Rausschmiss wegen Zensur – China ist raus

Im Jahr 2013 übertrug der größte chinesische Privatsender HUNAN TV den ESC zum ersten Mal in der Geschichte live. Der Wettbewerb wurde damals über den Streamingdienst von MANGO TV – der zu HUNAN TV gehört – nachts um 3 Uhr gesendet. Somit konnten die chinesischen Fans das alljährliche Spektakel live verfolgen. Dieses Jahr wurde den Chinesen kurz vor der Übertragung zweiten Halbfinales von Seiten der EBU die Senderechte für die beiden übrigen Shows 2018 entzogen.  

Da hat die EBU sehr prompt reagiert. Eine Sache, die wir uns ja schon häufiger gewünscht hatten. Aber mit dem Bekanntwerden der Zensur des ESC, hat die EBU in Genf quasi postwendend die weitere Zusammenarbeit mit HUNANT TV (zumindest für das Jahr 2018) eingestellt.

Der Grund hierfür ist unter anderem, dass der chinesische Sender – der den ESC dieses Jahr zeitversetzt übertragen hatte – den irischen Song „Together“ von Ryan O`Shaugnessy komplett wegzensiert hatte. Auch aus dem Schnelldurchlauf war der Song verschwunden. Warum, kann sich hier vermutlich jeder denken: genau, wegen des offensichtlich schwulen Pärchens, das die ganze Zeit verliebt vor der Kamera Händchen haltend tanzt.  Letztes Jahr wurde ein Gesetz in China erlassen, nach welchem keine“ abnormalen“ sexuellen Aktivitäten mehr behandelt werden dürfen – die Darstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe in Onlinevideos falle darunter. Zwar ist Homosexualität in China seit 1997 straffrei, aber in der Gesellschaft ist das noch nicht angekommen und viele Schwule und Lesben leben bis heute in Scheinehen – sie sehen sich immer noch mit einem Tabu belegt. 

Als ich die ersten Proben des irischen Songs gesehen hatte, dachte ich mir schon, dass das irgendwo auf der Welt passieren würde. Hatte allerdings nicht unbedingt China auf der Liste – dachte mehr an Russland oder so. Jedenfalls war ich mental schon auf sowas eingestellt.

Aber es gab noch einen weiteren Beitrag der zensiert wurde – nämlich das albanische Lied. Ich konnte gar nicht glauben, wieso. Wegen der Tattoos die Eugent Bushpepa offen am Leibe trägt und die natürlich nicht nur offensichtlich waren, sondern von der Moderatorin später sogar angesprochen wurden. Unglaublich aber war: es gibt in China seit Anfang des Jahres ein Verbot, im Fernsehen Tatoos zu zeigen. Sogar Fußballer müssen seitdem Tätowierungen bei Spielen, die im TV übertragen werden, verdecken.

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug – verpixelte der chinesische Sender die Regenbogenfahne im Publikum, die während des schweizer Beitrags zu sehen war.

Ungewöhnlich schnell reagierte die EBU und entzog dem Sender die Rechte zur Übertragung des zweiten Halbfinales und des Finales heute Abend. Das Herausschneiden von Beiträgen sei „nicht konform mit unseren Werten von Gemeinschaftlichkeit und Inklusivität, unserer stolzen Tradition, Diversität in der Musik zu feiern“, schreiben die Verantwortlichen in einer Erklärung. „Wir bedauern, dass wir augenblicklich unsere Partnerschaft mit dem Sender einstellen und sie haben keine Erlaubnis, das zweite Halbfinale oder das Finale zu zeigen.“ Wie der irische Sänger Ryan O’Shaughnessy der BBC mittlerweile sagte, begrüßt er die Entscheidung der EBU: „Von Anfang an sagten wir, Liebe ist Liebe, egal ob zwischen zwei Jungs, zwei Mädchen oder einem Jungen und einem Mädchen.“

Das Thema „Gemeinschaftlichkeit und Inklusivität“ betrifft auch Länder, die schon seit vielen Jahren am ESC teilnehmen wollen – vor allem arabische Länder aus dem Nahen Osten oder Nordafrika. Diese würden sehr gerne dem alljährlichen Reigen einstimmen, aber nur unter der Bedingung, den israelischen Beitrag nicht zeigen zu müssen. Libanon hatte 2005 ja sogar bereits seinen Song ausgesucht, musste ihn aber nur wenige Wochen vor Probenbeginn zurückziehen. Den libanesischen Organisatoren wurde damals ganz klar gesagt: alles oder nichts! Sie entschieden sich für nichts. Télé Liban begründete seinen Schritt damit, dass die Gesetzeslage des libanesischen Staates eine Übertragung des israelischen Beitrages unmöglich machen würde. Das ESC-Reglement fordert allerdings, dass die gesamte Sendung übertragen wird. Hier noch mal der libanesische Song von 2005, der fast nach Kiew gefahren ist.

So gehen die chinesischen Fans dieses Jahr komplett leer aus, denn auch die internationalen Seiten sind von der Regierung gesperrt. 2018 ist für die Fans in China somit ein glückloses Jahr. Wie es mit der Übertragung in China weitergehen wird, müssen wir abwarten. Der Ausschluss galt zunächst nur für dieses Jahr.