Roll-Blog Expertencheck Schweiz: Wer darf nach Kreuzlingen?

Maika

Wer singt für die Eidgenossen in Stockholm? „Aus 19 mach 6“ hieß das Motto des über 8 Stunden langen Expertenchecks in Zürich. Wir haben im Liveblog die Auftritte verfolgt, die am Sonntag über den ganzen Nachmittag und Abend verteilt liefen – einer der längsten Blogs gleich zu Beginn der neuen ESC-Saison. Hier der Blog zum Nachlesen (das Ergebnis steht noch aus).

Hier haben wir über das Ergebnis der Vorunde berichtet. Der von Sven Epiney moderierte Expertencheck wird auf der ESC-Website des Schweizer Fernsehens hier am Sonntag ab 13 Uhr live gestreamt.

Sali mitenand, hier ist Blogger OLiver. Es geht es in Kürze los mit dem Schweizer Expertencheck. Der Livestream soll in etwa 10 Minuten starten, uns erwarten 19 hoffnungsvolle Künstler, von denen man außerhalb der Schweiz noch nie etwas gehört hat. Lassen wir uns überraschen, die Schweiz sucht die Nachfolgerin von Mélanie René, die mit nur 4 Punkten Letzte in ihrem Semifinale wurde.

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Eine Live-Audition ist durchaus sinnvoll, denn eine Studioaufnahme oder ein Video geben nur begrenzt Auskunft über Charisma, Präsenz und den beim ESC so wichtigen „Instant Appeal“ des Künstlers und seines Songs. Die 6 Songs von RTS (dem französischsprachigem Sender in der Schweiz) und die 3 Songs von RSI (dem italienischsprachigen Sender) wurden intern ausgewählt, bei den 10 Songs der Deutschschweiz (SFR) hatten die Fans/Internet-User zumindest ein Mitspracherecht. Die Bloggerkollegen haben sich hier, hier, hier und hier ausführlich mit dem zur Wahl stehenden Feld beschäftigt.

Das Ergebnis der 6 Finalisten (3 von SFR, 2 von RTS und 1 mal RSI) soll noch heute Abend bekanntgegeben werden.

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Der Stream ist gestartet und Sven Epiney, die strahlende Moderationsallzweckwaffe des Schweizer Fernsehens begrüßt uns in Schwyzerdytsch, das ich glücklicherweise (wegen des reichlichen Konsums Schweizer Fernsehens in meiner Jugend) gut verstehe und auch sehr gerne höre. Er erklärt nun, es kommt heute auf die Bühnenperformance,, die Ausstrahlung und den Live-Gesang an. Logisch. Es sind natürich auch Fans im Studio, um für etwas Stimmung zu sorgen.

Immer wieder wird es Pausen geben, alle Künstler haben einen Soundcheck auf der Bühne, wir brauchen also Geduld und Sitzfleisch. Wir warten auf den ersten Kandidaten. Zunächst werden wir die sechs Vorschläge aus der Romandie (RTS) hören.

1. Loic Schumacher (Ensival, Belgien) – Génération demain

loic2

Und gleich ein vielversprechender Beginn. Loic kommt aus Belgien, sieht aus wie ein junger Roger Federer mit Pausbäckchen und singt klassische ESC-Ware. Der Song beginnt langsam, Loic singt recht hoch, hat aber eine schöne Stimmfarbe. Nach den beiden Soundchecks ist mir die Melodie schon gut vertraut, klassischer mittelschneller rhytmischer Pop. Dazu tanzen im Background drei halbwegs grazile Elfen (ohne Kontakt mit Loic). Zwei Minuten klappt alles prima, aber dann kommen die hohen Freestyle-Töne, die Loic nicht so gut trifft und hier wird es etwas schmerzhaft. Dennoch: Talent und Stimmkraft sind unzweifelhaft vorhanden. Kein schlechter Beginn. Über die Elfen würde ich allerdings nachdenken, falls Loic weiterkommen sollte. In der Vergangenheit wurden Nichtschweizer spätestens in dieser Phase aussortiert…

Optik: 3,5 von 5
Stimme: 4 von 5
Komposition: 3,5 von 5
Instant Appeal: 3,5 von 5
Gesamt: 14,5/20 P.

Erster Blick in unsere Kommentare und unsere Leser finden auch, das hätte Loic stimmlich noch besser hinbekommen müssen. Ist das Lied zu anspruchsvoll für den jungen Interpreten?

