San Marino sucht seinen Vertreter mit offenem Vorentscheid

Aus und vorbei: das san-marinesische Fernsehen SMTV trennt sich für den Eurovision Song Contest von Ralph Siegel. Stattdessen darf sich jeder Interessierte bewerben und sich einem internen sowie einem zweistufigen öffentlichen Verfahren stellen. Ende Februar wissen wir dann, wer den Zwergstaat in Portugal mit welchem Lied vertreten wird.

Den lediglich einen Punkt (aus Deutschland!) im Halbfinale beim Eurovision Song Contest 2017 in Kiew konnte scheinbar kein Geld (aus Ralf Siegels Schatulle) vergessen machen. Vielmehr will San Marino unter Einbindung der Öffentlichkeit seinen Vertreter für Lissabon bestimmen und so eine bessere Platzierung (also mindestens die Qualifikation fürs Finale) erreichen.

Wirklich jeder darf sich bewerben, der irgendwie Musik macht und mindestens 100 Likes/Shares auf der Veranstalter-Website aufweisen oder 4,99 Euro locker machen kann. So viel kostet es im Zweifel, um von der durchführenden – ja, was eigentlich? – Produktionsfirma 1 in 360 zumindest berücksichtigt zu werden. 1 in 360 ist nämlich nur die Adresse der Website; dahinter stehen unterschiedliche Firmen, allesamt mit Sitz in London.

Konkret läuft es dann so: von heute, dem 17. Oktober bis zum 30. November können Künstler – Einzelsänger oder Bands – Songs bei der genannten Website hochladen. Das kann jedweder Song sein, Original oder Cover spielt keine Rolle. Mindestens genauso wichtig wie der Gesang sind der ausschreibenden Firma dabei das Aussehen und die künstlerischen Talente: „ein (bewegtes) Bild sagt mehr als tausend Worte, also schickt uns unter allen Umständen Videos, wenn ihr es könnt.“

Diese Einsendungen werden ab dem 1. November veröffentlicht. Dann gilt es auch für die Bewerber, Unterstützer zu finden, die ihre eingereichten Beiträge liken oder sharen. Denn wer mehr als 100 Likes hat, spart sich – wie gesagt – die 4,99 Euro, die sonst fällig werden. Eine interne Jury wählt aus allen Bewerbern, die diese Anforderungen erfüllen, zehn Kandidaten aus. Allerdings könnten bis zu drei der zehn Kandidaten auch Wildcards sein, die also nicht die erste Bewerbungsstufe durchlaufen haben. Ralph Siegel ist somit noch nicht ganz aus dem Spiel.

In sieben (in Zahlen 7!) Shows im Januar (in Monaten 1!) 2018 werden dann drei Kandidaten für das Finale ermittelt, das Ende Februar stattfinden wird. Das heißt, dass voraussichtlich pro Show ein Teilnehmer das Startfeld verlassen muss. Das Verrückte – und jetzt erklärt sich auch der Titel der Website – ist: Teile der Shows werden als 360-Grad-Videos und in Virtual Reality gefilmt und übertragen. Wenn man so nicht den bestmöglichen Beitrag für Lissabon findet, wie dann?!

Hier die Erklärung des Verfahrens noch einmal im schönsten san-marinesischen Londoner Englisch

Wie die Auswahl der drei Kandidaten in den sieben Shows erfolgt, ist im Moment nicht ganz eindeutig. In der Pressemeldung heißt es, eine Jury würde sie auswählen. Zumindest im Finale sollen dann aber die Zuschauer das Sagen haben. Die Event-Website spricht davon, dass man im Finale „Musik-Liebhaber aus Europa überzeugen muss“, dass man die Chance verdient hat, als Internet-Kandidat für San Marino beim ESC zu singen. So ähnlich, aber etwas reduzierter, drückt es auch die offizielle Website des san-marinesischen Fernsehens aus. Welche Lieder die drei Finalisten vortragen werden, entscheidet ebenfalls eine interne Jury in Absprache mit den Künstlern.

Nach den Jahren der internen (und Geldgeber-gesteuerten) Selektion des Beitrages des Mini-Staates ist das ein durchaus schlüssiger Ansatz. Vielleicht etwas viel Social-Media- und 360-Grad-Video-Gedöns, ansonsten aber nicht falsch. Ein bisschen erinnert es auch an „Unser Song für Baku“, allerdings hatten m. W. dort schon früher die Zuschauer ein Wörtchen mitzureden bzw. abzustimmen. Mit dem starken Einfluss der Jury sowohl bei der Auswahl der zehn Bewerber und der Option der drei Wildcards als auch der Lieder behält man die Kontrolle, wie sie auch in der Schweiz beabsichtigt ist. Bleibt zu hoffen, dass die Jury mehr nach Kompetenz als nach Großkopfertentum (wie beim NDR in den letzten Jahren) zusammengesetzt ist.

Ach, und dass dann am Ende eine Isländerin oder ein Azeri für San Marino singen, spielt keine wirkliche Rolle. Immer noch besser als Valentina Monetta auch die nächsten zwanzig Jahren immer wieder für das Land antreten zu sehen.

Ein Punkt war offenbar zu wenig, um die Kooperation des san-marinesischen Fernsehens mit Ralph Siegel fortzusetzen