Roman-Lob-Album ist da: „Standing still“ oder Zeit für „Changes“?

Vor gut sechs Wochen wurde Roman Lob zum Vertreter Deutschlands beim ESC in Baku gewählt und trat damit die Nachfolge von Lena an. Und auch bei ihm läuft die Promotion über TV-Auftritte, vorzugsweise auf Pro7 und in der ARD, und eine zügige Albumproduktion. Jetzt ist „Changes“ erschienen – hier eine erste Einschätzung.

Der Roman ist ein ja ganz Netter. Seit er vor knapp drei Monaten in des Deutschen Bewusstsein gerutscht ist, hat es noch keinen Ausraster gegeben, kein falsches Wort, nichts Überdrehtes, nichts was unpassend gewesen wäre. Auch die heiklen Fragen zum ESC-Austragungsland umschifft er mit Bravour. Also trotz Mikrofontattoo und Riesenohrlöchern ein ganz normaler Dorfbursche, der seine Wurzeln nicht vergisst und nicht verleugnet und bei Interviews immer ein wenig linkisch und unerfahren wirkt.

So weit, so gut!

Und jetzt also ein Album. In den letzten Wochen war man Roman in der deutschen Presse und in ESC-Fankreisen zwar grundsätzlich wohl gesonnen, gleichzeitig war auch oft zu hören, dass das alles zwar ganz hübsch, aber doch nicht wirklich spektakulär ist.

„Standing Still“ hat bei weitem nicht den Verkaufserfolg erzielt wie seinerzeit „Satellite“, aber ist ein sehr ordentlicher Radiohit, im Moment auf Platz 6 in den Radiocharts. Radiohits sind in der Regel Songs, die nicht zu extrem, dafür aber eingängig sind und vor allem nachhaltig wirken und so ist Roman immerhin schon in der 6. Woche in den Verkaufscharts notiert, derzeit in der 40er-Gruppe. Anscheinend gibt es eine ganze Menge Menschen, die das Lied gerne hören und vielleicht auch irgendwann mal kaufen. Ein ordentlicher Erfolg, weit größer als viele ESC-Songs der 90er und frühen 2000er, aber eben nicht spektakulär und ganz bestimmt nicht mit der Lena-Mania zu vergleichen.

Was konnte man nun also von Romans Album zu erwarten? Nun, in erster Linie natürlich Mid-Tempo-Soft-Rock. Mit diesem Genre hatte er sich bei USFB von Runde-zu-Runde gesungen, auch wenn er mit seinem musikalischen Vor- und Seitenleben, der Band Rooftop Kingdom, durchaus auch mal härtere Töne anschlägt.

Die härtere Gangart liefert das Album sicher nicht, aber etwas mehr als ausschließlich sein Lieblings-Genre hat der Industriemechaniker erfreulicherweise dennoch im Gepäck. Schließlich hatte er uns ja im sozialen Netzwerk versprochen, dass „für jeden etwas dabei“ sei. Und man  möchte fast sagen, er wendet sich vom reinen ‚Mid-Tempo-Soft-Rock‘ dem ‚Radiofreundlichen Rock-Pop‘, auch ‚Adult Contemporary‘ genannt, zu. Es ist also Musik für die Leute 30+, also die Pro-7-Zuseher, die morgens im Auto oder im Büro auch gerne mal das Radio einschalten.

Insgesamt enthält das Album 13 Stücke, 5 davon sind bereits durch USFB bekannt: seine drei Finalsongs, „After tonight“ und „Day by Day“. Die Produktion übernahm USFB-Nervensäge Thomas D., dem es gelungen ist, nicht einen Hauch von Fanta 4 in das Album zu quetschen, sondern es ganz auf seinen Schützling abzustimmen.

‚Mid-Tempo-Softrock‘ ist in erster Linie vertreten durch die drei möglichen Baku-Beiträge „Standing still“, „Alone“ und „Conflicted“ sowie die Coverversion, die seinen Ruhm begründete: „After tonight“ von Justin Nozuka.