 

2. Stephanie Palazzo (Onex-Genf) – Perché mi guardi cosi? 

palazzo

Jetzt wird es sehr traditionell. Stephanie singt eine sehr klassische Ballade, sitzt am Klavier und hat neben einem Riesenohrgehänge auch ein Streicherquartett mit auf der Bühne. Optisch erinnert sie mich ein wenig an Mariella Nava aus dem Sanremo-Festival, allerdings singt sie höher und sehr viel getragener. Ein Refrain ist auf Anhieb nicht wirklich zu erkennen, außer man zählt die Ahahaha-Modulationen als solchen. Sie hat ihre Töne im Griff und ist erkennbar sehr sicher. Hier weiß jemand absolut, was er tut. Leider ist der Song, den man bei Kerzenschein und Pralines konsumieren sollte, komplett ungeeignet für den ESC, weil er wenig Wiedererkennungswert besitzt. Mit ähnlichen Themen ist Frankreich ja bereits multipel gescheitert.

Optik: 3 von 5
Stimme: 4 von 5
Komposition: 2,5 von 5
Instant Appeal: 2 von 5
Gesamt: 11,5/20 P.

Auch unsere Leser finden die Nummer zu altmodisch für den ESC, aber wer weiß, eine Schweizer Expertenjury mag das vielleicht doch anders sehen?

 

3. Kaceo (Genf) – Disque d’or 

Kaceo
Was für eine Show. Die Jungs von Kaceo tragen karierte Hemden und der Leadsänger ist barfuss und hat an den Knien Löcher in der Jeans. Der Song ist stimmungsvolle akkordeonlastige Bierzeltmucke mit einem subversiven Touch. Völlig unerwartet kommt es zu einem Kleidertrick: Der Leadsänger zieht erst sein Westchen, dann die Krawatte und dann auch noch das Hemd aus. Zum Vorschein kommt ein extrem unsexy geschnittenes Kettenunterhemd. Uhh. Im zweiten Teil wird der an sich sehr eigenwillige und stimmungsvolle Somg sehr sprechlastig und am Ende schlägt der Leadsänger mit seinem rosafarbenen (!) Gürtel auf das Schlagzeug ein. Was soll man davon halten? Sicher sehr auffällig und eigenständig, aber Ausziehen muss in diesem Fall nun wirklich nicht sein.

Optik: 2 von 5 (Abzug für das Unterhemd)
Stimme: 3 von 5
Komposition: 2,5 von 5 (zu viel Sprechgesang)
Instant Appeal: 3 von 5
Gesamt: 10,5/20 P. 

Sven sagt nochmal, es kommt darauf an „die Bühne zu füllen“ und sich zu präsentieren, das haben Kaceo unzweifelhaft sehr viel nachdrücklicher getan als Loic und Stephanie. In einem Schweizer Finale wäre die Truppe sicher ein Farbtupfer.

Unsere Leser halten die Stripnummer auch für überflüssig. Sicher finden wir im heutigen Feld noch andere Teilnehmer, die besser dafür geeignet wären 😉

 

4. Stephanie Sandoz (Commugny VD) –Flashback 

Stephanie Sandoz

Eine weitere Stephanie, aber ihr Song ist nicht klassisch-traditionell, sondern Pop. Allerdings Pop von der Stange mit recht monotonem Refrain und eher einfachem Arrangement. Könnte auch aus den 80ern stammen. Stephanie wirkt optisch wie eine Mischung aus Nastassja Kinski und Sandra Bernard nach durchzechter Nacht, sie trägt weißen Blazer und High Heels und einen (durchaus angemessenen) zweifelnden Gesichtsausdruck. Umtanzt wird sie von 4 Helfern, eine Choristin unterstützt sie stimmlich. Leider vergeblich, denn der Song plätschert ohne Highlights und leider auch ohne vokale Brillianz vorbei, da hilft auch der Ausdruckstanz im Hintergrund nicht. Hier zeigt der Expertencheck deutlich auf, dass an der Stage Präsenz noch gearbeitet werden muss.

Optik: 2,5 von 5
Stimme: 2 von 5
Komposition: 1,5 von 5
Instant Appeal: 2 von 5
Gesamt: 8/20 P. 

Tja, die Bewertungen werden immer schlechter… dabei habe ich mir von der Romandie noch am meisten in der heutigen Sichtung erwartet. Unsere Leser finden auch, dass Flashback überhaupt nicht funzt und finden deutliche Worte („gruselig“). Bisher haben wir also nach wie vor Loic Schumacher als bestes Gesamtpaket.

 

5. Bella C (Luzern) – Another World

Bella C

Bella C trägt ein langes rückenfreies Abendkleid und hat feuerrote Haare. Sie singt solo, sitzt am Piano und präsentiert eine dramatische, sich leicht steigernde Ballade in einem Englisch, das einen deutlichen osteuropäischen Akzent verrät. Die Nummer könnte ein von Adele verworfener Song sein und knüpft an die James-Bond-Nummern an. Bella singt sehr gut, trifft die Töne und zeigt viel, womöglich zu viel Mimik. Leider ist der schöne Song falsch präsentiert, hier braucht es dramatische Gesten und etwas mehr Bewegung, obwohl die Kameraführung sich sichtlich Mühe gibt. Nur am Piano zu sitzen, ist leider zu statisch. Dennnoch eine ansprechende, recht gekonnte Nummer. Im Interview kommt heraus, Bella kommt gebürtig aus Bulgarien, ist aber schon ewig in der Schweiz.

