Russia goodbye – Die Flamme ist aus: Russland sagt Teilnahme für Kiew ab

Vielleicht ist es besser so. Der russische Sender Channel One hat die Teilnahme seines Beitrags „A Flame Is Burning“ am 62. Eurovision Song Contest 2017 endgültig abgesagt. Damit endet das langwierige Hin und Her um die Sängerin Yulia Samoylova, der die ukrainische Obrigkeit die Einreise ins Land verweigerte. Der EBU ist es nicht gelungen, eine glückliche Lösung für beide Seiten zu finden. Ob Russland 2018 wieder zum Wettbewerb zurückkehrt, ist ungewiss.

Zum ersten Mal seit 1999 wird das größte Land Europas nicht am größten europäischen Musikwettbewerb teilnehmen. Russland debütierte 1994 und war bis zur Jahrtausendwende unregelmäßig und mit nur durchschnittlichen Erfolgen dabei. Ab 2000 änderte sich mit dem zweiten Platz von Alsou alles und Russland fand sich immer im Finale wieder. Man glänzte mit drei dritten Plätzen, vier zweiten und einem ersten Platz in 2008.

Doch seit der Bekanntgabe von Yulia Samoylova als diesjähriger russischer Vertreterin Mitte März hing der Haussegen in der Eurovision schief. Yulia Samoylova trat 2015 bei einem Musikwettbewerb auf der Krim auf, für den sie nicht über ukrainisches Gebiet auf die Krim reiste. Eine Einreise von russischer Seite aus in die 2014 von Russland annektierte Halbinsel bricht nach ukrainisches Gesetz. Nach Bekanntwerden des Sachverhalts sprach die Ukraine daher ein dreijähriges Einreiseverbot aus. Wir haben hier dazu berichtet.

Die EBU unternahm mehrere Anläufe, das Problem zu lösen. Eine Live-Zuschaltung per Satellit oder der Austausch des Interpreten lehnte das russische Fernsehen als inakzeptabel ab. Gespräche mit den ukrainischen Autoritäten verliefen auch im Sande und verhärteten die Fronten immer mehr, was nun die russische Absage zur Folge hatte. Das russische Fernsehen wird den Contest 2017 auch nicht übertragen.

Laut der EBU liegt die Schuld auf ukrainischer Seite, da man dort nicht vom Einreisebann für Yulia Samoylova absehen wollten und somit den unpolitischen Charakter des Wettbewerbs nicht respektiert hat. Die EBU bedauert die Absage der Russen, aber die kurze Zeit bis zum Wettbewerb lässt jetzt keine weitere Diskussion zu. Nachstehend die Aussage vom Chairman der Reference Group, Frank Dieter Freiling:

We strongly condemn the Ukrainian authorities’ decision to impose a travel ban on Julia Samoylova as we believe it thoroughly undermines the integrity and non-political nature of the Eurovision Song Contest and its mission to bring all nations together in friendly competition. However, preparations continue apace for the Eurovision Song Contest in the host city Kyiv. Our top priority remains to produce a spectacular Eurovision Song Contest with our Member UA:PBC in May.

Ein Sprichwort sagt: Steck alle in einen Sack, schlag drauf und du triffst immer den richtigen. War es nun eine geplante Provokation der Russen ausgerechnet Yulia Samoylova zu schicken? Man wird es nicht erfahren, da über die Auswahlmethode der Russen nichts bekannt ist.

Auch die EBU hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Der aktuelle Fall ist nicht der erste Rückzug. So lehnte die EBU 2009 den georgischen Beitrag für den ESC in Moskau „We don’t wanna put in“ als politisch ab, das georgische TV weigerte sich einen anderen Song zu nominiren und sagte ab (mehr dazu und über andere verhinderte Songs hier). Die Ukraine selbst sagte 2015 wegen der schwierigen politischen Lage ihre ESC-Teilnahme ermöglicht.

Seitdem Osteuropa mit von der Partie ist, überschattet die Politik wieder stärker den Wettbewerb. Jährliche Provokationen zwischen Armenien und Aserbaidschan, Kontroversen zwischen Russland und der Ukraine sowie in den 90er-Jahren die Konflikte auf dem Balkan waren auch jeweils beim ESC zu spüren.

Bloggerkollege OLiver hatte schon vor acht Jahren über die politischen Dimensionen des Wettbewerbs gebloggt. Waren es in den Sechziger Jahren Spanien und Portugal, ein Jahrzehnt später Griechenland, Türkei und Israel, so folgte dann der zerfallene Balkan und das neue Jahrtausend prägten die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Will die EBU weiterhin auf dem unpolitischen Charakter des Contests beharren, so sollte sie all die Länder, die in den letzten Jahren ihre politische Meinung nicht zu Hause lassen konnten, ermahnen und gegebenenfalls ausschließen.

Nun sind die Russen erst mal raus aus dem ESC und der Wettbewerb kann durchgezogen werden. Vielleicht kann die permanente Präsenz aufgrund dieses Themas zur Freude der EBU die Einschaltquote erhöhen.

Ob die Russen 2018 weiterhin wie angedroht dem Eurovision Song Contest fernbleiben, wird sich sicher erst im Herbst herausstellen. Aber es bleibt die Frage, inwieweit es wünschenswert ist, Ländern wie Russland, Armenien, Aserbaidschan oder auch der Türkei eine Plattform zu bieten, um andere Länder zu provozieren.

Die einzige, die sicherlich die Sympathie vieler hat, ist Yulia Samoylova, die zum Spielball der Mächte wurde. Aber vielleicht ist es ihr auch egal, da die internationale Medienpräsenz in den letzten Wochen sicherlich mehr ihrem Bekanntheitsgrad genutzt hat, als zwei Auftritte im großen Musikwettbewerb.

Im morgen planmäßig anstehenden Songcheck werden wir uns ihrem Lied „A Flame Is Burning“ auf jeden Fall noch widmen trotz der russischen Absage. Daher zeigen wir hier das Siegerlied von 2007 „Molitva“, von Yulia Samoylova interpretiert.