Rund um Kiew (14) – Wenn Fanmedien Fanmedien interviewen

Seit fünf Jahren gehört unsere Fanmedien-Umfrage zum deutschen Beitrag im Pressezentrum der ESC Bubble zur festen Agenda unserer Berichterstattung vor Ort. Mit welchen Überlegungen, Hindernissen und Mühen das Ganze hinter den Kulissen zustandekommt und warum wir diesmal gleich drei solche Umfragen aufgeboten haben, erklärt OLiver im Rahmen unseres Kiew-Rückblicks.

Ich liebe dieses Format. Im Mai 2013, am ersten Tag der Proben in Malmö dachte ich, wäre es nicht schön, wenn uns die internationalen Blogger- und Journalisten-Kollegen bescheinigen würden, was wir für einen tollen Beitrag im Rennen haben? Damals dachten wir ja alle, wir hätten nach drei Jahren in den TopTen inklusive Lena-Sieg erneut einen absolut konkurrenzfähigen Beitrag („Glorious“) im Rennen. Trotz der Treppe.

Von Jahr zu Jahr danach dachten wir das dann zwar immer weniger, aber interessiert am Blick des Fan-Auslandes auf unseren Song blieben wir dennoch. Ich bin bis heute fasziniert davon, wie freundlich die Kollegen unserem Lied jeweils gesonnen sind, wenn wir nach Aussichten, Erwartungen und Ideen für die Präsentation fragen. Selbst wenn das Mienenspiel bisweilen auf „Geh mir weg mit dem Dreck“ hindeutet, haben sie doch stets hoffnungsvolle und optimistische Worte übrig. Kaum jemand haute uns etwa in diesem Jahr die eigentlich offensichtliche Antwort „Es ist doch völlig egal, wie die Inszenierung ausfällt, das Lied ist einfach ungeeignet“ um die Ohren.

Unsere Frage an die Kollegen lautet zu Beginn der Proben stets „Was erwartest Du vom deutschen Beitrag, wie sollte er optimal präsentiert werden?“ Nachdem die erste deutsche Probe gelaufen ist, fragen wir „Wie hat Dir das gefallen, was ist gut, was ist schlecht und welche Chancen siehst Du nun für Deutschland?“ Diesmal haben wir erstmals auch eine solche Post-Proben-Umfrage für die Nachbarländer Schweiz und Österreich durchgeführt, weil wir auch unseren vielen Lesern aus den Alpenländern etwas bieten wollten.

Wer hat’s gesehen?

Allerdings war gerade die A-CH-Umfrage besonders schwierig, weil nur 2:30 Minuten eines einzigen Schweizer Durchlaufs im Pressezentrum zu sehen waren und viele Kollegen gerade gar nicht hingeschaut hatten. Ich zum Beispiel plauderte ausgerechnet dann mit eurovision.de-Grandseigneur Jan Feddersen am Tresen mit den Pressefächern und nahm nur aus den Augenwinkeln gelbe Federn auf einer Wendeltreppe im Monitor wahr.

Die Frage ist: Wen fragt man überhaupt? Um ein möglich repräsentatives Stimmungsbild zu erhalten, habe ich über die Jahre eine Liste mit den wesentlichen Kriterien erstellt:

  1. Möglichst viele verschiedene begründete Stimmen einsammeln
  2. Möglichst viele verschiedene Länder abdecken
  3. Internationale Fanmedien zu Deutschland befragen, keine deutschen
  4. Auf die Relevanz (Reichweite) der Fanmedien achten, esckaz etwa ist wichtiger als irgendein unbekanntes Regionalradio
  5. Die Stars der Szene (wiwibloggs) einfangen
  6. Keine Medien einbeziehen, die wir für unlauter oder „gekauft“ halten
  7. Auch weibliche Stimmen einfangen (gar nicht so einfach)
  8. Optische Aufheller setzen (es sollten nicht alle so aussehen, als wären sie gerade aus einer Höhle gekrochen)

Das funktioniert natürlich nur, wenn man sich schon ein wenig auskennt, schließlich kann man ja nicht alle mit einem plumpen Wer-bist-Du-denn? vorab scannen. Von Vorteil ist es, dass sich viele Fanmedien eine Corporate Identity geben und ihren Tisch mit diversen Symbolen (Fahnen und Logos) schmücken, bisweilen haben die Mitarbeiter auch T-Shirts mit dem Logo Ihres Mediums an, etwa die wiwiblogger (angenehmes Schwarz-Lila) oder oikotimes (knallgelb, wie besonders giftige Frösche). Sonst helfen natürlich notorisch networkende Kollegen wie DJ Ohrmeister auch gern mit Anregungen aus, wer gleichermaßen geeignet und spannend für unsere Zwecke sein könnte.

