dass wir das Doublen für einen guten Zweck nutzen. Denn mir ist es besonders wichtig, die Botschaft und Ideologie der Conchita Wurst von Demokratie, Toleranz und Achtung der Menschenrechte auf meine Weise zu unterstützen und mit eigenen gesellschaftspolitischen Aussagen zu erweitern. Ich will keineswegs Conchita Wurst in einem ’schlechten Licht‘ dastehen lassen, sondern im Gegenteil – ich will Toleranz und Sympathie zur Person und Ideologie der Conchita Wurst schaffen und auf meine kölsche Art und Weise weiter in der Gesellschaft verbreiten.

Conchita 4711 beim CTC
Denn mit einer Conchita zum Anfassen, die ganz normal ist – ich bin ja weder DragQueen noch transsexuell, sondern ein normaler Kerl -, kann ich leichter Sympathien aufbauen in dem Teil der Bevölkerung, der eher kritisch mit „anders lebenden Menschen“ umgeht. Ein Beispiel ist: Ich mache Fotos mit türkischen Jugendlichen oder kopftuchtragenden Frauen. Hierbei bin ich sehr freundlich und scherze mit denen rum, das gefällt denen, diese sagen dann wie cool und locker und „normal“ ich ja drauf bin. Diese Menschen haben dann eine positive Erinnerung an die Begegnung mit einer Frau mit Bart. So schaffen wir Toleranz in kleinen, aber sehr wichtigen Schritten, wie ich finde. Und machen gleichzeitig Werbung für Conchita Wurst und ihre Ideologie.

PRINZ-Blog: Hast Du auch gleichzeitig eine eigene Message, die Du rüberbringen willst?

Conchita: Selbstverständlich, aber so eigen ist die gar nicht! Ich will einfach der Welt da draußen zeigen, dass alles nur eine Fassade ist, und es wurst ist, was ich anhabe oder wie ich aussehe. Wichtig ist, was in einem steckt, und dass man sich nicht von einer Fassade blenden lassen soll.

Conchita 4711 beim CSD Kopenhagen Conchita 4711 in Barcelona
PRINZ-Blog: Wie fing diese Geschichte mit Conchita eigentlich an für Dich? Als wir Dich trafen, war sie zwar als österreichische Vertreterin benannt, aber ihr Song noch nicht veröffentlicht. Wie hast Du von ihr erfahren?

Conchita: Es war wirklich Zufall. Ich habe schon immer Bart getragen, wenn ich mich Karneval aus Spaß verkleidet habe. Und zum Weihnachtsmarkt bei einer Flyer-Verteilaktion wurde ich angesprochen von einem Reporter, der mich für Conchita Wurst hielt. So fing eigentlich alles an. Ich kann da auch nix für, dass die gute Frau Wurst wirklich genauso aussieht wie ich, wenn ich eine Perücke aufsetze….

Conchita 4711 bei einem Auftritt Conchita 4711 auf der SEXY
PRINZ-Blog: Wie und wann entstand der Name Conchita 4711?

Conchita: Der Name Conchita 4711 entstand quasi über Nacht und hat mehrere Hintergründe. Einerseits sehe ich mich ‚als eine Nummer in der Gesellschaft‘ und ich bin ‚wahrscheinlich das 4.711te Conchita-Double‘. Zweitens ist mir meine Familie sehr wichtig – ich habe 4 Geschwister, eigentlich wären es 7 (3 sind leider im Kindesalter gestorben) und ich probiere gleichzeitig im Leben als Frau sowie aber auch als Mann jeweils die Nummer 1 zu sein, und alles zu geben, um unsere Gesellschaft ein Stück weit positiver zu gestalten. Andererseits verweist die Zahl als Sinnbild für Eau de Cologne natürlich auch auf meine Heimatstadt.

PRINZ-Blog: Wie definierst Du Dich jetzt genau? Bist Du eine DragQueen, die der Welt etwas zu sagen hat? Oder siehst Du Dich lediglich als Unterstützerin der „echten“ Conchita?

