Eric Saade „Vol.2“: Der Rhythmus, wo jeder mitmuss

Die Fortsetzung liegt vor: Eric Saades „Vol.2“ knüpft an „Vol.1“ an. Leider ist das neue Album musikalisch recht eintönig geworden – Saade sollte sich an seinen Melodifestivalen-Mentor erinnern.

Nach „Vol.1“ (meine Rezension hier) hat Düsseldorfs Drittplatzierter nun also den zweiten Teil seines nach ihm selbst benannten Doppel-Oeuvres vorgelegt, und mein Co-Blogger Peter hat ja schon die Album Visuals vorgelegt. Auch die vorab veröffentliche Nummer „Hotter Than Fire“ hat uns musikalisch schon auf das 10 Tracks umfassende Album eingestimmt.

Denn im Stil von „Hotter Than Fire“ (feat. DEV) ist nahezu jedes Stück auf „Vol.2“. Schon „Sky Falls Down“, der erste Track, gibt die Richtung der folgenden knapp 40 Minuten vor. Zu einem starken Dance-Beat fließt eine 80’s-hafte Synthesizer-Melodie à la Jean-Michel Jarre, dann setzt Erics Stimme ein. Hier hat sich Sexy Saade wieder Unterstützung von J-Son geholt – der Rapper war schon auf „Vol.1“ in „Hearts In The Air“ zu hören. Ein eingängiger Einstieg ins Album.

Track 2, „Rocket Science“, beginnt, wie Track 1 endete – und man ahnt, dass sich das in der nächsten guten halben Stunde auch kaum noch ändern wird. „Rocket Science“ hat einen etwas ausgefeilteren Beat, was den Zugang zu dem Lied auf Anhieb etwas schwieriger macht. Tanzbar ist „Rocket Science“ trotzdem.

Darauf folgt die ausgekoppelte Nummer „Hotter Than Fire“. Was mir an dem Stück wirklich gut gefällt, ist die Struktur, der Aufbau des Songs: dass nach der ersten Strophe der Beat runtergezogen wird und zu „She’s cooler than ice“ eine softe Bridge kommt, die sich zum Refrain hin steigert. Das ganze ist eine absolute Partynummer – auch textlich. Ansonsten atmet auch „Hotter Than Fire“ diesen leicht 80’s-/90’s-haften Retrosound, der seit Minute 1 das Album prägt.

Video „Hotter Than Fire“

Das vierte Stück, „Love Is Callin'“, erinnert am Anfang gleich an „Killed By A Cop“ aus der „Vol.1“-CD. Dort wiederholte jemand ständig die Zeile „Killed by a cop“, hier ist es „You bring my heartbeat“. Dann setzen wieder die fetten Beats ein, zu denen Eric eine gängige Strophe singt. Dafür gefällt mir dann der Refrain weniger: Das langgezogene „Looooove iiiiiis caaaaallin'“ wirkt wie ein Fremdkörper in dem Stück.

Das fünfte Stück steigt wieder mit einer fließenden Synthesizer-Melodie ein, die an Jean-Michel Jarre erinnert. Dann kommen wieder Beats und Erics Stimme… und ich habe ein Déjà-Vu-Erlebnis. Hab ich das nicht schon mal gehört, vor nicht mal einer halben Stunde? Kurzer Check… Stimmt: „Crashed On the Dance Floor“ klingt fatal wie „Sky Falls Down“. Das Lied ist identisch konstruiert, mit dem einen Unterschied, dass Rapper J-Son hier fehlt. Zumindest im Vordergrund. Im Hintergrund zieht Jason Gill das ganze Album über die Fäden. Dazu später mehr…

Eric SaadeHalbzeit bei „Vol.2“, das zwei Songs weniger enthält als sein Vorgänger. Die zweite Hälfte beginnt mit der Zeile „Explosive Love“ und dem gleichnamigen Titel. Damit wahrt das Album seine Gesamtkonstruktion: Die Tracks 1, 3 und 5 begannen jeweils mit Sythesitzer-Flows, während die Tracks 2, 4 und nun 6 jeweils direkt mit Erics Stimme einsetzen. „Explosive Love“ ist wieder ein tanzbares Lied. Aber ehrlich gesagt: So langsam wäre mir mal nach einer etwas anderen Art von Musik. Auf „Vol.1“ bot Eric zur Albummitte ein bisschen Abwechslung mit dem ruhigeren Stück „Someone New“. Beim zweiten Teil verzichtet Herr Saade leider auf Entspannung.