Bereits am zweiten Probentag lasse ich also meine Blicke durch das Pressezentrum schweifen und überlege mir, wer für unser Stimmungsbild zu Levina und „Perfect Life“ in Frage kommt (und wer nicht). Hm, optische Aufheller? Der Nerd- und Geek-Faktor ist in der ersten Probenwoche doch ziemlich hoch. Ich mache mir Notizen: wiwibloggs, eskaz, eurovisionary, einen der Australier… esctoday, der Schotte mit der Handpuppe (die er aber gar nicht dabei hat), dazu einen Niederländer und einen Franzosen… Und vielleicht noch was irgendwas Spontanes?

Das Operationsgebiet, an den ersten Tagen noch überschaubar wenig gefüllt

Während ich nachdenke, schreitet ein großgewachsener Blonder mit stattlichem Mikrofon mitten durch das Pressezentrum, passiert dynamisch unseren Tisch und macht dabei einen Aufsager in einer Sprache mit reichlich Gutturallauten. Dabei wird er von einem Kollegen gefilmt. Als er nach drei Minuten ein zweites Mal und dann noch ein drittes Mal vorbeiläuft, kommt unsere Arbeit am Bloggertisch zum Erliegen:

Wer ist das denn?
Wenn er nochmal vorbeiläuft, muss ich ihn einfach mal kneifen…
Was ist das für eine Sprache?
Seht her, er hat sein eigenes Gravitationsfeld!

Tatsächlich wenden sich ihm im Pressezentrum automatisch viele Köpfe zu, wenn er vorbeigeht. Die Sprache hat mein süddeutsches Ohr mittlerweile zielsicher als Schwyzerdütsch identifiziert und ich notiere umgehend: Magnetischen Schweizer befragen.

Dann geht es los, ich stürze mich ins Getümmel, noch ist die Probenwoche frisch und die Fanmedien-Kollegen sind noch nicht übermäßig gestresst und daher besonders aufgeschlossen. Ich schweife dann gern auch mal thematisch ein wenig ab. Meine Lieblingsinterview-Partnerin Samantha Ross steht leider diesmal nicht zur Auswahl. Sie ist zwar in Kiew, hat aber auf die andere Seite der Macht gewechselt. Als Presseberaterin der bulgarischen Delegation ist sie nicht mehr als Bloggerin aktiv. Derartige und noch weitaus ungewöhnlichere Wechsel kommen in unseren ESC-Kreisen durchaus vor. Das ist in diesem Fall schade, denn Sam formuliert stets fantastisch und treffsicher, etwa zu Ann Sophie („Also ich sehe sie eigentlich eher in einem Nightclub„).

Nach einer Stunde Rennerei quer durchs Pressezentrum (und der Kantine) habe ich die meisten Statements auf mein iPhone aufgenommen und mich nebenbei über den Nordirlandkonflikt im Hinblick auf den Brexit und über die Präsenz Australiens grundsätzlich im ESC unterhalten. Der von uns besonders geschätzte William Lee Adams, Gründer von wiwibloggs, zeigt sich obwohl er nicht viel von „Perfect Life“ hält, als besonders charming und formuliert messerscharf und druckreif. Dann wage ich mich an den Magnet-Schweizer und erhalte ein freundliches Statement. Tom Glanzmann und sein Kollege Alain Pfammatter vom eidgenössischen ESC-Blog douzepoints.ch müssen aber durchaus erst ein Weilchen überlegen.

Unser Fotograf Volli darf wie wir alle während der ersten Proben nicht in die Halle und fotographiert daher die Meet-and-Greets. In den Pausen sende ich ihn dann zu meinen bereits abgegrasten Pressekontakten, was bisweilen schwierig ist, weil diese sich mittlerweile in der Kantine, auf der Toilette oder auch im Einkaufszentrum vor der Halle befinden (dort gibt es günstige ESC-Merchandising-Produkte). Es ist ein bißchen wie eine Schnitzeljagd („Also gerade eben habe ich Charlotte noch in der Kantine gesehen“) und manchmal wird man dann von den Kollegen der befragten Blogger auch mal angebitcht („Das weiß ich doch nicht, wo Deban wieder herumläuft, dann mal viel Spaß beim Suchen“). Wenn Volli die Herrschaften schließlich gefunden hat, setzen diese automatisch ihr schönstes Lächeln auf (bei ihm kann man irgendwie gar nicht anders), manche wollen ihn auch behalten.

Wenn alles im Kasten ist, setze ich mich an den Rechner, stülpe mir die Kopfhöfer über, übersetze die ganzen Statements im Kopf und tippe sie in gestraffter Form gleich in einen Blogbeitrag. Das dauert seine Zeit, da ja oftmals knapp ein Dutzend Stimmen zusammengekommen sind. Währenddessen vertilge ich locker einen Liter Colalightgetränk und das auf dem Bloggertisch nachlässig herumliegende Süßwerk.