Conchita: Ich sehe mich gar nicht als DragQueen. Ich bin sowas von typisch türkisch, männlich, behaart unter dem Kleid, und sowas von typisch Mann. Ich musste alles lernen, wie z.B. auf Absatzschuhen zu laufen. Ich werde geschminkt und eingekleidet… ich lerne halt mit der Zeit immer mehr dazu. Ich bin ein normaler Typ, der einfach in einer Rolle für die gute Sache und für den Spaß steckt! Ich sage in Interviews immer: „Ich bin nicht Olivia Jones, sondern Hape Kerkeling in der Rolle der Conchita.“

Conchita 4711 mit Kindern
PRINZ-Blog: Wie hat Dein Terminplan ausgesehen seit dem ESC? Bist Du viel auf CSDs aufgetreten? Oder hast Du auch andere Projekte verfolgt?

Conchita: Der Terminplan war natürlich erstmal sehr voll. Jedes Wochenende war ich unterwegs. Ich war auf etlichen CSDs (Düsseldorf, Köln, Essen, Koblenz, Mannheim, Frankfurt, Kopenhagen) und auf etlichen Partys / Clubs (SEXY CGN Köln, PRIDE & PAN Kopenhagen, Gibson Club Frankfurt, Connexion Mannheim) und auch viel im Ausland wie z.B. Spanien (Barcelona), Frankreich (Dijon) und Dänemark (Kopenhagen).

Conchita 4711 mit Elfi
Aber gleichzeitig war ich auf vielen politischen Veranstaltungen (Knuddel Award, RainbowFlash, Come Together Cup, Türkische Demo etc.) ehrenamtlich. Ich mache sehr viel ehrenamtlich. Ich unterstütze Vereine und Organisationen, die für Demokratie, Toleranz und Integration werben, wie ich nur kann. Hierbei werden sozusagen die Einnahmen aus den Shows zur Finanzierung der ehrenamtlichen politischen Aktionen genutzt. Derzeit suche ich nach Finanzierungsmöglichkeiten, um ein Solidaritätskonzert in Moskau in einem Club zu halten. Hierbei benötige ich nur noch die Kosten für den Flug, den Rest habe ich schon zusammen.

PRINZ-Blog: Dein Video „Silent Protest“ verzeichnet bereits über 7.000 Klicks auf youtube. Wie kamst Du auf die Idee und wie haben die Leute beim Dreh und später auch auf das Video selbst reagiert?

Conchita: Wir sahen mit Freunden gemeinsam das Wurst-Double aus der Schweiz mit ihrem Video „Rise like a Penis“, dieses fanden wir nicht lustig und eher beleidigend. Conchita Wurst und ihre Ideologie stehen für sooo viel mehr als nur Gesang und Wurst. Daher haben wir einfach das Solidaritätsvideo produziert, welches respektvoller mit der Kunstfigur Conchita Wurst umgehen soll und ihre Message unterstützen soll, anstelle sich darüber lustig zu machen.


Ich habe sehr viel Zuspruch bekommen, auch international bekam ich Dankesschreiben von Fans. Beim Dreh sind die Leute immer ausgerastet, wenn diese uns sahen. Da das Kleid ja auch eine sehr gute Kopie ist, sah ich natürlich verdammt echt aus, aber nach ein paar Fan-Fotos und lustigen Gesprächen wurden alle aufgeklärt, dass ich nicht die Echte bin 😉

Conchita 4711 vor dem Dom
PRINZ-Blog: Was hat es mit dem Projekt ‚Superconchita‘ auf sich?

Conchita: Wir probieren ja auch über Comedy Toleranz zu schaffen. Dies war ein Projekt, um etwas Lustiges zu machen, denn wenn ich über eine Person lachen kann, verstehe ich diese Person eventuell ein Stück weit mehr und baue vieleicht etwas mehr Verständnis zu anders lebenden Menschen auf. So habe ich auch die IceBucket Challenge gemacht 😉

Superconchita 4711 hilft auch Dir aus der Not!

PRINZ-Blog: Hast Du eigentlich jemals direkten Kontakt zu Conchita Wurst gehabt?

Conchita: Leider nein, ich habe sie, ihren Fanclub (die Wurstgemeinde) und ihr Management angeschrieben und auch geschildert wer ich bin, warum ich das mache und dass ich keine böse Absicht damit verfolge. Die Wurstgemeinde hat mir geantwortet und klargestellt, dass meine Botschaft und Absicht positiv aufgenommen wurde. Andererseits habe ich von einigen ihrer Bekannten nur mündlich erfahren, dass sie das gut findet was ich mache, da ich keinen eigenen oder kommerziellen Hintergedanken verfolge.

