Presseschau zum USFÖ-Eklat: „Was für ein Entertainer!“

USFÖ Hannover Barbara Schöneberger Andreas Kümmert

Am Morgen danach sind die Medien voll vom „Aufreger“, dem „Skandal“, der „spektakulären Wende“: Alles dreht sich um den „Sieger, der nicht siegen wollte“, wie die Hannoversche Allgemeine titelt, also das Lokalblatt der Stadt, in dem am Donnerstag um 22:20 Uhr das bisher Einmalige stattfand: Andreas Kümmert, der Sieger des deutschen Vorentscheids, lehnt die Wahl ab. Das sahen übrigens deutlich weniger Zuschauer als noch die Kür Elaizas im vergangenen Jahr.

Die meisten berichten klassisch-nachrichtlich über Andreas Kümmert und seine auf der Bühne verkündete Entscheidung, seinen „Titel“ an die Zweite, Ann Sophie, abzugeben: „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen.“

„ESC-Sensation: Rocket-Man als Rücktritt-Man“ titelt die Neue Osnabrücker Zeitung mit Bezug auf den Elton-John-Titel, mit dem Kümmert 2013 bei „The Voice of Germany“ in den Blind Auditions die Coaches überzeugt hatte. Im Artikel der NOZ heißt es dann: „Kümmerts Coup bleibt trotzdem grandios: Erst sagt er sich von der Show ‚The Voice‘ los, die ihn zum Rocket-Man gemacht hat. Dann wird er beim ESC zum Rücktritt-Man. Was für ein Entertainer!“

Der Münchener Merkur fragt: „Was meint er mit ’nicht wirklich in der Verfassung‘? Ist er krank?“ Und: „Wegen einer einfachen Grippe die Eurovision-Song-Contest-Teilnahme abzulehnen, ergibt natürlich keinen Sinn. Schließlich steigt das Finale in Wien erst am 23. Mai.“ Doch das Blatt kann auch nur spekulieren. „Es war mutmaßlich eine spontane Entscheidung, die Kümmert erst am Abend selbst getroffen hat, vielleicht erst nach dem Triumph. Den Eindruck konnte man zumindest gewinnen, wenn man genau hingeschaut hat. Kümmert freute sich nicht über den Sieg, stand isoliert am rechten Bühnenrand, während sich links Barbara Schöneberger sowie Ann Sophie und ihre Band tummelten.“

Spiegel Online kommentiert Andreas Kümmerts Entscheidung so: „Ist der Sänger ein Softie und Leistungsverweigerer? Nein, er agierte mit derselben Ehrlichkeit, die ihn zum Sieger werden ließ.“ SpOn fragt sich, ob „diesem unwahrscheinlichsten aller ESC-Kandidaten“ in der Livesendung klar wurde, dass er ein „Fremdkörper in diesem bunten Zirkus der Tänzer und Kostümierten“ ist. Ann Sophie passe besser zum ESC, doch der Autor traut ihr höchstens ein Platz im Mittelfeld zu. „Der Gemütsmensch Andreas Kümmert aber hat einfach gesagt: Nee, muss nicht. Und sprach damit der gestressten Nation vielleicht noch tiefer aus dem Herzen als zuvor.“

Heute morgen legte Spiegel Online nach mit einem Kommentar, der Kümmerts „reichlich bizarre“ Entscheidung in Bezug setzt zur Debatte über die „Krise des Mannes“: „Der moderne Mann schreit nicht Hurra, er murmelt öfter Nö.“ Kümmert habe mit seiner Verweigerung dem Mann in der Krise „gesellschaftliche Akzeptanz“ verschafft: „Wurde der Zweifler bisher gern als Verlierer beschrieben, kann das von jetzt an nicht mehr umfassend gelten: Andreas Kümmert hat ihn im ersten deutschen Fernsehen ganz nebenbei zum Siegertypen umdefiniert.“ Einen Schaden für Kümmerts Karriere sieht der Autor nicht, im Gegenteil. Man werde ihn so schnell nicht vergessen „als den unabhängigen, eigensinnigen, wahren Künstler, der gerade noch rechtzeitig doch lieber nichts mit der Unterhaltungsmaschinerie ESC zu tun haben will“.