Dazu gibt es mit „Calling out the Sun“ und „Dream on“ zu Beginn des Albums lupenreinen Pop – eine tolle Eröffnung mit zwei Songs, von denen durchaus auch einer der deutsche ESC-Beitrag hätte sein können und sicher auf ähnlichen Zuspruch gestoßen wäre wie „Standing still“. Etwas später in der Tracklist wird es dann noch einmal poppig mit dem etwas leichtgewichtigen, aber sehr sommerlichen Song „Flying“.

„Something stupid“ klingt sehr nach Sechziger, aber nicht nach Nancy & Frank Sinatra, sondern eher nach Beatles-Stücken aus der „Penny Lane“-Ära,  auch „Make you smile“ lässt sich hinsichtlich der Klanggimmicks dieser Dekade zuordnen. „First Time“ trägt mehr als einen Hauch von „Under the bridge“ von den Red Hot Chilli Peppers in sich. „Changes“ klingt mit seinem leicht angefunkten Sound nach Jamiroquai mit einem Schuss „Butterfly“ von Jason Mraz. Vieles also nicht brandneu, aber trotzdem nicht übel.

Zwei Balladen sind auch noch dabei, das druckvolle „Revolution“ – ganz zum Schluss mit einem sehr interessanten „marschigen“ Beat  und toller Steigerung – und „Day by day“. Bei letzterem handelt es sich um den Rooftop-Kingdom-Song, den Roman bei USFB vorstellte. Völlig abgespeckt taucht das Lied hier als Pianoballade auf – und ist quasi ein neuer Song. Am Beispiel „Day by Day“ wird deutlich, dass wohl bewusst auf die harte Schiene verzichtet wurde, möglicherweise klug, denn Radiohörer (und Pro7-Zuseher?!) haben es wohl nicht gern knüppelhart. Roman spielt bei „Day by day“ seine gesanglichen Kompetenzen in besonderem Maße aus.

Das Fazit: Roman ist auch auf seinem Album so wie er bisher immer war: nett und gut. Die Songs sind gefällig bis prima, singen tut er sowieso toll und die Produktion ist sauber und dem Künstler angemessen.

Wir haben das, was wir erwarten konnten: Ein schönes und zeitgemäßes Radiopop-Mainstream-Adult-Contemporary-Album mit Midtempo-Soft-Rock-Anklängen, das den Ohren schmeichelt. Und so gehört es sich ja für Roman. Ob das Album einen Stillstand beschreibt oder ob „Changes“ zu entdecken sind, das möge bitte jeder selbst entscheiden.

Es bleibt allerdings zu fragen, warum man beim Finale von USFB auf Abwechslung verzichtet und dreimal das komplett gleiche Genre bedient hat, hätten doch mit „Calling out the Sun“  oder „Dream on“ tolle Popsongs oder mit „Changes“ auch ein Hauch Funk bereitgestanden. Gab es die Songs damals noch nicht oder ging es darum, „Standing Still“ auf jeden Fall gegen zwei schwächere Konkurrenten der gleichen Kategorie durchzubingen? Auch wieder eine Frage, auf die es für uns nie eine Antwort geben wird.

Auch wenn Romans CD (wie seinerzeit auch schon  Lenas „My Cassette Player“) kein durch und durch innovatives Werk ist, ist es doch schön, dass es auch in diesem Jahr wieder das Album zum ESC-Beitrag gibt. Wie in den beiden Lena-Jahren ist mit einem ordentlichen Verkauf zu rechnen, auch wenn Roman es nicht zwangsläufig in die allerhöchsten Chartregionen schaffen wird. Der Radiohörer wartet halt gerne mal ab mit dem Kauf eines Tonträgers. Aber was wissen wir schon?

„Changes“ ist seit Freitag, 13. April, in den bekannten Download-Portalen, Elektromärkten und Kaufhäusern erhältlich. Und sicherlich läuft der ein oder andere Song auch mal im Radio. Live-Präsentationen auf Pro7 gibt es sowieso: vom 16. bis 19. April bei TV-Total.

Und jetzt warten wir auf das Engelbert-Album, gell?