Rundum ein Klassiker – Das Treffen im Wirtshaus 2018!

In den letzten Jahrzehnten hat sich der ESC nicht nur als Show in einer noch nie da gewesenen Wucht präsentiert, auch die Rezeption des Festivals sprengt mittlerweile sämtliche Dimensionen. Der heutige ESC-Fan wühlt sich durch Snippets, Previews, Vorentscheidungs-Vorentscheidungen und wird zudem mit einer nicht enden wollenden Flut an wahren oder vermuteten Informationen versorgt, die das Fan-Sein fast zu einem Fulltimejob am heimischen PC machen. Aber das war nicht immer so – und ist auch heute manchmal noch anders – wie die 2018er Ausgabe des OGAE-Fantreffens wieder einmal unter Beweis stellte.

Immer im Januar, wenn die Internetforen langsam zu glühen beginnen, geht es auf nach München. Der OGAE Germany lädt zu seinem alljährlichen ESC-Fantreffen ins Wirtshaus im Isartal und begrüßt eine Schar von mehreren hundert ESC-Fans.

Charlie McGettitgan, einer der Stargäste des Abends brachte es auf den Punkt: „I’m feeling very comfortable, there are many men with grey hair around here“ und tatsächlich, nicht nur der irische ESC-Sieger des Jahres 1994, mittlerweile auch schon stolze 67 Jahre alt, erstrahlte auf  der Bühne im leuchtenden Grau, auch ein großer Teil des Publikums verzichtet inzwischen aufs Nachfärben. Andere scheren die verbliebene Haarpracht gleich ganz ab oder stehen zu ihrer inzwischen gemütlich anmutenden Figur. Mit anderen Worten: Wir werden alle nicht jünger. Das große Teil des Publikum im Wirtshaus bewegt sich – mit Aussetzern nach oben und unten – zwischen gut 40 und knapp 60 – und steht dazu. In den letzten knapp 2 Jahrzehnten, in denen die OGAE dieses Format des Clubtreffens durchführt, sind wir gemeinsam alt oder zumindest älter geworden.

Hier treffen sich viele Fans, die oft noch sehr konkrete Kindheits- und Jugenderinnerungen an ganz spezielle ESC-Auftritte haben. Fans, die in der Zeit vor dem Internet eine Woche vor dem Finale aus Programmzeitschriften mit hochrotem Kopf erste Infos zum großen Ereignis aufsogen, Teilnehmerlieder aus dem Radio auf Cassetten aufnahmen oder Flohmärkte nach Vinyl-Singles durchforsteten. Und es sind auch die Fans, die sich daran erinnern, wie besonders es war, Gleichgesinnte zu treffen, nachdem man seiner Leidenschaft zum Festival oft jahrelang ganz für sich alleine hatte frönen müssen. Und manche von ihnen essen bei diesen Treffen gern ein Stückchen Kuchen.

Viele dieser Fans sind es also, die sich alljährlich in München treffen und dort eine Stimmung entstehen lassen, in der stets ein Hauch der guten alten Zeit mitschwingt. Aber da der ESC ja selbst inzwischen fast im Rentenalter angelangt ist, sollte das erlaubt sein.

Was wurde diesmal geboten? Nun, ganz viel Vertrautes: Ein wie immer bestens aufgelegtes Moderatorenpaar: Reinhard Ehret, der mit samtweicher Stimme und höflichem Charme vor allem am Nachmittag brillierte und Frank Albers, der seine  Moderationen und Gespräche wie immer mit persönliche Anekdoten und einer reizenden Prise Selbstironie würzte.

Das Programm? Eigentlich wie immer – genau wie alte Leute es mögen. Der Cover-Contest mit sechs Teilnehmern unterschiedlicher musikalischer Couleur und Qualität. Hier gab es, und das ist eher selten in München, einen Hauch von Travestie: 4 Nicoles mit weißen Gitarren (Foto von Lisa Petersen) und 4 Abbas im Quasi-Originalkostüm belegten am Ende die Plätze 3 und 2. Den Sieg sicherte sich aber (wie schon oft zuvor) musikalische Qualität. „Me and my guitar“ ohne Gitarre aber mit viel Stimme sehr überzeugend von Christian Deußen vorgetragen, sammelte am Ende die 12er sämtlicher Jurys ein.