Optik: 3 von 5
Stimme: 4 von 5
Komposition: 4 von 5
Instant Appeal: 3 von 5
Gesamt: 14/20 P. 

Blick in die Leserkommentare, hier kommt Bella deutlich schlechter weg, Stimme nicht kräftig genug, nach Conchita kann man doch keine Bondnummer bringen… ja, da ist natürlich was dran, aber ein Copycat sehe ich hier jetzt nicht, dafür sind die Damen dann doch zu verschieden.

 

6. Gina von Glasow (Forch ZH) – Left With An Idiot

Gina von Glasow

Zum Abschluss eine Kabarettnummer, die man auch „Left with an idiotic song“ hätte betiteln können. Frau von Glasow in einem tiefstausgeschnittenen schwarzen Hosenanzug singt, oder sagen wir eher performt einen „quirky“ Song über schlimme Haare in einem Aufzug („My hair is a misere“). Ihre Stimme ist leicht angerockt und quietscht sich durch die Strophen, der Song ist trotz des funny contents doch recht monoton und bietet kaum Höhepunkte und erfordert auch keine besondere stimmliche Leistung, hier müsste man wohl mit allerlei Props (wohl vergeblich) versuchen, das Ganze etwas aufzumotzen. Komplett ungeeignet für den ESC, was haben sich die Juroren bei der Vorauswahl nur gedacht? Nun ja Sven, bezeichnet das Ganze als „erfrischend“.

Optik: 4 von 5
Stimme: 2 von 5
Komposition: 1,5 von 5
Instant Appeal: 2,5 von 5
Gesamt: 10/20 P. 

Unsere Leser scheinen auch alles andere als überzeugt von der schrägen aber unwitzigen Comedynummer.

Damit sind wir am Ende von Teil 1 – zwei dieser sechs Songs werden ins Finale kommen. Nach meiner Wertung wären das ganz klar Loic Schumacher und Bella C. Meine Prognose indes lautet Loic Schumacher und Kaceo, denn wie Sven Epiney ja mehrfach erklärt hat, die Bühnenpräsenz und -perfomance ist heute ganz entscheidend.

Wir machen nun auch eine Pause, als nächstes stehen dann ab 15.40 Uhr die Songs aus der italienischsprachigen Schweiz an, die aber allesamt auf Englisch sein werden. Blogkollege Matthias wird dazu in Kürze übernehmen. Von mit erstmal ein Ciao, merci.

Kurz nach halb vier, die ersten kommen wieder ins leere Studio von SRF. Gleich geht’s weiter mit den drei Kandidaten aus dem Tessin. Ich (Matthias) bin gespannt…

Eben sagte Sven Epiney, dass sich die drei Experten noch etwas länger bzgl. der sechs Westschweizer Beiträge beraten. In Kürze soll es aber weiter gehen.

Los geht’s nach dem Soundcheck mit der ersten, Nathalie Cadlini. Mal sehen, wie sie ihre „CSD-Hymne“ (Co-Blogger DJ Ohrmeister) rüberbringt. Nochmal zur Erinnerung: TSI, der Sender aus dem Tessin, hat im Finale am 13. Februar in der Bodensee-Arena nur ein Startticket – einer der drei (Nathalie, Theo, Elias) erhält es heute am späten Abend. Der letzte, der von TSI entsandt beim ESC auftrat, war übrigens Sebalter (2014), davor Sinplus (2012).

 

7. Nathalie Cadlini (Breganzona, TI) – Share Love

Nathalie Cadlini 1

Nathalie wirkt in ihren schwarzen Glanz-Hotpants und dem Glitzer-Oberteil etwas billig; vorteilhaft ist jedenfalls was anderes. Naja, fürs Vorsingen reicht das wohl, dachte sie sich offenbar. Unterstützung hat sie von drei Mädels im Background sowie zwei dunkelhaarigen Boys (beide ganz in Schwarz), die zu dem Uptempo-Beat tanzen – ein wenig hektisch, zumindest wirkt es auf mich so. Dennoch sind die Jungs für mich fast das Beste an der Performance. Nathalie schaut bisweilen eher verschreckt in die Kameras, lächelt erst am Ende. Und stimmlich wäre sie ohne die drei hinten ziemlich aufgeschmissen  – sie schreit sich vor allem durch den Refrain, und sobald sie für Melodieverlauf Stimme bräuchte, wird es ziemlich dünn. Die Popnummer an sich ist okay, aber klingt auch wie schon 1000x gehört. Nathalie kommt aus Rio de Janeiro und wohnt seit 8 Jahren in der Schweiz. Sie sagt, es sei ihr erster Auftritt vor so vielen Leuten gewesen. Könnte vielleicht erst mal ihr letzter sein. Mich hat’s nicht recht überzeugt.

