Scheinen die guten Zeiten vorbei zu sein? Die neue Einfalt des Textdichtens

Der Gastgeber, die Ukraine, hatte heute seine erste Probe und tritt mit dem Titel „Time“ an. Die Sehnsucht die Zeit zu besingen ist also dieses Mal in der Ukraine gelandet. Es gibt kaum noch ein Jahr, in denen die Worte „Time“ und „Shine“ nicht Verwendung in einem Liedtitel finden. Ein nicht unbedingt vollständiger Blick auf die scheinbar übermässige Zeitverschwendung bei der Eurovision durch die Jahre hinweg, an denen auch Monika Linkytė und Vaidas Baumila (Foto) ihren Anteil haben.

Seit der Sprachenfreigabe im Jahr 1999 kommt es häufiger zu Doppelungen von Liedtiteln. Was früher nicht so auffiel, da man sich der nationalen Sprachen bedienen musste, wird nun zu einem Mischmasch durch die Jahre und Länder. Für den passionierten Grand Prix Fan, der gern mit der Kenntnis von Land, Interpret, Titel und Platzierung glänzt ist eine solche Masse an gleichen Liedzeilen eine Herausforderung.

Zwei Worte prägen die Teilnehmerlisten in den letzten Jahren. „Time“ und „Shine“ erleben in den 2000-Jahren eine ausgeprägte Nutzung bei den Autorenteams für die Eurovision. Während Burgerketten den letzten Winkel der Welt erobern, findet auch die Globalisierung Platz auf den Notenblättern der Textdichter.

Für einen passionierten Eurovisions-Fan, der gern mal bei einer Festlichkeit mit einer ausgiebigen Antwort über den 16. Platz beim Grand Prix Eurovision von 1986 glänzt, artet die aktuelle Schlichtheit beim Textdichten der letzten Jahre in Arbeit aus und endet oftmals in einer Blamage. Vergleichbar hierzu wären allein die Fussballergebnisse Italiens bei der Weltmeisterschaft 1982 und der Europameisterschaft 1984, wo es in sechs Spielen fünf Unentschieden in den Vorrunden gab.

Dabei gibt es so schöne Titel. Aus deutscher Sicht hörte man zum Beispiel „Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne“, die Niederländer schickten „De mallemolen“ und aus Finnland kam „Eläköön elämä“.

Schon 1956 gab es das erste Lied über die Zeit „Le temps perdu“. Mathé Altéry besang die verlorene Zeit. Das Wort blieb bestehen, nur das Endergbnis ging in den Katakomben des Veranstalters verloren.

Dänemark unternahm 1960 den nächsten Versuch. „Det var en yndig tid“ sang Katy Bødtger und landete mit der entzückenden Zeit nur auf Patz 10 mit vier Punkten.

Es dauerte bis 1971, wo die Niederländer 1971 „De tijd“ von Saskia & Serge ins Rennen schickten. Trotz Tonprobleme konnte man mit 85 Punkten auf Platz 6 landen. Den beiden Interpreten hat es nicht geschadet, auch wenn die Niederländer „De spinnewiel“ 1970 von ihnen lieber gehabt hätten.

Aber auch die Zeit kann Spinnweben ansetzen und so warteten wir bis 1982 wo Luxemburg einen weiteren Versuch mit Svetlana und „Cours après les temps“ unternahm. Man lief aber dem Sieg hinterher und kam auf Platz 6. Man könnte meinen, dass auch die Schweiz im gleichen Jahr die Zeit besang, aber der Titel klang nur so. „Amour, on t`aime“ war über die Liebe.

Zwei Jahre später gab es das erste „Shine“ im Contest, wenn auch noch sehr versteckt. „Welche Farbe hat der Sonnenschein“ besangen Rainy Day und wurden mit 30 Punkten 16..

Zurück zum Thema Zeit kehrte man im Jahr 1986 mit Österreich. Timna Brauer interpretierte „Die Zeit ist einsam“ und wurde sogar nur drittletzte mit 12 Punkten.

Ralph Siegel versuchte sich 1987 an einem der beiden Begriffe, aber er vermied das entscheidene Wort. Wind sang nur „Lass die Sonne in dein Herz“ und belegte überraschend Platz 2 mit 141 Punkten.

Vielleicht durch den Erfolg motiviert gaben auch die Belgier sich ein Jahr später dem Thema hin und ließen Reynaert sein „Laissez briller le soleil“ singen, aber glänzend war der 18. Platz mit 5 Punkten nicht.

Man ließ das Thema fallen und erst in den Neunzigern gruben fünf Länder die Zeit wieder aus. Die Briten griffen 1992 mit „One Step Out Of Time“ von Michael Ball das begehrte Wort wieder auf, aber blieben auf Platz 2 mit 139 Punkten hängen. Achter wurde 1993 William Mangion mit „This Time“ und 69 Punkten für Malta.