Ein weiteres Ritual: die Siegerehrung des Member Song Contests. Dieses von unserem bereits jetzt zärtlich vermissten Blogger OLiver in den frühen 90er Jahren (ja, auch OLiver hat schon graue Haare…) entwickelte Spiel wird von Reinhard seit vielen Jahren mit viel Akribie und Engagement weitergeführt. Erstmals gewann mit der Titelmusik aus den „Miss-Marple“-Filmen ein Instrumental. Platz 2 für einen Klassiker aus den 70ern, „Top of the world“ von den Carpenters, eingereicht von der wunderbaren Marianne aus Bamberg, die tatsächlich über ihren Sohn an die ESC-Fan-Welt herangeführt wurde .Auf Platz 3: Blogger Salman mit dieser Kelly-Lady (neumodisches Zeug).

Und dann schlug Reinhards große Stunde: die Interviews mit ESC-Legenden von anno dazumal, die inzwischen Bühnengespräche genannt werden. Diesmal war Norbert Daum zu Gast, der auf überaus charmante Art von seiner Tätigkeit als Arrangeur und Dirigent zahlreicher ESC- Beiträge vorwiegend aus der Feder oder dem Umfeld von Ralph Siegel berichtete. Norbert Daum nahm anschließend am Ehrentisch links der Bühne Platz. Dieser Tisch ist ein wirklich ganz besonderes Kuriosum. Dort versammeln sich Jahr um Jahr viele der Veteranen, die Reinhard irgendwann mal auf der Bühne vors Mikro geholt hatte. Und wenn sie einmal da waren, kommen sie immer wieder! Diesmal u.a. anwesend: Ralph Siegel, Christian Bruhn, Katja Ebstein, Carolin Reiber, Michael Holm, Linda G. Thompson, Penny McLean und, man glaubt es kaum, Franz-Xaver Kroetz. Baby Schimmerlos hat nun wirklich gar nichts mit dem ESC zu tun, aber es gibt eine kettenartige Verbindung, die auch ihn ins Wirtshaus brachte, in der seine Ex-Frau, sein Sohn und Penny McLean eine Rolle zu spielen scheinen. In mir steigt die Hoffnung, dass sich im nächsten Jahr vielleicht auch noch Uschi Glas oder Senta Berger dazugesellen werden. Warten wir es ab. Auf jeden Fall hat dieses Clubtreffen im Clubtreffen einen ganz speziellen Charme.

Aber auch ganz frische Zeitgenossen wurden zum Bühnengespräch gebeten: Cesar Sampson, der diesjährige Teilnehmer aus Österreich, und Xavier Darcy, Teilnehmer an der deutschen Vorentscheidung „Unser Lied für Lissabon“, plauderten über die nun anstehende aufregende Zeit. Bei beiden spürte man die Spannung, die Aufregung und die Erwartung an das, was auf sie zukommt. Details oder gar „Snippets“ zu ihren Songs gab es jedoch leider noch nicht.

Nach einer Pause gab es dann wieder den „großen Konzertabend“. Fünf ESC-Acts waren auf der Bühne und Schritt für Schritt arbeitete man sich vom Altertum bis zur Neuzeit vor.

Den Anfang machte Manuela Bravo. Manuela wer? mag jetzt der ein oder andere 22jährige Blogleser fragen. Es handelt sich hier um die portugiesische Teilnehmerin des ESC 1979 und um den allerersten ESC-Beitrag, den Moderator Frank überhaupt gesehen hat, wie er bemerkte. Folgerichtig eröffnete die inzwischen 61 Jahre alte Sängerin ihren Set mit „Sobe, sobe, balao sobe“, dem mit Platz 9 recht erfolgreichen portugiesischen Song. Die Menge ging, wie es nicht anders zu erwarten war, gleich verzückt mit. Kein Wunder. Wie Frank wird mach einer den Auftritt auch damals live am TV verfolgt haben.

Danach legte Manuela den Samen aus für etwas, das uns den ganzen Abend über begleiten sollte: die Interpretation moderner Klassiker. Sie knallte uns zunächst ein sehr stimmgewaltiges „Memory“ aus dem Musical „Cats“ um die Ohren. Gestik und Mimik der Sängerin ließen darauf schließen, dass sie diese Rolle möglicherweise bereits auf der Bühne dargestellt hat, vielleicht war sie ja die Grizabella von Lissabon. Danach setzte sie noch einen drauf und intonierte das Piafsche „Non je ne regrette rien“ und sang dabei ganz wunderbar nasal.

Nach einem portugiesischen Popsong gab sie abschließend den letztjährigen ESC-Siegertiel zum Besten. Natürlich klang das Lied von einer reifen Diva anders als von einem jungen jazzorientierten Sänger, aber Manuela Bravo vermittelte bei ihrer Interpretation eine sehr angenehme Spur von Stolz auf den Sieg und auf ihr Land. Der Saal war seelig.