Optik: 3 von 5 (auch wegen der Tänzer)
Stimme: 2 von 5
Komposition: 2,5 von 5
Instant Appeal: 3 von 5
Gesamt: 10,5/20 P.

Kann eigentlich nur besser werden. Euch hat es offenkundig auch nicht so recht gefallen. Theo macht schon Soundcheck, gleich gehts weiter.

 

8. Theo (Lugano TI) – Because Of You

Theo 2

Theo (21) erscheint outfit-technisch ganz unprätentiös. Er sieht sich eben als Singer-Songwriter, der ohne die große Show auskommt. Ob er da beim ESC richtig ist? Mit der schwarzen Gitarre um den Hals (und einem riesigen Gehänge im linken Ohr) singt er eine angenehm sanfte Ballade, nur unterstützt von zwei Choristen im Hintergrund. Mir gefällt seine Stimmfärbung, und er hat auch ein gutes Timing. Doch warum zum Henker singt Theo auf Englisch? Der Akzent stört, etwa wenn er „dime“ statt „time“ singt. Die italienische Sprache ist doch so schön, und man hätte gerade diese Nummer wunderbar mit italienischem Text versehen können. So ist das Stück leider nicht wirklich rund. Nett kommt er jedenfalls rüber.

Optik: 3 von 5
Stimme: 3 von 5 (Abzug fürs Englisch)
Komposition: 3 von 5 (Abzug fürs Englisch)
Instant Appeal: 2,5 von 5
Gesamt: 11,5/20 P. 

Mir hat „Because of you“ offenbar besser gefallen als unseren Lesern. „Langweilig“, „unspektakulär“. Ja, das mag vielleicht sein. Aber Potenzial hat der Song meines Erachtens durchaus. Mal sehen, was der letzte im Tessiner Paketchen draufhat. Mir persönlich gefiel „Elephant“ von Anfang an, aber eben vor allem auch wegen des lustigen Musikvideos mit dem Mädel, das sich durch alle möglichen Orte der Welt tanzt. Funktioniert das auch ohne? Mal sehen.

 

9. Elias (Losone TI) – Elephant

Elias 2

Ein alter Bekannter, so kündigt ihn Sven Epiney an. In der Tat, denn voriges Jahr war Elias auch schon dabei. Heute hat er drei Mädels mitgebracht, die in bunten Ringel-Leggins und drei bauchfreien Tops mit Elefanten-Aufdruck die hypnotische Nummer mit entsprechendem Gesang verstärken (eine der drei ist das Girl aus dem Musikvideo). Elias ist ja nicht der größte Sänger, oft wirkt es eher wie ein dahingehauchter Sprechgesang. Aber die Electro-Nummer (vor allem der coole Instrumentalpart in der Mitte) finde ich großartig. Da achtet man gar nicht so sehr auf den merkwürdigen Text und die Frage, was denn nun mit dem Elefant ist. Elias fehlt leider komplett die Ausstrahlung, er steht da wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Gutes Lied, aber bräuchte eigentlich jemand, der das überzeugender rüberbringt.

Optik: 2,5 von 5
Stimme: 2 von 5
Komposition: 4 von 5
Instant Appeal: 4 von 5
Gesamt: 12,5/20 P. 

Bei mir läge also Elias vorn vor Theo, bei unseren Lesern sieht das wohl auch so aus. Mal sehen, ob die Experten Elias den Weg nach Chrüüzlinge ebnen.

Jetzt berät sich die Jury wieder, es gibt eine längere Pause (Sven E. spricht von einer Viertelstunde). Dann übernimmt Bloggerkollege OLiver für die nächste Runde. Bis später!

So, hier ist wieder OLiver und ich fand genau wie Matthias das Tessiner Potpourri deutlich schwächer als die bereits durchwachsene Romandie. Was bietet uns der größte eidgenössische Sprachraum – die Dytschschwiiz? „En Huuffe“ Lieder hat Sven angekündigt, es werden 10 sein, die recht abwecshlunsgreich ausfallen sollen und von denen sich 3 qualifizieren werden.