Andreas Kümmert 5

Focus Online schrieb bereits in der Nacht, warum wir Andreas Kümmert „dankbar“ sein müssen. Er habe „die pseudo-pompöse Sendung mit einem Eklat aus der wohltemperierten Routine erlöst“. Die Autorin spricht von einem „zermürbend langweiligen Vorentscheid“, einer „peinvollen Sendung“ und einem „Katastrophen-Niveau des ARD-Abends“ (welche Show hat sie gesehen?!?). „Warum er sich dann überhaupt für den Vorentscheid beworben hat, beantwortet er leider nicht. Fragt aber auch keiner.“

Nun ja, die Frage wurde zumindest der Plattenfirma von Andreas Kümmert gestellt. „Die Lampe ist zu groß, die da angeht“, sagte Siggi Schuller von Universal. Es gehe nicht darum, dass er nicht auf der Bühne stehen wolle, aber das Drumherum sei für Andreas Kümmert wohl einfach „eine Spur zu groß“. „Er hat alles gegeben und irgendwann festgestellt, dass er es einfach nicht packt.“ Schuller sprach von einer „verlorenen Chance“ für Kümmert.

Auch für die Plattenfirma kam die Absage völlig überraschend, wie es in einem Statement heißt: „Er hat alles gegeben, beschäftigt sich aber auch viel mit sich selbst und seinen Dämonen. Dass er sich selbst um den Lohn seiner harten Arbeit bringt, macht uns traurig. Aber wir werden jetzt ganz in Ruhe eine Platte mit ihm machen.“

ESC2015_VE-DE_Andreas-Kuemmert_Barbara_Schöneberger_SchockAm Ende war alles gesagt: Barbara Schöneberger und Andreas Kümmert nach einem der dramatischsten Momente der deutschen ESC Geschichte

Meedia lobt vor allem das Faktum des „Live-TV“: „Diese eine Fernseh-Minute zeigte, welche Kraft Live-TV manchmal und viel zu selten entwickeln kann“: „Natürlich werden die Streaming-Portale noch die ganze Fernsehlandschaft zerpflügen, doch solche Momente, die sich wirklich ins kollektive Gedächtnis der Mediengesellschaft brennen, schafft nur die gute alte Flimmerkiste, in die zeitgleich möglichst viele Menschen starren und emotional mitgehen.“ Wie viele Menschen es waren, wurde auch am Freitag Vormittag bekannt gegeben: Laut Mediendienst Kress schauten 3,2 Millionen Zuschauer den Vorentscheid, im Vorjahr waren es (wohl auch dank Unheilig) noch fast vier Millionen. Damit lag die ESC-Sendung im Tagesranking nur auf Platz 11 (Marktanteil 10,3 Prozent).

Auch Meedia ist übrigens ähnlich kritisch wie Focus Online und sah „überwiegend langweilige Künstler“, die „Musik von der Stange“ geliefert hätten – außer Andreas Kümmert. Lob gibt’s auch für Barbara Schöneberger und ihr souveräner Umgang mit den letzten sieben Minuten der Show: „Statt lange zu betteln schickte Schöneberger den Kneifer einfach von der Bühne. Besser kann man nicht reagieren.“

Die Münchener Abendzeitung sammelt Reaktionen aus dem Netz: „Ganz schwache Aktion gestern von  Wenn man nicht zum  will, sollte man sich nicht bewerben und das Publikum veralbern!“, wird eine Userin Steffi auf Twitter zitiert. „Rechtlich hätte man noch mal Voten lassen müssen“, meint ein anderer. Und einer schreibt: „Was  den wahren Musikfan das Bashing, das jetzt auf Andreas  einstürzt; Mach weiter geile Mucke, braucht es dazu nicht!“

Ohnehin finden sich auf den sozialen Netzwerken viele Reaktionen: „Ich melde mich jetzt auch dauernd zu Wettbewerben an, die ich nicht gewinnen möchte und verwirre damit alle“, schreibt ein Twitter-User. Ein anderer: „‚Zu gut‘? ‚Cool‘? Das was sich geleistet hat ist unterste Schublade.“ Von #kuemmertgate ist die Rede. Einige ärgern sich, weil sie der Ansicht sind, Deutschland hätte mit „Heart of stone“ gute Chancen auf den ESC-Sieg gehabt. Doch daran kann man seine Zweifel haben – überprüfen lässt sich das ganze jetzt nicht mehr, Ann Sophie wird am 23. Mai in Wien auf der Bühne stehen. Aller Voraussicht nach. Seit dem gestrigen Abend darf man nichts mehr ausschließen.

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