PRINZ-Blog: Einige DragActs sind nach dem ESC auf den Conchita-Zug aufgesprungen und haben sich als Doppelgängerinnen auf irgendwelchen Events präsentiert. Hast Du schon mal andere Conchita-Doubles getroffen?

Conchita: Ja habe ich, kenne auch einige von denen. Es gibt lediglich eine, die gut singen kann und dies auch live tut. Eine aus Ungarn sieht ihr auf einigen Fotos relativ ähnlich. Aber keine sieht ihr so ähnlich, wie ich es tue und keine hat eine gute Kopie ihres Kleids vom Auftritt aus Kopenhagen. Es ist auch nicht leicht, denn alles muss perfekt sein: die Figur, das Kleid, die Haare, das Makeup, die Nägel, die Handtasche und die Schuhe… Billige Kopien gibt’s wie Sand am Meer.

Und die Moral der Geschichte ist, dass die, die eigentlich keine wirkliche DragQueen ist und es ehrenamtlich und für den guten Zweck macht, auch die beste Kopie ist.

Conchita 4711

PRINZ-Blog: Was war das berührendste und welches das lustigste Ereignis dieses turbulenten Sommers für Dich?

Conchita: Also lustige Situationen gab es eigentlich viele. Ich bin z.B. einmal backstage, als ich in einem Theater zu einer Ansprache auf die Bühne sollte, gestolpert und die Treppe hochgefallen, da habe ich mich zehn Minuten nicht eingekriegt vor Lachen. Aber es ist immer lustig, da ich in der Rolle als Conchita auch viel Blödsinn mache und viel erlebe.

Oder backstage bei der SEXY CGN Ultra Naté kennenzulernen war echt toll. Einmal wollte ein Junggesellinnen-Abschied ein Foto mit mir, die stellten sich auf als Gruppe, und ich stand in der hinteren Reihe. Als die das Foto machen wollten, bückte ich mich und ging weg, die Mädels lachten als sie sich das Foto anschauten und die Conchita war irgendwie nicht mit drauf 😉

Berührend ist es immer, wenn ich das Strahlen in den Augen der Kinder und Jugendlichen sehe, wenn diese ein Foto mit mir machen, oder ich denen eine Rose gebe. Mir fallen drei Situationen ein. Da waren zwei Jungs auf der Domplatte, ich hatte schon über 50 Fotos mit Fans gemacht und die Security brachte mich grad zurück zum Auto und von den Seiten schrien alle, „Conchita noch ein Foto, noch ein Foto“, aber die Security schirmte mich ab. Da sagte ein kleiner Junge: „Conchita, mein Freund ist halb blind, kannst du bitte ein Foto machen?“ Ich drehte mich sofort um und ging zu dem kleinen Jungen und fragte nach seinem Namen und streichelte ihm über die Wange und machte mit ihm mehrere Fotos. Er hatte Tränen in den Augen, und sein Freund strahlte, mir trieb es auch die Tränen in die Augen.

Conchita 4711 in Barcelona
Und auf dem CSD in Mannheim ist ein Fan im Rollstuhl die ganze Parade dem CSD-Truck, auf dem ich stand, hinterher gefahren. Er war der Erste nach der Parade, zu dem ich ging, um ein Foto zu machen und einen Smalltalk zu halten. Oder drei Mädels im Rollstuhl auf dem CSD in Koblenz, die extra über den Kopfsteinpflasterplatz fuhren, nur um mich zu sehen und ein Foto zu machen. Dies ehrt mich immer sehr, ich sage dann immer, dass ich leider nicht die Echte bin, aber es freut mich, wenn ich ihnen eine Freude bereiten kann.

PRINZ-Blog: Liebe Conchita 4711, wir danken Dir für Dein Engagement und wünschen Dir viel Erfolg und Glück für Deine nächsten Aktionen!

 

Conchita 4711 hat neben den erwähnten Auftritten auch eine ganze Reihe an lokalen Veranstaltungen besucht und genutzt, um für Akzeptanz und Demokratie zu werben, wie etwa hier oder hier nachzulesen ist. Dadurch hat sie eine gewisse lokale Bekanntheit erlangt.

Sie hat eine eigene Website, ist bei facebook und twittert auch.