Es sind übrigens heute diese 5 Juroren im Einsatz:

– Tanja Dankner, Sängerin und Vocal-Coach
– Rafael Antonio, Choreograph aus Deutschland
– Daniel Meister, SRF-Redaktion Eurovision
– Catherine Colombara, RTS
– Andrea Bignasca, RSI

Und eben sagte Sven Epiney durch, dass die 6 Finalisten für die „Grosse Entscheidungsshow“ am 13. Februar 2016 keinesfalls vor 22.30 Uhr verkündet werden, es könnte aber auch noch länger dauern.

 

10. Stanley Miller (Madrid, Spanien) – Feel The Love

Stanley Miller

Stanley ist Amerikaner, mit einem Spanier verheiratet und lebt daher auch in Spanien, auf Facebook nennt er sich Chipper. Er ist ein etwas abgehalftertes Castingsternchen (2008 Dritter bei Operacion Triunfo) und hat zweifellos eine Menge Live-Erfahrung. Er singt mit einem 5-köpfigen Gospelchor auf eine sehr ohrschmeichelnde Melodie eine musicaleske Hymne mit ziemlich banalem Text („Together forever in paradise“). Song und Arrangement könnten auch von Ralph Siegel (an einem guten Tag) stammen. Etwas Vokalakrobatik am Ende ist auch eingebaut. Das ist zwar recht gefällig und zum Mitwippen, aber nun wirklich nichts, was beim ESC herausragen würde, heute gehört er aber sicher zu den Besseren der bisher aufgetretenen Interpreten.

Optik: 4 von 5
Stimme: 3,5 von 5
Komposition: 2,5 von 5
Instant Appeal: 3,5 von 5
Gesamt: 13,5/20 P. 

Die ersten Leserkommentare sind zurückhaltend wohlwollend. Interessant, dass auch hier wie beim Romandie-Paket zuerst die Ausländer auf die Bühne müssen, denn auch die zweite Nummer aus Spanien kommt gleich zu Beginn und zwar als Nächstes. 

 

11. Maika (Reus, Spanien) – The Reason

Maika

Und nochmals Spanien, Maika ist optisch und stimmlich ein absolutes Kraftpaket (die weiblicher wirkende Cousine von Marija Serivofic?). In Lederkluft und mit einem Joe-Cocker-Opi als Backgroundsänger singt sie eine stimmungsvolle Rockballade. Die Stimme ist sehr tief und hat hohen Wiedererkennungswert, man fragt sich aber, ob sie nicht mit einer schnelleren Nummer sehr viel besser bedient wäre. Irritierend auch, dass man in den Close-Ups keine Zähne sieht, wenn sie singt (hat sie keine?). Die Ballade plätschert etwas vor sich hin, aber zumindest zwei Minuten lang nimmt Maikas Stimme einen gefangen. Maika war schon Dritte bei The Voice Spanien, vielleicht probiert sie es dort auch nochmal in Sachen ESC?

Optik: 2,5 von 5
Stimme: 5 von 5
Komposition: 3 von 5
Instant Appeal: 3,5 von 5
Gesamt: 14/20 P. 

Unsere Leser gehen d“accord: geile Stimme, aber Lied von gestern. Ich glaube nicht, dass sie bei den Experten eine Chance hat, aber wer weiß. Von den 19 Songs werden übrigens nur zwei in Deutsch (bzw. Schwyzerdytsch) gesungen. Und diese beiden kommen als Nächstes.

 

12. Erica Arnold (Menziken AG) – Ich bin ich

arnold

Hier scheint es mir angebracht, den offiziellen Text des SRF-Livestreams zu zitieren: „Erica, 51, hat nach einer Lehre als Lastwagenchauffeuse auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet und ist quer durch Afrika und Amerika gereist. Schon als Mädchen hat sie viel gesungen und jeweils die Gäste ihrer Mama im Truck Stop unterhalten. Heute lebt sie von der Musik und singt an diversen Anlässen, manchmal laut eigenen Angaben bis zu sieben Stunden am Stück.“ Ja, nach einer solchen Laufbahn bleibt natürlich nicht mehr viel von der Stimme übrig – „Ich bin ich“ ist ein rockiges Stück Selbsterfahrung, dass Erica mit Girarre – im Dolly-Parton-vor-der-Maske-Look – superrotzig auf die Bühne haut, umgeben von 5 Tänzern (die Mädels in schlimmen Hotpants). Super mutig, super authentisch. Natürlich völlig ungeeignet für den ESC, aber ich finde es irgendwie erfrischend. Aber was ist das für ein Schweizer Dialekt, in dem sie singt?

Optik: 2,5 von 5
Stimme: 2 von 5
Komposition: 2,5 von 5
Instant Appeal: 2 von 5
Gesamt: 9/20 P. 

So, bevor die restlichen 7 Songs kommen, haben wir wieder eine Pause. Sobald es weitergeht, gegen 19 Uhr, meldet sich dann Matthias zurück. Tja, ich glaube, wir haben unseren Song für die Schweiz bisher noch nicht gefunden – nichts drängt sich wirklich auf und bei gar nicht so wenigen Songs schwebt einem ein herzhaftes „What the fuck“ durch den Kopf… OLiver sagt nun Merci für heute.