Kurz vor Schluss dieses berührenden Momentes wurde unser Tisch allerdings schlagartig in die Realität zurückgeholt, als Wirtin Helma freundlich in die Runde fragte: „Kaiserschmarren?“, um sich ihrer kulinarischen Fracht zu entledigen. Erfreulicherweise meldete sich der auf das Gericht wartende Tischgenosse umgehend und wir konnten zu Manuelas Gesang zurückkehren.

(Helma und ihr Team bedürfen natürlich auch in diesem Jahr eine über alle Maßen lobende Erwähnung. Es ging flott, es war lecker, aller waren freundlich, was will man mehr? Da ist doch so ein „Kaiserschmarren?“ in einer zu Herzen gehenden portugiesischen Ballade ein Klacks.)

Nach Manuela waren die Iren an der Reihe. Paul Harrington und Charlie McGettigan treten nicht mehr sehr häufig miteinander auf, aber sind noch hervorragend aufeinander abgestimmt. Ihr Set, wie schon damals in Dublin nur von Piano und Gitarre begleitet, bestand aus einigen Eigenkompositionen, ihrem ESC-Siegersong „Rock’n’Roll Kids“ und natürlich ein paar Klassikern. Neben „I’m a believer“ von den Monkees sangen sie Carole Kings „You’ve got a friend“. Wirtin Helma summte leise lächelnd mit. Paul Harrington widmete OGAE-Fantreff-Faktotum Wolfgang Grube „Wichita Lineman“, komponiert von Jimmy Webb. Er fand lobende Worte für Wolfgang der, und das war für alle, die hinguckten, sichtbar, den ganzen Tag dafür sorgte, dass es den zahlreichen VIP Gästen allzeit gut ging. Dies ist nicht die erste Huldigung für Wonderful Wolfgang auf einem Wirtshaustreffen. Schon vor etlichen Jahren rief eine gerührte Ami Aspelund in die Menge, nachdem Wolfgang ihr ein Glas Wasser zur Ölung ihrer etwas lädierten Stimmbänder geliefert hatte: „If there were more Wolfgangs in this world, it would be a much better place.“ Recht hat sie! Danke auch von uns.

Die Iren präsentierten sich besonders witzig und humorvoll. Einen besonderen Lacher erntete Charlie, als er in der Ansage zu seinem Song „Foot of a dancer“ in die Runde fragte: „Who is a parent?“. Entweder war das knallhartes Kalkül oder 1994 gab es noch eine andere ESC-Fanstruktur.

Es gab viele songcontestbezogene Anekdoten und Kommentare und sogar einen ESC-Coversong: „What’s another year“. Diesen Song sangen die beiden in einer ganz eigenen, sehr schönen Version. Wie vorher schon Manuela äußerten sie sich auch zu „Amar pelos dos“ und betonten die „simplicity“, die besondere Einfachheit, die das Lied, ebenso wie wohl ihr eigenes damals, zum Sieg geführt habe. Etwas Ähnliches hatte nachmittags auch schon Katja Ebstein gesagt. Die alte Garde weiß also viel mit dem portugiesischen Sieger anzufangen.

Eine Überraschung hatten die Macher des Treffens noch im Köcher. Sonja Lumme, finnische Teilnehmerin beim ESC 1985, betrat die Bühne. Sie war kurzfristig verpflichtet worden.

Auch Sonja bewies ihre Liebe zu Klassikern und startete mit einer finnischen Version von „Mack the knife“, die sich im Aufbau stark an die legendäre 1961er-Liveaufnahme von Ella Fitzgerald aus Berlin anlehnte. Weitere Cover: „Can’t take my eyes of you“ und „I say a little prayer“ von Burt Bacharach, letzteres auf finnisch. Auch dabei: Udo Jürgens‘ besondere Komposition „Was ich dir sagen will“, ebenfalls im finnischer Sprache. Neben diesem Showgalaprogramm war sie sich aber auch nicht zu schade für etwas Finnpop und selbstverständlich ihren ESC-Beitrag, „Elääköön elämä“, bei dem sie sich insbesondere über den Fünferklatsch im Refrain amüsiert zeigte, den große Teil des Saals auf den Punkt setzten.

Auch Sonja war bester Laune, brachte Witzchen und Anekdoten und schien sich  im graumelierten Meer pudelwohl zu fühlen. Auf die Frage, was ihr beim aktuellen ESC fehle rief sie „I want the band back“ – „Ich will das wunderbare Orchester wieder haben.“ Auch mit diesem Wunsch war sie im Saal nicht allein.

Nach Sonja Lumme kam der erste der beiden Sänger die Bühne, die deutlich jünger waren, als der Großteil des Publikums. Omar Naber, geboren Anfang der 80er, hatte sich entschieden, seinen Set ausschließlich selbst mit einer verstärkten akustischen Gitarre zu begleiten. Das konnte er sehr gut, allerdings hätte ich mir besonders bei seinen beiden ESC-Songs den vollen Orchestersound vom Halbplayback gewünscht, aber nun ja, ich bin halt Grand Prix.