1997 geriet die Zeit ganz ins Straucheln. Deutschland ließ Ralph Siegel an das Thema ran und „Zeit“ von Bianca Shomburg gewann die nationale Vorentscheidung. Leider fehlte in Dublin ein durchschlagender Chor, so dass man am Ende auf Platz 18 landete. National versuchte der Komponist auch den Begriff „Shine“ zu nutzen, aber Leon konnte mit „Schein, meine kleine Taschenlampe“ nur Platz 2 holen nach seiner internationalen Nichtqualifikation im Jahr zuvor.

Den Niederländern erging es noch schlechter. Für „Niemand heeft nog tijd“ und Mrs. Einstein hatte keiner Punkte übrig und neben nicht perfekt sitzenden Klamotten blieben nur 5 Points auf Platz 22 übrig.

1999 fiel dann die Sprachbarriere und das nutzten die Dänen Michael Teschl & Trine Jepsen, um mit „This Time I Mean It“ Platz 8 mit 71 Punkten zu holen.

Sandrine François machte dann noch einen französischen Versuch mit „Il faut du temps“ in 2002. Ein guter 5. Platz sprang für „Es braucht Zeit“ mit 104 Punkten heraus. Im Gegensatz dazu konnte Virginie Pouchin mit „Il était temps“ 2006 kaum Punkte für Frankreich erringen: 5 Punkte auf Platz 22.

2009 kam dann die Wende und gleich zwei Länder griffen die beiden Begriffe, die in kommenden Jahren die Teilnehmerlisten beherrschen sollten, in ihren Liedzeilen auf. Großbritannien schickte Jade Ewen mit „It’s My Time“ ins Rennen und durch die erfahrene Hand von Andrew Lloyd Webber wurde man auf Platz 5 mit 173 Punkten gesetzt. Mit dem Wort „Shine“ lief es im gleichen Jahr wesentlich schlechter. De Toppers aus den Niederlanden holten nur 11 Punkte und wurden 17 im Halbfinale.

Schon ein Jahr später rehabilitierte Sofia Nizharadze den Begriff und sang sich mit „Shine“ für Georgien ins Finale und erreichte den bisher größten Erfolg des Landes mit Platz 9.

Nach einem Jahr Ruhe war es Israel, die sich zum Thema Zeit wieder ausließen. Izabo blieben aber mit „Time“ und 33 Punkten auf Platz 13 im Halbfinale hängen. Wer kann sich noch an den Titel erinnern?

Die beiden folgenden Jahre gehörten dann wieder dem Wort „Shine“. Zunächst eröffneten die Österreicher mit Natàlia Kelly und „Shine“ in Malmö den Contest und landeten abgeschlagen auf Platz 14 im Halbfinale mit 27 Punkten. Da machte es Russland mit den Tolmachevy Sisters ein Jahr später besser. Trotz vieler Buhrufe erreichten die beiden Platz 7 mit 63 Punkten gleich hinter der Ukraine.

2015 wurde dann jedoch zum reinen Zeit-Jahr. Gleich drei Länder nutzten den Begriff für ihren Versuch, die Eurovisionskrone zu erringen. Doch in Wien, wo die Zeit manchmal stehen geblieben zu sein scheint, durfte sich nur Litauen mit Monika Linkytė und Vaidas Baumila und „This Time“ über einen Finaleinzug freuen. Dort blieben dann Platz 18 mit 30 Punkten und ein Kuss, an den man sich gern erinnert.

Weißrussland mit Uzari und Maimuna und „Time“ verpassten mit 39 Punkten auf Platz 12 nur knapp das Finale, während Mélanie René mit beiden Begriffen zugleich in „Time To Shine“ letzte mit 4 Punkten im Halbfinale wurde.

Das war wohl den Songschreibern doch zu viel des Guten und 2016 verschonte man den gemeinen Zuhörer mit einem Lied aus dem Shine-Time-Genre.

Bisher gab es in der Geschichte nur ein Lied, das mit einem der Worte siegreich auf Platz 1 landen konnte. 1997 trug Katrina And The Waves „Love Shine a light“ vor und 227 Punkte prasselten auf die Briten nieder. Das war lange Zeit einer der punktereichsten Sieger in der Eurovision.

Nun also liegt es an den Ukrainern O.Torvald das Thema „Zeit“ eventuell zum Erfolg zu bringen. Wir werden also auf einen zukünftigen Sieg des Zeitthemas warten. Bis dahin wünschen wir eine Revolution bei der Suche nach Songtiteln, damit das Erlernen der Jahrestabellen wieder etwas einfacher wird. Wie schon Scott Fitzgerald sang: „Time is meant to heal the pain I thought was gone“