Hier ist wieder Matthias für die letzten sieben im Rennen. Gleich darf ein paar Minuten geschunkelt werden. Platzhirsch machen schon den Soundcheck. Die Combo ist ein „Spaßprojekt“ von (unter anderem) dem Rapper Gimma aus Graubünden, der schon Hits in der Schweiz hatte, und „Stämpf“, dem früheren Sänger der Fun-Punk-Band QL (sprich: kuul), die ebenfalls kommerzielle Erfolge feierte. (Stämpf war übrigens der, der vor ein paar Jahren beim Vorentscheid über Lys Assia lästerte und sich mit ihr in die Haare kriegte.)

 

13. Platzhirsch (Chur) – Holz vor dr Hütta

Platzhirsch 3

Mundart beim ESC, das hatte die Deutschschweiz beim ESC bisher noch nie. Auf der nackten Studiobühne kommt natürlich die Stimmung aus dem Musikvideo nicht richtig rüber – da muss man sich jetzt eine LED-Wand im Hintergrund vorstellen, die in der richtigen Show für Hüttenzauber sorgen müsste. So muss sich Platzhirsch mit Trachtenhemden und der Sängerin im Dirndl beschränken. Aber so könnte ich mir das beim Vorentscheid im Februar gut vorstellen. Die sechs haben offenkundig Spaß auf der Bühne, und das kommt rüber. Da wird zwischendrin Polka getanzt… Applaus im Studio. „Holz vor dr Hütta“ war bislang das Lied, das am meisten Stimmung gemacht hat. Wer vorher „langweilig“ und „unspektakulär“ schrieb, müsste da doch zufrieden sein, oder? Mir hat’s gefallen. Und bei so einem Song spielt dann gar keine Rolle, ob jeder Ton saß.

Optik: 3 von 5
Stimme: 3 von 5
Komposition: 3 von 5
Instant Appeal: 4 von 5
Gesamt: 13/20 P. 

Die Meinung unserer Leser ist recht eindeutig: kein Party-(Après-Ski-)Song zum ESC. Ich glaube auch nicht, dass „Holz vor dr Hütta“ dort was reißen würde. Aber als unterhaltendes Element in der Schweizer Entscheidungsshow am 13.2. wäre das doch zumindest was. Man muss es ja am Ende nicht nach Stockholm wählen.

Hier soundcheckt schon der nächste: Samuel Tobias Klauser. Er ist ausgebildeter Schauspieler und Musicalsänger (man hört’s schon…) und spielte in den letzten Jahren unter anderem in „My Fair Lady“ und einem Musical über Wilhelm Tell.

 

14. Samuel Tobias Klauser (Zürich) – Asking Me Why

Samuel Tobias Klauser 2

Tja, und so klingt „Asking Me Why“ halt wie eine Nummer aus einem Musical. Aus einem, in dem sich wohl jemand die Pulsadern aufschneidet – so wie das Lied klingt. Das ist getragene Depri-Musik, und gesanglich ist Samuel ein Bruder im Geiste von Haldor. Erinnert sich jemand an den Norweger vom ESC 2001? Und an sein Punkteschicksal? (3 Punkte…) Ich fürchte, solche Art von Gesang – so sauber das hier von Samuel auch alles gesungen wurde – ist beim ESC nicht mehrheitsfähig. Das ist eine künstliche Perfektion, so als ob jemand vorführt, was er mit den Stimmbändern alles kann. Den Song selbst finde ich totlangweilig. Kein Paket für den ESC. (Kollege OLiver nannte ihn gerade Brillen-Barbra.)

Optik: 1,5 von 5
Stimme: 4 von 5
Komposition: 2,5 von 5
Instant Appeal: 1,5 von 5
Gesamt: 9,5/20 P. 

Unsere Leser fanden’s auch langweilig.

So, nun die Favoritin vieler Fans: Rykka. Jetzt können wir erst mal aufklären: Rykka spricht sich „rai-ka“ aus (mit nordamerikanischem „r“). Sie heißt eigentlich Christina Maria und kommt aus Vancouver/Kanada, mit schweizerischen Wurzeln (ist auch regelmäßig in Zürich). Sie hat in Kanada schon mehrere Alben veröffentlicht und vor ein paar Jahren ist sie schon mal im Sat.1-Frühstücksfernsehen aufgetreten.