Entsprechend geht es mit „Backseat“ weiter – floating synthesizer, natürlich. Ist schließlich ein Track mit ungerader Nummer. Ich ermüde etwas…

Video „Backseat“

„I’m riding in your backseat“, singt Eric. Ich dagegen würde gern mal aus dem Disco-Mobil aussteigen und mir etwas die Beine vertreten. Die Saade-Dance-Fahrt wird mir so langsam etwas zu eintönig. Nichts gegen die Stücke – die sind allesamt gut produziert und eingängig. Aber nach sieben fast identischen Songs komme ich mir vor, als hätte ich zuviel vom süßen Nachtisch genascht und der Magen beginne zu grummeln.

Nun meint Herr Saade mich erhört zu haben und sorgt für Abwechslung – indem er das Album-Konzept durchbricht. Track 8 beginnt trotz gerader Nummer nicht mit Erics Stimme, sondern mit Synthesizer-Klängen. Ansonsten aber ist „Feel Alive“ — sorry: „Feel Aliiiiiiiiiiiiive“ — wieder der Einheitsbrei, der nun schon seit 25 Minuten aus meinen Boxen kommt. Meine innere Stimme ruft: „Leg doch endlich AC/DC auf. Oder Adele! Oder was von Mozart. Aber bitte mal etwas ohne Dancebeat!“ Doch ich muss durchhalten, damit diese Rezension fertig wird.

„Fingerprints“ also, Track 9. Der Synthesizer-Klang am Anfang ist wieder sehr gut gelungen – irgendwie gefallen mir diese Songeinstiege fast am besten an dem Album. Dann kommt wieder der Dancebeat, mit Vocoder hat man die Stimme an manchen Stellen etwas verzerrt.

Video „Fingerprints“

Eric singt ein Mädel an, „your fingerprints in danger“ – bei mir ist ganz was anderes in Gefahr, nämlich die gute Laune. Ich beginne, mich über dieses Album zu ärgern. Wie kann man nur 10 nahezu identische Songs auf eine CD pressen?

Aber nein: es sind nur neun identische. Track 10 versöhnt mich wieder ein wenig mit „Vol.2“. „Without You I’m Nothing“ ist nun endlich die lang ersehnte ruhige Nummer. Da komme ich mir vor wie im Klangbecken eines Wellness-Bades. Dort schwebt man in 35 Grad warmem Wasser und kann unter Wasser entspannende Musikklänge hören, die aus einer Unterwasser-Beschallungsanlage kommen und Körper und Geist in Harmonie bringen sollen. „Without You I’m Nothing“ bleibt fast sechs Minuten lang in den transterrestrischen Klangsphären, das Tempo wird allerdings nach einer guten Minute etwas gesteigert. Aber alles in allem ist das Stück eine wohlklingende Entspannung nach den vorherigen Dancebeats.

Video „Without You I’m Nothing“

Dennoch kann „Without You I’m Nothing“ nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Vol.2“ ein ziemlich eintöniges Album geworden ist. Die ersten neun Songs klingen letztlich wie ein extrem langer Dancetrack, der einem spätestens nach der Hälfte anfängt, etwas auf die Nerven zu gehen. „Vol.1“ hat mir aufgrund seiner größeren musikalischen Bandbreite weitaus besser gefallen.

Es rächt sich, dass Eric Saade für das komplette Album auf Jason Gill als Songwriter und Produzent gesetzt hat. Auf „Vol.2“ vermisst man vor allem Fredrik Kempe, der für Eric Saade die Melodifestivalen-Hits „Manboy“ und „Popular“ geschrieben hat, schmerzlich. Auch Jörgen Elofsson, der auf „Vol.1“ für „Someone New“ verantwortlich zeichnete, hätte „Vol.2“ um eine etwas andere Klangfarbe ergänzen können.

Dass man mich richtig versteht: „Vol.2“ hat richtig gute Nummern zu bieten, etwa „Rocket Science“, „Hotter Than Fire“ und „Fingerprints“. Aber unter dem Strich ist „Vol.2“ wie eine süße Limonade – trinkt man zu viel von ihr, bekommt man schnell Bauchschmerzen. (Und damit, liebe innere Stimme, kriegst du nun deine Adele.)