Rock bottom: Lynsey de Paul gestorben

Lynsey de Paul

Und plötzlich ist ein Leben einfach so vorbei. Diesmal hat es Lynsey de Paul getroffen, Großbritanniens ESC-Vertreterin aus dem Jahre 1977. Völlig unerwartet ist sie vorgestern in London an einer plötzlichen Hirnblutung gestorben, sie wurde nur 64 Jahre alt.

Als sich die 26-jährige am Abend des 7. Mai 1977 zusammen mit ihrem Duettpartner im Wembley Conference Center ans Piano hockte, war die Karrierekurve der jungen Londonerin bereits deutlich abgeflacht. Wie so oft, sollte durch den Eurovision Song Contest noch einmal ein Schub erfolgen.

Begonnen hatte Lynseys Karriere einige Jahre zuvor, als sie sich als blutjunge Frau erste Sporen als Komponistin verdienen konnte. Bereits 1971 konnte sie mit „Storm in a teacup“ einen Song in den TOP 10 der britischen Charts platzieren. Im selben Jahr gelang ihr auch als Sängerin der Durchbruch. Das halb gesungene und halb gehauchte „Sugar me“ war ein Hit in Großbritannien, aber ein noch größerer in Spanien, den Niederlanden und Belgien, wo er die Chartsspitze erklimmen konnte. Schon damals ihr Markenzeichen: Der Schönheitsfleck über dem rechten Lippenwinkel.

Lynsey de Paul – Sugar me (1972)

In den kommenden Jahren schrieb sie weiterhin fleißig Musik. Einen eigenen wirklich großen Hit konnte sie allerdings nicht mehr für sich verbuchen. Dafür hatte sie mindestens ein Dutzend Charterfolge als Co-Autorin für andere Künstler, wie zum Beispiel „Dancing on a Saturday Night“ von Barry Blue, ein typischer britischer Popsong der 70-er Jahre mit deutlichen Anleihen bei Costa Cordalis…

Irgendwann 1976 kam dann wohl die Idee, beim Heim-ESC im April 1977 für das Vereinigte Königreich an den Start gehen zu wollen. Dazu schrieb sie gemeinsam mit Mike Moran den Song „Rock bottom“, einen echten Krisensong, der inhaltlich aber sowohl auf persönliche Umstände als auch die wirtschaftliche Großwetterlage anzuwenden war.

Damit, sowie mit der leicht humoristisch angehauchten Performance, traf man wohl den Nerv der Jurys. Zunächst in der Britischen Vorentscheidung, die passenderweise wegen eines Streiks der Kameraleute nicht im TV, sondern nur im Radio ausgestrahlt werden konnte. Dann aber auch beim ESC-Finale im Mai – der ursprüngliche ESC-Termin (2. April) musste wegen des immer noch andauernden Streiks um fünf Wochen nach hinten verlegt werden, ein Umstand, der heutzutage irgendwie undenkbar erscheint.

Lynsey de Paul & Mike Moran – Rock bottom (Großbritannien 1977)

Während der Punktevergabe sah es lange Zeit so aus, als können man den Sieg von Brotherhoof of Man aus dem Vorjahr wiederholen, allerdings musste man nach etwas mehr als der Hälfte der Auszählung die Führung an Marie Myriam aus Frankreich abgeben, die sich diese auch bis zum Schluss nicht wieder entreißen ließ.

Am Ende wurde es der zweite Platz und mit „Rock bottom“ hatte Lynsey de Paul noch einmal einen echten europaweiten Hit, der es in den meisten Ländern in die höheren Chartsregionen schaffte.

In der Folge wurde es wieder ruhiger um sie. Sie ging für ein paar Jahre in die USA, wo sie mit dem Schauspieler James Coburn zusammen lebte. Der Songschreiberei blieb sie treu, allerdings stellte sie sich zunehmend breiter auf und versuchte sich auch als Theaterschauspielerin, Musicaldarstellerin oder Moderatorin. In den Neunziger Jahren machte sie mit Büchern und Videos zum Thema „Selbstverteildigung für Frauen“ auf sich aufmerksam.

Lynsey de Paul 1

In den vergangenen Jahren nahm sie mehr und mehr die Rolle einer TV-Moderatorin ein. Auf dem Sky-Channel hatte sie zuletzt ein eigenes Format, in dem sie große britische Songwriter der Vergangenheit porträtierte und interviewte.

Dem Eurovision Song Contest kam sie 35 Jahre nach ihrer eigenen Teilnahme noch einmal sehr nah, als sie 2012 Mitglied der BBC-Jury für den ESC in Baku war.