 

15. Rykka (Meilen ZH) – The Last Of Our Kind

rykka

Rykka hat sich in Schale geworfen schon für diesen Auftritt: Ein bodenlanges schwarzes Kleid, das schön glänzt. 3 Minuten Eleganz auf der kargen Bühne. Ups, da hat sie ihren Einsatz am Anfang fast versemmelt und kuckt entsprechend kurz bedröppelt. Sie fängt sich aber schnell wieder und singt den Popsong sicher durch. Mich irritiert nur, wie sie da ständig ihre Knie beugt. Das sieht auf die Dauer merkwürdig aus – insbesondere bei den Close-Ups, wo man fast Angst hat, dass sie gleich nach unten aus dem Bild verschwindet. Vielleicht soll das so, aber sie kuckt immer etwas verschreckt in die Kamera. Sie sagt danach Sven Epiney, dass sie etwas nervös war. Aber sie hat es wirklich gut gemacht, auch wenn mancher Ton leicht gejammert daherkam. Das Lied selbst hat mich nie gepackt, und ich bezweifle, dass es beim ESC Chancen hätte. Dazu bleibt letztlich zu wenig hängen. Ähnlich wie dieses Jahr bei „Time to shine“: Das war auch eine gute Komposition, aber ohne Erinnerungswert.

Optik: 4,5 von 5
Stimme: 4 von 5
Komposition: 2,5 von 5
Instant Appeal: 2 von 5
Gesamt: 13/20 P. 

Mancher fand, Rykka sei mit dem Lied überfordert gewesen. Und das Outfit kann sie sich für die Liveshow auch noch mal überlegen.

Und schon singt sich die nächste Dame auf der Bühne ein. Evelyn Zangger ist im Musikbusiness keine Unbekannte. 2001 wurde sie Mitglied einer TV-gecasteten Girlgroup (Tears) in der Schweiz, zehn Jahre später sang sie für den schweizerischen DJ Mike Candys unter anderem für die Tracks „One Night in Ibiza“ und „2012 (If the World Would End)“. Jetzt arbeitet sie solo.

 

16. Evelyn Zangger (Tann ZH) – Have a Little Faith in Me

zangger

Für den ESC eigentlich nicht untypisch: eine Melange aus verschiedenen Musikrichtungen. Es beginnt wie eine Ballade, Evelyn sitzt mit lange geschlossenen Augen auf einem Barhocker und singt stimmlich sicher, im Hintergrund unterstützen zwei Sänger in Schwarz. Dann kommt ein Tänzer und man fragt sich schon: Häh? Tänzer zu einer Ballade? Doch dann steht Evi auf, der Typ trägt den Hocker weg – und los geht die flotte Midtempo-Popnummer. Sie kommuniziert nonverbal recht gut mit den beiden Tänzern, und endlich hat sie auch die Augen offen. Insgesamt plätschert „Have A Little Faith in Me“ mir aber zu sehr dahin – einer dieser „Stört nicht beim Bügeln“-Songs. Musik für den schnellen Konsum. Würde beim ESC untergehen.

Optik: 3,5 von 5
Stimme: 4 von 5
Komposition: 2 von 5
Instant Appeal: 2,5 von 5
Gesamt: 12/20 P. 

Bei den Lesern kam „Have a Little Faith…“ besser weg als bei mir.

Jetzt bin ich auf Sunanda gespannt. Die 34-Jährige aus Arlesheim (bei Basel) ist in Mumbai geboren, lebt aber seit dem zweitem Lebensjahr in der Schweiz. Sie fühlt sich nach eigener Aussage der indischen Kultur jedoch sehr verbunden – davon merkt man bei „Ooops?!?“ aber nichts, das klingt ja eher nach Tennessee als nach Bollywood. Sie tritt in ihrer Freizeit regelmäßig mit einer Band auf.

 

17. Sunanda (Arlesheim BL) – Ooops?!?

oops

Das klingt nicht nur nach Tennessee, das sieht auch danach aus. Zwei Tänzer mit großen schwarzen Cowboyhüten, zwei Mädels in ausgebleichten Jeanshemden, Sunanda selbst in hohen beigen Boots. Wie direkt aus der Countrykneipe in Nashville. Die fünf machen auf der Bühne auch Line Dance. Schön zuzuschauen. Die Truppe hat sich eine hübsche Chereo ausgedacht, mit Hebefiguren, ein paar Sekunden Art Steptanz und am Ende laufen die fünf in einer Reihe mit dem Rücken zum Publikum nach hinten, ehe sich Sunanda zum Schlussbild halb umdreht. Und trotz der ganzen Show singt Sunanda eigentlich recht gut. An einer Stelle in der Mitte stockt sie kurz, überspielt es aber gut. Man merkt, dass es ihr Spaß macht, und den anderen vier auch. Man könnte „Ooops?!?“ im Studio noch überarbeiten, noch etwas mehr Soundtiefe reinbringen. Aber die Nummer hat Potenzial, man summt den Refrain schnell mit und erinnert sich daran. Keine unwichtigen Voraussetzungen für den ESC.