Von allen Befragten lasse ich mir ein Kärtchen geben, denn ein polnischer Name wie Maciej ist schnell falsch geschrieben, außerdem sollen die Kollegen ja auch einen Back-Link von uns auf ihre jeweilige Website bekommen. Idealerweise erhalten sie dann nach der Veröffentlichung auch eine Mail mit einem Link auf unseren Beitrag. Die Statements sortiere ich möglichst abwechslungsreich und gestalte ein Patchwork-Aufmacherfoto mit sechs Gesichtern (optische Aufheller inklusive). Co-Blogger Matthias, der später unsere dritte Umfrage durchführt, liest meinen Beitrag Korrektur.

Das Schöne an Fanmedien-Presseumfragen ist: Man knüpft nebenbei nette Kontakte und erhält auch mal eine besondere Partyeinladung. In Wien war ich etwa dank eines solchen Fanmedien-Interviews als einer der wenigen Nichtslowenen bei der slowenischen Delegationsparty zugegen. Andererseits wird man natürlich im Gegenzug auch mal befragt und kann dann verständlicherweise nicht ablehnen. Als die schmucken Schweizer meine Meinung zu „Apollo“ filmen wollen, kann ich mich guten Gewissens recht optimistisch-positiv auslassen (als einziger PrinzBlogger neben Volli sah ich die Eidgenossen bei unserer Prognose nämlich im Finale).

Als ich mit dem Blogbeitrag dann endlich fertig bin und auf „Veröffentlichen“ drücke, hat unsere Investigativabteilung herausgefunden, dass Tom und Alain vor einigen Jahren Coverboys einer Stop-Aids-Kampagne waren und diesbezüglich schweizweit beim leidenschaftlichen Beischlaf nackt auf einer Waschmaschine plakatiert wurden. Zu diesem interessanten Sachverhalt stellen wir dann im Nachgang noch ein paar passende Nachfragen („Handelte es sich bei dem Gerät um ein Schweizer Fabrikat?“), die Ergebnisse kommen aber aus Zeitgründen nicht mehr auf den Blog.

Unser Aufmacherbild zeigt übrigens das Presse-Panel (Auswahl) bei der Umfrage zu Timebelle und Nathan Trent, hier sind noch weitere Bilder dieses Formats:

Das Panel aus der ersten Levina-Umfrage (Coverbild)

ESC 2015 Umfrage Pressezentrum nach der Ann Sophie Probe Interview BennyBenny mit William von WiwibloggsBennyBenny und William von wiwibloggs bei der Umfrage zu Jamie-Lee in Stockholm

Das Panel aus der Ann-Sophie-Umfrage aus Wien (Coverbild)

Sam Ross mit OLiver bei der Presseumfrage 2015

Das Panel aus der zweiten Umfrage (Coverbild) zu Levina aus Kiew

Tom und Alain von douzepoints.ch (hier ohne Waschmaschine)

Alle Links:
Fanmedien-Umfrage 2013 zu Cascada (I)
Fanmedien-Umfrage 2013 zu Cascada (II)
Fanmedien-Umfrage 2014 zu Elaiza
Fanmedien-Umfrage 2015 zu Ann Sophie (I)
Fanmedien-Umfrage 2015 zu Ann Sophie (II)
Fanmedien-Umfrage 2016 zu Jamie-Lee
Fanmedien-Umfrage 2017 zu Levina (I)
Fanmedien-Umfrage 2017 zu Timebelle und Nathan Trent
Fanmedien-Umfrage 2017 zu Levina (II)

 

Vorschau: In der nächsten Folge wird Marc von der moladwischen Party erzählen, auf der es ein Wiedersehen mit einer ganzen Reihe aktueller und ehemaliger ESC-Teilnehmer gab.

Bisher in „Rund um Kiew“ erschienen:
(1) Auf dem Wege nach Odessa (Jan)
(2) Im Golden Circle und in der Fan Zone (Marc und BennyBenny)
(3) Network ESC, Teil 1 (diverse Blogger)
(4) Deutsche Delegation Deluxe (BennyBenny)
(5) Die Transen im Lift (Douze Points)
(6) Hetzjagd durch die Hauptstadt (OLiver und Peter)
(7) Überleben zu kleinen Preisen in Kiew (Tjabe)
(8) Die Qual der Wahl im Bloggerleben (Salman)
(9) Reise nach Tschernobyl (OLiver)
(10) Network ESC, Teil 2 (diverse Blogger)
(11) Hinter den Kulissen der PRINZ-Blog-Social-Media (BennyBenny)
(12) DJ’s in Not: Und sie wollen doch nur spielen (DJ Ohrmeister)
(13) Stadtführungen mit Olga (Salman)