Auch er hatte neben slowenischer Popmusik Klassiker dabei: „Over the rainbow“, das bei ihm sehr an die Version des Hawaiianers  Israel Kamakawiwoʻole erinnerte, und etwas später im Programm, „Angels“ von Robbie Williams. Für den knapp 36jährigen Omar ist das sicher bereits ein Klassiker. Und einen Song seiner Lieblingsband Green Day, „The time of your life“ gab es auch noch. Aber da warten wir mit dem Label Klassiker noch ein wenig.

Omar überzeugte durch die Strahlkraft seiner Stimme. Der Mann kann wirklich singen. Allerdings klickte es zwischen ihm und dem Publikum aus meiner Sicht nicht hundertprozentig. In seinen Anmoderationen wirkte er etwas trocken und eine Spur zu cool. Witz und Ironie der Iren und der Finnin fehlten ihm, aber er ist halt auch ein paar Jahre jünger.

Und noch eine Dekade jünger war der Letzte im Bunde. Nathan Trent, der österreichische Sonnyboy in the moon, der beim ESC in Kiew zumindest die anwesenden Fans und die europäischen Jurys überzeugen konnte, war aufgedreht wie ein Springball. Für Klassiker ist er wohl noch zu jung und zudem scheint er noch sehr in der ESC-Gegenwart verhaftet, ein Blick in die ESC-Historie steht bislang noch nicht an. Macht aber ja nix. Er wählte einige neuere ESC-Erfolge aus und kleidete sie in ein ganz eigenes akustisches Gewand. So klangen „Heroes“, „J’ai cherché“, „L’essenziale“ und „Satellite“ auf einmal ganz nathanesque.

Danach gab es eine neue Single “Won’t let you go“, die er gemeinsam mit Poptracker eingespielt hat. Es handelt sich um einen sehr dynamischen Popsong mit einer schönen Mitheulzeile, der in Österreich bereits beginnt, ein Hit zu werden. Zum Schluss gab es natürlich, und das mit ganz besonders viel Energie, „Running on air“. Nathan machte seine Sache ausgesprochen gut. Er sang wie ein Italiener, drehte auf wie ein Stadionsprecher und strahlte wie ein ESC-Sieger. Und dennoch: nach mehr als drei Stunden Showprogramm war es für die Versammelten wohl nicht mehr ganz so leicht, alles zu geben und der Applaus verebbte etwas schneller als vielleicht erhofft. Wir sind halt nicht mehr die Jüngsten. Nathan war aber trotzdem klasse.

Den Abschluss des Abends bildete ein Tribut an Joy Fleming, zunächst mit einer Einspielung ihres 2002er VE-Beitrages „Joy to the world“ und danach sangen alle den traditionellen gemeinsamen Abschiedssong, diesmal natürlich „Ein Lied kann eine Brücke sein“. Vielstimmig durch Wirtshaus schallend wurde mal wieder deutlich, was für ein guter Song dieser Beitrag war und ist – obwohl er schon mehr als 40 Jahre auf dem Buckel hat.

Und so ging der offizielle Teil nahezu nahtlos in den nächsten altvertrauten Programmpunkt über, die Eurodisco. Unter ESC-DJ Ohrmeisters erfahrenem Dirigat zeigten die Graumelierten, was sie noch drauf haben. Das war Allerhand, denn die Sause dehnte sich noch bis 3.00. Es wurde nicht nur zu Klassikern, sondern tatsächlich auch zu neueren Songs getanzt, während parallel dazu Selfies geschossen und Autogramme (ja, tatsächlich, sowas gibt es noch) gesammelt wurden.

Und so klang ein weiteres Münchener Treffen frisch-fröhlich aus. Danke noch mal an alle, die dafür geackert und, in welcher Form auch immer, mitgemacht haben. Die nächste Ausgabe ist schon anvisiert: Am Samstag, 26.1.2019 trifft man sich wieder im Wirtshaus, vermutlich mit Carolin, Ralph und vielleicht auch noch Uschi Glas. Und mit allen, die Lust darauf haben, die gute alte Omi ESC mit ihrer gesamten Lebenszeit von mehr als 60 Jahren und ihrem Spirit von Offenheit und Gemeinschaft umfassend zu feiern. Wir sehen uns!

Die Fotoauswahl seiner Bilder für diesen Beitrag besorgte selbstverständlich Peter!

Viele wunderbare weitere Bilder vom Klassiker Klassentreffen gibt es hier.