Optik: 4 von 5
Stimme: 3,5 von 5
Komposition: 3,5 von 5
Instant Appeal: 4 von 5
Gesamt: 15/20 P. 

Catchy, aber live nicht überzeugend – so ganz grob das Urteil über Sunanda und „Ooops?!?“ in den Leserkommentaren.

Und schon kommen wir zum vorletzten Kandidaten. Vincent Gross gewann im Frühjahr im Schweizer Fernsehen die Popschlager-Castingshow „Hello Again“. Der 19-jährige Schüler aus Basel dürfte bei der TV-Vorentscheidung auf eine weibliche Fanbase setzen können, aber die nutzt ihm jetzt natürlich nichts.

 

18. Vincent Gross (Basel) – Half a Smile

vincent

Vincent setzt ganz auf sich. Keine Tänzer, kein Chor. Nur er und seine Gitarre – ein Hauch von Tom Dice… und der schnitt in Oslo ja nicht schlecht ab. (Ich musste eben auch an Ulrik Munther vom Melodifestivalen denken… und optisch irgendwie auch ein wenig an Robin Stjernberg.) Entscheidend ist, wenn man ein Lied namens „Half a Smile“ singt, natürlich, dass man selber viel lächelt. Das scheint Vincent aber ohnehin angeboren, wenn man das Musikvideo zu „Half a Smile“ anschaut. Der Strahlemann, der sich durch seine 3 Minuten lächelt, kämpft zwischendurch aber fast ein wenig arg mit den hohen Tönen. Das macht er mit Optik und Ausstrahlung wett. Und der Song hat eine markante Hookline, die im Kopf bleibt. Uh-huh-uuuh…

Optik: 4 von 5
Stimme: 3 von 5
Komposition: 3,5 von 5
Instant Appeal: 4 von 5
Gesamt: 14,5/20 P. 

Auch im Kommentarbereich kommt „Half a Smile“ gut an. ESC-taugliche Nummer, und sympathischer Sänger. Vincent hat wohl nicht zu unrecht die Castingshow bei SRF gewonnen.

Und schon sind die letzten Kandidaten auf der Bühne. Patric Scott aus der Ostschweiz (Kanton St. Gallen) versuchte schon mehrmals sein Glück, die Schweiz beim ESC zu vertreten. Am nächsten war er dem Ziel 2012, als er im Duett mit Fabienne Louves in der Live-TV-Show war, aber mit „Real Love“ gegen Sinplus unterlag. Er spielt viel Musical, u.a. den Peter in „Heidi – Das Musical“ und in „Elisabeth“. Begleitet wird er von Abdullah Alhussainy, der aus Ägypten kommt und neben seiner Musik vor allem in der Schweiz promoviert. Eine spannende Mischung.

 

19. Patric Scott (Sargans SG) – No Boundaries (feat. Abdullah Alhussainy)

pattric

Abdullah sitzt mit einer Oud auf einem Hocker, Patric steht daneben – erst relativ weit weg, als wäre das gar kein Duo. Später nähert sich Patric dann doch noch. Im Background stehen noch zwei und singen vor allem im Refrain mit. Der eine ist auch Co-Autor und Produzent von „No Boundaries“. Das Lied passt in unsere Zeit wie der Käse ins Chäsfondue, angesichts der Flüchtlingskrise. Patric singt das Lied problemlos, da muss man angesichts seiner Erfahrung gar nichts weiter sagen. Völlig selbstsicher. Abdullahs arabische Zeilen ergänzen die Popnummer perfekt, man könnte aber gern die Oud noch etwas mehr hören. Der Song geht ins Ohr, die Botschaft spricht an. Das war definitiv mein Highlight des Tages. Das könnte der Schweizer Beitrag für Stockholm sein.

Optik: 3 von 5
Stimme: 4,5 von 5
Komposition: 4,5 von 5
Instant Appeal: 4 von 5
Gesamt: 16/20 P. 

Also: Gern dürfen Patric/Abdullah, Vincent und Maika nach Kreuzlingen – zumindest nach unseren Punkten. Wobei Maika bei OLiver vor allem wegen ihrer Stimme zu den hohen Punkten kam. Ansonsten wäre für mich noch Sunanda, aber auch Stanley Miller eine gute Wahl. Insgesamt hatte SRF das qualitativ beste Startfeld der drei Sender, würde ich sagen.

Jetzt dürfen wir gespannt sein, wie die Expertenjury entscheidet. Noch heute am späten Abend soll das Ergebnis verkündet werden. Also: Stay tuned, wir veröffentlichen natürlich später das Ergebnis. Den Blog beenden wir jetzt erstmal. Bis dann!